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Das kleine Glück des Augenblicks

 

19.


Es gibt Orte, die sind mit einer Zweisamkeit, einem Glück, einer Liebe so eng verbunden, dass man sie mit dritten nicht teilen möchte. Ein heiliger Ort mit besonderer Atmosphäre. Vielleicht schwebt das Gefühl, die Liebe geschützt in einer Blase über allem. Wahrscheinlich ist jeder Ort auf der Welt schon besetzt mit Erinnerungen. An dem einen gesteht man dem anderen seine Liebe, an dem anderen geht man auseinander. Ich weiß nicht, ob sich jemals Menschen an einem Flughafen oder einem Bahnhof verliebt haben. Diese Orte sind für den Abschied besetzt. Eine Wehmut weht über die Gleise und die Gangways. Menschen schauen einander nach. Ein gequältes Lächeln, dass alles heißen kann. Aufwiedersehen ist ein Versprechen, Wirsehenuns eine Drohung, ein Servus, Ciao, Baba eine Wolke, die sich irgendwann abregnet. In früheren Zeiten hat es Bahnhofsrestaurants gegeben, in denen man hat Abschied nehmen können. Im Inneren haben die Händchenhalter gesessen und draußen auf dem Bahnsteig die mit der freudigen Erwartung einer Ankunft.

Ich habe meine Frau gern vom Bahnhof abgeholt. Ihre großen Augen, der lächelnde und zugleich fordernde Mund, ihr Parfüm, der raue und dicke Stoff ihrer Kleidung unter der ich ihre Wärme gespürt habe, hat für mich den Bahnsteig zu einem Ort der Glückseligkeit gemacht.  

Nein, gewisse Orte sollte man nicht teilen, andere, wenn möglich erst gar nicht mehr aufsuchen. Krankenhausflure, auf denen einem Ärzte mit ernster Miene entgegenkommen, diesen Raum ohne Fenster zwischen Check-in und Zollabfertigung, in dem trotz der vielen Uhren an den Wänden eine bleierne Zeit herrscht und Hoffnung noch nie ihren Eintritt gefordert hat. Wenn man in Berlin oder München Hinrichtungsstätten des Nazi-Regimes besucht, kann man die Angst und das Elend noch riechen, obwohl dort täglich geputzt wird.

Zum Glück gibt es die Bank noch, auf der ich das erste Mal richtig geküsst habe und die Zeit stehen geblieben ist, genauso das Haus, in dem ich das erste Mal geliebt habe, das Turmzimmer, in dem ich an einem ersten Januar das erste Mal zu meiner Frau unter die Decke gekrochen bin. Das letzte Mal ist hinter einem Schleier verschwunden. Es ist an einem Sonntag um die Mittagszeit gewesen. Anschließend sind wir mit dem Rad in die Apfelplantage gefahren und haben die Äpfel gepflückt, die die Erntemaschinen zurückgelassen haben. Am Nachmittag haben wir zusammen einen Apfelkuchen gebacken, über den sich die Kinder sehr gefreut haben. Mehr ist von dem Tag nicht geblieben.


Fast zwei Tage benötigen wir für die Fahrt nach Venedig, ohne kontrolliert worden zu sein. Über den Portier meines Stammhotels kommen wir an ein Boot. Die Cavallicio Marino wird uns nach Dubrovnik bringen.

Oberhalb des mondänen Yachthafens liegt die Villa von Zlatan Brokisch, die einer mittelalterlichen Kreuzritterburg nachempfunden ist und bewacht wird, als würden der amerikanische und russische Präsident zur selben Zeit dort logieren.

Etwa hundert Meter vom Yachthafen entfernt sind wir vor Anker gegangen. Wir reden nur das Nötigste. Klaus, der das Boot steuert, hat das Kommando. Ivana geht allen aus dem Weg. Sie steht meist allein an der Reling. Ich habe den Eindruck, sie bereitet sich auf ihren großen Auftritt vor. Dafür müssen wir in der Stadt noch eine Perücke besorgen, damit sie dem Bild auf ihrem Pass wieder ähnlich sieht.

Zweimal umkreist uns das rote Rennboot des jüngeren Bruders von Zlatan Brokisch, dann gibt es Vollgas, ragt fast senkrecht wie eine Rakete aus dem Wasser und verschwindet am Horizont.

Am Abend rudern wir mit dem Beiboot an Land. In der Altstadt von Dubrovnik ist der Teufel los, obwohl wir längst Nachsaison haben. In den schmalen Gassen werden wir nicht auffallen. So viele Touristen sind noch unterwegs.

Gegenüber der Polizeistation lassen wir uns in einem Straßencafé nieder.

„Da ich davon ausgehe, dass sie mir mein Handy abnehmen werden, müssen wir eine Uhrzeit ausmachen. Gebt mir eine halbe Stunde Vorsprung. Klaus, du wirst den Anwalt von Ivana spielen und du Eva-Maria von hier aus alles im Auge behalten, sollten verdunkelte Autos vorfahren, kehre zum Hafen zurück und zünde vom Schiff eine Leuchtrakete.“

„Und wenn die Polizei hier korrupt ist oder längst schon eingeweiht?“, fragt Klaus und starrt ins Leere. Seine Gedanken werden bei den toten Freunden sein.

„Du gehst erst einmal alleine rein, suchst das entsprechende Kommissariat auf und sagst, dass deine Mandantin heute, hier und jetzt, eine eidesstattliche Aussage machen will. Die Polizei wird einen Richter hinzu holen und die zuständige Staatsanwaltschaft informieren. Wir können nur hoffen, dass alle so eitel sind und die deutschen Kollegen erst nach Ivanas Erklärung informieren werden. Ich bin mir sogar sicher, dass sie damit bis zur Verhaftung des kleineren Bruders von Zlatan Brokisch warten werden. Ansonsten müssen wir das Risiko eingehen. Einen Plan B habe ich nicht“, erwidere ich.

„Wenigstens mal eine ehrliche Antwort!“

Selbst ein aufgesetztes Lächeln gelingt Klaus nicht.

Während Klaus und Eva-Maria in den engen Gassen der Altstadt nach einem dunklen Anzug und einer Aktentasche suchen, kaufe ich mit Ivana bei einem Frizer eine kastanienbraune Echthaarperücke. Wie gerne würde ich mit ihr Hand in Hand durch die mittelalterliche Altstadt schlendern, aber durch ihr Aussehen als Junge mit erstem kleinen Schnauzer auf der Oberlippe, möchte ich nicht unnötig für Aufsehen sorgen. So werden wir wahrscheinlich für Vater und Sohn gehalten.


Seit zwei Tagen ist ihre Regel überfällig. Eigentlich kein Grund sich aufzuregen. Aber in den letzten Jahren ist es ihr gelungen, bis auf einen Tag die Sache einzugrenzen. Seit sie Gesang studiert, führt sie regelrecht Buch darüber. Ihre Großtante Zita und ihre Gesangslehrerin haben ihr dazu geraten. Die Periode verändert deine Stimmlage, haben sie beide gesagt und ihr verschiedene Tipps gegeben, die Regel nach hinten zu schieben. Idiotisch jetzt an ihre Periode zu denken, wo sie als Junge verkleidet durch die Altstadt von Dubrovnik schlendert.

Kurz greift sie nach der Hand ihres Begleiters. Wer weiß, wann sie sich jemals wiedersehen. Zum Glück hat ihre Flucht morgen ein Ende.  

Die Lichter der Promenade spiegeln sich im dunklen Wasser und gleichen dem Piratenmond. Jeder Ruderschlag verwandelt sie in lange Safranfäden. Es braucht eine Zeit, bis sie sich wieder zurückverwandeln.

Ivana lehnt sich zurück, fährt mit den Händen über das warme Wasser und beobachtet ihr Gegenüber, der die Ruderblätter ins Wasser taucht. Eva-Maria und Klaus sind an Land geblieben und haben sich ein Zimmer genommen. Ob das auch zum Plan gehört?

Ihre letzte Nacht auf einem Schiff vor der dalmatinischen Küste mit dem Blick auf die Altstadt von Dubrovnik.   

Nein, sie will nicht an morgen denken. Einfach nur das Jetzt geniessen. Das Jetzt ist ohnehin langlebiger als das Morgen, das sich schlagartig in ein Gestern verwandelt. Wenn man nur will, kann man im Jetzt leben.


Ich hebe Ivana an Bord und halte sie in meinen Armen. Ihr Körper ist warm und verdrängt den kühlen Wind, der jetzt von den Bergen kommt.  

„Hier sollten wir mal Urlaub machen“, flüstere ich ihr ins Ohr und spüre ihr Herz, das an das meine schlägt.

„Ja, mein Iepure“, erwidert Ivana und drückt sich fest an mich. 

Ich weiß nicht, ob es Liebe ist, aber es fühlt sich ähnlich an. Es ist der Augenblick der zählt. Wir surfen auf ihm und reiten auf der Zeit.


Der Delinquent zählt auch nicht die Sekunden. Er genießt die Luft, die er einatmet, mag sie auch noch so nach Beton, Schimmel und Elend riechen. Er drückt seine Nase an das Gitter und riecht die Nacht, die nichts davon weiß, dass es ihn morgen nicht mehr geben wird. Der Schrei eines Nachtvogels grüßt ihn ein letztes Mal. Um nicht verrückt zu werden, spielt er ein Spiel. In seinem Kopf macht er eine Liste von berühmten Menschen, die längst schon tot sind. Aber auch da ist er irgendwann am Ende angelangt. Der Trost, dass der oder die auch schon tot sind, zerfließt in dem Verlangen unsterblich sein zu wollen. Alles ist ohnehin nur ein Traum, aus dem er rechtzeitig erwachen wird. Einen kleinen Teil des Mondes kann er durch das Gitter sehen. Bald wird er durch die Helle des Tages verblassen, aber er wird da sein, so lange es das Universum gibt. Flache Wolken ziehen vorbei, die wie Sandbänke aussehen. Er winkt ihnen von seinem Gitter aus zu. Sie bewegen sich langsam wie eine Trauergemeinde. Ihn wird man hinter dem Gefängnis auf einer Wiese einfach verscharren. Gras und Löwenzahn wird über ihn wachsen, als hätte es ihn nicht gegeben. Das kleine Stückchen Mond, das er sieht, wird bleiben. Er zieht sich auf seine Pritsche zurück und lacht. Eine Ameise nutzt die Fugen zwischen den Kacheln als Weg. Er lässt sie gewähren. Irgendwann sind Schritte zu hören. Dann geht alles seinen Lauf. Jemand legt ihm einen Block mit einem Stift hin. Wieso? Er sieht keinen Sinn darin. Während ein Priester spricht, wird mit einer Schere der Kragen von seinem Hemd entfernt. Es kitzelt im Nacken. Als ob dieser Kragen ihm das Leben retten könnte. Warum das alles? Es geht durch endlose Gänge, in denen die Schritte mehrerer Personen nachhallen. Gittertüren werden auf- und wieder abgeschlossen. Dann betreten sie einen Raum, den ein schwarzer Vorhang durchtrennt. Auf einem Tisch steht eine Flasche Rum und ein Glas. Jemand füllt es bis zum Rand mit der Bemerkung: „Trinken Sie, das hilft!“ Er nimmt einen Schluck, der im Hals brennt. Dann kippt er alles runter und lässt nachgießen. Wie freundlich sie plötzlich alle sind. Jemand bietet ihm eine Zigarette an. Würden alle mit ihm rauchen, dann käme er sich vor, als wäre er auf einem Empfang. Er raucht hastig und trinkt. Eine zweite Zigarette wird ihm angeboten. Die Zeit ist nur eine Täuschung, es gibt sie nicht. Er geniest jeden Zug und freut sich schon auf die dritte Zigarette, die ihm aber verwehrt wird. Gern hätte er noch eine andere Marke ausprobiert, begründet er seinen Wunsch. Dann öffnet sich der Vorhang, rechts entdeckt er bekannte Gesichter: der Priester, der Richter, die Anwältin, alle sind sie da. Links die Maschine, die an einer Seite so hoch ist, dass er das Fallbeil nicht sehen kann. Daneben ein einfacher Sarg aus der gefängniseigenen Schreinerei. Er wird gepackt, auf ein Brett geschnallt und nach vorne geschoben. Alles geht so schnell, dass es keinen Augenblick mehr gibt.

Schweißgebadet wache ich auf und bin froh, nicht der andere zu sein. 

Leise klatscht das Wasser gegen die Außenwand des Bootes. Neben mir liegt Ivana. Ihr Atem ist ruhig und gleichmäßig. Sie scheint keine Albträume zu haben.

Ich habe meiner Frau auch immer gern beim Schlafen zugesehen. Ihre entspannten Gesichtszüge haben mich immer zur Ruhe gebracht, auch wenn ich meist aufgestanden bin, um nach den Kindern zu sehen. Mit diesem schönen Gefühl bin ich nach unten in die Küche gegangen und habe die Katzen gefüttert. Ein sattes Glück, dass ich mit ihnen geteilt habe.

Ein kleines Stück blasser Mond scheint in das Bullauge und wirft bizarre Schatten an die Decke.

So warte ich auf den Tag, von dem ich nicht weiß, wie er enden wird.

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19. Kapitel

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