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Das kleine Glück des Augenblicks

 

16.


Noch ist es dunkel.

Bei unserer Flucht von der metallenen Plattform haben wir ein Paddel verloren.

Ich steche das übriggebliebene Brett mal links, mal rechts ins Wasser und habe dennoch das Gefühl nicht von der Stelle zu kommen.

Am Horizont blinken rot die Positionslampen der Windräder bei Usedom. Das ist meine einzige Orientierung.

Der Rucksack auf meinem Rücken wiegt schwer und drückt das kleine Schlauchboot tief ins Wasser. Schemenhaft sehe ich Ivana, die am Bug liegt und Ausschau nach unseren Verfolgern hält.

„Auf dem kurz geschnittenen Gras hatte sich fahrendes Volk niedergelassen. Heuschrecken, die mit ihren Extremitäten wunderbar Löwenzahnsamen jonglieren konnten. Gleichzeitig bildeten sie eine Pyramide mit mindestens sieben Etagen, während vier Klopfer mit ihren spitzen Schnäbeln Löcher in den Rasen hämmerten. Gleich darauf brachten acht Finken das Zelt. Jedes von ihnen hielt ein Ende eines großen Lotusblattes in den Schnäbeln. Sie flogen auf der Stelle als wären sie Hubschrauber.

Eine Abordnung von genauso vielen Eichhörnchen hatten sich darunter gestellt, machten Männchen und zeigten ihre Muskeln.

Die kleine Schnecke Auch schon da unterdrückte ein Niesen, um die Zeltaufbauer nicht aus der Ruhe zu bringen...“

Völlig durchnässt steche ich die Paddel mal rechts, mal links ins Wasser und wehre mich gegen den Rucksack an meinen Schultern, der mich immer wieder nach hinten zieht.

„Das Zelt aus Lotusblättern war aufgebaut. Gleichzeitig roch es nach Zuckerwatte und gebrannten Mandeln, für die die Hummeln und die Pillendreher verantwortlich waren.“

„Sie kommen“,ruft Ivana nach hinten.

Ich reiche ihr ein Stück dunkler Plane, damit wir uns unsichtbar machen können. Völlig bedeckt sind wir auf dem Bodden nicht mehr zu erkennen.

Wir lassen uns treiben und hoffen, dass wir durch die Plane von den Nachtsichtgeräten nicht erfasst werden.

Die Motorengeräusche werden leiser, das Boot scheint abgedreht zu haben.

Dennoch trauen wir uns nicht unter der Plane hervor, deren Gummigeruch alles überlagert. Ich schließe die Augen und träume mich mit Ivana in den Süden. Wir liegen im Zelt. Über uns spielt der Wind mit den Baumkronen, die durch die Sonne bizarre Gebilde auf das Zeltdach werfen.

Ivana und ich liegen auf den Rücken und blinzeln. Ich erfinde wie ein indischer Schattenspieler Geschichten. Sie plätschern einfach aus mir heraus. Meine Nachbarin lacht und ich spüre ihren heißen Atem.

Der Farbfilm reisst. Das Schlauchboot ist auf Grund gelaufen.

Vorsichtig hebe ich die Plane. Wir sind von Schilf umgeben, das uns Schutz bietet, unbemerkt an Land zu gelangen. Denn die Morgendämmerung hat bereits eingesetzt.

Mit einem kräftigen langgezogenen Kreuzstich zerstöre ich den Boden unseres Fluchtfahrzeugs und stoße das schlaffe Gebilde vom Ufer ab.

Ivana schaut dem unförmig gewordenen Plastikboot sehnsüchtig hinterher, so, als hätte ich gerade unseren letzten Fluchtweg abgeschnitten.

„Wir gehen zurück auf den Hof“, sage ich, „dort sind wir wenigstens sicher.“

Keine Ahnung, wo wir hier sind. Aber einen Vorteil hat unsere unfreiwillige Strandung. Rundherum sind nur Wiesen und keine Straßen, über die die Jäger uns verfolgen können.


Nein, das wird sie sich nie verzeihen, dass wegen eines kurzen Anrufes bei ihrer Mutter so viele Menschen sterben mussten.

Wäre es nicht wirklich das Beste, sie geht den Deich hoch, beginnt einfach zu singen und winkt mit den Armen. Dann wäre alles schnell vorbei und niemand käme mehr zu Schaden. Vor allem um ihre Mutter hat sie Angst, wer soll sie beschützen?

Ivana zittert am ganzen Körper. Sie ist durchnässt und am Ende ihrer Kräfte.

Die Zigarette, die ihr der Mann reicht, tut ihr gut.

Was ist das für ein Mensch, dem sie blind vertraut und dessen richtigen Namen - so nimmt sie es wenigstens an - sie bis heute nicht kennt?

Jetzt, in der Morgendämmerung, sieht er richtig alt aus. Fahl das Gesicht und kahle Stellen auf dem Kopf. Zudem wirkt er mit seinen hängenden Schultern kraftlos. Sollte er etwa schon aufgegeben haben?

Gestern ist er ein anderer gewesen und wenn er Geschichten erzählt, dann fühlt sie sich älter als er.


Ich schaue dem Rest eines Schlauchbootes hinterher, dass jetzt aussieht als hätte ein großer Fisch in den Bodden gekotzt.

Auch egal.

Keine Lösung, keinen Plan zu haben, macht mich wahnsinnig. Wenn Ivana wüsste, wie hilflos ich bin, ohne Mittel, ohne Macht, sie würde Reißaus nehmen und das zu Recht.

In der Morgendämmerung am Rande des Schilfs auf seine Henker zu warten, ist wahrscheinlich die schlechteste Idee.

Also gehen wir am Rande des Ufers entlang.

Erst, als Ivana und ich die Insel Vilm nicht mehr sehen, wagen wir es, den kleinen Deich zu erklimmen. Dabei gehen wir weiter geradeaus und nur alle paar Meter einen Schritt nach oben.

Die erste Ansiedlung ist erreicht. Sie besteht aus drei Häusern und einem Stall. Kein Mensch ist zu sehen. Noch nicht einmal ein Hund bellt.

Um unsichtbar zu werden, muss man unter seinesgleichen. Keine Ahnung wie weit es bis Greifswald ist, aber das scheint mir die nächst größere Stadt zu sein.

Ein Bäckereiwagen kommt wie aus dem nichts an uns vorbei.

Als wir den knatternden Motor hören, ist es zu spät, um in irgendeinen Graben zu springen.

Ivana denkt nicht einmal dran. Sie fuchtelt mit den Armen und der Kastenwagen hält tatsächlich an.

Keine drei Minuten später schaukeln wir durch die mecklenburg-vorpommerische Küstenlandschaft.

„Sie sind aber früh unterwegs“, sagt der Ausfahrer und beäugt uns durch den Rückspiegel.

Ich kenne diesen Blick. Er wird sich an uns erinnern. Die Phantomzeichnung, die die Polizei daraufhin erstellt, wird einem Foto von uns beiden gleichen.

„Sieben Uhr. Wir senden Nachrichten...“, krächzt es aus den Lautsprechern.

Ivana und ich halten den Atem an. Aber wir hören nur etwas von Moskau, Berlin und Washington. Irgendwo in der Welt ist ein Vulkan ausgebrochen und ein Filmsternchen hat sich von ihrem Mann getrennt. Die Insel Vilm kommt nicht vor. Selbst beim abschließenden Wetterbericht nicht.

„Sie können uns hier bitte rauslassen“, sage ich, als ich auf der Straße das Schild der Universitätskliniken lese.

Ich sehe den Bäckereiausfahrer vor meinen Augen, wie er auf dem Polizeirevier alles zu Protokoll gibt.

„An den Universitätskliniken habe ich sie rausgelassen. Das ist mir da schon komisch vorgekommen. Wie ein Arzt und eine Krankenschwester haben die beiden nicht ausgesehen. Nein, nein, die beiden hatten so etwas gehetztes, das ist mir gleich aufgefallen und von hier sind die auch nicht gewesen...“

„Dreh dich nicht um“, sage ich zu Ivana auf der Straße, „der hat uns genug fixiert.“

An der ersten Haltestelle studiere ich den Plan Richtung Stralsund. Der Bus braucht vierzig Minuten bis zur Haltestelle, an der wir raus müssen. Trotz schwerem Gepäck ist das zu Fuss zu schaffen.

Ich bin froh, als wir eine Stunde später über Feldwege gehen.

Wir reden nicht viel, gut, dass Ivana nicht fragt, was ich in einem der Gästehäuser gesehen habe. Es sind meine ersten Toten gewesen und ich habe diese Stille gespürt, die ich nur von diesen Tatortbildern gekannt habe.

Warum wird das Leben der Einwohner einer ganzen Insel ausgelöscht? 

Wer hat die Möglichkeiten so einen ausgebildeten Stoßtrupp loszuschicken?

Unmöglich kann es da nur um die Eliminierung einer Zeugin gehen.

Um was geht es wirklich?

Ich brauche dringend Internet.


Ich sollte mich zurückfallen lassen, denkt Ivana. Er ist so in Gedanken, dass er es bestimmt nicht sofort bemerkt. Wenn ich nicht mehr singen kann, macht ohnehin nichts mehr Sinn. Vogelfrei, ein Wort, das sie nie verstanden hat - jetzt lebt sie es.

Grüss' Euch Gott, alle miteinander! Wir sind g'sund wieder auf der Wander. Kommen grad' aus dem Landel 'raus. Geh'n um d'Welt und drüber 'naus.


Wir gehen Umwege. In diesem Landstrich, wo die Felder so groß sind wie Kleinstädte, vor allem wenn sie geerntet sind, ist man kilometerweit zu sehen. Zum Glück gibt es die alten Alleen und die Feldumrandungen mit Büschen, hinter denen wir geschützt vorwärts kommen.

Endlich eine Bank, auf die ich meinen schweren Rucksack ablegen kann. Ich lasse mich fallen und spüre die bleierne Müdigkeit, die mir mit süßer Stimme zuflüstert, einfach liegen zu bleiben.

Die Sonne steht hoch und kitzelt in der Nase.

Ich habe einen schönen Traum gehabt. Kann sein, dass die Schnecke Auch schon da eine Rolle darin gespielt hat. Auch die Delphine mit den Gesichtern der Kinder habe ich gesehen. Ich glaube, sie haben mich aus einer gefährlichen Situation weit raus aufs Meer gezogen, dabei hat mich die starke Hand meiner Frau gehalten.

Alles ist gut, wäre da nicht die Sonne, die meine Augen blinzeln lässt.

Ivana ist weg!

Ich schaue mich um. Am Ende der Straße steht sie und blickt in meine Richtung. Zumindest glaube ich das, denn es liegen bestimmt tausend Meter zwischen uns.

Ich setze mich in den Graben und zünde mir eine Zigarette an.

Ivana folgt meinem Bespiel. Nur tausend Meter weit von mir entfernt.

Auf der Generalkarte, die mir Klaus mitgebracht hat, ist der Bauernhof eingezeichnet. Er liegt keine fünf Minuten von hier.

Ich bin zu weit gegangen. Ein paar hundert Meter zurück geht ein Tannenhain ab, der zwei Großfelder von einander trennt.

Ich schmeiße die abgebrannte Kippe in eine regenbogenfarbene Pfütze, schultere den Rucksack und gehe zurück.

Ivana tut mir zum Glück gleich.

Als wir uns in der Mitte treffen, fallen wir uns in die Arme, wie ein Paar, das zwangsweise jahrelang voneinander getrennt gewesen ist. Die Küsse schmecken salzig. Es sind Ivanas Tränen, die sich zwischen uns drängen und uns verbinden.

Mag sein, dass das alles kitschig und dumm klingt. Für uns beide ist es pures Adrenalin. Im Grunde haben wir die letzten beiden Nächte nicht geschlafen.

„Komm“, sage ich zu Ivana, nehme ihre Hand und ziehe sie ins Tannenwäldchen. Nach der Hälfte des Weges können wir das Gut sehen. Rechts die Stallungen und die Scheune. Links das Gutshaus. Alle Autos stehen auf dem Hof. Klaus ist noch nicht nach Rügen gefahren. Er wird mit dem Nachmittagsschiff nach Vilm kommen, um uns mit Lebensmitteln zu versorgen.

Gerade, als ich die Deckung aus Nadelbäumen verlassen will, hält mich Ivana zurück.

„Da stimmt was nicht“, flüstert sie mir zu und zeigt neben die Freitreppe des Hauses.

Etwas Braunes, so groß wie ein Müllsack liegt im Kies.

Ich ziehe Ivana runter auf den Boden.

Es besteht kein Zweifel, dass dort der Hofhund leblos im Staub liegt.

Sie waren also auch schon hier. Nur wie um alles in der Welt sind sie darauf gekommen?

Ich bin doch von Anfang an vorsichtig gewesen. Von Berlin mit dem Regionalzug nach Leipzig. Dort wildfremde Menschen kennengelernt,

die mich auf ihren Hof zwischen Greifswald und Stralsund mitgenommen haben. Alles doch Zufälle. Am Berliner Hauptbahnhof habe ich noch überhaupt nicht gewusst, dass ich nach Leipzig fahren werde. Auf der anderen Seite des Bahnsteigs hätte ich auch den Zug nach Magdeburg oder Cottbus nehmen können. Alles Zufall.

Klaus und Eva-Maria, alles Zufall, Zufall, Zufall...

Ivana trifft keine Schuld. Das Prepaid Handy hat sie mir ja erst auf Vilm entwendet.

„Wir müssen zurück zur Straße und zwar schnell“, flüstere ich Ivana zu. Unsere Rucksäcke lassen wir unter einer Tanne zurück.

Während des Laufens taste ich meine Kleider ab. Da ist nichts, was da auch nicht hingehört. Zudem habe ich mir ja auch neue Kleider in diesem Billigdiscounter an der Autobahn gekauft.

„Halt“, rufe ich Ivana zu, die mir weit vorausgeeilt ist.

Ich lasse mich auf den Boden fallen und reiße mir die Schuhe von den Füßen. Mit einem Taschenmesser durchstoße ich Millimeter um Millimeter beide Absätze. Nichts! Ich reiße in beiden Schuhen das Fußbett heraus. Nichts! Ich schneide die Sohle in kleine Streifen. Nichts!

Ivana steht über mir und bestaunt mein seltsames Handeln.

„Gib mal her!“, fordert sie mich auf.

Ich reiche ihr die Reste meiner Schuhe. Das rechte lädierte Etwas betrachtet sie genau von allen Seiten und wirft es auf den Tannennadelboden. Bei der linken Lederhülle stutzt sie nach wenigen Sekunden.

„Schau mal!“

Auf beiden Seiten hat der zerstörte Schuh eine Metallniete mit dem Emblem des Herstellers. Nur auf einer Seite ist das Zeichen nicht eingestanzt. 

Verdammt!

„Los, wir müssen zurück auf die Straße!“

Ein gefährliches Unterfangen. Denn bei jedem Auto, dass die Chaussee entlangfährt, verstecken wir uns im Graben. Ich brauche einen Lastwagen, um den Schuh endgültig zu entsorgen.

„Lass mich das machen“, sagt Ivana mit einer Ruhe, die ich ihr nicht zugetraut hätte. Immerhin geht es um ihren Kopf. Ich bin ja nur der Gehilfe des Henkers gewesen.

Von weitem sehen wir eine schwarze Rußwolke auf uns zu kommen.

„Den schnappe ich mir!“

Blitzschnell hat Ivana die Hose ausgezogen und zwei Knöpfe ihrer Bluse geöffnet.

An der Chaussee winkt sie dem entgegenkommenden Seelenverkäufer der Landstraße, der mit seiner Rostlaube so mutig ist, eine Vollbremsung zu wagen.

Bei offener Fahrertür reden die beiden in einer Sprache miteinander, die ich nicht verstehe.

Nach ein paar Minuten ist alles vorbei. Ivana zeigt den Mittelfinger und der LKW aus Weißrussland hinterlässt eine schwarze Wolke. 

„Dein Schuh ist jetzt auf dem Weg nach Weißrussland!“

Ivana lächelt mich einem Blick an, der ein Gestern und ein Morgen nicht kennen lernen will. Ein Geschenk für mich und den Augenblick.


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16. Kapitel

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