Newsletter       Über mich       Romane       Theaterstücke       Lyrik       Film       Kontakt       Impressum

Das kleine Glück des Augenblicks

 

12.


Die Selbstbedienungsfächer der Fotoabteilung in den Drogeriemärkten sind Fundgruben. Hier beziehe ich die Grundlage für meine neu gestalteten Fotofamilienalben. Besonders Familienereignisse, Klassenfotos oder Firmenfeste finden mein Interesse. Dank Photoshop und anderen Computerprogrammen ist es ein Leichtes, Köpfe zu tauschen und die meiner Klienten einzufügen. So entstehen ganz neue Familien, Klassen und Belegschaften.

Bei Ivana weiß ich nicht, wie ich ein Familienalbum anlegen soll. Ich weiß einfach zu wenig über sie. Darum werde ich heute mit der Befragung beginnen. Zwanglos werde ich ihr Fragen stellen, so wie es Menschen tun, die sich gerade kennengelernt haben.

Nach dem Frühstück gehen Ivana und ich an den äußersten Zipfel der Insel, der im Grunde aus einer schmalen Sandbank besteht, die wie ein Speer aussieht. Am Ende der Landzunge lassen wir uns im Kies nieder und tauchen unsere Füße ins Wasser. Bis zum Nachmittag, wenn die nächste Besuchergruppe aus Rügen kommt, sind wir hier ungestört.

„Nach Salzburg wollte ich zwei Wochen am Attersee verbringen, um Segeln zu lernen. Jetzt weiß ich nicht einmal mehr das aktuelle Datum“, sagt Ivana und ich spüre die Bitterkeit in ihrer Stimme.

„Hast du Geschwister?“, frage ich sie und lasse mein Smartphone, dass keine Chipkarte besitzt, einfach mitlaufen.

„Leider nein. Aber ich glaube mein Vater wollte unbedingt einen Sohn. Als er merkte, das da nichts mehr kommt, hat er mir das Schießen beigebracht und ist mit mir auf die Jagd gegangen. Jetzt treffe ich auf hundert Meter alles, kann einen Hirschen ausnehmen und ein Geweih präparieren. Nicht schlecht für eine Opernsängerin!“

„Ich musste auch immer mit meinem Großvater auf die Jagd. Im Grunde habe ich nur auf Bäume geschossen“, erwidere ich und habe dabei meinen Großvater vor Augen. Nicht einen von den vielen Fantasiegroßvätern, die ich aus Drogeriebildern ausgeschnitten habe, sondern meinen Großvater, der am 11. September 2001 ins Koma gefallen und ein paar Tage später verstorben ist. Nur weil ein Notarzt die falsche Person gefragt hat, ob er wiederbeleben soll oder nicht. Ein trivialer Tod, irgendwo auf der Straße eingeleitet durch die Tochter der Freundin meines Großvaters.

Bei jeder Frage, die ich Ivana stelle, kommen bei mir alte Bilder zurück, die ich vor Jahren in einem Container alle entsorgt habe.

„Wir gehören zur ungarischen Minderheit in Rumänien. Unter Nicolae Ceaușescu sicherlich kein Zuckerschlecken für meine Familie, besonders für meine Großtante Zita nicht, die sehr stolz auf ihren Namen gewesen ist und sich eigentlich als Österreicherin gefühlt hat. Nicolae Herlea ist einer der berühmtesten Opernsänger des Landes gewesen. Sie hat mich von Anfang an gefördert.“

Ich rieche den Heuschober von dem Ivana erzählt und höre die Gänse schnattern, die in Formation über die Wiese ausschwärmen. Im Ofen knackt das Holz und verteilt seinen harzigen Duft im ganzen Dorf.

Die öffentlichen Gebäude im barocken gelb und hellblau gestrichen, so wie ich es von Zuhause auch kenne.

Gegen Viertel vor drei brechen wir auf, um uns in unserem Gästehaus unsichtbar zu machen.

Auf dem Rückweg erzählt Ivana von ihrer Zeit in Bukarest. Ich unterbreche sie und zerstöre schlagartig den ganzen Tag.

„Warum hast du mir ein Handy geklaut?“

Ohne Worte zieht sie es aus ihrer Tasche. Ich nehme die SIM-Karte heraus und werfe beides in den Greifswalderbodden.

Im Gästehaus angekommen, schließt sich Ivana in ihr Zimmer ein.

Ich habe es versaut.


Ivana liegt auf dem Bett und versucht die Mücken zu zählen, die unbewegt wie schwarze Sterne an der Decke kleben.

So nah ist sie sich lange nicht mehr gewesen. Er hat sie ausgefragt und sie ist so blöd gewesen, ihm zu antworten.

Was geht ihn ihre Familiengeschichte an?

Geschickt hat er das eingefädelt, weil er auch dauernd von sich erzählt hat. Geschichten kann er erzählen, aber für ein Libretto wird es nicht reichen.

Eine Oper über die Flüchtlinge, über die unzähligen namenlosen Toten. In Lampedusa müsste man eine Arena schaffen und diese gedachte Oper zur Aufführung bringen.

Ohne Namen, ohne Datum ist sie auch. Sie ist in der Hand von anderen, deren nächste Schritte sie nicht kennt. Es gibt keine Partitur, noch nicht einmal ein Notenblatt, an der sie sich hätte orientieren können.

Die Frage nach dem Handy ist so unverhofft gekommen, dass sie es ihm wie ein trotziges Kind in die Hand gedrückt hat. Dabei hat sie nur ihre Mutter angerufen, damit sie sich keine Sorgen macht.

Was für ein Arschloch, denkt Ivana und zählt die Mücken an der Decke.


„Wo sind Sie?“, fragt die Stimme am anderen Ende.

„Sie erwarten doch keine Antwort von mir“, sage ich und lausche in die Stille.

„Bei dem, was passiert ist, sind Sie aus allem raus. Sie kennen die Regeln!“ Die Dame vom Amt ist laut geworden.

„Sie sind dort vor Ort gewesen, warum haben Sie nichts gemacht?“

„Durch Ihre nicht abgesprochene Aktion ist alles aus dem Ruder

gelaufen. Wir hatten genug zu tun.“

„Da ist eine ganze Gruppe an jungen Männern ums Leben gekommen und Sie wollen wissen, wo wir uns gerade aufhalten?“

Wieder lausche ich in die Stille und bekomme keine Antwort.

„Es hat Tote gegeben, Sie kennen die Regeln, bringen Sie sie nach Hause und halten sich dann raus!“

Die Dame vom Amt hat aufgelegt.

Ich nehme die SIM-Karte aus dem Prepaid Handy und spüle sie im Klo herunter. 

Ich hätte noch so viele Fragen gehabt, aber sowieso keine richtigen Antworten bekommen.

Wir bleiben solange unsichtbar, bis ich in den Nachrichten höre, dass es Verhaftungen gegeben hat.

Es klopft an der Tür. Ich schaue auf die Uhr, das wird Klaus sein.

„Und wie war die erste Nacht?“, fragt Klaus und grinst über das ganze Gesicht. „Ich habe euch ein Hühnchen und Wein mitgebracht!“

Klaus stellt mir einen vollen Rucksack vor die Füße.

„Dann bis morgen um dieselbe Zeit!“

„Danke für alles“, erwidere ich und gebe ihm einen Zettel mit meinen Einkaufswünschen, an dem ein Hunderteuroschein geheftet ist. Als Klaus geht, sehe ich durch den Spalt der Tür Schatten einer neuen Besuchergruppe.

Nachdem ich die Lebensmittel im Kühlschrank verstaut habe, lege ich mich auf das Sofa im Wohnzimmer und warte auf die Glocke unten am Steg, die mir signalisiert, dass das Boot mit der Besuchergruppe ablegt.

Warten habe ich gelernt und die Ungeduld, die die Zeit lähmt, irgendwann vom Hof gejagt.

„Komm bloß nicht wieder“, habe ich ihr nachgeschrieen, aber da ist sie schon hinter einem Hügel verschwunden, auf dessem höchsten Punkt ein Kirschbaum steht, der gleichzeitig Blüten und Früchte, Knospen und kahle Äste trägt.

Zeitgleich habe ich im Badezimmerspiegel mein erstes graues Haar entdeckt.

Mir ist nie langweilig gewesen. Vielleicht, weil ich der Zeit schon früh die Zunge herausgestreckt habe. Ab da sind wir getrennte Wege gegangen. Die Zeit würdigt mich keines Blickes und ich setze mich über sie hinweg.

Längst habe ich vergessen, wie lange meine Frau und die Kinder tot sind. Es ist unerheblich. Sie fehlen mir, das reicht. Da kommt es auf ein Jahr, einen Tag oder eine Stunde nicht an.

In meiner Wohnung, die ich als Flugkapitän angemietet habe, dienen die großen Wanduhren, die die Zeit von Sydney, New York, Nairobi und Berlin anzeigen, nur der Dekoration. Ähnlich wie die glücklichen Pärchenbilder auf dem Kaminsims, die mich mit einer fremden Frau vor den bekanntesten Gebäuden dieser Welt zeigen.

Einem geübten Auge würde es auffallen, dass wir auf allen Bildern gleich aussehen und auf unseren Weltreisen kein Zahn der Zeit an uns genagt hat.

Bei einer genaueren Untersuchung durch die Spurensicherung würde sicherlich schnell festgestellt werden, dass ich immer dasselbe Bild benutzt habe.   

Seit Jahren habe ich keine Uhr mehr auf Sommerzeit gestellt, weil ich darin keinen Sinn sehe. Die Armbanduhren, die mir meine Frau geschenkt hat, sind irgendwann einfach stehen geblieben.

Ein Zeichen?

Ich glaube nicht, dass es da etwas zu deuten gibt.

Als meine Großmutter mit 102 Jahren gestorben ist, hat ihre Armbanduhr einfach weiter getickt.

„Mir doch egal“, sagt die Zeit und ist nicht in der Lage,

selbständig ein Kalenderblatt abzureißen.

Während das Hühnchen im Backofen anbrät, sitze ich vor dem Laptop und verwandle das Aufgenommene zu einem Text.

Ivana gehört zu der ungarischen Minderheit in Rumänien. Sie spricht fließend Ungarisch. Vielleicht lässt sich daraus eine Legende stricken. Es ist unwahrscheinlich, dass die kroatische Mafia das weiß. Die Opernsängerin hat den Nachnamen ihrer verstorbenen Großtante angenommen. Ihre Mutter ist ein zweites Mal verheiratet gewesen und trägt den Namen des zweiten Mannes. Ihr Vater war Polizist und ist nach seiner Pensionierung nach Neuseeland ausgewandert, wo er einen Sicherheitsdienst aufgebaut hat. Ivana hat keine Geschwister, keine Kinder, noch nicht einmal einen Freund. Eigentlich beste Voraussetzungen für ein neues Leben, wäre da nicht ihr Beruf. Selbst bei einer guten Gesichtsoperation würde man sie an ihrer Stimme wieder erkennen.

Kindergärtnerin wie ihre Mutter, vielleicht sollte ich das mal ansprechen. Auf der anderen Seite weiß ich natürlich, welche Mühen und Entbehrungen sie aufgebracht hat, um so weit als Sängerin zu kommen. Dass mit der Kindergärtnerin behalte ich besser noch für mich. Im Grunde bin ich von der Idee auch nicht überzeugt.

Es ärgert mich, dass mir nichts einfällt, noch mehr, dass Ivana mein Vertrauen missbraucht und sich einfach ein Prepaid Handy geschnappt hat.

Warum hat sie mich nicht gefragt, ob sie mal telefonieren kann? Wir hätten sicherlich eine Lösung gefunden.

Gerade jetzt, wo alles aus dem Ruder zu laufen scheint. Eine ganze Gruppe an jungen Männern muss sterben und das Amt schaut zu?

Nein, das kann ich nicht glauben. Was läuft da gerade schief?

Ein Mann kommt vor Gericht, weil er einer Landesbank mit der fiktiven Beteiligung an einem Yachthafen samt Schiffen den Todesstoß versetzt hat. Vier der Beteiligten bei diesem Millionendeal sind schon tot. Ein Politiker, der nächtens angeblich zu schnell gefahren ist und eine Kurve falsch eingeschätzt hat. Aber warum hat dann jemand das Unfallauto vom Gelände der Polizei gestohlen?

Ein Banker ist von einem Dach eines Frankfurter Bankhauses gesprungen, obwohl sein Institut in einer anderen Stadt seinen Hauptsitz hat. Der Vorstandsvorsitzende einer großen Versicherung stirbt mit seiner gesamten Familie, weil er während eines aufkommenden Sommergewitters den brennenden Grill ins Wohnzimmer rollt. Kohlenmonoxidvergiftung wird bei der fünfköpfigen Familie festgestellt. Die vierte Person, ein gewisser Großkatz, Lobbyist aus Berlin, wird seit den ersten Hausdurchsuchungen vermisst. Das Amt glaubt, er hat sich ins Ausland abgesetzt. Seine Frau möchte ihn für tot erklären, um die Lebensversicherung zu kassieren.

All das erfahre ich mit wenigen Klicks im Internet. Mögen auch manche Dinge nicht so stimmen. Die Richtung bleibt.

Wie kann die kroatische Mafia eine Landesbank stürzen?

Diese Frage ist mit ein paar Mausklicks nicht zu klären.

Im Zweifel für den Angeklagten. In ein, zwei Fällen wird die Aktenlage so eindeutig sein, sonst hätten die Behörden keinen Haftbefehl erlassen.

Ohne die Tötungsgeschichte, bei der eine junge Frau und in der Verfolgung der Impresario zu Tode gekommen ist, wird es wahrscheinlich auf eine Bewährungsstrafe hinauslaufen.

Ich schiebe das angebratene Hähnchen aus dem Ofen und ertränke es in Rotwein, in dem glasige Zwiebeln und gebratene Speckwürfel schwimmen. 

Das ganze Gästehaus riecht nach Hunger. Die Lockstoffe von angebratenem Speck, Zwiebeln und Hähnchen müssten doch längst ihren Weg durch das Schlüsselloch in Ivanas Zimmer gefunden haben.

Meine Variation eines französischen Weinhähnchens ist fertig, aber Ivana zeigt keine Reaktion. Ob sie noch sauer wegen des Handys ist?

Sie muss doch verstehen, dass sie mich hätte fragen müssen.

Ich rauche auf der Terrasse eine Zigarette und beobachte auf einem Ast einer verkrüppelten Kiefer ein braunes Eichhörnchen, das glaubt, ich hätte es noch nicht entdeckt. Immer mehr traut es sich durch gewagte Sprünge von Ast zu Ast nach vorne.

Vielleicht ist Ivanas Situation und die meine eine ähnliche. Wir glauben uns in der sicheren Deckung, dabei stehen unsere Verfolger schon so nah bei uns, dass wir sie nicht sehen.

Erst als ich die Zigarette ausdrücke und mich zur Terrassentür bewege, ist das braune Eichhörnchen mit einem Sprung verschwunden.

Ivana hat es ihm gleich getan.

Nachdem ich erst zaghaft, dann lauter geklopft und gesagt habe, dass das Essen fertig sei, habe ich ohne Erfolg die Türklinke heruntergedrückt. Natürlich hätte ich die Tür mit einem Tritt öffnen können, aber mit Rücksicht auf Eva-Maria und Klaus lasse ich es bleiben.

Ich trete vorsichtig vor das Haus und gehe einmal herum. Überall sind die Gardinen vorgezogen, auch vor Ivanas Zimmer. Nur da sind die Fensterläden nur angelehnt und die Vorhänge von außen zugezogen worden.

Ivana ist weg. Gut, von der Insel wird sie nicht wegkommen. Dafür hat längst die Dämmerung eingesetzt. Es gibt in den einzelnen Waldstücken Ecken, da ist es dunkel wie in einer Höhle. Die Gefahr, einem der elf Einwohner auf der Insel in die Arme zu laufen, ist hoch. Nichts gegen Klaus Aufzeichnungen und Bewegungsprotokolle, aber was ist, wenn zwei der Bewohner beschließen, draußen in der Natur eine Stunde die Schäfer zu spielen?

Ich stelle den Herd ab und mache mich mit einer Taschenlampe auf die Suche, die ich nur im Notfall verwenden werde. Ich nutze den Mond und die Sterne als Lichtquelle und bewege mich auf den Schneisen bis zum Wasser.


Als Ivana zusammen mit der Sonne ins Wasser geht, dreht sie sich noch einmal um und muss grinsen. Am steinigen Ufer ein sorgsam gefaltetes Paket aus Kleidern, davor in Reih und Glied die Schuhe.

Warum machen Frauen das?

Ivana muss lange durch das Wasser waten, bis ihre Füße keinen Boden mehr spüren. Sie dreht sich auf den Rücken und hält Zwiesprache mit einem Mond, den Spitzweg nicht besser hätte malen können.

fttp://johanneswierz.homepage.t-online.de/home/Theaterwerkstatt2017.html

_____________________________________________________________________________________________________________________________

12. Kapitel

Webdesign & Copyright

2018

by Johannes Wierz

Kontakt  Kontakt.htmlKontakt.htmlshapeimage_3_link_0
     Impressumfttp://johanneswierz.homepage.t-online.de/home/Impressum2017.htmlImpressum.htmlshapeimage_4_link_0