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Das kleine Glück des Augenblicks

 

10.


Ich stehe am Fenster, rauche eine Zigarette und puste den Rauch in die Dunkelheit.

Nach den Richtlinien und Lehrbüchern des Amtes mache ich alles falsch.

Seit fünf Tagen habe ich mich nicht mehr gemeldet und bin mit einer Kronzeugin wie vom Erdboden verschwunden.

An verschiedenen Tankstellen und Rasthöfen habe ich Prepaid Handys gekauft. Immer mit dem Rücken zur Überwachungskamera und alles bar bezahlt.

Wenn man eine Tankstelle betritt und sich auf dem äußersten Gang Richtung Herrenmagazine und eingeschweißten Pornoheften bewegt, ist man so gut wie nicht in den Aufzeichnungen der Videokameras zu erkennen. Naturgemäß wechsele ich nach jedem Kauf die Kleidung und ändere ein wenig mein Aussehen. Hauptsache man bewegt sich in der Mittelmäßigkeit.

Jetzt ist die Sporttasche neben meinem Bett voller neuer Handys, die darauf warten, einmal benutzt zu werden, um anschließend im Müll zu landen oder auf einer Pritsche eines Lastwagens, der noch einen weiten Weg vor sich hat.

An einem Rasthof ganz in der Nähe gibt es einen riesigen Billigklamottenladen, dort habe ich für Ivana das Nötigste besorgt.       

Ich weiß nicht, ob Eva-Maria, Klaus, Regina und André, mir die Geschichte von meiner Nichte Ivana geglaubt haben. Aber sie stellen keine Fragen und gehen mit ihr fürsorglich um, so als würden sie etwas ahnen. Vielleicht liegt es an ihrem traurigen Blick, den sie nicht immer verbergen kann. Sie bemüht sich zu lächeln, zeigt Interesse, aber das Ungeheuer, das in ihr lebt, kann sie nicht immer verbergen.

Geht es mir anders?

Sicherlich nicht. Ich kenne dieses Monster, sehe, wenn sein Schatten sich über mich legt.

„Du kannst nichts tun“, haucht es, bevor es Feuer spuckt und mehr als die Seele verbrennt.

„Wärest du mal mitgeflogen“, haucht der Drache in der Nacht. Was wird er ihr ins Ohr flüstern?

Ich lasse Ivana in Ruhe, obwohl wir den halben Tag miteinander verbringen. Schweigend gehen wir spazieren. Ab und zu verlangt sie nach einer Zigarette.

Mit den Bewohnern der Kommune geht sie anders um. Mit ihnen würfelt sie, spielt Karten, während ich draußen meistens allein auf der Terrasse sitze und eine rauche.

Mit meinen fünfundfünfzig Jahren bin ich ohnehin der Großvater der Kommune.

„Nächste Woche geben wir hier auf dem Hof ein Konzert gegen rechts, was hältst du davon, wenn Ivana bei uns auftritt. Sie spielt hervorragend Klavier und ihre Stimme ist auch nicht schlecht“, sagt Eva-Maria, die sich zu mir auf die Terrasse gesetzt hat.

„Nicht viel. Ivana hat gerade ihre große Liebe verloren. Sie ist verzweifelt. Ich suche nach einem Ort, wo wir beide die ganze Sache aufarbeiten können. Deswegen ist sie hier.“

„Verstehe“, erwidert Eva-Maria, „deswegen wohl auch ihr manchmal so abwesender Blick und diese Traurigkeit, die einen selbst zum Weinen bringen könnte.

„Ich träume von einer Insel, die nur Ivana und mir gehört. Keine Ablenkung, kein Stress.“

Ich sage das nicht ohne Grund. Habe ich doch erfahren, dass Klaus auf Vilm bei Rügen für das Umweltamt für Naturschutz arbeitet.

Ich zünde mir eine Zigarette an und schweige. In der Stille soll meine Idee zu der des anderen werden, dann bin ich fast am Ziel.

„Ich habe da vielleicht eine Idee“, sagt Eva-Maria und lässt mich allein zurück.

„Was um alles in der Welt haben Sie getan?“, krächzt eine menschliche Stimme aus dem Lautsprecher meines Prepaid Handys. Sie gehört dem männlichen Kontaktbeamten. „Wegen Ihnen steht das ganze Amt Kopf!“

Ich lasse ihn reden und reden bis er endlich zum Punkt kommt.

„Wo sind Sie?“

„Glauben Sie, dafür hätte ich den ganzen Aufwand betrieben? Ich wollte mich auch nur kurz melden und Ihnen sagen, dass es uns gut geht.“

Ohne eine Antwort abzuwarten, drücke ich die rote Taste und öffne das Gehäuse, entnehme die Sim-Karte und flitsche sie aus dem Fenster in die Nacht.

Die fünf Tage auf dem Hof haben Ivana gut getan. Besonders die Tiere haben es ihr angetan. Mir kommt es fast vor, als sei sie auf einem Bauernhof aufgewachsen. Das würde vielleicht auch die zu großen groben Hände erklären.

Sie versucht, so viel wie möglich an der frischen Luft zu sein, was ich ihr erlaube. Die letzten Wochen wird sie in muffigen Motel- und Hotelzimmern verbracht haben, ohne zu wissen, wie es weitergeht.

Auf unseren ausgiebigen Spaziergängen rund um die riesigen abgeernteten Rapsfelder, gebe ich Ivana zu verstehen, dass wir alle Zeit der Welt haben. Den Prozess, der in Kürze beginnt, erwähne ich mit keinem Wort. Es macht keinen Sinn, einem pfeifenden Dampfkessel noch mehr Hitze zu geben. Im Grunde bin ich froh, dass der Inhalt des Rucksacks abhanden gekommen ist. So wirken meine Fragen an sie authentisch und sind ehrlich.

Sie erzählt mir von ihren Eltern, ihrer Großtante und dem Leben in Rumänien. Dabei halte ich die große Fläche des Rapsfeldes im Auge. Jede Staubwolke am Horizont wäre Grund genug, mit Ivana im Unterholz zu verschwinden.

Am nächsten Morgen, während ich mich um den Abwasch kümmere, tritt Eva-Maria an mich heran.

„Wenn du Lust hast, kann ich dir deinen Wunsch mit der Insel erfüllen. Ich weiß nicht, ob ich dir erzählt habe, dass Klaus auf der Insel Vilm arbeitet. Dort hatten früher die SED-Bonzen ihre Ferienhäuser. Jetzt ist da eine Außenstelle vom Umweltministerium, weil dort Brutstätten seltener Vögel sind. Bis aus Sibirien kommen sie hergeflogen. Ihr fahrt mit dem Auto nach Rügen. Im Hafen von Lauterbach geht ihr auf die Fähre, die zweimal am Tag ablegt. Der Kapitän zählt nur die Anzahl der Passagiere, in die Gesichter schaut er nicht. Klaus und ein Freund werden dann an eurer Stelle an Bord gehen. Von ihm bekommst du auch den Schlüssel für eines der Ferienhäuser. Sie liegen oben auf einem Hügel zwischen Schafwiesen. Das Letzte am Wald ist dann eures. Als ich mal Stress mit Klaus hatte, haben wir das auch genutzt. Du wirst sehen, die Ruhe bewirkt Wunder. Einmal am Tag kommen Besucher, sie sind auf sechzig Personen reduziert und bleiben vielleicht zwei Stunden. Ansonsten lässt jeder auf der Insel den anderen in Ruhe.“        

Ich verkneife mir ein Grinsen, denn Eva-Maria und ihre Mitbewohner sind wirklich liebe Menschen. Aber sie in alles einzuweihen, wäre nur zu ihrem Schaden.  

Ich finde Ivana hinter der Scheune bei den Katzen. Eine von ihnen hat geworfen. Sechs kleine flauschige Wesen liegen eng mit geschlossenen Augen am Bauch der Mutter. Mit ihren platten Nasen haben sie mehr Ähnlichkeit mit Affen als mit Katzen.

„Du musst packen. In einer Stunde fahren wir los“, sage ich.

„Können wir eine mitnehmen?“, fragt sie, obwohl sie die Antwort kennt.

„Vielleicht auf dem Rückweg“, lüge ich, obwohl mir das schwer fällt. Eine Mischung aus Mitleid und Verzweiflung ist in mir, denn ich habe immer noch keine Lösung für ihr weiteres Leben gefunden.

Schweigend fahren wir über die Brücke nach Rügen. Für einen Moment glaube ich meine Kinder durch den Rückspiegel auf der hinteren Sitzbank zu sehen. Wir haben schöne Urlaube auf der Insel verbracht, aber das ist ein anderes Leben gewesen.

„Es ist schön hier“, seufzt Ivana neben mir und schaltet das Radio ein.

„In den frühen Morgenstunden sind acht junge Männer an der Steilküste zwischen Sassnitz und Sellin angeschwemmt worden. Vermutlich handelt es sich um den Junggesellenabschied aus Wismar, der seit fünf Tagen vermisst wird. Durch den hohen Alkoholgehalt im Blut der Toten geht die Polizei von einem Unfall aus. In diesem Zusammenhang weist die örtliche Behörde daraufhin, dass die Abgänge um Kap Arcona auch weiterhin gesperrt sind.“

Ich schalte das Radio aus und suche nach einer Möglichkeit zum Parken. Ein Blick zur Seite verrät mir, dass ich mich beeilen muss. In einer Haltebucht unweit der Brücke, die Stralsund mit Rügen verbindet, stoppe ich den Wagen.

Ivana springt sofort heraus und übergibt sich über einen wildgewachsenen Sanddornstrauch.

Ab jetzt sind wieder Fernsehen, Radio und Zeitungen tabu, vermerke ich in meinem geistigen Notizbuch.

Ich hole aus einem der Rucksäcke, die uns Eva-Maria mit Lebensmitteln und Getränken vollgepackt hat, eine Flasche Wasser und reiche sie ihr.

„Hört denn dieser Albtraum niemals auf“, stammelt Ivana und gurgelt sich mit dem Wasser den Mund aus.

„Erst, wenn alle hinter Gittern sind“, erwidere ich, weil ich in der Beziehung keinen Sinn darin sehe, ihr etwas vorzumachen.

„Das Bergschloss war doch voller Menschen, da müsste es noch andere geben, die was gesehen haben. Wieso ich? Ich verstehe das nicht!“

„Der Familienclan wird dichthalten und die anderen werden längst wieder in ihren Herkunftsländern sein oder sind auf der ganzen Welt verstreut. Selbst wenn sie nicht vor Gericht aussagen, werden sie hinter dir her sein.“

„Im Herbst beginnen in Wien die Proben zu Fidelio. Ich müsste längst die Partitur auswendig können.“

Ich bringe es nicht über das Herz, ihr die Wahrheit zu sagen, stattdessen frage ich, ob wir weiterfahren können.

Bis nach Lauterbach reden wir kein Wort miteinander, dabei hätte ich ihr gern etwas zur Geschichte von Putbus erzählt, der weißen Stadt mit den außergewöhnlichen Plätzen. Niemand scheint uns zu verfolgen. Wahrscheinlich glaubt das Amt wie auch die kroatische Mafia nicht, dass wir so verrückt sind und uns immer noch auf der Insel aufhalten.

Folge deinem Verfolger und er bekommt dich nie. Aber was ist, wenn zwei Gruppen hinter einem her sind, jeder mit anderen Motiven?

Ich fahre auf den großen Parkplatz neben der kleinen Yachtwerft und hätte mich nicht gewundert, wenn plötzlich hinten die Kinder aus dem Wagen gesprungen wären.

Ein magischer Moment, wenn Vergangenes auf das Jetzt stößt. Die Gerüche und die Off-Töne sind die Gleichen. Wie ein Zeitreisender geht man durch eine bekannte Kulisse und erwartet jeden Moment sich selber zu begegnen. Dort vorne an dem Busch habe ich mit den Kindern um die Wette gepinkelt. Dort drüben an dem Balken, der die Parkplätze abgrenzt, hat meine Frau einen Blechschaden verursacht und darüber gelacht.

„Kinder, wir haben doch Urlaub!“

Wenn ich den Balken mit einem Mikroskop untersuchen würde, wahrscheinlich wären Lackspuren von unserem Auto zu erkennen.

Ich hole die beiden großen Rucksäcke aus dem Kofferraum, um dem Jetzt auch ein Gewicht zu geben.

Wir gehen durch die Marina des Yachthafens, wo man in schwimmenden Häusern wohnen kann. Bunte kleine Holzhütten, die alle einen Fischnamen tragen und voller Erinnerungen sind. Ob sich unsere Moleküle in den Tapeten und Matratzen festgesetzt haben?

Ich weiß es nicht.

Vielleicht gehen unsere Astralkörper immer noch durch die Häuser und sitzen mit Fremden an einem Tisch.

Ivana hat sich eine große Sonnenbrille aufgesetzt, die sie wie eine Fliege aussehen lässt.

Ich nehme sie bei der Hand. So schreiten wir wie ein Paar durch die Marina, am Kiosk vorbei, wo die Kinder um Eis anstehen und Frauen an Tischen sitzen, um Ansichtskarten zu schreiben. Männer studieren Seekarten oder tun zumindest so.

Meine Frau stellt sich uns in den Weg und verlangt eine Erklärung von mir.

Ich gehe durch sie hindurch und inhaliere ihr Parfüm. Am Ende des Stegs gibt es links eine Unterführung, die uns in den großen Hafen von Lauterbach bringt, dort, wo die Fischerboote, Ausflugsboote und Fähren Halt machen.

„Du warst schon mal hier?“, fragt Ivana, deren Hand sich wie tot anfühlt.

Zum Glück trage auch ich eine Sonnenbrille, die von innen längst beschlagen ist. Über uns macht der Rasende Roland einen Pfiff und startet seine Rundreise über die ganze Insel.

„Hast du Lust auf einen geräucherten Fisch?“, frage ich zurück und hoffe, dass sie ihre Frage bald vergessen hat.

Wir setzen uns an die Plaza, an deren Kai der Holzsegler liegt, auf dem Räucherfisch hergestellt und angeboten wird.

„Man könnte meinen, wir verbringen hier unseren Jahresurlaub“, sagt Ivana und fordert eine Zigarette von mir.

Ob ihr Unterbewusstsein ahnt, dass sie ihre Stimmbänder professionell nicht mehr brauchen wird?

Wie ein professioneller Dealer reiche ich ihr eine Zigarette und zünde sie an.

Ein großer Platz mit dem entsprechenden Hafenbecken. Wir sitzen auf dem Präsentierteller. Ein leises Plop-Plop und die Sache wäre erledigt.               

Irgendwann am Abend, wenn die Sonne sich im schwarzen Hafenbecken selbst ertrinkt, wird dem Menschen, der die Papierkörbe leert, auffallen, dass am Räucherboot immer zwei mit hängenden Köpfen sitzen.

Ich hätte gern eine Seebestattung, dort, wo das Flugzeug mit meiner Frau und den Kindern zerschellt ist. Wenn es sein muss in ganzen Stücken und nicht zu Asche pulverisiert.

Am Ende des langen Piers geht die Fähre nach Vilm ab. Das weiße Boot liegt schon vor Anker und die kleine Gruppe, die pro Tag auf die Naturschutzinsel geht, wartet schon, um an Bord gehen zu können. Naturkundler, Hobbyfotografen und Urlauber, die mit ihrer freien Zeit nichts anzufangen wissen, wippen mit dem einen Bein aufs andere und bringen ihre Ungeduld zum Ausdruck, endlich an Bord zu können. Eines haben sie alle gemeinsam: Rucksäcke.

Wir werden nicht auffallen.

Ivana und ich stehen an der Reling. Ein würziger Fahrwind weht uns entgegen. Um uns herum kreuzen Segelboote unser Schiff, das schnurstracks gerade ausfährt. Vor uns ein längliches Gebilde, dass an einen Zeppelin erinnert, der im Meer gestrandet ist: Vilm.

Vor der Abfahrt hat der Kapitän die Passagiere gezählt und dabei mehr auf die Schuhe als in die Gesichter geschaut. Da ich die Insel kenne, dürfte es kein Problem sein, sich zum richtigen Zeitpunkt von der Gruppe abzusetzen. Klaus und eine Mitarbeiterin des Umweltamtes werden dann stellvertretend im Halbkreis stehen und der Stimme des Reiseführers lauschen. 

Ivana und ich haben uns an der Bugseite ein ruhiges Plätzchen gesucht. Über die Reling gebeugt starren wir auf den Bodden, der in der Sonne silbern glitzert.

„Meine Damen und Herren, liebe Gäste, hier spricht ihr Kapitän von der MS Sundevit. Die Fahrtzeit zur Insel Vilm beträgt ungefähr 20 Minuten. Genießen Sie also die Überfahrt über den Greifswalder Bodden“, krächzt die Stimme aus den Lautsprechern.

„Bist du verheiratet und hast du Familie?“, fragt Ivana und starrt dabei weiter auf das Wasser.

Da mir die Frage immer gestellt wird, habe ich auch eine Antwort parat.

„In diesem Job bleibt man am besten allein.“

„Und was hast du vor diesem Job gemacht?“

Auch diese Frage kommt nicht unerwartet.

Nur meine Antwort erstaunt mich selbst, weil ich sie so noch nie gegeben habe.

„Ich habe geschrieben, Theaterstücke, Romane und so.“

Ich habe mich gerade selbst enttarnt. Ein Fehler, den ich nicht mehr rückgängig machen kann. Vielleicht kann mir dieser unverzeihliche Fehler auch nützlich sein. Wenn ich wieder ich bin, gelingt es mir unter Umständen leichter eine Lösung für Ivanas Problem zu finden.

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10. Kapitel

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