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Das kleine Glück des Augenblicks

 

13.


Zu keiner Zeit habe ich an Selbsttötung gedacht. Ich weiß, wie banal der Tod ist, warum ihm freiwillig entgegenlaufen. An jeder Ecke breitet er seine Arme aus und reißt Leben auseinander. Mag es für den einen die Erlösung sein, den meisten wohl zieht es den Boden unter den Füßen weg. Der Tod kennt keine Gerechtigkeit. Er nimmt mit, was er kriegen kann. Ein Raffzahn der übelsten Sorte. Alter und Ansehen spielen für ihn keine Rolle. In seinen Klauen ist jedes Lebewesen gleich. Es gibt Kulturen, die geben ihm zu Ehren ein großes Fest. In Mexiko nennen sie es Dia de Muertos.

In einem deutschen Schlaflied heißt es hingegen am Ende...wenn Gott will, wirst du morgen wieder geweckt.

Und wenn er nicht will?

Diese Frage hat mich als Kind oft nicht einschlafen lassen. Zum Glück folgt auf die Verzweiflung, dass das Leben in der Hand eines einzelnen liegt, die Jugend mit seinem Geist der Unsterblichkeit.

„Bevor man stirbt, sollte man alles in Ordnung gebracht haben“, hat mein Großvater gesagt, aber die Klauen des Todes nicht gesehen, die nach ihm gegriffen haben.        

In der Nacht wäre ich fast über die ordentlich wie ein Päckchen zusammengelegten Kleider gestolpert.

Selbst die Schuhe in Reih und Glied.

Hat die Opernsängerin alles in Ordnung gebracht?

Aber wo ist der Abschiedsbrief?

Der Lichtkegel der Taschenlampe streift wie das Brennfeuer eines Leuchtturms über das Wasser, das ruhig daliegt, als würde es schlafen. Von Ivana fehlt jede Spur.

Ich streife mir die Kleider vom Leib, lasse sie wahllos in dem Gemisch aus Steinen und Sand fallen und gehe ins Wasser, das sich weich und warm anfühlt. Es braucht lange, bis ich keinen Boden mehr unter meinen Füßen spüre. Ich kraule ein paar Meter, lege mich auf den Rücken und beobachte, wie der Mond langsam hinter einer dunklen Wolke auftaucht, so als habe er auf der großen Bühne hinter einem schweren Vorhang auf den großen Auftritt gewartet.

Ich suche nach dem Gesicht im Trabanten wie ich das seit meiner frühesten Kindheit tue, aber außer einem Totenschädel kann ich in dieser Nacht nichts erkennen.

„Piratennacht“, hätten die Kinder gesagt.

Ich kraule weiter und tauche alle paar Meter, was in der Dunkelheit einem Blindflug gleich kommt. Unter Wasser kann ich bei ausgestrecktem Arm nicht einmal mehr die Finger sehen. Ein sinnloses Unterfangen, aber ich möchte nicht noch jemanden im Meer verlieren.

Spiralenförmig entferne ich mich immer mehr von der Insel. Es dauert nicht lange, dann habe ich die Orientierung verloren.

Kein Land in Sicht, als hätte mich ein Riese ins offene Meer geschmissen. Das ständige Tauchen hat Kraft gekostet. Ich muss mich für eine Richtung entscheiden. Ich spucke auf das schwarze Wasser und folge dem hellen Schaum.

„Piraten-Roulette“, schreien begeistert die Kinder, die voraus schwimmen und sich immer wieder nach mir umdrehen.

Wem könnte ich mehr vertrauen?

Ein hoher Sopran durchschneidet die Stille und irritiert die Kinder, die von einem Moment auf den anderen verschwunden sind.

Sollte sich ein Wal in den Greifswalderbodden verirrt haben?

Wenn ja, werde ich ihn einfangen, um mit ihm die Konzerthäuser der Welt zu füllen. Das Gesicht meiner Frau steigt auf wie ein Heißluftballon und verschwindet Richtung Piratenmond.

Ich schwimme der Stimme entgegen, angezogen wie das Insekt vom Licht. 

Der hohe Sopran kommt von einer Plattform im Rügischen Bodden. Keine fünf Meter von mir entfernt ragt eine verrostete Leiter aus dem Wasser, die von einem halben Mond angestrahlt wird.

Mit letzter Kraft erreiche ich das rostige Metallgerüst. Ich bin mehr als außer Form, japse, spucke Wasser und huste. Während der Wal weiter seine hohen Töne von sich gibt, lasse ich mich kraftlos  auf dem Metallpodest fallen.

Im Himmeltheater endet gerade ein Akt mit dem Schließen des Vorhangs. Die Plattform liegt vollkommen im Dunkeln.

Die Stimme ist verstummt, stattdessen spüre ich einen heißen Atem am Ohr.

„Kann ich dir helfen?“, fragt Ivana.

Ich versuche fast kraftlos nach ihrem Handgelenk zu fassen, greife aber immer ins Leere.

„Hau einfach nicht mehr ab, dafür bin ich zu alt“, erwidere ich und schmecke das rostige Metall auf meinen Lippen.

„Ich bin ein Draußen-Kind“, flüstert mir die Opernsängerin ins Ohr. „Früher habe ich die ganzen Sommer in der Natur verbracht. Mein Vater hat mir ein Baumhaus gebaut, wasserdicht und mit eigenem Blitzableiter.“

Ihre Flaumhaare haben sich aufgestellt und berühren meine feuchte Haut.

Wir liegen auf dem Rücken und starren beide auf den schwarzen Vorhang des Himmeltheaters.

Wenn zwei Menschen unterschiedlichen Geschlechts nackt nebeneinander liegen, bliebt es wahrscheinlich nicht aus, dass sich die Hände wie von selbst finden.

Große raue Hände, die einem zumindest die Illusion von Geborgenheit geben und für einen Moment einen Rollenwechsel zulassen.


Was für kleine Hände er doch hat, denkt Ivana und dreht sich ein wenig zur Seite. Zu lange liegt sie schon auf dem Metallpodest, dass ihr Körper die Wärme speichern kann. Der Mensch nehmen ihr ist warm und fühlt sich weich an, auch wenn sein Körper bei jeder ihrer Berührungen zittert.

Ivana spürt eine kleine Hand in ihren Haaren, die zuvor über die Wange und das Ohr gefahren ist.

Auch sie hat gezuckt und gehofft, dass er es nicht bemerkt.


Ja, verdammt, es ist passiert. Wahrlich, ich bin nicht stolz darauf.

Schon auf der Fahrt nach Berlin habe ich eine Ahnung gehabt. Ich hätte den Auftrag nicht annehmen dürfen. Aber meine Neugier ist stärker gewesen. Einer Opernsängerin ein neues Leben schenken.

Bin ich Gott?

Oder geht es mir wirklich darum, einen kroatischen Mafiaboss für immer hinter Schloss und Riegel zu bringen?

Bin ich Batman?

Außer Atem liegen wir auf der metallenen Plattform und starren auf das Schwarze des Himmeltheaters, wo sich der Vorhang langsam hebt. Ein blasser Piratenmond scheint auf uns nieder und verwandelt unsere Haut in Messing. Unsere Körper sehen aus wie eine Akrobatentruppe aus dem Varietétheater. Ein grauer Schwertwal taucht von rechts auf und schwebt links ab. Ein großer Eisbär tanzt und verwandelt sich in einen Schneewolf, der sich in viele kleine Schafe auflöst.

Hand in Hand, Kopf an Kopf liegen wir da und staunen über die Inszenierung am Himmel.

Ivana flüstert mir etwas ins Ohr, dass ich nicht verstehe. Aber es hört sich vertraut an, fast wie Musik.

Warum nicht eine Dummheit wiederholen?


Eine wohlige Wärme durchzieht ihren Körper und ihre Seele. So weich hat sie sich lange nicht mehr gefühlt. Wie eine Turnerin tanzt sie über den Schwebebalken. So leicht kann Leben sein.


Zwei Delphine mit den lachenden Gesichtern der Kinder tauchen aus dem Wasser auf und präsentieren ihre Kunststücke. Mit der aufgehenden Morgensonne steigen sie hoch und fallen in die goldene Gischt. Sie schwimmen eine Acht, steigen hoch und rudern fast ganz aus dem Wasser, mit ihren Schwanzflossen nach hinten. Sie rufen mich und wollen mich mitnehmen. Im immer mehr verblassenden Piratenmond winken mir die Delphine zu, als wollten sie sagen, alles ist gut. Ein paar Kunststücke, ein paar Kapriolen, dann sind sie im goldfarbenen Wasser verschwunden. 


Vielleicht bin ich ja jetzt schon eine andere, denkt Ivana. Der Mann neben ihr wäre in ihrer Welt unsichtbar geblieben. Als Dirigent oder Regisseur hätte sie ihn vielleicht wahrgenommen. Aber auch da hätte sie niemals etwas mit einem mindestens zwanzig Jahre älteren Mann angefangen. Der Altersunterschied ist für sie nicht das Problem. Aber das gelebte Leben des anderen ist für sie nicht einholbar. Unbewusst wird der andere mich vor Dingen schützen, die ihm widerfahren sind. Schleichend werde ich im Leben des anderen aufgehen, ohne meine Erfahrungen gesammelt zu haben, außer der, mit einem viel älteren Mann zusammen zu sein.

Jetzt ist es anders. Sie weiß noch nicht einmal, welcher Tag heute ist. Selbst den Namen der Insel hat sie vergessen. Warum soll sie sich ihn auch merken, wo sich alle paar Tage ihr Leben schlagartig ändert. Anfangs hat sie noch die Tage gezählt, weil die Hoffnung, zurück in ihr altes Leben zu gelangen, alles überlagert hat. Wenn aber die Hoffnung schwindet, ist das Zählen der Tage belanglos.

Ivana hat nicht viele Männer gehabt, meist hat ihr die Zeit dafür gefehlt.

„Du musst dich entscheiden, was für dich wichtig ist“, hat die Großtante immer gesagt und hinzugefügt, dass es nichts Schlimmeres gibt, als durch andere Menschen vom eigenen Weg abgebracht zu werden.

„Meist passiert so etwas durch Gedankenlosigkeit oder der Langeweile des anderen. Hüte dich vor Menschen, die nicht allein sein können. Die hohe Kunst des Lebens besteht darin, mit sich selbst auszukommen. Wer das nicht kann, reißt andere mit in den Abgrund der Unzufriedenheit.“

Der Mann neben ihr ist an ihrer Brust eingeschlafen. Ein satter tiefer Atem streift ihre Haut und fühlt sich gut an. Instinktiv fährt sie ihm durch das Haar und spürt die ersten Sonnenstrahlspitzen auf ihrer Haut.


Mein Traum, in dem ich mich befinde, ist sehr konkret. Auf der Suche nach der Opernsängerin bin ich in der Nacht ins Wasser gegangen und von einer verzauberten Stimme auf eine Plattform mitten im Bodden gelockt worden. Eine Nixe, die schöner und weicher nicht sein kann, hat mich geliebt. Selbst in der Aufwachphase spüre ich ihre Wärme und rieche ihren Körper.

Der Tag beginnt mit scharfen Konturen und setzt alles in ein blaues Licht, dass sich langsam in ein sattes Orange wandelt.         

Ich liege an der Brust der Nixe aus meinem Traum und glaube wach zu sein.

„Du bist wach“, holt mich Ivana zurück in die Wirklichkeit. Dabei zerschneidet sie keinen Vorhang, der Traum und Wirklichkeit trennt, sondern fährt mir einfach weiter durchs Haar.

„Wir sollten an Land schwimmen“, sagt sie, nachdem ich immer noch nicht registriere, dass es keinen Vorhang zwischen den Welten gibt.

„Gib mir noch fünf Minuten“, sage ich und richte mich auf.

Jetzt kann sie zwar meinen Bauch in voller Pracht sehen, aber das ist mir an diesem Morgen egal. Ich schaue sie ja auch an und entdecke neben mir einen wunderschönen Körper, der auch nicht perfekt ist, aber in dieser schöpferischen Komposition passt.

Perfektion ist die Endstufe an Phantasielosigkeit, die nicht nur ins Leere führt, sondern Leere bedeutet.

Ein platschendes Geräusch und ein paar Wasserspritzer auf meiner Haut lassen meine Gedankengänge abbrechen.

Ivana ist kopfüber ins Wasser gesprungen.

Als ich aufschaue, sehe ich wie ihr nackter Po und die Beine im dunklen Bodden verschwinden.

Was bleibt mir anderes übrig, als ihr hinterher zu schwimmen.

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13. Kapitel

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