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Das kleine Glück des Augenblicks

 

15.


Ich sitze auf der Terrasse des Gästehauses und genieße bis zur ersten Schiffsglocke die Morgensonne. Viel zu aufgedreht, um schlafen zu können. Bei meiner Entjungferung bin ich erst zwei Tage später unter die Dusche gestiegen. Alles an mir hat nach ihr gerochen, das wollte ich solange wie möglich behalten.

Ich kenne die Stille, nicht aus eigener Erfahrung, sondern von den Bildern, die mir die Mitarbeiterin vom Amt als Erste gezeigt hat. Beim Betrachten der schockierenden Fotos ist in meinem Kopf ein Film abgelaufen und diese Stille ist der Soundtrack gewesen. Eine ganze Familie, Vater, Mutter und drei Kinder, das jüngste gerade Mal anderthalb Jahre alt. Einfach ausgelöscht.

Ivana und ich sind von der metallenen Plattform nackt nach Vilm zurückgeschwommen. Dabei haben unsere Kleider in wasserdichten Säcken gesteckt, die wir vor uns hergetrieben haben.

Als wir uns auf der metallenen Plattform ausgezogen haben, sind auf der Insel Vögel aus den Bäumen aufgeflogen.

Nach dem Erreichen des Ufers haben wir aus dem Unterholz ein Schaben und Kratzen gehört. Sanft hat sich das Wasser seinen Weg durch kleine Steine und Sand gesucht, um gleich darauf seinen Rückzug anzutreten.

Erst als wir uns angezogen haben, küssen Ivana und ich uns. Eine durch Zufall entstandene Situation, weil unsere Köpfe, beim Anziehen der Schuhe, fast aneinander gestoßen sind.   

Schon nach den ersten Bäumen hat diese Stille geherrscht, die in mir eine Gänsehaut hervorgerufen hat.

In dem Moment, als Ivana etwas hat sagen wollen, habe ich ihr den Finger auf den Mund gelegt, was mich für einen Augenblick in eine andere Welt katapultiert hat.

Als wir den Wald verlassen haben, ist sie da: die Stille.

Die Gänse schlagen nicht an und die Schafe sind auf den Wiesen nur als dunkle stumme Punkte auszumachen.

„Du bleibst hier und rührst dich nicht von der Stelle“, flüstere ich Ivana zu und gebe ihr mit einem leichten Händedruck auf die Schulter zu verstehen, dass sie sich kleinmachen soll.

Sie geht in die Knie und verschwindet im Unterholz.

Bei sternenklarem Himmel und Vollmond, vor den sich eine blasse Wolke geschoben hat, bleibe ich lieber am Rande des urwüchsigen Waldes und versuche keine Schatten auf der Wiese zu bilden.

Die Gänse und Schafe sind alle tot. Da muss ich gar nicht näher herangehen. Ab und zu ist ein leises Schnaufen zu hören. Der letzte Atem des Lebens.

In keinem der Häuser brennt Licht, ungewöhnlich für die Uhrzeit.

Ich schlage mich weiter im Schutz der Bäume und Büsche bis zur Anlegestelle durch, an dem ein schwarzes Sturmboot festgemacht hat, dass ich nur von Spezialeinheiten der Polizei oder des Militärs kenne.

Zum Glück zieht der Himmel sich zu. Sterne und Mond verschwinden. Die ersten Regentropfen platschen und bieten neben einem gleichbleibenden Geräusch einen Vorhang, hinter dem ich mich unsichtbar bewegen kann.

Das erste Haus ist erreicht, in dem die Vogelkundler ihren Stützpunkt haben.

Ich erlebe die Stille und weiß im Grunde, was mich erwartet.   

Schon an der Tür empfängt mich ein ungeheurer Latrinengestank.

Der Lichtkegel, der durch den Regen fast türkis ist, verwandelt die Wohnhalle in ein diffuses Licht. Es scheint, als wäre der Mond in ein Aquarium gefallen.

Der Erste sitzt auf dem Sofa, um sich herum eine stinkende dunkle Masse, die sich auf dem Boden verläuft. Auf der Stirn des Toten ein dunkler Punkt.

Im Schlafzimmer finde ich auf dem Bett eine weitere Leiche, auch mit einem dunklen Punkt mitten auf der Stirn. Der Gestank wird immer unerträglicher und ich kämpfe gegen den Brechreiz an.

Zielstrebig gehe ich auf die Badtür zu. Vielleicht finde ich dort ein Handtuch, das ich mit Wasser befeuchten und mit Rasierwasser oder ähnlichem parfümieren kann.

Eine heiße Nebelschwade empfängt mich im Bad. Wasser prasselt in die Duschwanne. Ich taste mich durch die Wolke, bis ich den Knauf zum Abdrehen finde. Der Nebel wird durchlässiger und gibt die Sicht auf den Duschvorhang frei, der wie ein Fallschirm über etwas in der Wanne liegt. Die Hand mit den rotlackierten Fingernägeln verrät mir, dass dort unten eine Frau liegen muss.

Mit zwei Fingern hebe ich die Kunststoffplane zur Seite. Das Loch in der Stirn schaut mich an, als wollte es mir sagen, hier ist nichts mehr zu machen.

Im Blumenkübel vor dem Haus übergebe ich mich, lege mich hinter einer Hecke flach auf den nassen Boden und versuche meinen Atem unter Kontrolle zu bekommen.


Zwischen drei Nadelhölzern hockt Ivana. Inzwischen klatschnass. Sie friert und würde am liebsten nach ihrer Mutter schreien.

Laut und deutlich: „Mama, Mama!“

Unsinn, das hat sie noch nie getan. Im Grunde ist sie immer ein Papakind gewesen, auch wenn er sich so sehr einen Jungen gewünscht hat. Bis zu ihrem zehnten Lebensjahr hat sie kurze Haare getragen und ist in Hosen herumgelaufen. Mit dem Vater in den Wald, zum Fischen und zur Jagd. Den Umgang mit Messer und Gewehr hat er ihr beigebracht. Sie kann den Kompass lesen und sich Wege einprägen. Sie kann sich verstecken und wenn nötig so gut wie unsichtbar machen.

„Um die Augen herum muss es dunkel sein“, hat Papa gesagt.

So nimmt Ivana die nasse Erde und verteilt sie im Gesicht und auf die nackten Arme. Um ihre Augen trägt sie die Erde doppelt auf, die nach Torf und Pilze riecht.

„Vergiss die Haare nicht“, hört sie ihren Papa gegen den Regen anschreien.

Sie nimmt das mit Wasser vollgesogene Moos und verschmiert die geleeartige Masse in die Haare.

Ivana glaubt Schritte und Stimmen zu hören. Aber sie kann auf den Wiesen und zwischen den Häusern niemanden, noch nicht einmal einen Schatten, ausfindig machen.

„Papa!“, schreit sie in ihr tiefes Inneres und erhält keine Antwort. Wie auch, wo er doch in Neuseeland ist. Wenn sie jetzt einen Tunnel graben würde, senkrecht durch die Erde, käme sie dann bei ihm heraus?


Ich muss auf die andere Seite der Insel. Dafür gilt es, den asphaltierten Weg zu überqueren. Auch wenn der Mond, ausgewaschen wie er ist, nur blass diesen kleinen Flecken der Welt bescheint. Es ist zu hell.

Ich friere von Kopf bis Fuss, weil ich mir einen Overall von den toten Vogelkundlern ausgeliehen und den Zwischenraum mit Eiswürfeln gefüllt habe.

Wer mit so einem Boot diese Insel stürmt, hat auch Nachtsichtgeräte. Natürlich weiß ich nicht, ob es hilft. Vielleicht aber sehen sie durch die Nachtsichtgeräte nur meine Nase und halten sie für eine Spitz- oder Wühlmaus.

Der anhaltende Regen macht es mir leicht, einen kleinen Sanddornstrauch samt Wurzelwerk aus dem Boden zu ziehen.

Mein Unterfangen ist der Situation wahrscheinlich nicht würdig, aber mir ist auf die Schnelle nichts besseres eingefallen. Mit einem Strauch zum Schutz über eine asphaltierte Straße zu laufen, ist infantil, besonders, wenn ich genötigt sein werde, mitten auf der Teerdecke mit dem Sanddornbusch Wurzeln zu schlagen.

Ich kann nur hoffen, dass die Profikiller in dem Moment vor soviel Dilettantismus betriebsblind sein werden.

So husche ich mit dem Busch durch den Regen auf die andere Seite der Straße und finde hinter einer Baumgruppe Schutz.

Die Eindringlinge müssen sich sicher fühlen, denn sie haben niemanden auf dem Sturmboot als Wache zurückgelassen.

Auch auf der anderen Seite brennt in keinem der Gästehäuser Licht.

Ich meine bei unserer Ankunft auf der Insel vor dem ersten Haus einen Hund bellen gehört zu haben. Jetzt ist er verstummt.

Die Eindringlinge werden Zentimeter um Zentimeter des Eilandes umdrehen und nicht eher Ruhe geben, bis sie uns gefunden haben.

Ich komme an unserem Gästehaus vorbei und widerstehe der Verlockung hineinzugehen, um die Tasche mit den Prepaid Handys zu entwenden. Im Haus wird sicherlich einer von den Profikillern auf uns warten.

Hoffentlich finde ich die Stelle, wo ich Ivana zurückgelassen habe.


Wenn man mit dem Zwerchfell die Atmung steuert, kann man besser hören. Keine Ahnung, wer Ivana das mal gesagt hat. Aber es funktioniert.

Sie hört die Schritte der Eindringlinge, die sie auf vier Personen schätzt. Unweit des Unterholzes, in dem sie liegt, kommen sie vorbei.

Ivana hat sich klein gemacht. Ihre Decke ist ein totes Schaf, das sie über sich gelegt hat. Die Lungenflügel bewegen sich noch und hinten strömen Gase aus. Das Tier ist noch warm, als würde es noch leben. 

Zum Glück ist ihr die Geschichte eingefallen, die ihr der Vater als Kind erzählt hat. Von der Zeit, als er die Grenze hat bewachen müssen.

„Ein totes Tier ist der beste Schutz vor Entdeckung. Du legst es über dich und durch die Nachtsichtgeräte der Grenzpolizei ist nur ein verendetes Tier zu erkennen!“

Die Eindringlinge sind sehr leise, dabei kommt ihnen der prasselnde Regen entgegen.

Erst im letzen Moment, als sie ganz nah an ihr vorbeikommen, hält Ivana den Atem an.

Sie sind vorbeigegangen, aber sie werden wiederkommen, weil sie das, was sie suchen, noch nicht gefunden haben, dessen ist sich Ivana sicher.

Das aus dem Fell fließende Schafblut und die austretenden Gase werden nur durch den Regen ein wenig gemildert.

Unweit von ihr hört sie ein Rascheln, das lauter ist als die Geräusche, die die Eindringlinge verursacht haben. Zu allem Unglück kommt das Rasseln aus ihrem Rücken. Für Ivana ist es unmöglich sich zusammen mit dem toten Schaf umzudrehen. Vielleicht ist es ein Fuchs oder ein Marder, angelockt durch das Schafblut.

Sie muss es darauf ankommen lassen.

Als sie die Hand auf ihrer Schulter spürt, stockt ihr der Atem.

„Ich bin‘s“, hört sie die Stimme flüstern. Erleichtert atmet sie aus.

„Wir müssen uns bis zum Strand durchschlagen und dann zur Plattform schwimmen“, sage ich und helfe Ivana, sich von dem toten Schaf zu befreien.

Damit wir schneller sind, entledige ich mich auch von meinem mit Eiswasser gefüllten Overall.

„Reibe deine nackten Stellen mit Waldboden und Moos ein“, flüstert Ivana zurück.

Ich sehe zwar keinen Sinn darin in Anbetracht der Nachtsichtgeräte. Aber ich tue ihr den Gefallen, um so schneller sind wir hier weg.

Bis zum Strand brauchen wir eine gefühlte Ewigkeit, weil wir bei jedem kleinsten Geräusch wie Säulen erstarren und in die Stille lauschen.

Wir sehen aus wie Eingeborene eines von der Zivilisation noch nicht entdeckten Stammes.

Wir steigen ins rettende Wasser und schwimmen zur metallenen Plattform.


Wir sitzen im Dunkeln und haben Angst. Es riecht nach faulen Eiern und Urin.

„Das ist das Eisen, das oxidiert“, meine Stimme hallt in diesem Metallkubus nach.

Die metallene Plattform schwingt durch die Wellenbewegung leicht hin und her.

Ich habe keinen Plan und versuche dennoch Ivana zu beruhigen.

Den Kindern habe ich immer eine Geschichte erzählt, wenn sie Angst gehabt haben. 

Ich spüre Ivanas heißen Atem im Gesicht und suche nach ihren Händen.

„Kennst du die Geschichte von der Gartenschnecke Auch schon da?“, frage ich, obwohl ich sie selber nicht kenne. Der Titel ist mir gerade eingefallen. Ich kenne weder den Anfang, geschweige denn das Ende.

„Also: Die kleine Gartenschnecke Auch schon da hatte ihren Namen von den anderen Tieren bekommen, die mit ihr im Garten lebten.

Immer, wenn sie sich verabredet hatten, war die Schnecke als letzte hinzugekommen, und eines von den anderen Tieren hatte gerufen: „Auch schon da?“

Alle Tiere im Garten hatten solche Namen. So hieß die Wühlmaus Torfnase, die kleine Katze Schleckermaul und die Amsel Lalülala, weil sie wie kein anderes Wesen die Sirene des Rettungswagen am besten nachmachen konnte. Tiere, die nur in Gruppen auftraten, hatten nur einen Namen. So hießen die Spatzen Kamikazeflieger, die Hummeln Brummsäcke und die Glühwürmchen Sternentänzer.

Die meiste Zeit war die Schnecke Auch schon da allein im Garten unterwegs, da sie mit Abstand die langsamste war. Das lag auch daran, dass sie, vor allem im Sommer, immer einen Schnupfen hatte. Vor allem das Niesen warf sie immer wieder auf ihrem Weg zurück. Erst kitzelte es nur leicht, aber dann kam es mit einer Wucht aus ihr heraus, dass sie sich mit ihrem Häuschen rücklings überschlug und nicht selten wieder an ihrem Ausgangspunkt landete. Sie war einfach nicht schnell genug. Wenn sie den Schatten der Gießkanne sah, war es schon zu spät, um dem gewaltigen Wasserguss auszuweichen.“

„Haben Schnecken Nasen?“, will Ivana nicht wirklich wissen und lehnt ihren Kopf an meine Schulter.

Ich weiß es nicht. Aber es ist für so eine Geschichte nicht von Bedeutung.

Die großen Augen der Kinder folgen meiner Geschichte in der Dunkelheit und auch der volle Mond mit dem Gesicht meiner Frau hat sich zu uns gesellt.

„Dennoch fühlte sich die Schnecke Auch schon da“, fahre ich fort, „sehr wohl in diesem Garten. Es gab genug zu Essen. Die anderen Tiere lebten mit ihr in Eintracht. Nur vor den schweren Schuhen des Gärtners musste sie sich in Acht nehmen. Zwar war ihr Haus sehr stabil, das hatte sie festgestellt, als sie einmal auf einen Baum gekrochen war, um in der oberen Krone an die frischen Triebe zu gelangen, die am köstlichsten schmeckten. Einer Windböe hatte sie es zu verdanken, dass sie sich plötzlich zwischen den Himbeeren wieder fand. Der Flug hatte eine Ewigkeit gedauert. Eine zeitlang hatte sie es sogar genossen, den Garten in seiner Gänze mal von oben zu sehen. Dabei hatte die Schnecke Ecken und Beete entdeckt, in denen sie noch nie gewesen war. Kurz vor dem Aufprall hatte sie die Augen geschlossen, die Fühler eingezogen und das Schlimmste erwartet. Aber nichts war passiert. Sicher, es hatte einen richtigen Rumms gemacht. Aber das war es auch schon. Als sie ihren Kopf wieder aus dem Häuschen streckte, die Fühler ausfuhr, sah sie, dass Gäste sich auf einem kleinen Rondell eingefunden hatten. Auf dem kurz geschnittenen Gras hatte...“

„Sie kommen“, unterbricht mich Ivana.

Die Motorgeräusche des Sturmboots sind nicht zu überhören.

Die Schiffsschraube wirbelt ganz in unserer Nähe das Wasser auf.

Ein Geräusch, dass ich nur aus U-Boot Filmen kenne.

Für den Bruchteil einer Sekunde lasse ich die Taschenlampe aufleuchten. Da ist eine verrostete Eisenkiste in der Ecke.

„Schau mal nach“, flüstere ich Ivana zu.

Dann sind Schritte auf der metallenen Plattform zu hören.

Wir harren aus und schleppen uns in die hinterste Ecke.

Eine dumpfe Stimme sagt unverständliches.

Es folgt eine zähe Zeit, die nicht in Sekunden, Minuten und sonst was zu bemessen ist.

„Ich glaube, ich habe da was“, flüstert Ivana.

Dann wird die Klappe geöffnet.

Ein Maskenmann leuchtet mit einer Stabtaschenlampe in unser Versteck.

Ein Zischen erfüllt den Raum. Wie eine Rakete bahnt sich das Geschoß in den Bauch des Eindringlings, der die ersten Stufen herunter gestiegen ist.

Ein unmenschlicher Schrei, als sich die flammende Phosphorkugel in seinem Innersten ausbreitet.


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15. Kapitel

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