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Das kleine Glück des Augenblicks

 

17.


Wir liegen am äußersten Zipfel der Tannenlichtung und starren auf den Hof, wo sich nichts rührt.

Eigentlich habe ich keine Zweifel, wer mir diesen Sender angeheftet hat. Nur glauben will ich es nicht. Ich verstehe den Sinn nicht, warum so viele Menschen sterben mussten. Zudem gibt es für das Abschlachten auf Vilm keinerlei rechtliche Grundlagen, was zur Folge hat, dass auch Ivana und ich nicht lebend aus der Sache herauskommen werden.

Um letzte Zweifel auszuschließen, baue ich eine Karte in das neue Prepaid Handy und rufe das Amt an.

Meine Kontaktbeamtin ist sofort am Apparat, als hätte sie auf meinen Anruf gewartet.

Ein Traktor fährt über die Felder und ich bin gezwungen, lauter zu reden.

„Wir machen uns große Sorgen“, sagt die weibliche Stimme, die auch gegen eine laute Dieselmaschine anreden muss.

„Brauchen Sie nicht. Wir sind ein großes Stück weitergekommen“, erwidere ich und sehe am Horizont einen Hubschrauber näher kommen. 

Das Knallen, das die Rotorblätter verursachen, höre ich zuerst über das Handy.

„Und wo sind Sie jetzt?“

„Auf Reisen!“

Dann lege ich auf.

Sie sind also noch in der Nähe.

Ich kann nur hoffen, dass sie meinem Schuh hinterher fahren.

Dennoch warten Ivana und ich bis zum Abend, bevor wir uns auf den Hof wagen.

Fliegen und andere Insekten haben den Hofhund in Beschlag genommen. An manchen Stellen ist das Fell aufgerissen, dort herrscht die größte Betriebsamkeit.

In ihrer Hilflosigkeit legt Ivana eine leeren Jutesack über den Kadaver.

Ich gehe allein ins Haus und spüre wieder diese Stille. Zwar tickt die Wanduhr in der Wohnhalle, aber ich bilde mir ein, dass ihr Klang ein anderer ist. Langsamer und in Moll.

In der ersten Etage finde ich Regina und André in ihren Betten. Beide starren sie an die Decke, als würde dort die Antwort auf ihr Warum stehen. Von Klaus und Eva-Maria fehlt jede Spur.

„Regina und André sind tot“, sage ich und habe ein schlechtes Gewissen. Ja, ich habe sie auf dem Gewissen, weil ich nicht aufgepasst habe.

Plötzlich habe ich das Bild, nein, den ganzen Film vor Augen:

Bei unserem ersten Treffen ist einem von meinen beiden Kontaktbeamten etwas heruntergefallen.

„Ich mache das schon“, hat er gesagt und ist sofort unter den Tisch getaucht. Worauf sie geantwortet hat, dass das nicht nötig sei, und ihm gefolgt ist.

Ich habe nichts gespürt, weil ich für einen Moment unaufmerksam gewesen bin, die Kellnerin die Getränke serviert und sich beim Servieren vertan hat.

Die Kellnerin ist die Dritte im Bunde gewesen und ich bin wie ein Idiot darauf reingefallen.

„Was ist los?“, holt mich Ivana aus meiner privaten Filmvorführung. „Wir müssen nach den anderen suchen!“

So schleichen wir uns in der Dämmerung erneut auf den Hof.

Ivana und ich beginnen mit dem Stall, der längst nicht mehr für Tiere genutzt wird. Ein paar alte Möbel, ein Podest und eine Licht- und Beschallungsanlage sind hier für das alljährliche Hoffest gelagert. In einer Ecke die Überreste und Spuren eines Hofladens, der nicht funktioniert hat. Mit der Taschenlampe leuchte ich jede Ecke aus. Eine Maus huscht hinter unserem Rücken aufgeschreckt von einer Ecke in die andere. Nein, hier ist die Zeit nicht stehen geblieben. Allein die riesigen Spinnweben in Form von Trapezen zeugen davon.

In der Scheune bietet sich das gleiche Bild. Nichts deutet auf ein Gewaltverbrechen hin.

Vielleicht haben Eva-Maria und Klaus rechtzeitig fliehen können.

Mehrmals gehe ich mit Ivana über das gesamte Hofgelände. Da gibt es nichts, wo sich ein erwachsener Mensch verstecken könnte.

Am Ende des Gemüsegartens gibt es ein paar Bienenstöcke, von denen ich durch unseren Aufenthalt her weiß, dass sie noch in Betrieb sind. Auf der großen Wiese, wo einmal im Jahr Bands gegen Rechts spielen, steht eine Baracke, in der sich die Latrinen befinden.

In fixiere das graue Holz, das jetzt, wo der Mond seine ganze Kraft als Spiegel entfaltet, seltsam glitzert.

Irgendjemand in meinem Kopf stampft mit schweren Schuhen durch die Gänge und öffnet die quietschende Tür, die nur der Filmvorführer betreten darf. Eine mächtige Spule wird in die Maschine eingelegt. Ich höre das Rattern der Zahnräder und das Geräusch, wenn diese in die Perforation des 35mm Films greifen.

Ich lasse den Film vorspulen bis zu der entscheidenden Stelle.

„Schindlers Liste“, sage ich zu Ivana, die mich erstaunt anschaut.

„Schindlers Liste?“

„Ja, Schindlers Liste. Kennst du die Szene, in denen sich die Kinder im Lager verstecken müssen, um nicht in der Gaskammer zu landen?“

„Ja, weiß Gott, ein ergreifender Moment, wo der kleine Junge ein Versteck sucht. Überall, wo er in seiner Verzweiflung auch hinkommt, beispielsweise unter die Dielen in den Baracken, liegen schon andere Kinder und verjagen ihn. Selbst in den... Es sind die Latrinen!

„Eva-Maria hat mir erzählt, dass sie im letzten Jahr den Film hier gezeigt haben!“

Wir betreten das morsche Gebäude und werden von dem penetranten Gestank fast erschlagen, als hätte eben erst jemand in der Scheiße gerührt.

Wir öffnen Deckel für Deckel und rufen ihre Namen.

„Eva-Maria!“

„Klaus!

In der vorletzten Kammer scheint sich was zu rühren.

Als Ivana und ich den runden Deckel öffnen, starren wir in dunkle Gesichter, die in ihrem Mund einen schwarzen Strohhalm haben, der senkrecht nach oben zeigt.

Mit beiden Armen greifen wir in die Jauche, um Eva-Maria und Klaus aus ihrem Versteck zu befreien.

Wie Indianer in einem schlechten Western tanzen sie um einen imaginären Marterpfahl, während Ivana und ich sie mit Schläuchen kalt abspritzen. Dennoch dauert es einige Zeit, bis der Jauchegeruch von ihnen weicht.

Ich hole aus dem Haupthaus Handtücher und frische Kleider. In dem Moment, als ich das Gutshaus wieder verlassen will, sehe ich einen blassen roten Lichtkegel in kurzen Abständen aufblinken.

In der Küche werde ich fündig. Neben dem Gasherd klebt ein kleiner schwarzer Kasten. An der oberen rechten Ecke blinkt ein Lämpchen.

„Wir müssen hier weg“, rufe ich den anderen zu, „in der Küche tickt wahrscheinlich eine Bombe!“

„Lass mich durch“, brüllt Klaus, der nackt auf mich zuläuft und mich zwingt mich ihm in den Weg zu stellen.

„Du kannst da nicht mehr rein. Die Bombe klebt direkt am Gasherd!“

„Aber das ist doch unser Zuhause! Diese gottverdammten Schweine!“

Vergeblich versucht Eva-Maria ihren Freund zu beruhigen.

Plötzlich ist ein lautes Zischen zu hören, als hätte jemand eine Silvesterrakete gestartet.

Aus dem ehemaligen Stall und der Scheune steigt Rauch auf.

„Wir müssen löschen. Wenn wir alle gemeinsam anpacken, dann...“

Ich unterbreche Klaus und schleife ihn mit Hilfe von Eva-Maria und Ivana in den alten Campingbus.

Schweigend fahren wir Richtung Rügen. Jeder von uns ringt damit, sich nicht umzudrehen. Aber keinem gelingt es. Hinter dem Tannenwäldchen tauchen die ersten Rauchschwaden auf. Ein nicht zu gewinnender Kampf gegen die Tränen. Selbst, als uns vor Stralsund Feuerwehrautos entgegenkommen.

Eva-Maria hat ein altes Fischerhaus auf Rügen, wo wir Unterschlupf finden werden, um unsere Wunden zu lecken.

Um die Sirenen nicht hören zu müssen, dreht Klaus, der sich ein wenig gefangen zu haben scheint, das Radio auf. Ein letzter Akkord einer Radioschnulze, dann folgen die Nachrichten.

Ivana greift nach meiner Hand und drückt sie so fest, dass ich meine Knochen knacken höre. Das Weltgeschehen, Deutschland, Schwerin, von Rügen oder Vilm ist keine Rede.

„Und nun das Wetter...!“

Aus der Umklammerung wird ein Streicheln, das durch unsere Blicke an Zärtlichkeit gewinnt.

Das erste Schiff wird längst auf der kleinen Insel halt gemacht haben. Allein die toten Tiere auf den Wiesen sind nicht zu übersehen.

„Wenn ich am Nachmittag nach Vilm fahre, hole ich eure restlichen Sachen aus dem Mielkehaus“, sagt Klaus, der sich ein wenig gefangen zu haben scheint.

„Du kannst nicht mehr auf die Insel“, sagt leise Ivana, die direkt hinter ihm sitzt.

Wenn ich wüsste, zu wem ich beten könnte, würde ich es genau in diesem Moment tun. Aber es fällt mir niemand ein, der mir zuhören und auch nur den kleinsten Funken an Verständnis zeigen würde.

Ich tue es dennoch, stelle mir niemanden vor, und bete inständig, dass ein Wunder passiert.

„Wieso kann ich nicht mehr auf die Insel?“, will Klaus wissen.

Gerade, als wir über die Brücke fahren, die Stralsund von Rügen trennt, wird das musikalische Programm im Radio unterbrochen.

„Wie uns gerade das Bundesumweltamt und das Landesveterinäramt

mitteilen, kann ab heute morgen die Insel Vilm nicht mehr angefahren werden. Es besteht Verdacht auf Vogelgrippe. Näheres erfahren sie in den Abendnachrichten...“

„Seltsam, ich wusste gar nicht, dass Proben genommen worden sind. Bei meinem letzten Rundgang ist mir nichts Besonderes aufgefallen. Außer, dass ein Boot der Bundespolizei den Rügischen Bodden gekreuzt hat.“

Ich kneife Ivana leicht in den Oberschenkel und hoffe, dass sie meine Warnung versteht, nicht weiter zu reden.

„Da will sich mal wieder jemand wichtig machen“, mischt sich Klaus ein. „Weißt du noch, als wir vor drei Jahren unser ganzes Geflügel keulen mussten und im Nachhinein hat sich herausgestellt, dass nichts am Verdacht auf Vogelgrippe dran war.“

Dann verstummt für die Zeit zweier Musiktitel das Gespräch im Auto.

Ich danke der Kraft, die die Geschicke auf unserem Planeten lenkt, für das Zuhören und der Erfüllung meiner Bitte.

Ehe wir Garz durchfahren haben, bricht es aus Ivana heraus:

„Vogelgrippe, das ich nicht lache. Sie haben gestern Nacht alle erschossen. Niemand lebt mehr auf der Insel, selbst vor den Schafen und Gänsen haben sie nicht Halt gemacht.“

„Kann mir mal einer sagen, was hier los ist?“, brüllt Klaus gegen die Musik an, bevor er das Radio abstellt.

„Wegen mir sind sie alle tot. Mein Impresario, die jungen Männer vom Junggesellenabschied, alle auf der Insel und Regina und André!“

Zwischen zwei Ortschaften tritt Eva-Maria auf die Bremse.

„Was ist los?“

„Ich soll in ein Zeugenschutzprogramm, weil ich Zeuge eines Mordes bin...“, antwortet Ivana und wird von Klaus unterbrochen, der sich abrupt umdreht und eine Fratze schneidet, als wollte er uns beiden den Hals umdrehen.

Es folgt eine Erklärungsflut, in der sich Ivana und auch ich uns rechtfertigen müssen. Spätestens jetzt bin ich aus allem raus. Die Sache ist aus dem Ruder gelaufen. Jetzt bekomme ich die Quittung von allen Seiten.

Ich hätte nicht wieder anfangen sollen zu schreiben. Auf der Zugfahrt nach Berlin hätte es mir schon auffallen müssen. Ich bin draußen. Wenn ich überleben sollte, werde ich mich bestimmt vor einem Gericht verantworten müssen. Fehler um Fehler, habe ich begangen und viel zu spät begriffen, dass ich nur ein Werkzeug gewesen bin. Ein Boot der Bundespolizei kreuzt den Rügischen Bodden. Es ist nicht die kroatische Mafia, die hinter uns her ist, sondern eine Abteilung einer Bundesbehörde, die irgendetwas verschleiern möchte. Aber was?

Weiter komme ich nicht mit meinen Überlegungen.

Eva-Maria ist auf die Bremse gestiegen, dabei ist der Campingbus ins Schleudern gekommen und kommt kurz vor einer alten Pappel zum Stehen.

„Raus!“, brüllt Eva-Maria. „Raus!“

Unser Gepäck geschultert, schauen Ivana und ich den Rücklichtern hinterher, die schnell auf der Allee aus unserem Blickfeld verschwinden.

„Wir müssen von der Straße runter“, sage ich, ohne mich nach Ivana umzudrehen.

„Wir brauchen einen neuen Planeten. Vielleicht einen, auf dem es keine Waffen gibt, Neid und Habsucht Fremdwörter sind. Der Planet muss nicht groß sein, vielleicht...“

Ivanas Stimme verstummt nicht, sondern wird abgewürgt, durch eine Art Gurgeln, schweren Atem und einer Tonfolge, die mich an Walgesänge erinnern.

Ich drehe mich um. Die Straße ist leer.

„Ivana!“

Ich laufe nach rechts, ich laufe nach links, nach vor und zurück. Ivana bleibt verschwunden.

Es dauert einige Zeit, bis ich sie im Straßengraben entdecke. In Embryostellung liegt sie da. Ihr ganzer Körper zittert.

Ich rutsche den kleinen Hang hinunter und lege mich zu ihr. Nehme sie in den Arm und streichle ihre Haare.

„Ich habe dir die Geschichte von der Gartenschnecke Auch schon da nicht zu Ende erzählt“, flüstere ich ihr ins Ohr.

„So viele Tiere aus den umgrenzenden Gärten fanden sich zur Premiere ein, dass es vor Beginn zu einem Gerangel um die Plätze ging, weil die beiden Nacktschnecken es nicht geschafft haben, rechtzeitig mit ihrem Schleim die Banner mit der Aufschrift AUSVERKAUFT anzubringen. Man rückte zusammen, so gut es eben ging, ließ die kleinen Tiere nach vorne oder auf dem Kopf größerer Platz nehmen. Ein großer Rabe führte durch das Programm. Ein begnadeter Stimmenimitator, der nicht nur die Tiere des Gartens nachmachen konnte, sondern auch die des Gärtners und der Menschen, die hier Erholung und Entspannung suchten. Ein Trommelwirbel, hervorgerufen von Hunderten von Ameisen, die von weit oben auf einen Morschelpilz sprangen, kündigten einen weiteren Höhepunkt an. Der Zirkus hatte keine Kosten und Mühen gescheut, die beiden großen Riccio Brüder zu verpflichten. Zwei Igel, die weit über die Grenzen dafür bekannt waren, mit ihren spitzen Stacheln Wassertropfen hin und her zu jonglieren. Höhepunkt der Nummer waren bunte große Wassertropfen, die in Regenbogenfarben schimmerten und von denen niemand im Publikum wusste, wie dieses Wunder zustande gekommen war. Mit Ausnahme der Gartenschnecke Auch schon da, die eine Bambusstange, eine der Träger des Zettels, emporgekrochen war, um besser sehen zu können. Von dort oben konnte sie zwei Mäuse entdecken, die unentwegt an einer Schnur zogen, die einen Mechanismus in Gang setzte, der aus einer Plastikdüse - eines der Gegenstände, die Menschen gern im Garten verlieren - eine zähe grüne Flüssigkeit mit Wasser durch eine runde Öffnung spritzten.

Wie gerne würde sie sich dem fahrenden Volk anschließen, aber...“

„Hast du deinen Kindern auch Geschichten erzählt“, unterbricht mich Ivana im Graben. Wir liegen immer noch eng umschlungen und spüren, wie unsere Herzen Morsezeichen von sich geben.

Über uns rauscht der Verkehr der Urlauber und Anlieferer an uns vorbei. Uns kann es egal sein, wir sind auf unserem eigenen Planeten.

„Nein, sage ich, „es hat sich im Alltag nicht ergeben. Vielleicht habe ich mich auch nicht getraut, weil es nicht meine leiblichen Kinder gewesen sind. Nein, eigentlich habe ich keine Erklärung dafür. Aber ich bereue es zutiefst.“

„Wahrscheinlich kann man nur eine Sache im Leben richtig gut

machen“, flüstert Ivana und hält mich fest.

„Die Kunst des Seiltänzers besteht darin, dass seine Anstrengungen für das Publikum leicht aussehen müssen - unbeschwert. Der Abgrund beginnt erst auf der anderen Seite, wenn man die Plattform erreicht hat.“

Ein Auto hupt. Schritte sind zu hören. Ich presse mich von hinten fest an Ivana und habe das Gefühl, dass sie das Gleiche in die andere Richtung unternimmt. Ein zusammengeschweisster Fleischbrocken, wenn sie uns jetzt erschießen und wir später so gefunden werden.

„Alles ist gut“, flüstere ich und schließe von hinten mit der rechten Hand Ivanas Augenlider.

Ein letztes Mal die tanzenden Delphine mit den Kindergesichtern. Über dem Wasser liegt das Mondgesicht meiner Frau. Der letzte Gedanke sollte ihnen gehören.

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17. Kapitel

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