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Calvados

 

 

    Paris in den achtziger Jahren: ein altes Hotel soll abgerissen werden. Kurz vor der Sprengung entdecken zwei Arbeiter illegale Flüchtlinge im Gewölbekeller. 

Der Älteste der Arbeiter muss sich unwillkürlich zurückerinnern an die Geschichte des Hotels zwischen 1933 und 1945 und erzählt von der ehemaligen Besitzerin des Hotels, Madame Ossard, und ihren Gästen.

Wie im Reigen von Arthur Schnitzler verknüpfen sich die einzelnen Menschen und ihre Schicksale miteinander. Liebespaare, Emigranten und deutsche Besatzer, alle schlafen sie in denselben vier Wänden.

Zwischen den Bildern: Chansons zur Musik von Astor Piazolla.


Personen:



Höhere Instanz


Madame Ossard


junger Arbeiter


junge Frau


junger Mann, deutscher Offizier


Arzt


Anna, seine Frau


Karl


RusSE


Alfons, der Briefträger


alter Franzose


Flüchtlingsfamilie




1. PROLOG BEI EINER HÖHEREN INSTANZ


HÖHERE INSTANZ:

Sie haben Menschen das Leben gerettet

beispielsweise Juden

Deutschen Franzosen?


MADAME OSSARD:

Entschuldigen Sie bitte

dass ich unterbreche

aber so stimmt das nicht

Ich möchte nur wissen

woher Sie Ihre Informationen beziehen

Sicher

haben Juden und Deutsche

bei mir gewohnt

auch Araber

sogar Russen

Aber

dass ich Menschen das Leben gerettet haben soll

daran kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern


sie überlegt


Warten Sie

Warten Sie

Ich glaube

da war doch was

Ich erinnere mich wieder


sie lächelt


Es war kurz nach der Befreiung von Paris

Man feierte auf den Straßen

Es muss so

gegen zehn Uhr abends gewesen sein

Da kam ein junger amerikanischer Soldat zu mir

Ein "Neger"

Volltrunken

Ein schöner junger

muskulöser "Neger"

mit einem schönen braunen Hintern

Einem Knabenhintern

so wie ich ihn liebe

Sie verstehen

was ich meine?

Nun

er hatte nur einen Schönheitsfehler

Eine Kugel steckte in diesem Prachtexemplar

von Hinterteil


Er hatte sich mit ein paar Zuhältern gestritten

wegen eines Mädchens

Das waren noch Zeiten!

Ich habe sie ihm rausgeholt

aus diesem hübschen Hintern

Bezahlt hat er in Naturalien

wenn Sie verstehen was ich meine


nach einer Weile


Sind Sie noch da?


Die Stimme räuspert sich


HÖHERE INSTANZ:

Nun wieder zum Thema

Sie behaupten also

keine Juden

sowie Franzosen der Resistance

bei sich aufgenommen zu haben?


MADAME OSSARD:

Das habe ich nicht gesagt!

Was glauben Sie

wer alles bei mir gewohnt hat?

Einmal sogar Chinesen!

Bei Madame Ossard

haben sie alle einmal gewohnt

Hauptsache die Francs stimmen

Verzeihung

Stimmten

Aber

das kann mir jetzt auch egal sein

allem Anschein nach

brauche ich hier kein Geld

Oder?

Aber

um auf Ihre Frage zurückzukommen

Deutsche

Juden

Franzosen haben bei mir gewohnt

Bei Juden

habe ich mir immer einen Vorschuss geben lassen

Das war handelsüblich

Das wird Ihnen jeder im Viertel bestätigen


HÖHERE INSTANZ:

Madame Ossard!


MADAME OSSARD:

Ja?


HÖHERE INSTANZ:

Sie haben also

beispielsweise Juden

vor den Deutschen Besatzern versteckt?


MADAME OSSARD:

Das können Sie mir nicht anlasten

Versteckt habe ich niemanden

Aber Ausweise

habe ich auch nie verlangt

Sie wissen ja

wie das ist

Da möchte „Mann“ mal gerne

aber die Ehefrau darf davon nichts wissen

Sie verstehen?

Eine Stunde später

ist das Zimmer wieder leer


HÖHERE INSTANZ:

Es geht hier nicht um verstehen

Es geht um Tatsachen

Haben Sie nun während des Krieges

oder auch schon vorher

Emigranten Unterschlupf gewährt

Ja oder nein?


MADAME OSSARD:

Sie tun ja gerade so

als ob ich einer kriminellen Vereinigung angehört hätte

Aber

wenn Sie so fragen

erinnere ich mich wieder

Im Jahre dreiunddreißig

nach der Wahl Hitlers zum Kanzler

haben viele Deutsche bei mir gewohnt

Ob Juden darunter waren

kann ich mit Bestimmtheit nicht sagen

Mit den wenigsten

hatte ich Kontakt

Sie verstehen

was ich meine?

Die Deutschen

sind mir in "guter Erinnerung" geblieben

Wissen Sie

Deutsche haben es schwer

Deutsche sind Kopfmenschen

Wenn sie etwas nicht verstehen

oder nicht erreichen können

verzweifeln sie

brechen zusammen

wissen nicht mehr weiter

Sie schreiben einen Abschiedsbrief

und hinterlassen blutige Bettwäsche

Und wer hatte damals den Ärger?

Ich

Die Polizei musste kommen

Protokolle wurden aufgenommen

Zimmernachbarn verhört

Und ich konnte das Zimmer

für mindestens einen Tag

nicht vermieten.

Es ist gar nicht so einfach

ein Hotel zu führen

besonders als Frau

Das können Sie mir glauben

Es gab Zeiten


HÖHERE INSTANZ (unterbricht):

Madame Ossard!

Ich bitte Sie!

Sie sind hier

weil Sie Menschen

das Leben gerettet haben

Verstehen Sie das?


MADAME OSSARD:

Leben

Ein Wort

das hierher nicht passt

Leben

Gelebt habe ich

Mein Hotel auch

Überleben musste ich

kämpfen

immer und immer wieder

Was mag bloß aus meinem Hotel werden

wo ich doch jetzt hier bin

und Sie mir Fragen stellen die ich nicht verstehe?

Meine Zimmer

Wenn die

nur reden könnten

Meine Zimmer

die müssten Sie befragen



2. PROLOG                                VON DER LEBENDIGKEIT TOTER GEGENSTÄNDE


Das Hotelzimmer ist spärlich eingerichtet (Stahlbett, Waschschüssel mit Ständer, Tisch und ein Stuhl). Es hat eine Tür und zwei Fenster, in das eine blinkt eine rote Neonreklame mit der Aufschrift Cabaret hinein. Ein alter und ein junger Bauarbeiter betreten das Zimmer, sie haben Bretter und Werkzeug dabei. (Die Szene spielt in der heutigen Zeit).


JUNGER ARBEITER:

Meine Frau hat uns Baguettes gemacht

dazu dein Rotwein


er schnalzt mit der Zunge


Wir werden es uns schon gemütlich machen

Der Chef wird das Haus bestimmt nicht betreten

der ist ja nicht lebensmüde

Na ja

man kann sich in diesen Zeiten

die Arbeit nicht aussuchen

Erzähl mir was über sie


ALTER ARBEITER:

Wen meinst du?


JUNGER ARBEITER:

Wen wohl ?!

Du hast sie doch gekannt

die komische Alte


ALTER ARBEITER:

Du meinst Madame Ossard

Und ob ich die gekannt habe

Als kleiner Junge

habe ich schon für sie gearbeitet

Mein erstes Geld

habe ich bei ihr verdient

Morgens

brachte ich Baguettes und Zeitungen.

Mittags

musste ich die schmutzige Wäsche in die Putzerei bringen

Und abends

habe ich den Gästen die Stadt gezeigt

Du verstehst

was ich meine

Das war übrigens ihr Lieblingssatz

Du verstehst

was ich meine

Madame Ossard

war ein feiner Kerl

eine Persönlichkeit

Bei ihr habe ich einiges gelernt

Sie war meine erste Frau

verführt hat sie mich

im Mangelzimmer

Auf jeden Fall

hatte sie Charakter

Und jetzt nagle ich ihr die Fenster zu

Ihr Jungen

habt doch keine Ahnung

Alles müsst ihr abreißen

um dann eure hässlichen Kästen hinzusetzen

Wenn ich da nur an die Markthallen denke

tut es mir in der Seele weh

Und dieses Hotel?

Nächste Woche wird es abgerissen

Die Eisenkugel donnert drei

viermal gegen das alte Gemäuer

und Schluss ist

Schutt bleibt übrig

wird in die Vorstadt gefahren

Vorbei ist es mit Madame Ossards schönem Hotel

Und dir soll ich etwas erzählen?


Der junge Arbeiter ist gerade dabei, ein Fenster zu verriegeln.


JUNGER ARBEITER:

Ist ja schon gut

Hilf mir mal lieber

Hoffentlich halten die Bretter

Die Rahmen sind total morsch


Er holt ein Brett und bleibt vor dem Waschständer stehen.


JUNGER ARBEITER:

Renovieren hätte sie sollen

Ohne Dusche und WC

läuft doch heutzutage

gar nichts mehr

Da sind ja sogar noch Blutflecken dran

Wie unhygienisch

Ich kann nicht verstehen

wie man so ein Hotel

herunterkommen lassen kann


Der alte Arbeiter bringt ihm Hammer und Nägel.


ALTER ARBEITER:

Halt' den Mund

bringen wir es lieber hinter uns

Eine Schande

Es ist und bleibt

dennoch eine Schande

Aber davon verstehst du nichts

Wenn diese Wände erzählen könnten

Ach

da würdest du

ganz anders reden


Er entfernt sich wie in Trance von ihm (in Richtung Publikum)


Wenn sie nur erzählen könnten, was sie gesehen haben.


Der junge Arbeiter schaut ihm verdutzt nach.

Plötzlich verschwinden die Wände (Fenster- und Türrahmen bleiben, der Raum wird nur durch Einrichtungsgegenstände begrenzt.

Der alte Arbeiter hat seinen Kittel ausgezogen.


Es ertönt Musik (Astor Piazolla: CONCERTO PARA QUINTETO).




DAS LIED VOM BANKROTTEUR UND SEINEM MÄDCHEN


ALTER ARBEITER (singt):

Die Straßen staubig

Kinder spielen mit ihren Hunden

Frauen stehen stolz

an Häuserwänden

Männer stehen an den Theken

trinken Bier und Calvados

Mädchen

lachen laut

Und ein Wind geht durch die Straßen

pfeift um jede Häuserwand

Warten

hattest du früher nie gekannt

Warten

Früher war sie schön die Kleine

lächelte wie eine Sonne

nahm Männer mit nach Haus

wenn sie liebte

vom Himmel schallte es Applaus

Ja die Kleine

ihr Herz groß wie ein Ozean

liebte jeden und jeden Mann


Jetzt sitzt sie da

am Küchentisch

wartet auf ihn

den Bankrotteur der großen Welt

Aber er

hatte nur versprochen

und nichts gehalten

Alt ist die Kleine

Vom Warten sind die Ellenbogen rau


Früher blieb er ein oder zwei Nächte

nur weg

Dann kam er eines Tages

und brachte Fleisch und Blumen

manchmal sogar ein Halstuch aus Seide

Sie hatte nur gelächelt

ihm ein Bad gemacht

und den Rücken massiert

dem Bankrotteur

Er träumte von der großen Welt

sie liebte ihre kleine

Welt

Dennoch war es ihr Mann

Es gab Abende

an denen sie sehr stolz auf ihn war


Jetzt sind ihre Augen trübe

und ihr Mund schmeckt nach Tabak

Warten

Der Aschenbecher beweist es


Auf den Straßen ist es staubig

und die Kinder spielen längst nicht mehr

Die Männer stehen an der Theke

trinken Calvados und Bier

Draußen stehen die Frauen

und sie lächeln stolz

Auch die Kleine ist darunter

und sie wartet wartet wartet


nach der Musik


ALTER ARBEITER:

So hat sie damals angefangen

als er nicht mehr kam

Zehn Jahre

ist sie bei jedem Wetter

auf der Straße gestanden

Hat ihr Geld verdient

ehrlich

und nie zu viel genommen

Bis sie es sich hat leisten können

das kleine Hotel

Es ist schon seltsam

Das kleine Hotel

ist soviel älter als Madame

aber man bringt es nur mit ihr in Verbindung

so als ob es eine Zeit

vor Madame

nie gegeben hätte

Der Besitzer vor ihr

ist mir nicht in Erinnerung geblieben

Passte wohl auch nicht in diese Gegend

zu diesen Menschen

in diese Zeit

Die Zeit war nicht immer schön

aber irgendwie hat sie es immer geschafft

ihr kleines Hotel zu halten

Vielen Menschen

war es eine Zuflucht

Heimstätte.

Anlaufpunkt

Briefadresse

Liebesnest


Bühne dunkel


I. TEIL



1. SZENE:                                        VOM SCHWEISSGERUCH DER BETTMATRATZEN



Sommer 1933. In einem Hotelzimmer.

Eine junge Frau und ein junger Mann liegen im Bett. Ihre Gesichter und Haare sind nass von Schweiß; sie haben sich gerade geliebt.

Der junge Mann schüttet Calvados in zwei große Gläser. Die Frau zündet zwei Zigaretten an.


JUNGER MANN:

Für Cognac hat es leider nicht mehr gereicht.


JUNGE FRAU:

Aber das macht doch nichts

Hier


Sie reicht ihm die Zigarette, er gibt ihr ein Glas


JUNGER MANN:

Danke

Und Dir macht das wirklich nichts aus

Ich meine hier

Dieses kleine Hotel

Aber momentan kann


Sie küsst ihn.


JUNGE FRAU:

Willst du nicht mit mir anstoßen?


Beide stoßen miteinander an. Dann dreht er sich zur Seite und nimmt noch einen großen Schluck


JUNGER MANN:

Es ist schon eine Schande

dass wir nach Paris fahren müssen

um uns zu lieben

Und dann noch in so einem Loch

Hast du gesehen

wie uns die Wirtin angeschaut hat?

Die hat doch sofort gemerkt

dass wir nicht verheiratet sind


Sie küsst ihn auf den Hals


JUNGE FRAU (lächelnd):

Du hast wohl vergessen

wo wir sind?

Paris

Stadt der Liebe

Stadt der Illusion

Hier ist es egal

ob wir verheiratet sind

oder nicht

Hier zählt das

was ist

was man tut

Also

komm


Sie dreht ihn zu sich um


Denk nicht soviel nach

Hm

Tu mir den Gefallen

nicht jetzt


JUNGER MANN:

Wenn das so einfach wäre

Ich kann doch die Tatsachen nicht einfach ignorieren

Und eine Tatsache zum Beispiel ist

dass Dein Vater uns verbietet

zu heiraten

und wir uns in schmierigen Pensionen treffen müssen

Vielleicht sollte dein Herr Vater

eine Anzeige in die Zeitung setzen:

"Herr Professor Goldmann gibt bekannt

dass seine Tochter nur für Akademiker

zu haben ist

Anfragen bitte unter der Chiffre"


JUNGE FRAU:

Du weißt ganz genau

dass dies nicht der Grund ist

Er hat viel mehr Sorge um dich

sieht die Schwierigkeiten einer Mischehe

Ihm wäre es sogar am liebsten

ich würde in Paris bleiben


Sie zieht sich etwas über und steht auf.


Vorgestern haben sie unseren Wagen konfisziert

mitsamt dem Fahrer

Die Bankkonten sind auch schon gesperrt

Papa meint

dass sei erst der Anfang

Die Kollegen schneiden ihn auch schon

Seit gestern geht er nicht mehr in die Universität

Die Demütigung will er sich ersparen

Ich kann Ihn gut verstehen


JUNGER MANN:

Unsinn

alles Unsinn

dir und deinem Vater

wird überhaupt nichts passieren

Das Deutsche Volk braucht deinen Vater

Er ist Wissenschaftler

in der ganzen Welt anerkannt


JUNGE FRAU:

Nur nicht in Deutschland


JUNGER MANN:

Ich gebe ja zu

das mit dem Wagen und den Bankkonten

ist nicht richtig

Aber wir sind erst am Anfang

da muss man kollektiv handeln

um schnell Veränderungen herbeizuschaffen

Du wirst sehen

nichts wird so heiß gegessen

wie es gekocht wird


JUNGE FRAU:

Du mit deinen Sprichwörtern

Vater hat ganz Recht mit seinen Bemerkungen


Er richtet sich auf


JUNGER MANN (zynisch):

Zu welchen Bemerkungen

lässt sich dein Herr Vater denn hinreißen?


Sie lächelt ein wenig


Hm

sag schon


Sie geht auf das Bett zu.


JUNGE FRAU:

Nun

er sagt

für dich wird sich schon etwas finden

und wenn du nur auf das Oktoberfest gehst

und dein Gehirn ausstellen lässt.

Hier ist zu sehen

das kleinste Stückchen Verstand

von ganz München.

Aber

arisch


Er schmeißt ihr ein Kissen an den Kopf, sie lässt sich auf das Bett fallen, beide müssen lachen

Alle Rechte  bei Johannes Wierz

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Aufführung durch

Berufs- und Laienbühnen, des öffentlichen Vortrags, der Verfilmung

und Übertragung durch Rundfunk, Fernsehen und andere Medien,

auch einzelner Abschnitte.

Das Recht der Aufführung oder Sendung ist nur von Johannes Wierz zu erwerben.

Den Bühnen und Vereinen gegenüber als Manuskript gedruckt.

Alle Namen und Charaktere in diesem Buch

sind erfunden, und jede Ähnlichkeit

mit lebenden oder verstorbenen Personen

ist rein zufällig.

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