Adele

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Alle Namen und Charaktere in diesem Buch

sind erfunden, und jede Ähnlichkeit

mit lebenden oder verstorbenen Personen

ist rein zufällig.



Alle Rechte bei Johannes Wierz


Für R.





„Sie soll Adele heißen!“

„Adele?“

„Warum nicht?“

„Adele ist kein Name für so etwas. Bedenken Sie, was auf dem Spiel steht!“

„Adele ist gut. Mir ist das eingefallen, und dabei bleibt es!“

„Adele, allein der Name wird das Ganze zum Scheitern bringen. Adele, das klingt wie ein Waschmittel oder wie die Abkürzung eines Abhörprogramms der Amerikaner.“

„Amerikaner haben in unserem Spiel keinerlei Bedeutung, wie auch der Rest der Bevölkerung nicht.“

„Oh, ja ich weiß, der Allmächtige hat gesprochen. Der Unfehlbare hat immer Recht!“

„Ich treffe die Entscheidungen, das ist der Plan. Adele ist für diese Versuchsreihe genau der richtige Name!“

„Und er? Und er heißt am besten noch Erwin!“

„Ich hatte noch keinen Namen. Ich schwankte zwischen Edgar und Emil. Aber Erwin, das hat was. Das muss ich Ihnen lassen!“

„Adele und Erwin, was soll das? Der Chef wird uns in Stücke reißen.

„Der Chef hat das große Ganze im Blick, den scheren keine Namen.“

„Ich möchte nicht dabei sein, wenn er das Exposé zu unserer Versuchsreihe liest.“

„Angsthase, wobei ich mich jetzt schon beim Chef dafür entschuldige.“

„Immer korrekt der Herr. Aber Adele und Erwin werden dir das Genick brechen.“

„Das hat überhaupt keine Bedeutung. Haben Sie vergessen, wo wir sind?“

„Nein, nein, man kann sich den Arbeitsplatz nicht aussuchen.“

„Eben, und jetzt ran an die Arbeit. Es gibt genug vorzubereiten, bevor wir die Versuchsreihe starten können.“



Vom Glück, das Glück vergessen zu haben


Erwin mähte den Rasen, als das Telefon im Haus klingelte. Er hörte es nicht, denn der Motor machte einen höllischen Lärm. Mehrere Minuten läutete es im Haus, während draußen der Mann seine Runden drehte. Er hatte sich zur Angewohnheit gemacht, in den Rasen Objekte zu schneiden. Manchmal war es nur ein Buchstabe oder ein Wort, heute aber hatte er einen Hasen mit dem Mäher geformt. Er stellte die Maschine ab und im selben Moment legte Adele den Hörer wieder auf. Sie starrte auf den Bildschirm. Eine Suchmaschine im Internet hatte ihr die Nummer verraten. Vielleicht ist er längst weggezogen, dachte sie und zog nervös an einer Zigarette, die erste seit ein paar Wochen. Eigentlich wollte sie erst rauchen, wenn sie am anderen Ende der Leitung eine bekannte Stimme gehört hätte. Bei einer Kinderstimme hätte sie sofort aufgelegt. Bei einer Frauenstimme wäre sie ins Grübeln gekommen und hätte eine Zehntelsekunde später auf ihre Stimme gehört: Das wollen wir doch mal sehen.

Erwin trank ein Glas Wasser und betrachtete sein Werk. Die Ohren waren etwas lang geraten und der Po war ein wenig zu rund. Dafür lächelte der Hase und zeigte seine beiden Vorderzähne. Mit einer Polaroidkamera schoss er ein Foto von dem Tier und stellte  anschließend die Maschine wieder an.

Adele klopfte die Zigarette im Aschenbecher aus und wählte erneut die Nummer. Sie hasste es, wenn sie warten musste. Die Dinge mussten sofort passieren oder gar nicht. Hoffnung war etwas für Selbstmörder und Versager. Wartesäle hasste sie wie die Pest.

Adele trauerte nichts nach. Jedes Ende war ja auch ein neuer Anfang.

Samstagnachmittag saß sie in ihrem Büro und starrte auf den Bildschirm. Eine Katze streifte ihre Beine. Ansonsten war es ruhig im Haus. Der Junge war beim Fußballtraining und einen Mann gab es nicht. Neben dem Aschenbecher lag ein Cuttermesser. Einen Schnitt machen, nur so und nicht anders.

Der Rasen war gemäht und der lächelnde Hase Geschichte. Erwin ging ins Haus und befestige das Polaroidbild mit einem Magneten am Kühlschrank, eingerahmt zwischen Z wie Zorro und einer Ente. Der mannshohe Kühlschrank aus den sechziger Jahren war übersät mit Fotos. Alles in dem Haus war alt. Er hatte das Haus von seiner Mutter geerbt und war fast ohne Möbel ins elterliche Domizil gezogen. Nur das Bett hatte er durch ein Neues austauschen lassen. Für einen kurzen Moment überlegte er, ob er in die Wanne steigen oder lieber eine Runde mit dem Fahrrad drehen sollte. Erwin war fast Fünfzig und hatte, seit dem er vor sechs Jahren mit dem Rauchen aufgehört hatte, fast zwanzig Kilo zugenommen. Er musste was tun, sonst würde er irgendwann nicht mehr in die Wanne passen. Erwin schnappte sich das Rad seines Vaters aus der Garage und machte sich auf seine  Strecke.

„Verdammt“, fluchte Adele. Den Samstagnachmittag hatte sie sich anders vorgestellt, ein langer Sonntag lag noch vor ihr. Sicher, es gab im Haushalt genug zu tun. Aber Wäsche waschen und bügeln, das konnte es wohl nicht sein. Vielleicht bekam sie das Kind dazu, mit ihr einen Ausflug zu unternehmen. Manchmal zogen sich die Sonntage bis ins Unendliche. Adele zündete sich erneut eine Zigarette an und öffnete das Fenster. Der Junge hatte sie nie rauchen gesehen und dabei sollte es auch bleiben.

Reichte es doch, dass der Kindsvater keine Disziplin aufwies und selbst im Auto rauchte. Zum Glück hatte sie den Schnitt gezogen.

Erwin hatte die Route zum Fluss gewählt. Gegen den Strom fahren, etwas was zur Sucht werden könnte. Egal, er liebte es, wenn ihm der Wind ins Gesicht schlug und der Körperumfang um ein Gürtelloch schrumpfte.

Nach zehn Stromkilometern machte er eine Pause und setzte sich runter an den Fluss.

Er liebte das Geräusch, wenn die Wellen gegen die Steine platschten und das gleichbleibende Geräusch der Dieselmotoren. Langsam zogen die Schlepper an ihm vorbei, stromaufwärts, stromabwärts. Er konnte stundenlang hier sitzen.

Nur die Gedanken blieben aus. Er legte sich auf den Rücken und starrte in eine Herde an Schäfchenwolken. Er fühlte sich zufrieden. Glück kannte er nicht mehr. Er hatte es einfach vergessen.

Der Samstagnachmittag war gelaufen. Adele dachte darüber nach, das Telefon gänzlich abzuschaffen. Ein radikaler Gedanke und nicht umsetzbar, als Geschäftsfrau mit eigenem Laden. 


„Sie sehen zufrieden aus!“

„Kann man so sagen.“

„Der Alte hat deinen Antrag also genehmigt.“

„Die Versuchsreihe läuft bereits!“

„Was, ohne sie mit mir abzusprechen? Stellen Sie sich so Teamwork vor?“

„Es hat sich so ergeben.“

„So ergeben, so ergeben. Da hat doch wieder einer am Rädchen gedreht. Sie haben wohl wieder mit dem Junior geredet?“

„Der Junior befindet sich in einer Phase der inneren Einkehr und ist nicht zu sprechen.“

„Hat er also wieder nur genickt. Was für eine Existenz. Er weiß, dass er niemals Chef werden wird, für immer und ewig der Junior bleiben wird.“

„Das kommt auf die Sichtweise an. Ich kenne genügend Leute, die halten ihn für einen Spinner, für andere ist er gestorben und wieder andere halten ihn für eine Art Botschafter oder so.“

„Sie müssen mir keinen Vortrag halten. Ich weiß selbst wie verrückt die Welt ist. Deshalb bedarf es ja einer Ordnung. Aber den Junior zu fragen, dass ist unter Ihrer Würde. Ich glaube er kifft. Kennen Sie seine Bilder? Seine Geschichten? Vollkommen abgedreht.“

„Er war als Kind schon sein eigener Herr. Mir gefällt das. Ein freier Geist kann niemals schaden.“

„Da kenne ich aber ganz andere Beispiele.“

„Sie entschuldigen, ich muss zurück an die Arbeit.“


Adele hatte sich eine Stunde eine schöne Zeit gemacht, wie sie das nannte und lag jetzt entspannt auf dem Bett und starrte an die Decke, an der selbst gebastelte Laternen des Jungen hingen. Wieso brauche ich eigentlich einen Mann, fuhr es ihr durch den entspannten Kopf. Ich komme gut allein durchs Leben. Beim nächsten Mal mache ich mir erst eine schöne Zeit und überlege dann, wen ich anrufe. Sie deckte sich zu und legte sich auf die Seite. Von der Decke sah sie Szene eher verloren aus. Eine Frau rollte sich in eine Bettdecke auf einem riesigen Bett, in dem bequem vier ausgewachsene Menschen Platz hatten.

Erwin fror. Er war eingeschlafen. Eine frische Brise vom Fluss her hatte ihn geweckt. Ein paar Fahrradfahrer fuhren an ihm vorbei, beachteten ihn aber nicht.

Erwin brauchte einen Moment, um zu wissen, wo er war. Er glaubte geträumt zu haben.

Er hatte Stimmen gehört. Zwei Männer hatten sich unterhalten. Er versuchte sich an mehr zu erinnern. Aber mit einer neuen aufkommenden Brise verschwanden die letzten Erinnerungen. Was soll‘s, dachte Erwin und rappelte sich auf. Ein paar Dehnübungen machten den steifen Körper wieder locker. Bevor er auf das Rad stieg, schaute er auf den Fluss. Ein Lächeln zog über sein Gesicht, leicht und flüchtig.   

Vier Anrufe in Abwesenheit, wahrscheinlich wieder dieser italienische Weinhändler, der vorgab aus Italien anzurufen, dabei zeigte die Vorwahl einen Ort an, der kaum fünfzig Kilometer entfernt lag. Mehr als ein Atmen und ein kurzes Knacken waren nicht auf dem Anrufbeantworter.

Vielleicht sollte ich das Telefon abmelden, dachte Erwin. Außer die beiden obligatorischen  Anrufe im Jahr von seiner Schwester, an seinem Geburtstag und zu Weihnachten bekam er keine privaten Anrufe und selbst darauf konnte er verzichten. Ansonsten wurde er nur von Vertretern und Meinungsforschungsinstituten belästigt.

Erwin schaltete das Weltradio an. Er hatte einen neuen Sender aus Neuguinea entdeckt, der Tanzmusik aus den fünfziger Jahren spielte.

„Schuhe aus“, rief Adele aus dem Bett heraus und suchte unter den vielen Kissen und Decken nach der Fernbedienung des Fernsehers. Der Junge war vom Training nach Hause gekommen und machte unten in der Küche Lärm. Emil, zehn Jahre alt und dem Fußball verschrieben.

Von mir hat er das nicht, dachte Adele und überlegte für einen Moment, welche eigenen Fähigkeiten sie bisher an dem Jungen entdeckt hatte: Ausdauer, Ungeduld, Geschicklichkeit, Tölpelhaftigkeit, Glücksgefühl und Traurigkeit.

Sie zerknüllte den gedanklichen Zettel und warf ihn ins Nirgendwo.


„Was ist das denn? Durchschnitt, wenn überhaupt. Langweiler auch noch, was soll da passieren? Ich kann den Chef nicht verstehen.“

„Das ist auch nicht Ihre Aufgabe. Die Versuchsreihe ist genehmigt und damit basta.“

„Ich habe eben die Personaldaten bekommen. Sie ist einundfünfzig und er neunundvierzig. Was um alles in der Welt soll das bringen? Kinder werden die wohl nicht mehr zeugen.“

„Alles hat seinen Sinn. Schon vergessen? Der Junior war von der Sache hellauf begeistert.“

„Der Junior, der Junior. Entweder er meditiert, kifft oder hält Vorträge, die nicht enden wollen. Seine Gleichnisse sind mehr als kryptisch.“

„Sachlich falsch, aber ich möchte das nicht weiter kommentieren. Wir sind erst am Anfang und es gibt noch viel zu tun. So eine Versuchsreihe bedarf äußerster Präzision. Wie ein Uhrwerk muss das laufen.“

„Hier und ein Uhrwerk, dass ich nicht lache. In die Hose wird das gehen.“

„In die Hose, so, so.“

„Manchmal hasse ich deine Genauigkeit.“


Adele zappte sich durch das abendliche Programm. Da war nichts, was sie interessierte. Probleme über Probleme, selbst die Komödien waren schlecht gemacht.

Endlich kam Emil nach oben.

„Tasche packen und Zähneputzen“, rief Adele aus dem Bett heraus. Die Beine zuckten und sie fühlte sich wie erschlagen. Eigentlich müsste sie aufstehen und zu dem Jungen gehen, aber es fehlte ihr an Kraft.

Die angelehnte Tür öffnete sich und Emil stürmte lachend das Bett.

Nach der Trennung von ihrem Mann schlief das Kind gerne bei ihr. Sie hatte es zugelassen, vielleicht aus schlechtem Gewissen. Aber sie wollte darüber nicht nachdenken.

So wurde gekuschelt, Kinderrücken gekrault und Nasen gerieben.

Erwin überflog die Tageszeitung und dachte auch hier über ein abmelden nach. Zu kurze Momente, um wirklich eine Entscheidung zu treffen. Ein Kalenderblatt, Werbung und die Zeitung verschwanden in der Papiertonne. Er schaute in einen klaren Nachthimmel. Daran konnte er sich nicht sattsehen.

Hanskuckindieluft hatte die Lehrerin ein paar Tage nach der Einschulung zu ihm gesagt. Er hatte es damals schon als Ehrung empfunden. Zurück im Haus öffnete er die Terrassentür und machte es sich mit einem Glas kühlem Weißwein gemütlich. Er liebte es so allein im Dunkeln zu sitzen und auf einen Sternenhimmel zu blicken. Bei jedem einzelnen Stern kamen ihm Gedanken, Menschen tauchten auf, denen er mal begegnet und die sich in ihm festgesetzt hatten.

Jeder Stern stand für eine Geschichte aus seinem Leben. Ein schönes Gefühl, das eigene Bilderalbum am Himmel zu haben.

Erwin musste eingeschlafen sein. Als eine kühle Brise das Gesicht streifte, blinzelte er mit den Augen, die versuchten, sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Die Kerze auf dem Tisch war erloschen und der prächtige Sternenhimmel hinter einer anthrazitfarbenen Wolkenwand verschwunden. Für einen kurzen Moment schien Erwin woanders gewesen zu sein. Ein Gesicht mit Sommersprossen, daran konnte er sich erinnern. Und an die Stimme, sie hatte ihn berührt. Ein Anflug von Zärtlichkeit durchzog seinen Körper und drang in sein Innerstes ein. Für einen Moment spürte er das Verlangen nach einer Zigarette, gleichzeitig eine Einsamkeit, die er so nicht kannte. Zum Glück alles Bruchteile von Momenten. Ein kurzer Muskelschmerz mehr nicht. Nicht ernst zu nehmen.

Erwin lehnte sich zurück und schloss die Augen. Er war auf der Suche nach dem Gesicht mit den Sommersprossen.

Adele saß in ihrem Garten auf einer der Bänke und rauchte eine Zigarette. Aus unerklärlichen Gründen hatte sie nicht schlafen können. Über so etwas dachte sie nicht nach, brachte ja auch nichts, machte die Sache höchstens noch schlimmer.

Seit Emil da war, wurde nur noch draußen geraucht. Während ihr Ex-Mann Kette geraucht hatte, war sie bis zur Trennung abstinent geblieben. Heute hielt bei ihr eine Packung mehrere Monate. Dinge wie Sucht kannte sie nicht an sich, vielleicht auch keine Leidenschaft, dafür hatte sie sich im Griff. Sie hatte die Dinge gern unter Kontrolle.

Bis auf das, was sie nicht steuern konnte und seit Jahren verfluchte. Der Gedanke daran: schon fingen die Beine an, zu zittern. Hielten die Beine still, waren es Nadeln, die unkontrolliert millionenfach in den Kopf schossen. Es war Zeit diese verdammten Tabletten zu nehmen. 


„Wusste ich es doch, wusste ich es doch. Die Namen kamen mir gleich bekannt vor. Adele und Erwin, die Namen sind so aus der Luft gegriffen.“

„Das ist ja in unserer Lage nichts Außergewöhnliches.“

„Hören Sie auf mit Ihren Spitzfindigkeiten.  Es gab vor Jahren schon eine Versuchsreihe und diese wollten Sie unter den Tisch kehren. Ich habe mit dem Junior gesprochen, der wusste von nichts.“

„Kein Wunder, er beschäftigt sich mit dem Großen und Ganzen.“

„Unsinn. Das sind die Drogen und das ständige Meditieren. Das hat sein Gehirn weich werden lassen.“

„Ich glaube kaum, dass er das braucht. Denken Sie an die Transzendenz.“

„Wenn ich mit dem Chef geredet habe, ist Schluss mit dem ganzen Unsinn. Sagen Sie mir nur, wo Sie die Akte versteckt haben.“

„Ich habe alles im Kopf. Wenn Sie Fragen haben, fragen Sie ruhig. Es gibt da keine Geheimnisse.“

„Fragen, Fragen und ob ich Fragen habe. Ich werde Sie vor ein Tribunal bringen. Sollen die hohen Herren Sie ins Kreuzverhör nehmen.“

„Kreuzverhör beim Jüngsten Gericht?“

„Lassen Sie Ihre Spitzfindigkeiten. Ich werde die Akte schon finden verlassen Sie sich darauf.“


Erwin starrte an die Decke. Der Hahn auf dem gegenüberliegenden Versuchsgelände hatte bereits mehrmals seinem Harem bewiesen, wer der Herr im Gehege ist. Die Hennen hatten weiter das ausgestreute Futter gepickt und nicht aufgeschaut. Seit langem nahmen sie diesen Schreihals nicht ernst. Gut, er sah nicht schlecht aus, hatte ein prächtiges goldenes Federkleid und einen kräftigen Schritt. Während er nicht aufhörte zu krähen und sich aufzublähen, schüttelten die Hennen längst die Köpfchen. Der Maschendrahtzaun, der beide Geschlechter trennte, war ihnen sofort aufgefallen.

Erwin hatte große Lust auf eine Zigarette, aber er hatte seit Jahren damit aufgehört.

„Ein Laster“, hatte ihm der Arzt gesagt, „und keine Sucht.“

Er hatte das angenommen und den Entzug ausprobiert. Sechs Jahre hatte er keine Zigarette geraucht, dafür aber fast zwanzig Kilo zugenommen.

Erwin starrte an die weiße Schlafzimmerdecke und versuchte sich zu erinnern. Für einen Moment war er sich unsicher, ob er das alles nur geträumt hatte. Da war diese weibliche Stimme im Ohr, die zärtlichen Hände und Küsse. Selbst ein unbekanntes Parfüm lag noch über dem Bett. Das Bett war warm, selbst unter dem Oberbett neben ihm.

Die Frau, die eben noch über ihm gelegen hatte, war also real. Wann hatte er sie kennengelernt? Er konnte sich nicht erinnern, gestern noch vor der Tür gewesen zu sein. Zudem war es nicht seine Art, Fremde mit nach Hause zu nehmen. Gierig sog er die Melange aus Parfüm und weiblicher Haut auf und umarmte sich mit geschlossenen Augen selbst. Ein wunderbares Gefühl. Für einen Moment hörte ein Wasserrauschen aus dem Badezimmer. Erwin hielt die Augen geschlossen, aber das Sommersprossengesicht kam nicht zurück. Es war wie verhext. Er befreite sich aus der eigenen Umklammerung, schlug die Bettdecke weg und stieg aus dem Bett. In dem Moment, als seine Füße den kalten Boden berührten, verschwanden die Erinnerungen. Als er das dunkle Bad betrat, wusste er nicht einmal, warum er jetzt hier war. Die Uhr zeigte 5.29 an, viel zu früh, um einen neuen Tag zu beginnen.

Adele starrte an die Decke. Luftfeuchtigkeit, Temperatur und Uhrzeit wurden in roten Lettern an die Wand geworfen. Verloren kam sie sich vor in diesem riesigen Bett. Es war an der Zeit, dass das Kind zurückkam. Der Kater hüpfte aufs Bett und schenkte ihr Gesellschaft. Sie streichelte das Fell und genoss das Schnurren an ihrem Ohr. Für einen Moment bewegte sich die Matratze, jetzt war auch die Katze im Bett.

Adele liebte die Zeit, wenn die Nacht den Stab an den Tag überreichte. Diese Zwischenzeit liebte sie besonders. So stand sie auf, schlüpfte in ihre Klamotten und schnupperte auf der Treppe nach unten den frischen Kaffee. Diese Maschine mit eingebauter Zeitschaltuhr hielt sie für die beste Erfindung des Jahrhunderts. Adele füllte den heißen Kaffee in eine Thermotasse und verließ das Haus. Punkt 5.35 Uhr bestieg sie das Rad und fuhr ihre täglichen Runden, spätestens um 6.30 Uhr wollte sie im Schwimmbad sein.

„Viel Bewegung“, hatte der Arzt gesagt. Ihr war sein Blick, der hoffnungslos war, nicht entgangen. Arschloch, hatte sie gedacht und am gleichen Tag drei verschiedene Hometrainer bestellt.

Die ersten Pendler verließen nachgebaute Bauernhäuser mit Rieddächern und machten sich auf den Weg Richtung Hamburg. Adele bog den ersten Feldweg ein. Ab jetzt würde sie keiner Menschenseele mehr begegnen, dessen war sie sich sicher. Sie setzte die Kopfhörer auf und verwandelte das Smartphone in eine Musikbox. Wenn ihr langweilig war, saß sie oft vor dem Rechner und bestellte wahllos Musiktitel im Internet. In dieser Stunde dachte Adele an nichts, sie nahm nur auf. Sie genoss die Umgebung, die mit dem Tag erwachte und ließ laute Musik an ihr Ohr.

Erwin lag auf dem Bett und starrte an die Decke. Wie ein Ertrinkender versuchte er sich an den Erinnerungen festzuhalten. Unaufhaltsam entglitt ihm der Traum. Die Struktur der Tapete verschwamm. Die Augen ertranken im Wasser.

Adele trank den Kaffee aus der Thermotasse und genoss das Alleinsein. Auf den Weiden hoben ein paar Kühe neugierig die Köpfe und schnauften zur Begrüßung. Von weitem wirkten sie wie alte Lokomotiven, die Dampf abließen. Sie liebte diesen für sie zeitlosen Moment. Keine Vergangenheit, keine Wünsche auf die Zukunft, nur ein Hier und Jetzt.

Adele öffnete den Korb auf dem Gepäckträger und nahm eine Handvoll Möhren heraus. Als sie sich dem Zaun näherte, trabten die ersten Pferde auf sie zu.

Erwin lag auf dem Bauch und inhalierte das Kissen. Der parfümierte Geruch aus dem Traum war verschwunden, geblieben war der Schweiß der Nacht.


„Was sagen Sie jetzt? Da staunen Sie, was?“

„Ist das alles?“

„Es ist nicht viel, aber ein Anfang.“

„Dann zeigen Sie mal her.“

„Ich dachte, Sie haben alles im Kopf.“

„Jetzt seien Sie doch nicht so kindisch.“

„Na, was glauben Sie, was das ist?“

„Papierschnitzel. Ich wusste gar nicht, dass wir hier einen Papierschredder haben.“

„Unsinn! Das waren zwei Flugtickets. Wollen Sie gar nicht wissen wohin?“

„Nach Venedig. Ich erinnere mich an die leidige Sache. Seinerzeit kam da einiges zusammen.“

„Sie haben es verbockt, stimmt‘s? Und jetzt wollen Sie die Sache wieder gerade rücken.“

„Damals waren zu viele an dem Projekt beteiligt. Die Kommunikation war ungenügend. Es kam, wie es kommen musste.“

„Aber Sie hatten doch die Leitung.“

„Manchmal unterschätzt man die Kleinigkeiten. Sicher, es war mein Fehler.“

„Das Wort Fehler aus Ihrem Mund, das werde ich mir im Kalender rot anstreichen.“

„In was?“

„Ich weiß selbst, dass es hier keine Kalender gibt. Aber wussten Sie, dass er Gedichte geschrieben hat.“

„Sie sind von mir.“


Erwin saß vor einem riesigen Bildschirm und zog Textblöcke hin und her. Der Anfang war immer das Schlimmste. Stundenlang starrte er auf einen weißen Bildschirm bis ihm etwas einfiel. Meist begann er mit der Auswahl der Farben, für die er anschließend die passenden Schriften suchte. 

Ein gemeinnütziger Verein war der Auftraggeber für eine neue Homepage.

Mit einem Klick wechselte Erwin das Programm und befand sich mitten in einem Roman, der nicht enden wollte. Seit mehr als zehn Jahren saß er an diesem Mammutprojekt, das am Ende über tausend Seiten haben sollte. Er befand sich auf der Seite 636 als das Telefon summte.

„Hallo? Hallo!“

Auf der anderen Seite war eine Türglocke zu hören, dann ein Knacken. Der Anrufer hatte wieder aufgelegt.

Ein Kunde hatte den Laden betreten und Adele ihr Verkäufergesicht aufgesetzt. Sie hasste  Kundengespräche. Die meisten kauften ohnehin nichts, sondern wollten nur reden, um den Tag irgendwie herum zu kriegen. Stundenlanges Geschwätz für nichts und wieder nichts. Überhaupt war das heute nicht ihr Tag. Sie hatte sich im Schwimmbad im Spiegel betrachtet und am liebsten ausgespuckt. Warum gelang es ihr nicht abzunehmen? Wo sie doch sonst einen gesunden Lebenswandel pflegte. Sie trank keinen Alkohol, aß wenig Fleisch, rauchte ab und an mal eine Zigarette. Aber sonst: Es waren die Süßigkeiten, sie wusste es. Seit Emil auf der Welt war, hatte das Laster einen Empfänger gefunden. Selbst die Depots ihres Prinzen, wie sie den Jungen zärtlich nannte, waren vor ihr nicht sicher.

Ich bin ein Trüffelschwein, dachte sie von sich. Nach außen hin, ließ sie sich nichts anmerken. Vor allem bei den Frühschwimmern nicht, den Idioten. Eine dumme Bemerkung und sie teilte aus. Das war schon in der Schule so. Sie ließ sich nichts gefallen.

Nach ihrem Vater hätte sie ohnehin ein Junge werden sollen.

Die Türglocke ging. Der Kunde hatte den Laden verlassen.

Sie schaute auf die Uhr und fragte sich, ob sie noch einmal anrufen sollte.

Irgendetwas hatte sich in ihr festgesetzt. Meistens bekam sie das, was sie wollte. Sie schaute auf die Uhr. In zehn Minuten konnte sie den Laden über Mittag zusperren. Dann kam der Junge aus der Schule. Ein Viertklässler, der sich seit Wochen auf das Gymnasium freute. Adele hatte ihm einen Rucksack anstatt des orangefarbenen Ranzen versprochen.

Zehn Jahre waren schnell herum gegangen. Zehn Jahre, die alles davor vollkommen auf den Kopf gestellt hatten. Sie hatte sich Zeit gelassen mit dem Kinderkriegen. Dreimal hatte sie abgetrieben. Einmal während ihrer Ausbildung und zweimal als sie ein paar Jahre im Ausland gearbeitet hatte. Keiner der vermeintlichen Väter wäre es wert gewesen, ihr Erbgut groß zu ziehen. Sicher, sie hatte sich die Männer ausgesucht, um ein bisschen Spaß zu haben. Sie hatte dabei auf ihr äußeres Erscheinungsbild geachtet und dass sie stets die Oberhand behielt. Kontrolle war ihr überaus wichtig. Nur einmal hatte sie ein Junge gelinkt, dass war in früher Jugend gewesen. Es hatte weh getan, besonders dass sie auf so einen Schaumschläger hereingefallen war. Die eigene Dummheit war der eigentliche Schmerz. So etwas passierte ihr kein zweites Mal. Am liebsten waren ihr ausländische Studenten und verheiratete Männer. Bei beiden wusste sie, dass alles nur von einer begrenzten Dauer sein würde. Die einen würden zurück in ihre Heimat, die anderen niemals ihre Ehefrauen verlassen. Sie spielte gern die Rolle der Geliebten. Sie fand, dass das der bessere Part in einem Dreiecksverhältnis war. Kleine Reisen, schöne Hotels und Restaurants, ein immer höflicher Mann, der geradezu mit seinen Augen bettelte, mit ihr in die Kiste zu steigen.

Adele schloss den Laden ab und wunderte sich über ihre Gedanken.

Die Vergangenheit war eigentlich nicht ihre Sache. Weg ist weg und vorbei ist vorbei. Durch eine Zwischentür betrat sie das Wohnhaus. Eine Katze streifte ihre Beine. Gemeinsam ging es in die Küche.

Erwin spazierte durch den Botanischen Garten, wenn er die Augen schloss, hatte er das Gefühl jemand würde neben ihm gehen. Er spürte regelrecht die Wärme seiner unsichtbaren Begleitung. Ein Mann und eine Frau, weit über achtzig Jahre, kamen ihm Händchen haltend entgegen. Sie machten einen zufriedenen glücklichen Eindruck. Er dachte für einen Moment an seine letzte Beziehung.

„Wir sehen uns“, waren ihre letzten gemeinsamen Worte gewesen. Schnell hatte man sich aus den Augen verloren. Im Grunde waren sie beide für den jeweils anderen, wie vom Erdboden verschluckt.

Frauen mit Kinderwagen drehten ihre Kreise. Wie ein Außerirdischer kam er sich vor, am wirklichen Leben nicht beteiligt.

Erwin setzte sich auf eine Bank und legte den rechten Arm gestreckt auf die Rückenlehne, so als wollte er jemanden umarmen.

Gegenüber plätscherte ein Brunnen: Genauso verlief sein Leben.


„Das ist ja nicht zum Aushalten. Ein Trauerspiel das Ganze. Bieten sie dieser Schmiere Einhalt.“

„Die Geschichte beginnt doch erst. Geben Sie den beiden eine Chance.“

„Eine Chance, eine Chance. Sie wissen doch selbst wie viel diese beiden an Möglichkeiten vertan haben.“

„Sie haben die Akte gefunden?“

„Sagen wir so, ich setze die Fundstücke wie ein Puzzle zusammen. Sie hat ihm in der ersten Versuchsreihe eine Uhr geschenkt.“

„Ich weiß, es war im Turmzimmer am ersten Tag eines neuen Jahres.“

„Ich habe mir dennoch beim Chef einen Termin geben lassen.“

„Einen Termin ohne Kalender?“

„Ach, hören Sie doch auf. Sie wissen genau, wie das hier läuft. Irgendwann kann er mir nicht aus dem Weg gehen und dann rede ich Tacheles. Was für eine Verschwendung an Energie und Ressourcen.“

„Ich finde, jeder hat eine zweite Chance verdient.“

„Soll das eine Anspielung sein?“

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