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Das kleine Glück des Augenblicks

 

14.


Ich sitze auf der Terrasse des Gästehauses und genieße bis zur ersten Schiffsglocke die Morgensonne. Viel zu aufgedreht, um schlafen zu können. Bei meiner Entjungferung bin ich erst zwei Tage später unter die Dusche gestiegen. Alles an mir hat nach ihr gerochen, das wollte ich solange wie möglich behalten.

Was hindert uns daran loszulassen?

Kinder können das mit einer Freude.

Sie blasen Seifenblasen mit der Gewissheit, dass sie zerplatzen. Sie pflücken eine Pusteblume und mit einem Ausstoß ihrer kindlichen Lungenkraft verwandeln sie die Mutation eines Löwenzahns zu einem unscheinbaren Stengel.

Kinder teilen gern. Sie reichen gerne weiter. Spätestens nach dem ersten Sex ist das vorbei.

Liegt das in der Natur des Menschen?

Was will er sich bewahren?

Und ab wann wird es pathologisch?

Nach dem Läuten der Schiffsglocke unten an der Anlegestelle habe ich leise in der Küche Nachrichten gehört.

„Der Kronzeuge im Prozess gegen Zlatan Brokisch, der in zwei Wochen eröffnet werden soll, ist in seinem Ferienhaus in Südtirol tot aufgefunden worden. Die Polizei geht von Selbstmord aus. Das ehemalige Vorstandsmitglied der bayerischen Landesbank hat sich in seinem Jachtzimmer erschossen. Er hinterlässt eine Frau und zwei Kinder. Und nun zum Sport...“

Wenn die Staatsanwaltschaft nicht weitere Zeugen hat, droht der Prozess zu platzen.

Das Amt wird den Druck mit Sicherheit erhöhen und alles dafür tun, Ivana und mich zu finden. Dass meine Tage im Amt gezählt sind, ist mir ohnehin klar. Aber wie werden sie Ivana zusetzen, wenn sie sich weigert, im Zeugenschutzprogramm aufgenommen zu werden?

Was haben sie für Mittel an der Hand von denen ich nichts weiß?   

Wie lange hat Ivana mit dem Prepaid Handy telefoniert?

Mit Sicherheit werden sie den Telefonanschluss ihrer Mutter überwachen, auch wenn dieser in Rumänien liegt. Wahrscheinlich werden sie nicht die einzigen sein, die Ivanas Mutter überwachen. Sie ist ohnehin die Schwachstelle.

Letzte Nacht ist mir etwas aufgefallen, dass ich unbedingt überprüfen muss. Ich schaue auf die Inselkarte und studiere Klaus Eintragungen, die belegen, wer sich wann und wo auf der Insel aufhält. Dann mache ich mich auf den Weg.

Keine Stunde später sitze ich in der Küche und genieße eine heiße Tasse Kaffee.


Ivana liegt auf dem Bett und starrt auf die bewegten Schatten an der Decke, die von den Vorhängen herrühren und sie an einen unbeschwerten Kindersommer erinnern. Mit blinzelnden Augenlidern träumt sie sich zurück auf die Stoppelfelder ihrer Kindheit und lässt Drachen steigen. Im Bach hinter dem Haus fängt sie mit der Hand Fische, das hat ihr der Vater in einer Woche beigebracht. Einen Ofen hat er ihr gebaut, in dem sie panierte Pfirsiche, Mirabellen und im Teigmantel gerollten Fisch ausgebacken hat. Ihr Baumhaus hat einen Aufzug gehabt, in den Korb haben das Essen und mindestens drei Flaschen selbstgemachte Limonade gepasst. Alles hat nach Freiheit gerochen. Frisch gemähte Wiesen, gespaltene Holzscheite und ein Hefeteig der goldgelb sein Volumen verändert. Die erste Flöte selber aus einer Art Weide geschnitzt, später eine Panflöte aus Schilfrohr. Mit der singenden Säge, der selbst geschnitzten Block- und Panflöte in der Scheune ein Konzert gegeben, da ist sie neun Jahre alt gewesen. Konzert für drei Instrumente hat auf dem mit Wachsmalstiften gemalten Plakat gestanden. Selbst Großtante Zita ist angereist. Am Ende sind alle begeistert. Nur der gleichaltrige Josef nicht, der schmollend mit nassen Augen in der Ecke sitzt, und für den sie eigentlich das Konzert gegeben hat. Josef kann lebendige Regenwürmer verschlingen, was bei ihr zwar einen Ekel hervorruft, aber gleichzeitig auch eine Bewunderung. Barfuss kann er über blutrote glimmende Kohle gehen.

„Laufen, das kann ein jeder“, ruft er ihr zu und lacht. Zudem ist Josef der beste Pilzgeher in der ganzen Gegend. Die Größe seiner Steinpilze sind legendär. Mit einem dieser Prachtexemplare ist Josef sogar in der örtlichen Zeitung abgebildet gewesen. Josef ist mit seinen neun Jahren schon berühmt und das will sie auch werden.

Der Duft einer gemähten Wiese und frisch gespaltene Holzscheide kitzelt ihre Nase und lässt Ivana in einen ruhigen Schlaf finden.

   

Unten am Bootssteg läutet die Glocke. Die ersten Besucher für den heutigen Tag gehen an Land.

Ein paar Minuten später klopft es an der Tür. 

„Bei euch scheint ja wieder alles im Lot“, begrüsst mich Klaus und überreicht mir einen prallgefüllten Rucksack.

„War gar nicht so einfach, an all die komischen Sachen zu kommen!“

Die Nacht auf der metallenen Plattform hat Spuren hinterlassen.

Im Gegensatz zu ähnlichen Begebenheiten können Ivana und ich uns bei jeder Gelegenheit in die Augen schauen. Wenn ich sie ab und an wie zufällig streife, wirft sie mir einen zärtlichen Blick zu. Ich hoffe inständig, dass meine stumme Erwiderung, die gleiche Wirkung hat. Zu lange bin ich aus der Übung. Selbst meine Frau hat sich

oft über meinen ernsten Blick beschwert, der nie eine Absicht gegenüber ihr gewesen ist, sondern nur ein Anzeichen, dass ich mich gerade in anderen Welten aufhalte.

Ich drücke Klaus ein paar Geldscheine und einen neuen Zettel mit meinen Wünschen in die Hand. Wenn das alles hier vorbei sein wird, werde ich auf den Bauernhof zurückkommen und mit der Kommune ein rauschendes Fest feiern.

Wieder ziehen die Schatten der Inselbesucher an unserem Haus vorbei.

Zeit den großen prallgefüllten Rucksack zu leeren.

Nachdem ich die Lebensmittel und Getränke in der Küche verstaut habe, kontrolliere ich meine Sonderbestellungen. Klaus scheint tatsächlich alles bekommen zu haben.

Solange Ivana schläft, könnte ich das Amt anrufen, aber was hätte ich anzubieten?

Nein, das ist die falsche Frage an die falsche Adresse.

Möchte ich überhaupt, dass Ivana in ein Zeugenschutzprogramm kommt?

In Anbetracht des plötzlichen Freitods eines Bankers, der eine Frau und zwei Kinder hinterlässt, eine berechtigte Frage. Neben den üblichen staatlichen Sicherheitsmechanismen wird er bei seiner Stellung sicherlich noch einen privaten Sicherheitsdienst beauftragt haben, das Leben seiner Familie und das seine zu schützen.

Im Prozess geht es doch erst einmal nur um Steuerhinterziehung, Anlagen- und Versicherungsbetrug. Dennoch kennt die andere Seite keine Gnade. Was machen sie erst bei einer mehrfachen Mordanklage?

Ich will mich durch meine Fantasie nicht unnötig beunruhigen.

Ohne Anzuklopfen betrete ich Ivanas Zimmer und lege mich zu ihr ins Bett.

„In cele din urmă“, flüstert sie. Obwohl ich nichts verstehe, schmiege ich mich von hinten an sie, genieße alles und nehme mir vor Wörter, die die Zeit messen, aus meinem Vokabular zu streichen.

Bis zum Abend bleiben wir im Bett. Lieben uns, reden, lieben uns. Sind uns nah wie zwei Schiffbrüchige, die glücklich sind, einander gefunden zu haben.

Gott hat keinen Plan. Die Welt hat keinen Plan. Und wenn jeder Mensch ehrlich wäre, müsste er am Ende seiner Tage zugeben, auch keinen gehabt zu haben, zumindest keinen, der aufgegangen ist.

Warum bleibt man mit der ersten Liebe nicht bis zum letzten Atemzug zusammen?

Wäre das nicht konsequent?

Brauchen wir den Schmerz, um uns immer wieder neu zu orientieren?

Meine erste Liebe habe ich diesen Sommer vor vierzig Jahren das letzte Mal gesehen. Niemand interessiert sich dafür. Die Bank, auf der wir gesessen haben, wird es vielleicht noch geben. Das Herz, dass ich in das durch die Witterung graue Holz geritzt habe, vielleicht auch, aber sonst?

Die Erde dreht sich, beschert uns verschiedene Jahreszeiten, aber mehr auch nicht. Die Zeit vergisst alles, legt Staub über das Geschehen. Nach vierzig Jahren gibt es keine Spuren mehr, denen man folgen kann.

„Wusstest du, dass hier auf der Insel sibirische Wildhühner überwintern?“, fragt mich Ivana, die wohl die Faltheftchen  studiert hat, die im Wohnzimmer auf einem Teewagen ausliegen.

„Kaspar David Friedrich soll hier gemalt haben!“

Ich schäle mich aus dem Bett und gehe nackt in die Küche.

Den ganzen Tag haben Ivana und ich so gut wie nichts getrunken und gegessen.

„Wir machen einen Ausflug“, rufe ich nach hinten und füge hinzu, dass sie ein paar Klamotten und nur das Wichtigste in ihren Rucksack stecken soll.

„Eine gute Idee, aber nur, wenn wir auch schwimmen gehen.“

„Das lässt sich bestimmt machen“, erwidere ich und grinse den Kühlschrank an.

Als Ivana und ich das Haus in der Abenddämmerung verlassen, schnattern ein paar Gänse, bevor sie ihre Köpfe unter die Federn stecken. Ein paar Schafe reissen die letzten Büschel Gras heraus, bevor sie sich auf die Nacht vorbereiten. Wie eine Wagenburg formen sie sich zusammen. Eines der jungen Schafe blökt und trippelt schnell hinter den anderen her, weil es den Anschluss verloren hat.

Wir gehen zu der Stelle, an der ich gestern Nacht Ivanas gefaltete Kleider gefunden habe.

Der Himmel ist sternenklar und der Mond zeigt sich von seiner rundesten Seite.

Aus einem der Rucksäcke hole ich ein kleines Paket aus Kunststoff, das Ivana neugierig macht.

„Willst du hier zelten?“, fragt sie.

Ich drehe das würfelartige Gebilde bis ich die Schnur gefunden habe, an deren Ende ein Ring befestigt ist.

„Zieh mal dran“, sage ich zu ihr.

Eine Detonation wie bei einem Knallbonbon zu Silvester, dann kommt Bewegung in das Plastikgebilde.

Ich lasse es auf den Boden fallen und beobachte mit Ivana zusammen die Verwandlung.

Keine fünf Minuten später ist aus dem unförmigen Klotz ein kleines Schlauchboot geworden.

„So kommen wir trockenen Fußes zur Plattform“, sage ich.

„Ich dachte, wir wollten schwimmen“, erwidert Ivana.

„Das machen wir später. Erst einmal bringen wir unsere Sachen trocken rüber.“

Ich stecke die Paddel zusammen und lasse das kleine Boot zu Wasser.  

Zwei Personen und drei Rucksäcke, mehr hat wirklich nicht Platz auf der selbstaufblasenden schwimmenden Kunststoffinsel.

Der Bodden schläft friedlich und so gleitet das Boot dahin. In nur wenigen Minuten haben wir die metallene Plattform erreicht. Am hinteren Ende gibt es Verankerungen, um das Boot festzumachen. So ist es, wie die gesamte Plattform, vom Land nicht zu sehen.

Während Ivana das Boot vertäut und die Rucksäcke entlädt, untersuche ich mit einer Stabtaschenlampe die metallene Oberfläche. Am anderen diagonalen Ende werde ich fündig. Ein vertiefter kleiner Ring ist es, den ich gesucht habe. Ich öffne die Klappe und leuchte ins Innere der Plattform. Der Geruch von verfaulten Eiern ist zwar nicht der beste, dafür scheint der Hohlraum trocken zu sein. Platz genug, um sich gegebenenfalls zu verstecken und ein Depot anzulegen.

All diese Geschäftigkeit hat bewirkt, dass wir stumm nebeneinander sitzen und die Glut unserer Zigaretten unser Leuchtturm ist.

Kein romantisches Wochenende auf einer unbewohnten Insel. Die Realität hat uns wieder eingeholt. Und ich bin schuld. Wäre es nicht besser gewesen, ich wäre allein zur Plattform gefahren, um alles zu deponieren. Ich habe mich vom süßen Duft der Zweisamkeit leiten lassen.

Jetzt sitzen wir nebeneinander und teilen unsere Gedanken nur mit der Dunkelheit.


Mit den Zigaretten ruiniere ich  mir die Stimmbänder, sagt sich Ivana und hasst ihr inneres sarkastisches Lachen.

Das ist doch gar nicht meine Art. Ich habe keine Angst vor niemandem, hat ihr das nicht der Vater von früh auf beigebracht?

Mit vier Jahren hat sie schon allein das Pony geritten, das den Oprescus gehört hat, die jahrelang mit dem Zirkus Orlando durch den ganzen Ostblock gereist sind.

Mit sechs hat sie ihren ersten Schuss aus dem Luftgewehr abgegeben. Mit acht ist sie dabei gewesen, als das Schwein Carmen geschlachtet worden ist. Mit zehn hat sie mit der Dienstwaffe des Vaters, die Glaskugeln aus dem Nachbargarten zwischen den Beeten zerstört.

In die Gefängniszelle der Polizeistation von Sibiu ist sie gekommen, wenn auch nur für eine Stunde. Mit zwölf Jahren hat sie mit dem Traktor die Wiesen gemäht und das Heu eingefahren. Hühner und Gänse geschlachtet und Fische ausgenommen. Selbst bei Gewitter und in den finsteren Neumondnächten hat sie keine Angst gehabt, obwohl ihr die Großtante Zita so manche Gruselgeschichte erzählt hat.

Das Vorsingen, das Auswahlverfahren und die ersten Auftritte, alles hat sie mit einem geraden Blick gemeistert.

Aber die Angst, die jetzt in der Luft liegt, ist ja nicht zum Greifen. Zudem ist sie sich sicher, dass wieder etwas schreckliches passiert ist, was ihr schweigender Nachbar, der gerade so weit weg ist, ihr verschwiegen hat.

Sie ist kein kleines Kind mehr und kann die Wahrheit vertragen.

Dieser Aktionismus, den er an den Tag legt, hat nichts Gutes zu bedeuten. Wieso sollen sie hier ein Depot anlegen, wo niemand, außer die Besuchergruppen, auf die Insel kommen kann?

Wie ein Teenager sitze ich neben dem Stummen und traue mich nicht, meinen Kopf auf seine Schulter zu legen. Ich könnte nach seiner Hand greifen, aber meine ist bleischwer.


Ich hätte allein zur metallenen Plattform fahren sollen. Jetzt ist die Stimmung hinüber. Ob sie bereut, was wir gestern und heute getan haben?

Fünfundzwanzig Jahre liegen zwischen uns. Jahre, die ich nicht streichen und sie nicht aufholen kann. Sie tut mir so gut und ich ihr hoffentlich auch. Aber das ist eine Momentaufnahme. Wenn man an nichts denkt, nur den anderen fühlt, dann ist die Zeit stehengeblieben, weil es kein Gestern und kein Morgen gibt.

Wir müssen hier weg. Vielleicht in den polnischen Teil von Usedom. Alles hat Klaus besorgt, damit wir unser Äußeres ändern können. Dabei möchte ich, dass alles so bleibt, wie es ist. Wie gern würde ich sie jetzt in den Arm nehmen, wenn auch nur für einen Augenblick, der, wenn die Zeit stehen bleibt, eine Ewigkeit anhält.


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14. Kapitel

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