Bestattung

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    Die Nachricht vom Freitod seines Onkels reißt den Erzähler aus seiner Stagnation.

  Die intensiven Gespräche mit dem vermeintlich besten Freund seines Onkels, dem Bestatter Hutter, und das Durchforsten der zahlreichen Dossiers des Verstorbenen offenbaren ihm zunehmend dessen Lebensgeschichte und werden gleichzeitig zu einer Reise in die eigene traumatische Vergangenheit: je tiefer er eindringt desto näher kommt der Erzähler sich selbst.


Wer einmal aus dem Rhythmus gekommen ist, hat sich für immer verloren, hat es für immer aufgegeben, aufgeben müssen, das ordentliche Leben, so der Onkel, sagt Hutter.

Alle Namen und Charaktere in diesem Buch

sind erfunden, und jede Ähnlichkeit

mit lebenden oder verstorbenen Personen

ist rein zufällig.

Alle Rechte bei Johannes Wierz










Die Straße hinunter, immer dasselbe Bild, die Straße hinunter, vorbei an der Armensiedlung, links der Hof mit den Zwillingen und der bildhübschen Cousine aus der Stadt, die hier ihre Ferien verbringt, die Straße hinunter, es ist heiß, der Teer mit dem die Straße im Frühling notdürftig geflickt worden ist, hat sich aufgelöst und bleibt an den Schuhen kleben, rechts der Fischweiher, der dem Einarmigen gehört, er sitzt vor seiner Hütte und grüßt mit erhobener Flasche, der Hund bellt, die Straße hinunter, immer dasselbe Bild, die Straße hinunter, am Wegkreuz vorbei, das an das elfjährige Mädchen und an dessen Unfall vor drei Jahren erinnert, Gott nahm sie viel zu früh von uns, steht da, nicht Gott, sondern ein Betrunkener mit seinem Auto ist es gewesen, links der verfallene Hof der Steiners, die aufgeben mussten, nur die beiden Emailleschilder, das von der Brandschutzversicherung und das der Bank, lassen vermuten, dass das Haus neue Besitzer hat, gleich die scharfe Rechtskurve und dann das Haus, ich brauche nur die Straße hinunter, das Bild verschwimmt.


Ich werde wach.

Der Zug hat auf offener Strecke gehalten.

Es muss sich jemand auf die Gleise gestellt haben. Von weitem ein Signalhorn, das sich langsam nähert. Die Strecke ist auf einmal hell erleuchtet. Ein paar Fahrgäste sind ausgestiegen und gehen in Richtung Lok.

Auf manchen Strecken haben die Züge immer eine Verspätung, konstatiert mein Gegenüber. Schlimm nur für die Lokführer. An die Lokführer denkt so ein Selbstmörder nicht. Alle Selbstmörder sind asozial. So ein Lokführer kann doch frühestens im nächst größeren Bahnhof ausgewechselt werden.

Ein gleichmäßiges Röcheln, dann ist mein Gegenüber wieder eingeschlafen.


Als die Nachricht vom Tod meines Onkels mich erreichte, dachte ich sofort an Selbstmord, obwohl mein Onkel, soweit ich ihn gekannt hatte, überhaupt nicht dem Typ eines Selbstmörders entsprach. Dennoch, eine andere Todesart konnte ich mir nicht vorstellen, ganz konkrete Bilder hatte ich. Ich sah meinen Onkel zwischen dem Gebälk hängen, leicht pendelnd, mit dem dazugehörigen knarrenden Geräusch des angespannten Seils.

Mein Onkel ist aus dem Fenster gesprungen, aus dem Mansardenfenster, so sein einziger Freund, ein gewisser Hutter, der mir einen langen Brief, nachdem die Familie und ganz besonders mein Vater, obwohl der eigene Bruder, sich geweigert hatten, ihm, meinem Onkel, die letzte Ehre zu erweisen, geschrieben hatte.

Der Name Hutter war mir kein Begriff. Auch Vater hörte diesen Namen zum ersten Mal.

Hutter schrieb mir, dass ich mich um nichts zu kümmern bräuchte, und er alles in die Wege leiten würde. Selbst eine Fahrkarte 1.Klasse und ein Scheck waren dem Brief beigelegt. Es schien, dass er über mich Bescheid wusste.

So saß ich im stehenden Zug und versuchte, meine Gedanken auf etwas anderes zu lenken.

Weit nach Mitternacht, nachdem sich der Zug wieder in Bewegung gesetzt hatte, schlief ich ein.


Der kleine See, schwarz und kalt, es ist August und an der Tafel steht mit Kreide die Wassertemperatur, achtzehn Grad, ich bin in dem Alter, wo die Haut noch kein Sonnenöl benötigt, der Rücken dunkelbraun, die Haare weißblond, auf Zehenspitzen gehen wir über den heißen Asphalt, manchmal versinken die Füße im weichen Teer, es ist eine lange Straße mit einer leichten Rechtskrümmung, als wir die parkenden Autos nicht mehr sehen, zünden wir uns Zigaretten an, nach fünf Minuten haben wir das Gasthaus erreicht, die Badesachen sind trocken, ein paar schnelle, flüchtige Küsse ehe die Bedienung kommt, Bier und Zigaretten ja, aber keine Küsse, die Jungen müssen sich ein T-Shirt überstreifen, auch das ist Vorschrift, die Mädchen dürfen in ihren Badeanzügen Platz nehmen, wir bestellen Bier, unter dem Tisch halte ich Gerdis Hand, ich mag Gerdi, zumindest heute, jetzt, sie weiß, dass ich Marietta sehr lieb habe, sie wusste es schon vor mir, als sie mir den Zungenkuss beibrachte, sagte sie es mir, hinterher, Gerdi nimmt alles nicht so eng, wie sie sagt, sie will leben, sie will genießen, Gerdi ist zwei Jahre älter als ich, draußen auf der Terrasse riecht es nach Sonnenöl und Würstchen, auf  dem Tisch, ein Körbchen mit gesäuertem Brot, auf dessen harten Kanten wir herumkauen, das weiche Innere beträufeln wir mit Maggie, nur einer von uns bestellt Wiener Würstchen, obwohl es keine Wiener Würstchen sind, Ansgar hat neben den Toiletten die großen Blechdosen entdeckt, die Würstchen kommen aus Oldenburg und sind vom Schwein, für den Heimweg kaufen wir uns Pfefferminzbonbons, auf dem Rückweg lassen wir uns Zeit, die Zigaretten müssen aufgeraucht werden, einmal hat Ansgar eine fast volle Packung hinter dem Parkplatz begraben, dann hat es drei Tage lang ununterbrochen geregnet, seitdem habe ich immer eine eigene Packung dabei, am Abende haben wir die Sonne im Rücken, bis zum Parkplatz sind auch die Haare trocken, die bei mir nach allen Seiten abstehen, Australischer Grasbaum, sagt der Postbusfahrer, wir lachen, keiner von uns hat je einen Australischen Grasbaum gesehen.


Jemand rüttelt mich zum wiederholten Mal. Ich weigere mich aufzuwachen.

Eine Taschenlampe wird mir ins Gesicht gehalten.

Pass - und Zollkontrolle!

Deutscher Boden ist erreicht. Schneidige Burschen mit Walrossschnauzern mit ebenso schneidigen Fragen und Befehlen.

Es kann sich nicht um einen Traum handeln. Ich bin in Deutschland.

Einer der Beamten, der ohne Mütze und Pistole, sächselt.

Ich bin in Deutschland. Meine Koffer muss ich öffnen.

Naturgemäß deshalb nur, wie mein Gegenüber konstatiert, da ich bei der ersten Aufforderung den Pass zu zeigen, nicht reagiert habe.

Mein Gegenüber scheint es zu amüsieren, dass ausgerechnet meine Koffer auf das genauste durchsucht werden.

Das hätte es früher nicht gegeben, eine Kofferdurchsuchung in der 1.Klasse, so mein Gegenüber. Er bietet mir einen Obstler an, den ich dankend entgegennehme.

Nichts für ungut.

Die Grenzer verabschieden sich schneidig.

Mit der Hoffnung auf Schlaf nehme ich einen weiteren Obstler von meinem Gegenüber an.


Das Dach des alten Postbusses ist aufgerollt, allein dafür lohnt sich das Mitfahren, Gerdi sitzt einen Platz vor mir, sie weiß, Marietta wird an der Haltestelle auf mich warten, neben mir Klaus, der seinen Kopf in den Fahrtwind hält, hinter uns Gabi und Ansgar, er ist der älteste in der Gruppe, dennoch tut er alles für uns, wenn wir wollen, bläst er sogar das große Schlauchboot auf, mit dem Mund, alle drei Kammern, fast immer bezahlt er die Zigaretten und die Halben, wir haben kein schlechtes Gewissen, warum auch, seine Eltern haben Geld wie Heu, dafür ist er etwas zurückgeblieben, alles kann man in einem Leben nicht haben, sagt mein Vater, dreimal die Woche muss Ansgar den neuen silbergrauen Mercedes waschen, dafür war er aber schon in Paris und Madrid, nur vor Blindschleichen hat er Angst, seine Mutter hatte schon zwei Liebhaber, alle im Ort wissen davon, nur Ansgar und sein Vater nicht, Ansgar liebt seine Mutter über alles, eine Freundin hatte er noch nie, ich werde nie heiraten und wenn, dann Marietta, die an der Haltestelle auf mich warten wird, im einzigen Tunnel der Strecke küsst mich Gerdi, die sich unbemerkt über den Sitz gebeugt hat, direkt auf den Mund, es geht den Berg hinauf, Serpentinen fahren ist fast so schön wie Achterbahn, sagt Gerdi, dabei ist sie in ihrem Leben überhaupt noch nicht Achterbahn gefahren, auf halber Strecke, an der Jausenstation hält der Bus, wir steigen aus und helfen dem Fahrer das Faltdach anzubringen, hier oben auf der Jausenstation ist es schon merklich kühler, bis zur Weiterfahrt haben wir noch etwas Zeit, der Fahrer erzählt von früher, vom Großglockner, von Heiligenblut, auf der Herrentoilette zieht Gerdi ihr Bikinioberteil aus, weil es zwickt, wie sie sagt, sie hat große stehende Brüste, ich werde rot, als sie mich küsst, ihr Busen glüht, als ob sich die Sonne des Tages darin gespeichert hätte, der Busfahrer hupt, wir müssen weiter, Gerdi drückt sich beim Einsteigen von hinten fest an mich, ein schönes Gefühl, alles ist schön, es ist der erste Sommer, an dem ich nichts auszusetzen habe, auch mit mir bin ich zufrieden, nicht mehr so schmächtig wie ein Jahr zuvor, auch halten sich die Pickel in Grenzen, zum Glück bin ich verschont geblieben, mit meiner Schlagfertigkeit erreiche ich alles, ich habe ein Gespür dafür, wie weit ich gehen kann, der Instinkt des Schwachen, des Schwächlings, so immer der Vater, den ich ignoriere, um ich scharren sich plötzlich die Menschen, ich kann Geschichten erzählen, ich, und nicht mein Vater, so geht es weiter den Berg hinauf, der Fahrer muss in den ersten Gang zurückschalten, ich schaue aus dem Fenster und freue mich auf die Haltestelle, auf den Empfang, auf die Küsse und auf das Hupen des Postbusses, wenn ich Marietta in den Arm nehme, der Busfahrer mag mich, er nennt mich einen Glückspilz, ich der kleine Schmächtige bin mit dem hübschesten Mädchen, dass man sich vorstellen kann, zusammen, Marietta ist hübscher als Gerdi, denke ich und schließe die Augen, noch ein paar wenige Kurven und ich kann aussteigen, Gerdi und die anderen fahren zum Glück eine Station weiter, nur Ansgar könnte mit mir aussteigen, aber der möchte den anderen noch beim Moserwirt einen ausgeben, vielleicht kommen wir ja nach, denke ich, wir schmusen, ich streichle ihr über den kleinen festen Busen, sie kratzt dafür meinen Rücken auf, es ist der Sommer der Neugierde, alles will sie wissen, erforschen, Zuhause liegen verwaist meine Englisch - und Lateinbücher, Latein und Englisch muss ich schaffen, dabei sind zwei Fremdsprachen einfach zuviel für mich, ich werfe alles durcheinander, Ende August ist Nachprüfung, ich will nicht daran denken, das Leben liegt auf der Straße, sagt auch Marietta, sicherlich wartet sie schon an der Haltestelle, Marietta mag keine blassen Jungen, vor allem die mit Brille und kurzem Haar sind ihr zuwider, der Bus quält sich den Berg hinauf und stößt immer größer werdende schwarze Rußwolken aus, wenn die Passstraße erreicht ist, sind es nur mehr drei Stationen.


Ein Rucken geht durch den Zug.

Ich werde erneut wach. Durch das Fenster sehe ich gelbe Elektroautos an mir vorbeifahren.

München, sagt mein Gegenüber, Sackbahnhof.

Er bittet mich, mit ihm den Platz zu tauschen.

Ich ziehe das Fenster hinunter. Draußen herrscht rege Betriebsamkeit. Die verlorene Zeit muss aufgeholt werden.

Mein Aufstehen nutzt mein Gegenüber für einen Platzwechsel, obwohl ich auf seine Bitte, mit ihm den Platz zu tauschen, noch keine Antwort gegeben habe. Ich bin immer noch in einer anderen Welt und kann mich nicht wehren, will es auch überhaupt nicht.

Mein Gegenüber, der es sich jetzt auf meinem Platz bequem gemacht hat, versucht eine Unterhaltung mit mir anzufangen. Er erzählt irgendetwas. Dadurch aber, dass ich momentan in einer anderen Welt bin, kann er mir nichts anhaben. Seine Stimme, sein Geschwätz perlt ab, wie das Wasser auf den Ölmänteln der Arbeiter, die draußen auf dem Bahnsteig gerade dabei sind, die Post zu verladen.

Ich schließe das Fenster, mein Gegenüber, der sich sichtlich wohl auf meinem Platz fühlt, reicht mir seine Karte, hält sie mir dann, da ich nicht sofort reagiere, brutal unter die Nase, so nah, dass ich die Druckerschwärze riechen kann. Ohne einen Blick darauf zu werfen, stecke ich sie ein.

Es macht einen Ruck und ich lande auf seinem alten Platz. Der Zug verlässt langsam München.

Waren Sie schon einmal in München, mein Gegenüber gibt nicht auf.

Da ich nicht antworte, kommt er noch einmal auf den unfreiwilligen Halt zu sprechen.

Es wäre nicht sein erster Selbstmörder, so mein Gegenüber, nein, nein, ganz im Gegenteil.

Vor allem warnt er mich vor dem Intercity mit dem Namen Van Gogh.

Der Van Gogh, so mein Gegenüber, hat immer Verspätung. Es ist der Zug der Künstler, wohlgemerkt der, der erfolglosen Künstler, der Unverstandenen, die immer wieder eine Verspätung verursachen.

Mein Gegenüber grunzt noch etwas, dann ist er wieder eingeschlafen.

Es dauert lange, bis ich erneut in den Schlaf zurückfinde.


Marietta wartet nicht an der Haltestelle, ohne die Station auch nur einen Moment aus den Augen zu lassen, habe ich bei den Brüdern Stättner, denen auch die Tankstelle gehört, eine Wurstsemmel gekauft, Marietta ist sonst immer pünktlich, sicher hat die Mutter sie nicht weggelassen, sie wird schon noch kommen, ich genieße die Wurstsemmel und blinzle in die immer noch starke Abendsonne, die Stättnerischen Wurstsemmel sind in der ganzen Gegend die allerbesten, die Stättners waren einmal fünf Brüder, drei davon stehen auf dem großen Obelisk gegenüber der Postbushaltestelle, und während ich meine Wurstsemmel esse und auf Marietta warte, suche ich auf dem Obelisk nach den Stättners, alle drei waren in der selben Einheit, alle drei in Stalingrad, der halbe Ort, so heißt es, sei in Stalingrad gefallen, alle drei Stättners am selben Tag, was ich nicht glaube, aber dem Steinmetz eine Menge Arbeit erspart hat, ich sehe in Richtung Fischweiher, nichts ist zu sehen, wenn Marietta bei der Großmutter gewesen ist, kommt sie von der anderen Seite, ein paar Camper aus den Niederlanden fahren vorbei, seitdem der Einarmige vom Fischweiher überall herumerzählt, die Holländer würden ihre schmutzige Wäsche im Bach waschen, was dann letztendlich die Ursache für

das große Fischsterben Anfang Juni gewesen sein soll, sind sie hier nicht mehr beliebt, obwohl, eigentlich waren sie hier nie richtig willkommen, zu wenig Geld lassen sie hier im Ort, sie trinken einen Kaffee und holen dann mit aller Selbstverständlichkeit fünfzig Liter Wasser für ihre Tanks von der Toilette, der Ort aber ist auf jede Übernachtung angewiesen, wer gar mit Kindern kommt und Vollpension bucht, ist überall gleich beliebt, alle leben hier von den Touristen, selbst die Polizei, sie fährt Doppelschichten auf den Straßen, auch sind die Radarfallen wieder in Betrieb, auf dem Dorfplatz hat man Anfang Juni zum ersten Mal Halteverbotsschilder aufgestellt, sie aber so postiert, dass ein Fremder sie nur schwerlich entdecken kann, im Sommer sind die Polizisten immer gutgelaunt und geben gern mal ein Bier aus, die Deutschen sieht man hier am liebsten, die Deutschen lassen das meiste Geld hier, man fährt wieder in Urlaub, mit der ganzen Familie, sogar zweimal, im Sommer und im Winter, man kann es sich jetzt wieder leisten, im Schutz der überdachten Haltestelle rauche ich eine Zigarette, so lange werde ich noch warten, wenn sie nicht kommt, werde ich zum Krainer gehen, auf eine Partie Billard, ich verstehe es nicht, Marietta ist sonst so ein pünktlicher Mensch, einmal habe ich sie beobachtet, wie sie eine halbe Stunde zu früh am verabredeten Treffpunkt auf mich gewartet hat, ich bin nur dagesessen und habe sie beobachtet, ganz ruhig hat sie auf mich gewartet, eine halbe Stunde später als verabredet bin ich bei ihr aufgetaucht, nicht einmal böse ist sie mir gewesen, meine Marietta, eine Wurstsemmel, drei Zigaretten, eine halbe Stunde habe ich jetzt auf sie gewartet, ich werde zum Krainer gehen, auf eine Partie Billard, vielleicht ist ihr Bruder da, obwohl erst früh am Abend ist der Gastraum schon gut gefüllt, ich gehe in den Nebenraum, Max, Mariettas Bruder spielt mit einem Touristen, einem Berliner, um Geld, ab und zu schaue ich aus dem Fenster, vielleicht kommt sie ja doch noch, der Berliner wirft den Queue auf den Tisch und verlässt fluchend den Raum, Max und ich lachen, wie viel frage ich nur, Tausend, antwortet Max grinsend und lädt mich auf ein Bier ein, Max ist Forstarbeiter, lebt aber über seine Verhältnisse, er ist der beste Billardspieler in der ganzen Gegend, in der Hochsaison macht er mit dem Billardspiel das zehnfachen von seinem Gehalt, Max ist schwul, aber das darf im Ort niemand wissen, bei der Madonna habe ich es ihm schwören müssen, durch ihn habe ich Marietta kennen gelernt, ich gehöre zu seiner Schwester, er hat es akzeptiert, obwohl er anfangs in mich verliebt gewesen ist, dafür schweige ich wie ein Grab, sicher muss Marietta der Mutter helfen, sagt Max und bestellt eine neue Runde, die Bushaltestelle unverändert, keine Nachricht, auch am Kriegerdenkmal nicht, unserem gemeinsamen geheimen Briefkasten, nachdem wir im Wanderkino zusammen einen Agentenfilm gesehen haben, zum Moserwirt könnte ich gehen, vielleicht ist sie ja da, bei den anderen, dort steht auch eine Wurlitzer und ein Flipperautomat, beim Moserwirt trinke ich einen Kaffee und esse eine ganze Packung Kaugummi, damit die Eltern nichts merken.


Was ist Schmerz?

Wann wird Schmerz laut?

Ich kenne keine Schmerzenslaute, fresse alles in mich hinein. Immer hinein damit, immer nur hinein mit dem ganzen Unrat!

Begegnungen finden statt, gewollte aber auch zufällige. Begegnungen werfen einen aus der Bahn oder beschleunigen einen, naturgemäß zu schnell für die nächste Runde. Rundenrekord, dafür aber ist die Strecke immer dieselbe.

Der Rundenrekord erweist sich leider allzu oft als reine Täuschung. Man denkt Rundenrekord, dabei ist man längst herauskatapultiert, längst auf einer anderen Strecke, auf einer unbekannten Nebenstrecke. Und erst, wenn man in der Kurve, von der man glaubte, es sei die bekannte, herausfliegt, begreift man, dass es sich um eine völlig neue und unbekannte Strecke handelt.

Mein Onkel ist gestorben. Ein Toter hat es geschafft, mich auf eine andere Strecke zu bringen. Was Lebenden als unmöglich erschien, hat mein toter Onkel geschafft.

Zwei Tage habe ich jetzt nicht schlafen können. Leicht verzerrt kann ich mein Gesicht in der Scheibe erkennen, mal hell, mal dunkel. Nur wenn ein hellerleuchteter Zug entgegenkommt, kann ich mein Gesicht in der Scheibe gut erkennen.

Wieder steht mein Gegenüber vor mir und möchte mit mir die Plätze tauschen.

Frankfurt, Sackbahnhof, Sie verstehen.

Nichts verstehe ich, möchte nur endlich zu Ruhe kommen. Naturgemäß tausche ich den Platz mit meinem Gegenüber. Er bringt es sonst fertig einfach so, breitbeinig und grinsend und vor allem unentwegt redend, die ganze Fahrt über, vor mir stehen zu bleiben.

Es ist eine alte bekannte Strecke: München - Frankfurt. Zwei allzu bekannte Haltepunkte. Über fünf Jahre immer dieselbe Strecke, dieselben Hoffnungen, dieselben Träume.


Die Straße hinunter, immer dasselbe Bild, die Straße hinunter, vorbei an der Armensiedlung, die Straße hinunter, am Wegkreuz vorbei, links der verfallene Hof der Steiners, gleich die scharfe Rechtskurve und dann das Haus, ich brauche nur die Straße hinunter, ein weißes Cabriolet steht am Wegesrand, ein Mercedes mit roten Ledersitzen und deutschem Kennzeichen, das Radio läuft leise, Hugo Strasser, Tanzmusik, sicher ein Liebespaar, ein schöner Sommerabend für die Liebe, irgendwann habe ich auch so einen Wagen, mit Marietta werde ich hier halten und mit ihr in den Wald gehen, vorsichtig werden wir uns auf das weiche Moos legen, eine ganze Weile werden wir uns anschauen und streicheln, ich werde ihr die Bluse öffnen und sie wird mir das T-Shirt über den Kopf ziehen, ihre kleinen wunderschönen Brüste werden ich liebkosen und sie wird eine Gänsehaut bekommen, dann werden wir eins sein, viele Sommertage werden wir haben, unzählige, Marietta wird stolz neben mir sitzen, wenn wir durch die Landschaft fahren, am Fischweiher hupen, den Einarmigen ärgern, an diesem Sommerabend genug getrunken, mutig für einen Streich, genau die richtige Stimmung, wieder eine neue Geschichte, die ich dann Marietta erzählen kann, Marietta hört mir gern zu, kann gar nicht genug bekommen von meinen Erzählungen, ob sie stimmen oder nicht, ist ihr vollkommen egal, für sie ohne Bedeutung, sie mag meine Stimme, hört mir gern zu, Marietta liegt dann seitlich im Gras und schaut mich unentwegt an, während ich meiner Phantasie freien Lauf lasse, ich pirsche mich an das weiße Cabriolet heran, lautlos versteht sich, beim Räuber - und Gendarmspiel immer einer der besten gewesen, der Schlüssel steckt, einfach einsteigen, bis zur nächsten Kurve und dann in den Wald fahren, zu Fuß zurück und leise anschleichen, Reaktionen abwarten, das blöde Gesicht des Besitzers sehen, wenn er entdeckt, dass sein Wagen weg ist, vom Plan, den Wagen im Wald verschwinden zu lassen, komme ich ab, das letzte Auto, ich bin sieben Jahre alt gewesen, habe ich in den Bach gesetzt, was eine Feuerwehrübung und eine Tracht Prügel zur Folge gehabt hat, nein, diesmal mache ich etwas anderes, ich werde hupen, die Hupe feststellen, das reicht, vielleicht kommt ja jeden Moment Marietta, das Haus, geradeaus liegend, in Sichtweite, unten in der Küche brennt Licht, vielleicht wäscht sie gerade ihre Haare, sie hat wunderbare lange Haare, die Marietta, wenn sie frisch gewaschen sind, duften sie, das man es nicht beschreiben kann, in der Hosentasche suche ich nach Streichhölzern, breche eines ab und stecke es in die Mitte des Lenkrades, die Hupe ist festgesteckt und verbreitet einen ohrenbetäubenden Lärm, der Hund am Fischweiher bellt, Flaschen klirren, der Einarmige wird mal wieder besoffen sein, ich springe in den Straßengraben, Zeit vergeht, mein Herz klopft schnell vor Aufregung, ein Mann taucht aus dem Wald auf, dabei den Reißverschluss an der Hose schließend, mit rotem Kopf und Schweiß auf der Stirn, ich unterdrücke mein Lachen, er schaut auf die Straße in beide Richtungen, bevor er das Streichholz entfernt, mit einem lässigen Sprung ist er im Wagen, wischt sich mit dem Taschentuch über die Stirn, fährt sich, mit einem Blick in den Rückspiegel, durch das Haar, im Handschuhfach sucht er nach Zigaretten, fündig geworden, zündet er sich eine an, genüsslich macht er den ersten Zug, fast so wie in der Kinoreklame, dann, urplötzlich, fängt er an zu lachen, ein lautes, unangenehmes Lachen, Zahngold wird sichtbar, er dreht den Zündschlüssel um und fährt los, sein Lachen aber ist lauter als der Motor, sein Lachen ist unerträglich.


Dieses Lachen lässt mich keinen Schlaf mehr finden, bewirkt Schweißausbrüche. ich ertrage kein Lachen mehr. Jedes Lachen ist unerträglich, verdächtig. Alpträume verfolgen mich bis tief in den Tag hinein. Ich meide auf einmal Menschen, die andauernd einen Witz auf den Lippen haben. Lachen ist zum Alptraum geworden. Fröhliche Menschen verursachen einen Brechreiz. Ich bin ein Gefangener dieser Bilder. Dieses Lachen hat mich an die Kette gelegt.


Gerade in dem Moment, als ich den Straßengraben wieder verlassen will, taucht Marietta aus dem Wald auf,  der Mund blutig, geschwollen, die Wangen rot mit dem weißen Abdruck einer Männerhand, ihre Bluse zerrissen und voller Dreck, ihre Hände in den Schoß gepresst, sie weint lautlos, warum stehe ich nicht auf und gehe auf sie zu, ich schäme mich, will das Blut nicht sehen, verquollene Augen, drehe mich ab, der Vater hat recht, ich bin ein Feigling, ein Schwächling, zu nichts zu gebrauchen, Traumtänzer, Taugenichts, sie taumelt nach Hause, die Straße hinunter, eine gerade Strecke, das Haus immer in Sichtweite, vielleicht ist sie nur gefallen, über einen Baumstumpf gestolpert, alles nur ein dummer Zufall, wäre da nicht dieses Lachen, dieses unerträgliche Lachen.

Ich werde wach.

Mein Gegenüber grinst mich an.

Sie hätten sich sehen sollen, wirklich zu komisch.

Ich stehe auf und verlasse das Abteil.

Die Toilettentür klappert. Ein beißender Geruch auf dem Gang. Mich friert. Einfach lächerlich, jetzt hier draußen auf dem Gang zu stehen und eine Zigarette zu rauchen. Ich spüre die Blicke meines Gegenübers im Rücken. Gehe ein paar Abteile weiter. Überall sind die Vorhänge zugezogen. Der beißende Geruch wird stärker. Aber jetzt wieder in das Abteil zurückgehen, nein, diesen Triumph gönne ich ihm nicht.

Seit zwei Tagen nichts mehr gegessen und vor Aufregung kaum geschlafen. In der Nacht immer wieder dieselben Träume, aufgeschreckt, verschwitzt, die Decke angestarrt. Vielleicht noch eine Stunde, und ich habe mein Ziel erreicht. Lese die Schilder an den Bahnhöfen, die wir durchfahren, langsam zurückkommende, bekannte Namen.

Die Zigarettenpackung ist noch fast voll. Eine Stunde auf dem Gang ist damit auszuhalten.

Blut auf der Toilette. Ich schließe die Tür.

Mir graut davor, in einer Stunde auszusteigen. Papierkrieg wird mich erwarten und vielleicht sogar die Identifizierung des Onkels im Leichenschauhaus.

Wie sieht ein Mensch aus, der aus dem Mansardenfenster gesprungen ist?

Und dann dieser Hutter, der mir geschrieben hat. Seit Tagen kreisen meine Gedanken um diesen Hutter. Was ist das für ein Mensch, der sich als Freund meines Onkels ausgibt, mir ein Ticket und einen Barscheck schickt?

Der Onkel hatte mich die ganze Zeit unseres Zusammenseins immer wie ein

Erwachsener behandelt. Wahrscheinlich aber in mir doch nur das Kind gesehen, den Sohn seines verhassten Bruders. Sein Haus kannte ich nur von außen. Mich hatte er immer im besten Hotel der Stadt untergebracht. Über fünf Jahre in regelmäßigen Abständen hat er mir an den Wochenenden das Hotel bezahlt.

Menschenscheu, hat der Vater über meinen Onkel gesagt, der mich bei unseren gemeinsamen Essen immer vor dem Humanismus gewarnt hatte. Immer wieder hatte er vom Humanismus gesprochen und mich gewarnt.

Wieder Schweißausbrüche wie vor fünfzehn Jahren, Mittelstufenschüler, Angst vor der großen Stadt, vor neuen Bekanntschaften, vor allem Neuen.

Mit einem Bild von Marietta auf dem Zugflur gestanden, von Australien geträumt, Fluchtpläne gemacht, im Gepäck den Grafen von Monte Christo.

So wie damals gehe ich den langen Gang entlang, wechsle die Klassen, bis ich am Zugende angelangt bin. Die Tür lässt sich einen Spalt öffnen, kalte frische Nachtluft dringt herein. Ich schaue auf die Gleise, zähle die Hochspannungsmasten, die an mir vorbeischießen.

Ein guter Schütze, eine ruhige Hand, ich schieße den Mädchen, die nach jedem Schuss vor Vergnügen kreischen Plastik - und Papierrosen, für Marietta schieße ich einen Teddybären aus Plüsch, wozu ich nur ganze fünf Schuss benötige, Marietta ist stolz auf mich, nur auf den Fotoapparat mit Selbstauslöser schieße ich nicht, irgend etwas hindert mich, die Begeisterung schlägt um, nein, ich schieße nicht auf diesen Fotoapparat mit Selbstauslöser, auch wenn jetzt Marietta mir den Teddybären zurückgeben will, sie möchte das Bild von mir, Marietta hat sich verändert, seitdem sie keine Röcke mehr trägt, ich hätte es ihr sagen sollen, alles, aber ich bin ein Feigling, da hat sie schon ganz recht, sie ist mit den anderen gegangen, hat mich einfach stehen lassen, mit dem Teddybären aus Plüsch, dem jetzt schon ein Auge fehlt, gehe ich nach Hause, ich schieße nicht auf Fotoapparate, irgendwann am Fischweiher, werfe ich den Bären hinein, Hunde bellen, der besoffene Einarmige flucht, kehre auf halber Strecke wieder um, das verlorene Knopfauge zu suchen, der Tanz ist zu Ende, die meisten Stände geschlossen, nur der Vogelstimmenimitator verkauft noch seine Plättchen an ein paar Betrunkene, die sie beim ersten Ausprobieren sofort wieder verlieren, auf unserem Platz, hinter der Musikkapelle, verwaist Mariettas Lebkuchenherz, der kleine Spiegel obenauf  zerbrochen, suche zwischen den Sägespänen und dem hohen Gras nach dem verloren gegangenen Knopfauge, ein hoffnungsloses Unterfangen.


Der Zug vermindert seine Fahrt.

Ich verliere ein wenig an Halt, gehe mit in Fahrtrichtung, meinem Ziel entgegen.






    

Tb 154 Seiten

ISBN-10: 1-5030-6993-1
ISBN-13: 978-1-5030-6993-0

9,90 €     http://www.amazon.de/Bestattung-Johannes-Wierz/dp/1503069931/ref=tmm_pap_title_0
Auch als e-book:   http://www.amazon.de/BESTATTUNG-Johannes-Wierz-ebook/dp/B006H4U29M/ref=tmm_kin_swatch_0?_encoding=UTF8&qid=&sr=

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2018

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