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Das kleine Glück des Augenblicks

 



18.


Das Schlimmste ist das Vergessen. Vielleicht, weil es ein schleichender Prozess ist.

Es sind banale Dinge, an die man sich plötzlich, von einem Tag auf den anderen, nicht mehr erinnern kann.

Bei mir sind es die Telefonnummern gewesen. Erst die Handynummern der Kinder, dann die meiner Frau, später unser gemeinsamer Hausanschluss.

Unnötiges Wissen, tröstet man sich. Das Unterbewusstsein verdrängt eine Wahrheit, die nicht zu ertragen ist.

Ein Jahr später ist es schon die Augenfarbe, auf die ich keinen Eid leisten würde. Gleichzeitig kann ich mit geschlossenen Augen zielsicher durch das Haus gehen, das längst einem anderen gehört und das ich seit Jahren nicht betreten habe. Selbst die Namen der Zahnpasta, die Kinder und Frau benutzt haben, weiß ich.

Warum macht das Gehirn so etwas mit einem?

Die Menschen verschwimmen, erinnern an frühe Richter Bilder, aber das Unwichtige, wie die Farbe einer Lampe oder die der Teppiche bleiben.

Jahrelang bin ich in der Phase von Wachsein und Schlaf durch unser Haus gegangen, habe die Katzen gefüttert, einen Spalt die Türen geöffnet, um zu sehen, ob Kinder und Frau friedlich und ruhig schlafen.

Dieser Film wird mir wohl bis zum Ende meines Lebens erhalten bleiben.

Auch alle Geburtstage habe ich noch im Kopf. Dennoch habe ich sie mir sicherheitshalber aufgeschrieben.

Das Lachen, die Stimmen, alles ist noch da. Nachts spüre ich die rauen Hände meiner Frau auf meinem Körper. Ich habe Angst, dass auch das verschwindet.

In all meinen Wohnungen habe ich die Kinder irgendwann spielen gesehen und meine Frau rufen gehört, dass sie sich die Zähne vor dem Schlafengehen putzen sollen. Die Kinder werden einfach nicht älter. Die Liebe zu ihnen auch nicht.

Das Vergessen wird kommen und die Erinnerung ist nur der verzweifelte Versuch es aufzuhalten.


Eva-Maria und Klaus sind zurückgekommen und haben uns aus dem Graben aufgelesen. Schweigend sind wir zu einem alten Haus mitten auf Rügen gefahren. Ich habe mit geschlossenen Augen mein Gesicht an die kühle Seitenscheibe gepresst und versucht, an nichts zu denken. Aber kann man das, in Anbetracht der neuen Situation. Immerhin ist jetzt nicht nur die kroatische Mafia, sondern auch das Amt hinter uns her, mit nur einem Ziel uns zu eliminieren.

Diese Tatsache behalte ich lieber für mich. Weiß ich doch, was mich erwartet.

Die Vorwürfe, die mir Eva-Maria und Klaus entgegenschmettern, sind berechtigt. Ja, ich habe sie von Anfang an nur benutzt. Ich habe sie mir in Leipzig ausgesucht, um eine sichere Unterkunft für Ivana und mich zu haben. Nein, dass es so ausgeufert ist, habe ich nicht erwartet. Meine langjährige Erfahrung in diesem Bereich hat diese Fantasie nicht zugelassen. Ja, auch ich bin von den Ereignissen und der Brutalität vollkommen überrascht gewesen. Der Tod der Junggesellengruppe - die Toten auf Vilm verschweige ich, weil ich ein Feigling bin und der Situation, in der wir uns gerade befinden, nichts bringen würde - die Toten in der Kommune sind auch für mich eine neue Dimension.

Ich habe schon ein gut Dutzend an Menschen sicher in ein neues Leben geführt. Familien in ein sicheren neuen Hafen gelenkt. Was für eine erbärmliche Entschuldigung.

Ja, ich hätte ihnen allen reinen Wein einschenken müssen.

Als Ivana bemerkt, dass ich nicht nur den Tränen nahe bin, sondern tatsächlich weine, springt sie für mich in die Bresche.

Bis ins kleinste Detail schildert sie, was sie auf dem Bergschloss alles erlebt hat. Nichts lässt sie aus, bis auch sie weint.

„Wir gehen schlafen“, sagen Eva-Maria und Klaus im Chor und lassen uns zurück.

Während Ivana geredet hat, habe ich die ganze Zeit ihre Hand gehalten und für einen Moment tatsächlich gedacht, dass meine Frau neben mir sitzt, obwohl mehr als zwanzig Jahre Altersunterschied zwischen beiden liegen.

Jetzt liege ich auf dem Sofa und zappe mich durch das nächtliche Fernsehprogramm, ohne eine Lösung für all unsere Probleme zu haben.

Bei einer Sendung bleibe ich hängen. Eine Dokumentation über einen gealterten Zuhälter, einer Kiezlegende.

Ich weiß nicht, warum ich an der Geschichte dranbleibe. Die ehemalige Kiezgröße erzählt aus ihrem Leben. Nebenbei steuert er nächtens ein riesiges amerikanisches Schiff durch die leeren Straßen einer Großstadt. Als Maurer hat er auf dem Bau gearbeitet und war Teil des Wirtschaftswunders, bis er in eine Kneipenschlägerei geraten ist, wo ihn zehn Leute, wie er sagt, rauskehren wollten. Die hat er platt gemacht und anschließend ein Angebot als Türsteher bekommen, wo er das Vierfache von dem verdienen kann, als auf dem Bau.

„Es geht immer nur um Macht und Stärke“, sagt die ehemalige Kiezgröße in die Kamera, „aber die kannst du nicht festhalten. In dem Moment, wo du der Größte im Kiez bist, wird ein anderer geboren, der nur darauf hinarbeitet, stärker zu sein als du!“

Das ist es! Das ist es!

Die ganze Nacht schreibe ich, zeichne Skizzen und stelle Fragen, deren Antwort ich morgen im Internet finden möchte.

Endlich habe ich einen Plan, was nichts anderes bedeutet, als wieder an die Zukunft zu glauben.

Ich rauche, trinke und schlafe irgendwann draußen auf der Terrasse zufrieden ein.

Ein warmer Kuss und ein aufkommender Wind wecken mich, holen mich zurück aus einem Garten, in dem gerade eine sensationelle Zirkusvorstellung von statten geht. Als einziger Mensch sitze ich zwischen Tieren und folge den fantastischen Darbietungen, die sich in meinem Kopf verselbständigt haben. Die Delphinkinder klatschen mit den Flossen Applaus und grinsen mich mit ihren Lausbubengesichtern an. Der Piratenmond leuchtet in die Manege und die Augen meiner Frau blinzeln mir zu. Der Zirkusdirektor Ringelschwanz kündigt gerade die schönste Stimme der Welt an, da blinzle ich mit den Augen.

„Hast du die ganze Nacht durchgearbeitet?“, fragt mich Ivana und stellt mir eine Tasse dampfenden Kaffee hin.

„Wir fahren in die Höhle des Löwen! Aber zuerst müssen wir unser Äußeres ändern, damit wir uns draußen freier bewegen können.“

Ich erkläre Ivana kurz meinen Plan und ernte dafür keine ungläubigen Blicke, sondern die eines Menschen, der sich an das letzte Stückchen Hoffnung klammert.

Natürlich ist die Stimmung zwischen Eva-Maria, Klaus und mir auch nach einer Nacht noch sehr angespannt. Wahrscheinlich werden sie mir nie verzeihen, was ich verstehen kann. Ihre Freunde sind tot und sie haben mit einem Schlag ihre Existenz und ihr Zuhause verloren.

Auch ihnen erörtere ich meinen Plan. Sie willigen ein, notgedrungen.

Meine nächtliche Euphorie ist verflogen, aber ich versuche mir nichts anmerken zu lassen.

Eva-Maria kennt einen Maskenbildner, der im Puttbuser Theater arbeitet.

Das Spiegelbild ist eine große Lügenmaschine. Es stellt nicht die Wirklichkeit dar. Vielleicht, weil das menschliche Gehirn es nicht schafft, die Spiegelverkehrtheit zu verarbeiten. Einzig und allein Maler bekommen es hin, sich im Selbstportrait so zu malen, dass es mit einer fotografischen Wirklichkeit zu tun hat.

Wenn ich mich im Spiegel betrachte, sehe ich nicht die Veränderungen, die das Leben an Spuren in meinem Gesicht hinterlassen hat. Betrachte ich ein Foto von mir, bin ich mehr als erschrocken. Mag sein, dass es an den hochauflösenden Digitalkameras liegt, die alle Verletzungen und Narben offenlegen, sicherlich auch die Lachfalten.

Wir sitzen zu viert in einer Reihe und betrachten uns im Spiegel, jeder für sich. Dabei schauen wir nicht nur nach rechts und links, sondern bestaunen auch in den Spiegeln der anderen unsere Veränderungen.

„Lasst mich nur machen“, sagt der Maskenbildner, schneidet uns im Akkord die Haare, färbt sie ein und verpasst uns neue Frisuren.

Ich gefalle mir ganz gut mit meinem roten Stoppelhaarkopf. Aber Ivana ist mit ihrem Aussehen nicht zu überbieten. Mit ihrem kurzen Lockenkopf und dem kleinen Oberlippenbart sieht sie aus wie ein kroatischer Melonenverkäufer aus Dubrovnik. Als drei Männer und eine Frau verlassen wir mit neuem Outfit das kleine Theater von Puttbus und fahren mit dem Wagen des Maskenbildners nach Bergen.

In einem Hinterraum eines Kiosks stehen ein paar Computer.

Vier sich selbst noch fremde Menschen sitzen vor den Bildschirmen und gehen ihren Aufgaben nach. Während Ivana und ich versuchen alles über Zlatan Brokisch und seinen jüngeren Bruder herauszufinden, suchen Eva-Maria und Klaus die Webseite des Amtes und das zuständige Ministerium auf. Ihre Aufgabe ist es, Fotos der ganzen Führungsriege auszudrucken.

Während der Drucker unentwegt rattert, erfahre ich, dass Zlatan Brokisch gerne als seriöser Geschäftsmann auftritt. Er spendet an Waisenhäuser, sorgt sich um die Infrastruktur in seiner Stadt und macht keinen Hehl daraus, auch in der Politik mitzureden. Er zeigt sich gern mit Frau und Kindern und präsentiert den Reichtum, den er sein Eigen nennt. Golfplatzbesitzer, eine eigene Marina mit mehreren Yachten, die man chartern kann. Geschäftlich ist er weltweit aufgestellt, so zumindest, steht es auf seiner Website.

Sein jüngerer Bruder Goran hat so etwas nicht, aber im Netz dafür mehr Einträge. Zu schnelles Fahren mit katastrophalen Unfällen. Bei den Bildern ein Wunder, dass er lebend aus den Blechtrümmern herausgekommen ist. Der Junge liebt die Geschwindigkeit. Er fährt Speedbootrennen und Airrace. Eine Zeit lang gehörte er sogar zum Auswahlkader der Kroatischen Nationalmannschaft im Speedskiing an. Ihm gehören mehrere Klubs an der dalmatinischen Küste. Goran hatte mal was mit einem Hollywoodsternchen und einer Schlagersängerin aus Italien. Mehrmals wurde er mit Koks erwischt.

Für einen Gadaffisohn hat er in der libyschen Botschaft in Wien ein großes Fest ausgerichtet, dabei ist durch einen Fenstersturz ein Mädchen zu Tode gekommen.

Warum hat das die Staatsanwaltschaft nicht auch recherchiert und Anklage erhoben?

Egal, auch ich drucke erst einmal alle Bilder aus, die ich für wichtig halte.

Auf der Wiese des Kirchhofs von Bergen sitzen wir zu viert zusammen und rauchen.

„Sind ganz schön viele, die für so eine Scheiße zuständig sind“, sagt Klaus, „aber wenn was schief geht, ist natürlich niemand verantwortlich!“

„Wir werden den Verantwortlichen finden. Denn Herr oder Frau Unbekannt muss es um alles gehen, sonst würde er oder sie nicht versuchen, alle Spuren zu vernichten. Lasst uns ins Haus zurückfahren, um alles auszuwerten."

Auf dem Rückweg kaufen wir an vier verschiedenen Tankstellen Prepaid Handys.              

Quer durch die große Wohnküche ist jetzt eine Wäscheleine gespannt. Auf der einen Seite hängen die Fotos der Banker, der Ministerialbeamten, Staatssekretäre und Führungskräfte des Amtes. Natürlich auch zwei Fotos von meinen beiden Kontaktbeamten. Auf die andere Seite habe ich alle Bilder von den Kroaten gehangen. Ein Geschäftsmann, der zeigt, was er hat und ein Lebemann, der gern junge Frauen aus dem Fenster schmeisst und offensichtlich ein Drogenproblem hat.

In einem Interview spielt der Anwalt von Zlatan Brokisch die Anklage in Deutschland wegen illegaler Finanzgeschäfte herunter. Der Anwalt hat unter anderem in Deutschland und Großbritannien studiert, später für eine internationale Kanzlei auf Malta gearbeitet, bevor er nach Kroatien zurückgekehrt ist. Er ist Partner in einer Anwaltskanzlei in München und Berlin. Gleichzeitig lenkt er in Abwesenheit die Geschäfte seines Mandanten. Ich habe mir sein Gesicht extra vergrößern lassen, in der Hoffnung darin etwas zu lesen, dass meinem Plan förderlich sein kann.

Ein Marathonmann, das sieht man auf den ersten Blick. Jemand, der sich im richtigen Moment festbeißen kann. Das äußere Erscheinungsbild ist ihm wichtig. Die Augenbrauen sind gestutzt, gefärbt und mehr als gepflegt. Die Haut weist so gut wie keine Unreinheiten auf. Wahrscheinlich besucht er regelmässig, mindestens einmal die Woche, eine Kosmetikerin. Er kommt aus kleinen Verhältnissen, dessen bin ich mir sicher. So einer hat sich alles im Leben selbst erarbeitet. Er ist intelligent und vorsichtig zugleich. Er wägt das Risiko ab, bevor er etwas wagt.

Vom Alter her passt er zum kleinen Bruder von Zlatan Brokisch, dessen einzige Arbeit darin zu bestehen scheint, Spaß zu haben und das Geld mit vollen Händen rauszuhauen.


Welche Energie in ihm steckt. Die ganze Nacht hat er sich das Gehirn gemartert, wie wir alle aus der bedrohlichen Lage herausfinden können, um irgendwann einmal ein normales Leben zu führen. Sollte er nicht lieber an einem einsamen Ort sein und Bücher schreiben, anstatt seine Energie so zu verschwenden?

Ivana wischt sich die Augen trocken und hat dabei ihre Großtante Zita vor Augen:

Ein heißer Sommer. In der Luft wirbeln unzählige Strohpartikel herum, die der Häcksler am morgen hinten ausgestoßen hat. Es ist Erntezeit. Die Wiesen sind geschnitten und das Getreide geerntet. Ivana ist zehn Jahre alt und seit einer Woche hat sie einen Hund, den sie Beppo getauft hat. Beppo hieß der Clown aus dem Wanderzirkus über den sie so herzhaft gelacht hat. Der Hund, gerade Mal ein paar Wochen alt, geht tapsig, entdeckt gerade für sich die Welt und lacht sie unentwegt an. Die Erwachsenen sagen, dass Tiere nicht lachen können. Beppo kann das. Die ganze Familie freut sich für Ivana, die ihren neuen Freund, sofort in ihr Herz geschlossen hat. Nachts nimmt sie ihn, obwohl von den Eltern strengstens untersagt, mit ins Bett, wo er in ihren Armen tief und fest schläft. Ivana legt ihre kleine Hand auf den felligen Bauch des Tieres. Eine nie gekannte Wärme durchfährt sie, als sie Beppos Herzschlag spürt. An dem Tag aber, als die Ernte eingefahren, die Luft voller Strohpartikel ist und die Sonne nur ein Blinzeln zulässt, vermisst sie ihren kleinen Beppo. Er scheint wie vom Erdboden verschwunden. Den ganzen Morgen schon hat sie ihn gesucht und nicht gefunden. Dabei ist es überhaupt nicht seine Art, einfach so davon zu laufen, weicht er doch sonst nicht von ihrer Seite. Am späten Mittag findet sie ihn am Ortsausgang in einer Senke. Zusammengekrümmt liegt er da mit Schaum vor dem Maul. Ivana schreit sich die Seele aus dem Leib, springt in die Senke und presst den toten Hund fest an sich. Beppo ist vergiftet worden und Ivana erfährt zum ersten Mal, dass es böse Menschen gibt.

„Hüte dich vor dem Bösen“, sagt Großtante Zita, „komm ihm nie zu nahe, sonst zieht es dich mit in seinen Abgrund, wo nur Kälte und Dunkelheit herrscht.“


„Das ist unser Mann“, sage ich, breche unser langes Schweigen und zeige auf das Foto des Anwalts, „morgen fahren wir an die dalmatische Küste!“

„Und wie kommen wir über die Grenze?“, will Klaus wissen, der jetzt Locken hat und einen Hipsterbart trägt.

„Von Venedig aus mit dem Schiff!“

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18. Kapitel

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