Das kleine Glück des Augenblicks

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2.


Ich liebe die Illusion, zu glauben, dass der Zug steht und die Landschaft an einem vorbeizieht. Jeder Ort, jeder Landstrich ist für mich inspirierend, dass ist schon seit meiner Kindheit so.

Die Nase habe ich mir am Abteilfenster platt gedrückt, wenn meine Eltern und ich nächtens aus dem Urlaub nach Hause gefahren sind. Es sind die Straßenlaternen, die Lichter in den Häusern gewesen, die meine Phantasie und Sehnsucht beflügelt haben.

Wer wohnt da?

Wie leben sie?

Wie sehen die Menschen aus?

Was sind ihre Geschichten? Was ihre Sehnsüchte? So habe ich mich auf einer zehnstündigen Zugfahrt immer weg geträumt.

„Lies ein Buch“, hat die Mutter gesagt.

„Was macht er da die ganze Zeit?“ hat der Vater gefragt.

Ich bin glücklich gewesen und die Berührung meiner Nase mit dem feucht kühlen Abteilfenster hat mich wach gehalten.   

Heute profitiere ich von dieser Sehnsucht.

Der Zug fährt in die Nacht hinein. Der Tag ist bei meiner Abfahrt aus Venedig irgendwann einfach in einem Trichter verschwunden. Einmal im Jahr fahre ich in die Lagunenstadt und gedenke meiner Frau und meinen beiden Kindern. Wir sind nie gemeinsam da gewesen, zu zweit nicht und auch nicht mit den Kindern. Immer, wenn ich Venedig gebucht habe, ist kurz zuvor etwas dazwischen gekommen. Beim ersten Mal hat meine Frau überhaupt nicht reagiert, sondern mich verlassen. Jahrelang haben wir uns aus den Augen verloren. Ein paar Postkarten habe ich von ihr bekommen, so geschrieben, als hätten wir nie etwas miteinander gehabt. Zwanzig Jahre später sind wir letztendlich zusammengekommen und zu meiner Freude hat sie auch noch zwei Kinder in die Beziehung mitgebracht. Wunderbare Kinder, in die ich mich sofort verliebt habe. Ein schönes Gefühl, plötzlich eine Familie zu haben. Schade, dass wir Venedig nie gemeinsam erlebt haben.

„Wie geht es Ihrer Frau?", will der Portier des Hotels jedes Mal wissen.

Wortlos nehme ich die Schlüssel entgegen. Was hätte ich auch sagen sollen?

Venedig ist der einzige Ort an dem ich meiner Trauer einen Platz gebe.     

Meine Nase spürt die Kühle des Abteilfensters.

Meine Mutter hat für meine fast hundertzweijährige Großmutter eine große Anzeige in der Zeitung geschaltet.

Von Beileidsbekundigungen am Grab ist abzusehen, hat unter der Anzeige gestanden.

Was hat sie geglaubt, wer da alles zur Urnenbestattung kommen wird?

Eine fast Hundertzweijährige ist gestorben, da kommt niemand mehr. Sicherlich Jopi Heesters hätte am Grab singen können.

„Man müsste Klavier spielen können, wer Klavier spielt hat Glück bei den Frauen...“

Eines der Lieblingslieder meiner Großmutter. Naturgemäß hat sie Johannes Heesters gekannt. Aber mit wem ist sie nicht per du gewesen. Nein, meine Großmutter hat gelogen, dass sich die Balken nicht mehr haben biegen können, sondern aus Scham geschrumpft und zu Zahnstochern mutiert sind. Den Kaiser will sie noch höchstpersönlich im elterlichen Hotel an der Schelde in Belgien bedient haben, dass ich nicht lache. was aber überhaupt nicht möglich gewesen ist. Meine Großmutter ist 1906 geboren und der 1. Weltkrieg 1914 ausgebrochen. Was also soll sie mit acht Jahren für den Kaiser getan haben, der ohnehin die meiste Zeit auf seiner riesigen Yacht unterwegs gewesen ist. Die Schelde wird er sicherlich nicht mit seinem Schiff auf und ab gefahren sein.

Dennoch habe ich gern den Geschichten meiner Großmutter gelauscht, auch wenn sie sonst unausstehlich gewesen ist. Diese andere Welt aus einer anderen Zeit hat mich interessiert. Allein bei dem Wort Grandhotel haben meine Augen geleuchtet. Felix Krull von Thomas Mann ist mir eingefallen, den ich schon mit zwölf Jahren gelesen habe.

Bei der Beerdigung meiner Großmutter sind wir zu viert gewesen. Der Pfarrer, ein Bestatter, meine Mutter und ich.

Von Jopi Heesters und seinen Freunden keine Spur.

Eine Zugreise in der Nacht hat ihren besonderen Zauber. Die Mitreisenden sind deutlicher leiser. Man hört das Flüstern, das Rascheln von Bonbonpapier. Smartphones melden sich mit den unterschiedlichsten Tonfolgen. Draußen saust ein wundersames Lichterspiel an einem vorbei, dass man den Eindruck hat, auf einer übergroßen Modelleisenbahn unterwegs zu sein.

Vielleicht ist es das, was ich so liebe. In einer meiner sechs Wohnungen steht auf dem Dachboden die Modelleisenbahn, die mein Vater für mich gebaut hat. Drei Kreise mit Häusern, einer Kirche mit Zwiebelturm, einem Sägewerk, Tunneln und Brücken. Alles aufgebaut in einem Schrank, den man aufklappen kann. Von mir sorgsam aufbewahrt, um einmal mit den eigenen Kindern damit zu spielen.

Wenn man sechs Wohnungen hat, und so wie ich für das Amt arbeitet, bleibt das mit den Kindern aus. Das Geschenk, das meine Frau mit in die Beziehung gebracht hat, zwei prächtige Jungen, hat sich schlagartig in Luft aufgelöst. 

Mit den Kindern und meiner Frau würde ich sicherlich immer noch im Inneren, dem kleinsten Kreis fahren und wäre glücklich.

Jetzt ist der Außenkreis meine Strecke. Der Schnellzug rast über Brücken und Tunnel und braucht dennoch so lange, dass man schnell vergisst im Kreis zu fahren. Wenn ich mich gleich nach links aus dem Fenster lehne, sehe ich den inneren Kreis mit der kleinen Lok, die an Jim Knopf erinnert. Die Waggons dahinter sind menschenleer. Nur einmal im Jahr, wenn ich aus Venedig zurückkomme, sehe ich die alte Lok an mir vorbeifahren. Am Fenster zwei winkende Kinder und eine glückliche Frau mit ihrem zufriedenen Mann.

Anfänglich hat es für mich beim Übergang vom Chronisten, vom Poeten hin zu einem Mitarbeiter für besondere Aufgaben keine Unterschiede gegeben. Es sind die gleichen Abläufe.

Zunächst hat es für mich überhaupt keine Probleme gegeben. Erst als ich die sogenannten Kollegen und die sogenannten Kunden kennengelernt habe, haben die Schwierigkeiten begonnen.

Meine Arbeit ist keine leichte, denn sie zerstört Leben, löscht ganze Familien aus, um letztendlich Leben zu schützen. Ich schließe die Augen und spüre die Tränen, wenn ich sagen muss, das nichts bleibt wie es ist.


Für Ivana ist Salzburg ein Traum. In den Probepausen schlendert sie durch die engen Gassen der Altstadt, riecht den aromatischen Geruch von frisch gemahlenem Kaffee, kauft in den teueren Boutiquen ein und schreibt an der türkisfarbenen Salzach in einem Biergarten Ansichtskarten.

Im Wohnzimmer der Mutter gibt es eine Holzwand, an der bunte Karten aus der ganzen Welt hängen. Alle von Ivana, die mit ihren dreißig Jahren schon ziemlich in der Welt herumgekommen ist.

Wobei es ihr in Europa am besten gefällt. Vor allem da, wenn es sie an die Erzählungen der Großtante erinnert. Wien und Salzburg sind voll davon. Die Proben verlaufen gut und ihr Erfolg in Wien hat so manche Türen geöffnet. Täglich gehen Anfragen ein und ihr Impresario ist mehr als euphorisch. Ivana muss ihn oft bremsen, denn sie möchte ihre Sache hier mehr als gut machen und sich nicht in Nebenschauplätzen verlieren.

Selbst an die Großtante schreibt Ivana eine Ansichtskarte. Nach den Festspielen wird sie nach Hause fahren und ihr Grab in Cluj besuchen. Dort gibt es zwischen den Steinen eine Ritze, in die sie die Karten steckt. Wenn es einen Himmel gibt, wird die Großtante dort oben in barocker Atmosphäre sitzen und ihrem Gesang lauschen, dessen ist sich Ivana sicher.

An den Sonntagen, wenn die Glocken der Kirchen zur Messe rufen und aus den Lokalen der Geruch von Rindersuppe auf die Gassen zieht, dann fühlt sie sich Zuhause.

Ivana sitzt in einem Biergarten an der Salzach und genießt das frühsommerliche Treiben. In drei Wochen ist Premiere und sie kann ihren geliebten Mozart singen. Bei den Proben schließt sie oft die Augen und stellt sich die Großtante vor, die unten neben dem Regiepult sitzt und stoisch Mützen und Schals strickt. Wenn es sein muss für das ganze Orchester.

„Wir haben eine Mugge“, sagt der Impresario und setzt sich zu ihr an den Tisch, „eine Einladung, die wir nicht ablehnen können. Kommt direkt von der kroatischen Botschaft. Ein Abend in kleiner Runde. Du singst Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen und Hör mein Flehn, o Gott der Liebe. Das ist alles. Wir müssen uns um nichts kümmern. Ein Hubschrauber holt uns morgen Nachmittag ab und bringt uns übermorgen wieder zurück.“

„Du hast zugesagt, ohne mich vorher zu fragen?“

Der Impresario zuckt unschuldig mit den Schultern und kullert mit seinen Kinderaugen, die sie an Peter Lorre erinnern.


Ivana liebt Schwarzweißfilme.

Sie studiert die Visitenkarte, die ihr der Impresario reicht. Der Name hört sich kroatisch an. ADRIAHOLDING steht darunter. Sie glaubt den Namen schon einmal gehört zu haben, wahrscheinlich hier an einem Balkanrestaurant.

„Er hat bar bezahlt“, sagt mit leuchtenden Augen der Impresario und wedelt mit den Geldscheinen.

Warum nicht, denkt sich Ivana. Von dem Geld werde ich meiner Mutter einen großen Fernseher kaufen und dem Vater einen Aufsitzmäher für seine Datscha in Cluj.

   

Ich komme gern in der Nacht in einer Stadt an. Mag sein, dass um die Uhrzeit die Plätze und Straßen nicht so sicher sind, aber nach Mitternacht entschleunigen sich die Metropolen und Orte, in denen ich wohne und arbeite. Die Nacht gehört mir ganz allein und ich kann mich so auf meine Arbeit am besten vorbereiten.

Von meinem Hotelzimmer aus schaue ich auf den blinkenden Fernsehturm. Eine feste Konstante, der ich lieber aus dem Wege gehe. Ich wechsele die Blickrichtung und blicke auf eine Baustelle, die bei meinem letzten Besuch noch nicht da gewesen ist. Das sind Aussichten, die meine Sinne schärfen und mich morgen beim Treffen mit den Leuten vom Amt, überlegen machen. Alles Fremde sensibilisiert die Sinne. Mir gegenüber werden Leute sitzen, die sich mit ihrer Arbeit und der Stadt angefreundet haben. Allein durch ihre Auswahl der Location sind sie im Nachteil, aber das behalte ich für mich.

Jedes Mal versuchen sie mich aufs Glatteis zu führen.

„Wie war die Anreise? Wo kommen Sie diesmal her?“

Seit ich für das Amt arbeite, werden mir solche Fragen gestellt. Meine Antwort ist stets ein nichtsagendes Lächeln.

Wir trinken einen Kaffee, essen eine Kleinigkeit und am Ende wird

mir ein neutraler Umschlag zugeschoben. Eine lächerliche Szene, aber in den heutigen Zeiten nicht anders zu bewerkstelligen.

Erst ein Mal habe ich einen Auftrag abgelehnt, weil ich beim Öffnen des Umschlags, natürlich an einem anderen Ort, sofort gesehen habe, dass irgendein Idiot die Stammdaten der Person per Computer ausgefüllt hat. In jeder meiner sechs Wohnungen gibt es eine Schreibmaschine, aber das Amt hält es nicht für nötig, den Mindeststandard zu wahren. Nein, danke.

Die Bilder, die mir kurz vor meinem Eintritt in die Firma von einem Abteilungsleiter gezeigt worden sind: erschütternd.

Ein Blutbad mit vier Toten in drei Räumen. Selbst vor dem Kinderzimmer haben die Mörder, die nie gefasst worden sind, nicht Halt gemacht. Ohne diese Farbfotos hätte ich mich seinerzeit niemals breitschlagen lassen, Mitarbeiter des Amtes zu werden.

Die Kinder, die blutüberströmt zwischen ihren Spielsachen gelegen sind, haben mich überzeugt. Bilder, die einem nicht mehr aus dem Kopf gehen, von denen man träumt.

Ich betrachte mich nicht als Moralisten, aber als guter Beobachter. Die Welt wird nicht untergehen, wenn ich nichts mache, aber vielleicht kann ich Leben retten und allein der Versuch ist ehrenwert, sollte aber, wenn man sich dafür entscheidet, professionell ausgeführt werden.

In einer Schulung, die sich über mehrere Monate, im Grunde Jahre, weil immer wieder Pausen dazwischen gelegen haben, hat man versucht, mir die Kunst des Verschwindens beizubringen. Das Ganze ein Irrwitz. Schon nach der ersten Stunde habe ich begriffen, um was es wirklich geht: Identität wahren, auch wenn man verschwindet. Jeden Satz habe ich hinterfragt, jede Methode in Frage gestellt und nach und nach mein eigenes Handwerk entwickelt.

„Sie sind ein Künstler“, hat der Abteilungsleiter gesagt und

nichts verstanden. Alle Kunst ist Handwerk.

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2. Kapitel