Das kleine Glück

des Augenblicks

 

Alle Namen und Charaktere in diesem Buch

sind erfunden. Jede Ähnlichkeit

mit lebenden oder verstorbenen Personen

ist rein zufällig.

Da, wo ich jetzt stehe, riecht es nach verrostetem Metall, Schmieröl, Campingtoilette und Vogelkot. Vor mir herrscht absolute Dunkelheit. Ein leichter Wind weht mir entgegen. Es ist feucht und der Geruch von nassen Tannennadeln kitzelt meine Nase. Unter mir rauscht ein Fluss. Ich höre, wie die Gischt gegen die Felsen klatscht. Der Mond und die Sterne haben sich hinter Wolken verzogen. Ich bin ganz allein mit mir. Ich weiß nicht, was man in so einem Moment noch zu tun hat. Vielleicht eine Zigarette rauchen und das bisherige Leben Revue passieren lassen? Zwei Klischees auf einmal, sind eher zum Lachen. Also wird eine der beiden Sachen daran glauben müssen. Da ich genug geraucht habe, beschäftige ich mich mit dem Leben, besser gesagt mit dem, was danach kommt. An das gleißende Licht kann ich noch glauben, das den Tunnel erhellt. Vielleicht an die Sekunden-Revue des eigenen Lebens. Ab da Dunkelheit - Ende. Wäre das Leben ein anderes, wenn es alle wüssten und ein Glaube nichts besseres verheißen würde?

Ich weiß bis heute nicht, warum diese verdammte Maschine über dem Atlantik abgestürzt ist. Es gibt Verschwörungstheorien, wie bei all diesen Katastrophen. Erst vor kurzem habe ich einen Artikel gelesen, dass es im Paradies einen zweiten Mann gegeben haben muss, der Eva eine Tochter geschenkt hat. Die Vorstellung, dass Kain mit seiner Stiefschwester ein Kind gezeugt haben soll, ist für viele Bibeltreue versöhnlicher, als die Vorstellung, dass Mutter und SohnBei dieser Frage bin ich als Kind aus dem Religionsunterricht geflogen, weil ich es wissen wollte. Ketzerisches Verhalten hat man mir vorgeworfen, dabei wollte ich nur erfahren, was wirklich passiert ist. Jetzt, wo ich hier frierend an der Rampe stehe und mich an einem metallenen Konstrukt festhalte, das mich an den Eiffelturm erinnert, ist die Unsterblichkeit fassbar und wirkt auf mich gleichzeitig unwirklich.

Den Morgen wird ein Vogel begrüßen, ob es mich gegeben hat oder nicht.

Ich habe kein Testament gemacht und keine Sterbeversicherung abgeschlossen. Für wen auch? In den letzten Jahren hat es mich nicht mehr gegeben. Unsichtbar. Ich habe es geschafft, mich unsichtbar zu machen. Sicher, am Anfang ein Gewaltakt, weil es gegen die Natur des Menschen ist. Hinterlassenschaften in jeglicher Form bedeuten die Unsterblichkeit. Seelen gehen verloren, die Briefe und die Büchersammlung bleiben. Bis zuletzt, vor meiner Verwandlung, habe ich an den Fotoalben meiner Groß- und Urgroßeltern festgehalten, konnte nicht loslassen, obwohl ich fast niemanden auf den verblassten Fotos erkannt habe. Verwandte, Fossile einer vergangenen Zeit. Aber es hat meine Phantasie angeregt. Das Segelboot meiner Urgroßeltern auf dem großen Strom. Das verschwommene Bild eines Grand-Hotels in Belgien, die Schnapsfabrik, die Galopprennbahn und die Kamele mit Werbeaufschrift. Eine Erfindung meines Urgroßvaters mit Tieren aus fernen Landen Reklame hauptsächlich für Tabakfirmen zu laufen. Wer ist diese Frau mit der Wellenfrisur? Wie heißt das Mädchen mit dem Zöpfen? Wen schaut die Frau mit dem Bubikopf so lasziv an?

Unter mir rauscht ein Fluss und übertönt den eigenen Herzschlag. Die Feuchtigkeit seiner Gischt zieht in meine Kleider. Es bleibt nicht mehr viel Zeit. Ich zünde mir dennoch eine Zigarette an. Hier oben steht man ja nur einmal.      

Am besten ist es, man findet mich erst gar nicht. Es gibt ohnehin niemanden, der um mich trauern wird. Wenn man sich rar macht, ist man irgendwann aus dem Leben verschwunden. Wahrscheinlich wird es einige Zeit brauchen, bis alle meine Wohnungen ausfindig gemacht und aufgebrochen werden. Dann wird das große Rätselraten beginnen.

Wer ist Herr A. wirklich gewesen, der vorgegaukelt hat, Architekt zu sein? Niemand kennt Herrn B. bei der Flugsicherung. Wo hat er seinen Flugschein erworben und für welche Gesellschaft ist er geflogen? Die Uniform im Flur gibt keinen Hinweis darauf. Warum hat Herr C. noch nicht einmal einen Computer, obwohl er vorgegeben hat für eine internationale Computerfirma gearbeitet zu haben? Für eine Zeitlang wird man die Wohnungen versiegeln. Dann wird alles seinen gewohnten Gang nehmen. Die professionellen Aasgeier werden sich die Rosinen aus den Wohnungen herauspicken und den Rest in blauen Müllsäcken entsorgen.

Vergessen werden, ist die eine Sache. Ein Vorgang, der schnell vonstatten geht. Aber das eigene Vergessen ist ein unmögliches Unterfangen. Jede Schneeflocke ist ein Ereignis, ein Gefühl, das gelebt worden ist. Die Kinderhand rollt einen Schneeball durch die weiße Landschaft und prompt steht ein klobiges Ungetüm, das niemand mehr verrücken kann. Dann kommt das Tauwetter und scheinbar verschwindet alles. Die Wiesen werden grün und der Winter ist längst vergessen, man trinkt einen Schluck Wasser und alle Erinnerungen kommen zurück. Eine bekannte Musik, es kitzelt in der Nase und schon sind die alten Bilder wieder da. Das Waschpulver, das den Pullover meiner ersten Freundin gereinigt hat, würde ich aus Hunderten herausriechen.   

An einem Bogen aus Metall habe ich einen meiner Ausweise in einer Klarsichthülle geklebt und auf einen kleinen Zettel Adieu geschrieben. Das sollte ausreichen, um mich zu verabschieden.      

Von weitem glaube ich ein Signalhorn vernommen zu haben. Vielleicht täusche ich mich auch, denn eigentlich ist es noch viel zu früh. Genug Zeit, um sich zu erinnern. Der Waldgeruch, der mir entgegenweht hilft mir dabei. Schöne Kindertage in den österreichischen Bergen. Unbeschwertes Leben, moosgebettet die Große Liebe schwörend. Über mir und dem Mädchen eine Sternendecke, die uns schützt und an eine rosige Zukunft glauben lässt. Warum es auseinandergegangen ist, will ich in Anbetracht meiner jetzigen Situation nicht wissen, dafür ist wirklich die Zeit zu knapp. In Intervallen schwappt die Liebe zu mir, die eine zeitlang immer kürzer werden. Ein aufbrausender Sturm mit der Hoffnung auf Unendlichkeit. Irgendwann verschwindet der Wind aus den Segeln und alles dümpelt vor sich hin. Bei Flaute gibt es kein Ziel, das man anpeilen kann. Mit Ruhe abwarten oder verzweifeln. Wenn dann urplötzlich eine Welle aus der flachen See auftaucht, glaubt man, dass sie meterhoch sei. So dürstet man nach einem Weiterkommen. Die Intervalle werden immer länger, dass man glaubt, nicht mehr von der Stelle zu kommen. Irgendwann gewöhnt man sich an das Lotterleben bei ruhender See und wird urplötzlich von der Jahrhundertwelle überrascht.

Wenn jetzt Schnee fallen würde, kämen auch die Bilder an sie zurück. Der erste Schnee im neuen Jahr. Ein früher Abend. Eingebettet zwischen unzähligen Kissen ihr erhitztes Mondgesicht. Sie sieht glücklich aus und ich bin es. Satt vor Glück. So hat es mal begonnen und ist mit dem Endlosschleifensatz, der Teilnehmer ist zur Zeit nicht zu erreichen, beendet worden.

Das Signalhorn kommt näher. Ich schaue nach rechts und nach links. Die kleinen Lichter am Horizont haben ihre Farben geändert. Sie sind von rot auf grün gesprungen.

Hinter und unter mir beginnen die Gleise zu singen. Ein vibrierender Ton, der dumpf begonnen hat und immer heller wird. Lichter tauchen auf, die größer und größer werden. Schneidend der Ton, der einer Sichel gleichkommt.

Die stählerne Schlange nähert sich. Der Wind kündigt sie schon an.

Wenn das Publikum an mir vorbeirast, werde ich fallen.



1.


Meine Großmutter ist mit fast 102 Jahren gestorben. Einsam in einem Pflegeheim. Friedlich, wie die Heimleitung versichert. Ein kleines Zimmer mit einem schmalen Bett. Das Fenster mit den türkisen Gardinen lässt Morgensonne herein. An der Wand am Kopfende ein selbstgemaltes Bild einer ihrer unzähligen Urenkel, mit Wachsmalstift gemalt. Vielleicht ist das Bild mit einer Sonne, die ein Gesicht hat, und dem Haus, vor dem Strichmännchen stehen und winken, das Letzte, das sie gesehen hat. Wird die Großmutter gelächelt haben bei soviel Familienglück und Idylle? Oder hat sie auf den hässlichen Fleck ein paar Zentimeter weiter geschaut, der von einem Heizungsrohrbruch aus dem letzten Winter herrührt?

Mit einem Lächeln auf den Lippen soll sie entschlafen sein, so die Heimleitung, die ohne rot zu werden, lügen kann.

Bei uns ist sie in den besten Händen, auch so ein Spruch, der keine Gesichtsfärbung nach sich zieht.

Hier sterben sie wie die Fliegen, hat meine Großmutter zu mir gesagt. Da ist sie sechsundneunzig Jahre alt gewesen und hat sofort wieder ihre Koffer gepackt.

Nein, meine Großmutter ist niemals mit einem Lächeln auf den Lippen entschlafen, weil sie in ihrem ganzen Leben nie gelächelt hat. Entweder hat sie lautstark gelacht, das es jedem in ihrer Nähe peinlich gewesen ist oder sie hat streng und ernst dreingeschaut. Für ein Lächeln ist sie überhaupt nicht der Typ gewesen. Sie hat auch nie die Anstrengung unternommen, sympathisch wirken zu wollen.

Koch oder Kellner, dass ich nicht lache, hat sie immer gesagt, bei mir springen sie alle nach meiner Pfeife!

Meine Großmutter ist in einem Grandhotel aufgewachsen. Irgendwo in Belgien, an der Schleide. Ihren Erzählungen nach soll der deutsche Kaiser des Öfteren dort genächtigt haben. Sie habe ihn höchstpersönlich an der Rezeption empfangen. Kinder glauben alles, weil sie einen eigenen Kosmos haben. Später dann habe ich es nachgerechnet. Wer 1906 geboren ist, wird nicht in der Lage gewesen sein, den deutschen Kaiser in Belgien zu bedienen. Wenn das Gesicht auf dem Mond verschwindet, ist es mit dem Kinderglauben vorbei. Dennoch, die Liebe zu Hotels ist geblieben. Vor allem die alten Käste haben es mir angetan.

Ich weiß nicht, warum ich gerade jetzt an meine Großmutter denken muss, eine Frau, die mir von frühster Kindheit eigentlich nur Probleme gemacht hat. Als Kleinkind habe ich Angst vor ihr gehabt. Die roten Haare, die markant vorstehende Nase und das Kinn haben mich an eine Hexe denken lassen. Mich hätte es damals nicht gewundert, wenn sie mit dem Besen einfach davon geflogen wäre. Jedes Mal, wenn sie mir mit ihren knochigen langen Fingern etwas Süßes angeboten hat, bin ich in ein anderes Zimmer geflohen.

Einmal ist es das Schlafzimmer meiner Großmutter gewesen und ich bin in den Kleiderschrank gestiegen, um mich zu verstecken. Ein scheinbarer Biss in meine Schulter hat mich aufschreien lassen und aus dem nach Mottenkugeln riechenden Schrank springen lassen. Es ist nur der ausgestopfte Fuchsschwanz gewesen, dessen Zähne sich in meinen Rücken gebohrt haben. Der ganze Schrank ist voller Pelze gewesen und das ganze Schlafzimmer voller ausgestopfter Hunde. Kleine, große, welche mit Locken, langen und kurzen Haaren. Meine Großmutter muss ein Vermögen ausgegeben haben, um ihre ehemaligen Begleiter ausstopfen zu lassen. Vielleicht ist das der Grund gewesen, warum mein Großvater sie irgendwann verlassen hat. Diesem Schicksal hat er bestimmt aus dem Weg gehen wollen.

Dennoch eine gute Geschichte, jetzt fehlen nur noch die passenden Bilder. Ich suche mir die Portraits der Menschen aus dem Internet. Allerweltsgesichter, die sich ähnlich sein müssen. Zehn gleichaussehende Frauen um die achtzig und ich habe meine passende Großmutter. Meine Sammlung umfasst mittlerweile mehrere hunderttausende Fotos. Neben Menschen sammle ich Häuser, Haustiere, Autos und Urlaubsorte. Die Kunst besteht darin, alles miteinander zu kombinieren und zu verknüpfen, damit es authentisch wirkt. Dafür bedarf es Geschichten, Geschichten, Geschichten, die glaubwürdig sind.

Ich sitze im Nachtzug, der gerade eine Brücke überfährt, die mich an die Konstruktion des Architekten Eiffel erinnert. Von Italien kommend, müsste der Zug jetzt auf österreichischer Seite sein.

Im Bordrestaurant habe ich zu Abend gegessen und das wenige studiert, das mir das Amt geschickt hat. Die Akte ist noch dünn, aber das wird sich in den nächsten Wochen schlagartig ändern. Um die tausend Seiten wird das Dossier umfassen und jede Seite wird mit Schreibmaschine geschrieben sein. Spätestens in zwei Monaten wird der Stapel an Papier in einem Ofen seine Verwandlung erfahren und ich werde einen neuen Auftrag erhalten. Für Außenstehende sicherlich eine sinnlose Arbeit. Aber es gibt niemanden, der sich für meine Arbeit interessiert. Zudem bin ich verpflichtet worden, nicht darüber zu sprechen. In einem muffigen Büro, irgendwo im Regierungsviertel habe ich meinen Eid abgelegt. Das erste und einzige Mal, dass ich ein Ministerium betreten habe. Mit meinen Vorgesetzten, die sich seltsame Titel geben, treffe ich mich in großen Restaurants oder Kneipen, die eines gemeinsam haben. Es gibt keine Videoüberwachung, keine Spesenquittung, weil es unser Treffen nie gegeben hat. Alles wird bar bezahlt und Smartphones haben an unserem Tisch nichts verloren. Ich beziehe mein Gehalt über einen großen bundesdeutschen Zoo, ein Museum, eine Stiftung, einen Verlag, einen gemeinnützigen Verein und eine im Ausland sitzende Fluggesellschaft. Sechs Berufe, die ich in sechs Wohnungen versuche, authentisch zu leben. Eines haben meine Berufe gemeinsam, ich bin viel unterwegs. In meinem sozialen Umfeld kennen mich die Leute. Sie grüßen und ich grüße zurück.

Ich habe sie letzten Monat auf dem Flughafen gesehen, als wir in Urlaub geflogen sind, aber sie waren so weit weg, sagt der Nachbar auf meiner Etage. Ich nicke und lächle zurück. Ich überreiche ihm einen Umschlag mit Briefmarken aus Brasilien.

Für Ihren Sohn, sage ich.

Ich öffne meine Wohnung und entledige mich der Pilotenuniform, die ich zum Lüften auf den Balkon hänge.

Ich sitze im Nachtzug und denke an meine neue Aufgabe. In einem Umschlag sind Fotos gewesen. Sie zeigen die Person, um die es geht. Mit welchen Erwartungen, Träumen und Zielen sie in die Kamera geblickt hat. Ich lehne mich zurück und schließe die Augen: 


Der letzte Ton ist getroffen. Für ein paar Sekunden herrscht Stille im gleißenden Licht. Das ist der Moment, auf den sie ihr ganzes Leben hingearbeitet hat. Ein leises Rascheln, das Summen der Scheinwerfer, das Knarzen des Bodens, ein schüchternes Hüsteln, dann kommt die Klangwelle, die mit einzelnem Klatschen beginnt und im tosenden Applaus endet. Mit ihr folgt die Gischt aus Schweiß und Parfüm. Die Begeisterung der tausend Besucher kennt keine Grenzen.

Sie steht einfach nur da, macht das Minimale und genießt. Nein, sie wird nicht wie die Callas den Arm heben. Sie bleibt einfach stehen und genießt die Applauswelle, die sich ständig verändert. Bravo- und Da Capo Rufe mischen sich darunter.Im gleißenden Scheinwerferlicht tanzen die Staubkörner. Diesen Moment wird sie niemals vergessen.

Der Intendant lässt es sich nicht nehmen ihr höchstpersönlich die Blumen zu überreichen. Ein letztes Mal wischt er sich mit dem Taschentuch über das schwitzende Gesicht. Dann geht er geraden Schrittes auf die Mitte der Bühne zu und überreicht Ivana Radunescu einen riesengroßen Strauß roter Rosen. Dass ein Dorn sich in die Hand gebohrt hat, spürt sie gar nicht. Gierig saugen Staubpartikel die ersten Blutstropfen auf dem Bühnenboden auf.

Was machen Sie denn für Sachen, Ivonchen, sagt die Garderobiere mit ungarischem Akzent. Sie ist die Erste, die Blutflecken auf dem weißen Kleid bemerkt.

Ich heiße Ivana, Frau Schwarzenberg, sagt die neue Diva gedankenverloren und starrt in den Schminkspiegel.

Mädchen, Mädchen, die Flecken gehen doch nie wieder raus!

Während des Abschminkens verwandelt sich Ivana Radunescu wieder in das rumänische Mädchen mit ungarischen Wurzeln aus Sibiu. Die Mutter ist Leiterin des hiesigen Kindergartens gewesen und der Vater Polizist. In Sibiu hat sie die ersten Gesangsstunden bekommen, bevor sie mit siebzehn Jahren an der staatlichen Musikuniversität Bukarest aufgenommen worden ist. Sie riecht den Bohnerwachs auf den Treppen und die Bleirohre auf den Toiletten, untermalt von einem Klavier, das die Tonleiter spielt. Nichts ist vergessen. Sie hat die Gesichter ihrer Eltern, die Geschwister, Förderer und all ihre Lehrer vor Augen. In Intervallen tauchen sie im Schminkspiegel auf und lächeln sie an. Nur die strenge Gesanglehrerin Frau Herlea, eine Cousine des berühmten Opernsängers, schaut regungslos, als hätte sie in der heutigen Aufführung Fehler entdeckt. Nein, heute Abend ist sie perfekt gewesen. Die letzten zehn Jahre hat sie sich auf diesen Moment vorbereitet.

Als die Menschen, die ihr nahe stehen, aus dem Schminkspiegel verschwunden sind, fühlt sie sich leer. Außer ihrem blassen Gesicht ist da nichts mehr. Wenn sie so jetzt die Oper über den Bühnenausgang verlassen würde, da wo die Fotografen mit ihren Blitzlichtern warten, niemand würde sie wahrnehmen, geschweige denn erkennen. Ein kleines Lächeln huscht über das Spiegelbild, was in eine Art Wiehern endet. Dieses laute ohne Grund lachen, hat sie jetzt gebraucht, auch wenn sich ihre Garderobiere die Ohren zu gehalten hat. Sie macht mit dem Gesicht ein paar Dehnübungen und hört hinter der Tür die gedämpfte Stimme ihres Managers. Impresario, wie er es lieber hört.

Erst das Pflaster, sonst ziehe ich Sie nicht an, sagt die Garderobiere, die ständig zwischen Du und Sie wechselt und Ivana an eine Großtante mütterlicherseits erinnert.

Tante Zita, eine bekennende Ungarin im dunklen Rumänien unter Nicolae Ceaușescu.

Adelig von Geburt und an das Vielvölkerkonstrukt Österreichs glaubend.

Kindchen, Kindchen, dass alles hier hat mal deinem Urgroßvater von Schwarzenberg gehört. Hier sind die Kaisersöhne zur Jagd gegangen!

Welcher Kaiser und welche Söhne hat sie nicht gesagt, es hat Ivana auch nicht sonderlich interessiert.

Du wirst Künstlerin, hat die Großtante gesagt und sie mit teuren Musikinstrumenten überhäuft. Mit einer Geige aus dem Hause Stoß aus Siebenbürgen hat es angefangen, später ist ein Konzertflügel hinzugekommen. Keine Ahnung wie die Großtante an solche Kostbarkeiten gekommen ist, denn ihr einziges Vermögen hat aus unzähligen Schwarzweißfotografien und einer umfangreichen Schellackplattensammlung bestanden.

Bei ihrem Debüt an der Bukarester Staatsoper haben sie alle noch gelebt. Papa, Mama, die Geschwister und selbst die Großtante hat es sich nicht nehmen lassen, von ihr eine Arie von Mozart zu hören.

Kommst du, sagt die Stimme des Impresarios hinter der Tür, draußen stehen mehr als ein Dutzend Presseleute.

Ivana sieht im Spiegelbild das Konterfei ihrer Mutter. Wie lange sie jetzt schon wieder nicht Zuhause gewesen ist. Mit der Trennung der Eltern ist die ganze Familie in alle Himmelsrichtungen auseinander gegangen und die Großtante ist beim Hören einer ihrer Schallplatten und bei der Betrachtung von Nicolae Herlea für immer eingeschlafen.

Ich mach Sie noch schöner, unterbricht die Garderobiere, so können Sie unmöglich vor die Presse.

Hier, hier, schreien die Fotografen und lassen ihre Blitzlichter sprechen.

Ivana sieht überhaupt nichts. Aber die Welle an Geräuschen, die ihr entgegenschlägt, lässt sie mutmaßen, dass mindestens fünfzig Personen am Bühnenausgang stehen. Vielleicht sind es auch mehr. Der Autoverkehr und die Straßenbahnen, die vor der Oper ihren Geschäften nachgehen, stören ihre Wahrnehmung. Sie freut sich auf Salzburg. Dort wird sie außerhalb wohnen. Sie freut sich darauf, von Kuhglocken geweckt zu werden.




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