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Das kleine Glück des Augenblicks

 

19.


Es gibt Orte, die sind mit einer Zweisamkeit, einem Glück, einer Liebe so eng verbunden, dass man sie mit dritten nicht teilen möchte. Ein heiliger Ort mit besonderer Atmosphäre. Vielleicht schwebt das Gefühl, die Liebe geschützt in einer Blase über allem. Wahrscheinlich ist jeder Ort auf der Welt schon besetzt mit Erinnerungen. An dem einen gesteht man dem anderen seine Liebe, an dem anderen geht man auseinander. Ich weiß nicht, ob sich jemals Menschen an einem Flughafen oder einem Bahnhof verliebt haben. Diese Orte sind für den Abschied besetzt. Eine Wehmut weht über die Gleise und die Gangways. Menschen schauen einander nach. Ein gequältes Lächeln, dass alles heißen kann. Aufwiedersehen ist ein Versprechen, Wirsehenuns eine Drohung, ein Servus, Ciao, Baba eine Wolke, die sich irgendwann abregnet. In früheren Zeiten hat es Bahnhofsrestaurants gegeben, in denen man hat Abschied nehmen können. Im Inneren haben die Händchenhalter gesessen und draußen auf dem Bahnsteig die mit der freudigen Erwartung einer Ankunft.

20.


Die Sonne spiegelt sich in den Pfützen der Pier, als wir Land betreten. Noch fehlt ihr die Kraft, die Steinplatten zu trocknen. Die Fischer sind vor einer halben Stunde in den Hafen eingelaufen und stapeln die Kisten mit dem Fang. Die Alten sitzen bereits in den Cafés und beobachten das Treiben der Fischer. Sie rühren in kleinen Tassen, paffen Pfeifen oder Zigaretten, die streng und süßlich riechen.

Auf beiden Seiten der Pier verstummen die Alten wie die Fischer, als Ivana an ihnen vorbei schreitet. Mit ihrer Langhaarperücke, die sie zu einem Dutt geknotet hat, dem langen schwarzen Kleid, der großen Sonnenbrille und dem blassen Teint, sieht sie aus wie die Callas. Wie gern würde ich jetzt ein Foto machen.

Die Augen bewegen sich im Hundertstelsekundentakt. Die Mischung aus billigem Tabak, frischem Fisch und der Callas können sie nicht festhalten. Die Erinnerung wird später alles verfälschen.

Dabei kann ich mich an den Geruch des Waschmittels erinnern. Im Fernsehen ist die Biene Maja durch einen bunten Wald geflogen und in der Küche nebenan sind Beeren eingekocht worden. Ich rede vom ersten Mal, von der absoluten Aufgeregtheit vor dem ersten Mal. Die Metamorphose der Küsse, die mit einem Weingeschmack beginnen und sich in einer salzigen Lacke ins Endlose verlieren. Die erste Nacht mit meiner Frau an einem Neujahrsabend, in der ich mich durch unendlich viele Decken habe arbeiten müssen, während draußen die Schneeflocken alle Zeit der Welt haben. Alles zugelassen, gegeben, dabei den Faktor Verlangen und Sehnsucht vollkommen außer Acht gelassen.  

Wenn das heute der letzte Tag unseres Leben ist, dann hat er zumindest gut begonnen.

Irgendwo in der schlafenden Altstadt trinken wir einen Kaffee und beobachten die streunenden Hunde, die wir mit Brot füttern.

Ein bitterer Geschmack von Abschied liegt in der Luft. Wir beide wissen, dass uns nicht mehr viel Zeit bleibt. So verwandeln sich Minuten in Sekunden. 

Gitter werden hochgezogen und Licht in den Läden gemacht. Eine Stunde ist jetzt nur noch einen Augenaufschlag wert.

Wenn alles so läuft, wie ich es mir ausgedacht habe, werden wir uns für lange Zeit nicht mehr sehen. Wenn es schief gehen sollte, überhaupt nicht mehr.

Ivana weiß es, ohne dass ich es ausgesprochen habe.

„Ich werde immer für dich singen“, sagt sie mit nassem Gesicht und verschleierten Augen.

„Und ich werde jedes Mal im Publikum sitzen!“

Wir küssen uns nicht, halten nur unsere Hände und durchdringen uns mit unseren Blicken. So taucht jeder für sich in den anderen ein. Ein kurzer Moment des Glücks, das in der Erinnerung bleiben wird.

Ihr letzter Blick schräg von der Seite gleicht dem meiner Frau am Flughafen.

Wenn es keinen Abschied gibt, bleibt alles offen, nur das Neue bleibt verschlossen.

Nein, ich habe damals kein Lied geschrieben und werde es heute auch nicht tun. Vielleicht weil ich Zukunft nicht mehr definieren kann. Zukunft ist unendlich, aber nicht für den Einzelnen, nicht für jede Lebensform und nicht für jeden Planeten. Was ist aber, wenn es die Zeit gar nicht gibt? Die Dinge sich vermischen?

Wie oft treffe ich mich in meinen Träumen mit Menschen, die nicht mehr leben oder mit denen irgendwann der Kontakt gerissen ist. Vielleicht gibt es ein Leben in den Träumen, wäre das nicht ein Trost?

Meine Großmutter, die mit fast 102 Jahren gestorben ist, hat mir zu ihrem hundertsten Geburtstag erzählt, dass ab und an ihre erste große Liebe in ihr Zimmer kommt und sich zu ihr unter die Bettdecke legt.

„Ein verdammt schüchterner Kerl“, hat sie gelacht und mir Sachen erzählt, die ich von ihr nicht habe hören wollen.

Der verdammt schüchterne Kerl gilt seit September 1914 an der Marne als vermisst, aber vielleicht haben seine letzten Gedanken meiner Großmutter gegolten, die damals erst acht Jahre alt gewesen ist.

Immer mehr Einheimische bevölkern die engen Gassen der Altstadt und erledigen ihre Einkäufe. Es riecht nach frischem Brot und orientalischen Gewürzen. Eine Wolke aus angeschwitzten Zwiebeln und Knoblauch sucht sich ihren Weg im Labyrinth der Gassen. 

„Wir sehen uns!“

„Ganz bestimmt!“

So gehen wir auseinander. Ich schaue ihr nach, wie sie in einer der Gassen verschwindet.

Da ist das müde Lächeln meiner Frau, die im gläsernen Gangway verschwindet. Die Antwort auf die Frage, ob wir uns zum Abschied geküsst haben, ist vom schwarzen Nichts der Vergessenheit längst geschluckt worden.

Ich gehe den Pier entlang, dessen Steinplatten durch die Sonne längst trocken sind. Bis zum Yachthafen sind es ein paar Kilometer. Ich rauche eine nach der anderen und rede mir ein, dass ich mich auf meine Menschenkenntnis und meinen Instinkt verlassen kann. Dabei bin ich der Blinde unter den Einäugigen.

Oberhalb des Yachthafens gibt es ein großes Eisentor, dass selbst einem Panzer standhalten würde. Eingerahmt von hohen Mauern aus Felsgestein mit Stacheldraht auf dem Sims. Vom Meer aus habe ich die prächtige Villa auf dem Hügel sehen können. Hier unten vor dem Tor, gleicht alles eher einer Festung oder einem Gefängnis.

Vier Überwachungskameras nehmen mit unter die Lupe. Eine Klingel oder einen Briefkasten gibt es nicht. Wieso auch, es gibt keinen Straßennamen, geschweige denn eine Hausnummer.

Ich bleibe stehen und warte. Zur selben Zeit müssten jetzt Ivana und Klaus die Polizeistation betreten und Eva-Maria ihren Platz im Café gegenüber eingenommen haben.

Durch ein lautes Summen schiebt sich das schwere Eisentor zur Seite. Ein Empfangskomitee von sechs Männern in grauen Anzügen und Pilotensonnenbrillen erwartet mich. In kurzen Sätzen auf englisch trage ich mein Anliegen vor. Zwei dieser durchtrainierten Männer durchsuchen mich und nehmen mir mein Smartphone ab.

Einer von ihnen telefoniert. Die erste Hürde scheint genommen. Die sechs Männer führen mich über eine schlangenförmige Treppe aus Stein nach oben, die von kleinen Zedern und Pinien eingerahmt ist. 

Unterhalb des Anwesens ein Swimmingpool von der Größe eines Fußballplatzes. Zur Hälfte des Aufstiegs bleibe ich stehen und drehe mich um. Unten in der malerischen Bucht liegt unser Boot, die Cavallicio Marino, eingebettet in einen blauen Silberteppich.

Der Aufstieg durch den Terrassengarten geht weiter. Rechts neben der großen Villa ist ein Plateau auf dem ein Hubschrauber steht.

Nass geschwitzt betrete ich mit meinen sechs Begleitern die große Eingangshalle, die im römischen Stil gehalten ist. Ich bin mir sicher, dass es von einer anderen Seite des Berges einen Aufzug oder ähnliches gibt, um unbeschwerter und ungesehen hierher zu gelangen. 

Von hier oben hat man einen Blick über die ganze Stadt. Da kann ein Zlatan Brokisch leicht in Versuchung kommen, sich als König von Kroatien zu fühlen. 

Während ich in der großen Eingangshalle warte, denke ich an Ivana, Eva-Maria und Klaus. Ich hoffe, sie sind schon einen Schritt weiter als ich.

Eine Frau in der Uniform einer Hausdame bittet mich ihr zu folgen.

Ich betrete das Büro, dass in seiner Größe der Eingangshalle in nichts nachsteht. 

„Sie sehen mich auf gepackten Koffern“, sagt der Anwalt und bittet mich Platz zu nehmen. „Am Montag ist Prozesseröffnung und wie ich den Stand der Dinge sehe, werde ich mit meinem Mandanten am Abend wieder zurück sein.“

„Fragt sich nur für wie lange“, erwidere ich.

„Laut meinen Unterlagen hat die Staatsanwaltschaft keine Zeugen mehr und die wenigen schriftlichen Unterlagen lassen jede Anklage platzen.“

„Deswegen bin ich nicht zu Ihnen gekommen. Die Morde werden ihren Mandaten und seinen jüngeren Bruder Goran für Jahre hinter Gitter bringen. Und wie ich den Sonnyboy da unten einschätze, wird es nicht das letzte Mädchen sein, dass er aus dem Fenster geworfen hat.“

„Die Privatangelegenheiten meiner Mandanten gehen mich nichts an.“ Die Stimme des Anwalts wird schärfer.

„Sollten Sie aber, denn die beiden Brüder werden sie mit in den Abgrund reißen, so wie das junge Mädchen und den Impresario. Ich glaube kaum, dass Sie bei der Beweislage noch lange Anwalt sein werden.“

„Sie wollen mir drohen? Hier in diesem Haus? Ich bräuchte nur einen Knopf zu drücken und meine Leute zeigen Ihnen die schöne Tierwelt der Adria!“

„Ihre Leute? Genau darauf will ich hinaus. Es könnten heute noch Ihre Leute werden. Denn meine Leute sitzen in diesem Augenblick auf der hiesigen Polizeistation und warten auf meinen Anruf. So oder so wird die Polizei vorbeikommen. Entscheidend wird sein, wie viele Personen sie mitnehmen wird.“

„Wie kann ich helfen?“, fragt der Anwalt und bietet mir eine Zigarre an.

Im Gegenzug lege ich ihm ein paar Bilder auf den Schreibtisch.


Seit dem Vorfall in den Bergen hasst Ivana Polizeistationen. Sie haben nichts mit den Erinnerungen an der österreichischen Grenze zu tun. Sie weiß nicht mehr, in wie vielen leeren Räumen sie gesessen hat, die sich alle durch ihre Sterilität geähnelt haben. Mal hat es stark nach Männerschweiß gerochen, ein anderes Mal nach kaltem Zigarettenrauch. Die Melange aus Putzmittel, Schweiß und Rauch hat sie schuldig getauft. Eigentlich weiß ich nichts vom Leben, hat sie sich in diesen Warteschlangen gedacht. Ich singe Turandot und weiß im Grunde überhaupt nicht, was ich da mache.      

Andauernd schrillen Telefone, werden Türen geöffnet und wieder geschlossen. In der zweiten Etage der Polizeistation, wo sie jetzt sitzen, geht es zu wie in einem Taubenschlag. Klaus hat die Bombe auf englisch platzen lassen und sein Anliegen mehrmals wiederholen müssen, bevor der zuständige Beamte überhaupt gewusst hat, um was es eigentlich geht.

Den Namen Zlatan und Goran Brokisch hat der Polizist mindestens dreimal ehrfurchtsvoll wiederholt, bevor er hinter seinem Schreibtisch aufgestanden ist und das Zimmer verlassen hat. Das laute Ticken der großen Uhr an der Wand gibt der zähen Zeit dadurch etwas bedrohliches.

Ivana schließt die Augen und befindet sich im großen Musikzimmer ihres Impresarios am Comer See. Mit ruhiger Hand stellt er das Metronom an, dessen nach oben ausschlagender Pendel exakt den Takt

vorgibt. Tac, Tac, Tac...

    

Nachdem der Anwalt ein paar Telefonate mit der hiesigen Polizei und der Staatsanwaltschaft in Berlin geführt hat, steht er neben mir am großen Panoramafenster. Unten auf der dalmatinischen Adria dreht der jüngere Bruder von Zlatan Brokisch mit seinem roten Rennboot seine Achten. Steuerbord nähert sich ihm ein Polizeiboot.

„Das ging aber schnell“, sage ich und paffe die Zigarre.

„Unsere Polizei ist bekannt für ihre Schnelligkeit und Effizienz“, erwidert der Anwalt und tut es mir gleich.

Backbord nähert sich ein zweites Polizeiboot. Sie scheinen auf Nummer sicher gehen zu wollen. 

Dann geht alles sehr schnell. Das rote Rennboot kommt zum Stehen und trudelt vor sich her. Von beiden Seiten gehen Uniformierte an Bord. Der kleine Bruder gestikuliert wild, lässt sich dann aber widerstandslos festnehmen. Nur Handschellen will er sich nicht anlegen lassen, der Kronprinz von Dubrovnik. Wahrscheinlich hat er überhaupt nicht begriffen, was auf ihn zukommt.

Ich muss an die Bilder an Weihnachten 1989 denken, die um die Welt gegangen sind. In einer Schulbank sitzen ungläubig der rumänische Diktator Nicolae Ceaușescu mit seiner Frau in Straßenkleidung und begreifen nicht, was gerade passiert. Immer wieder schütteln sie die Köpfe, lachen zynisch oder klopfen mit der flachen Hand auf den Tisch. Immer wieder ändern sie ihre Sitzhaltung. Bei der Urteilsverkündung lehnt sich der Diktator mit verschränkten Armen breitbeinig zurück. In seinen Augen steht ein: Ihr könnt mir gar nichts. Eine halbe Stunde später liegt er mit seiner Frau erschossen im Schnee. Wahrscheinlich ist jedes Diktatorenende erbärmlich. Die Künstler sind es, die die Wirklichkeit nach dramaturgischen Gesichtspunkten verändern. Endlose Verfolgungsfahrten, an deren Ende fast immer das Gute über das Böse siegt. Der Revolutionär hält eine Brandrede, bevor ihn das Fallbeil trifft. Selbst im Senat zu Rom, lässt es sich der Feldherr nicht nehmen, obwohl durch mehrere Messerstiche seines Ziehsohns tödlich getroffen, noch ein paar Worte an das Publikum zu richten.

Der Anwalt drückt mir zum Abschied einen dicken Umschlag in die Hand.

„Sie werden es brauchen!“

Ohne mich umzudrehen steige ich die Treppen nach unten. Automatisch öffnet sich das schwere Eisentor und ich befinde mich wieder in Freiheit.

Außer Sichtweite übergebe ich mich an einer alten Festungsmauer und zünde mir mit zittrigen Händen eine Zigarette an.

Ich brauche ein paar Minuten, bis ich in der Lage bin, ein Smartphone mit einer neuen Karte zu aktivieren. Ich wähle die erste Nummer und lasse es mindestens zwanzig Mal summen. Niemand geht dran. Bei der zweiten Nummer höre ich eine Stimme, die mir mitteilt, dass die gewählte Rufnummer zur Zeit nicht vergeben ist.     

Bei der dritten habe ich mehr Glück. Meine Kontaktbeamtin ist am Apparat. Sie ist sehr aufgeregt und teilt mir mit, dass sie nicht mehr für mich zuständig sei. Im Hintergrund höre ich Schiffsgeräusche.  

Ich gehe durch die schmalen Gassen der Altstadt von Dubrovnik Richtung Polizeistation. Die Touristen, die sich an mir vorbeidrücken, nehmen mich nicht wahr. Scheinbar bin ich unsichtbar für die Gegenwart.

Ich setzte mich vor das Café gegenüber der Polizeistation und werde selbst von dem Kellner nicht wahrgenommen. Erst, als ich mir eine Zigarette anzünde, nimmt er von mir Kenntnis und meine Bestellung auf. An einem Nebentisch sitzt Eva-Maria, die nur mit den Schultern zuckt.

Ein Eisentor öffnet sich und ein Van mit getönten Scheiben fährt vorbei. Aufgeregt stürmt Klaus aus der Polizeistation direkt auf mich zu.

„Ivana wird nach München überführt“, hechelt Klaus ganz außer Atem. „Verdammt, ich habe nichts tun können.“

Wir nehmen uns in die Arme und können unsere Tränen nicht mehr zurückhalten.

„Ich glaube, wir haben es geschafft“, flüstere ich den beiden zu, denen ich soviel Leid angetan habe.

Ob ich Ivana wiedersehen werde?



Der Lokführer befährt die Strecke schon seit Jahren. Gleich vor der Kurve beginnt er mit der Drosselung der Geschwindigkeit, die in drei Streckenabschnitten erfolgt. Die Passagiere in den Waggons merken davon so gut wie nichts. Alles geschieht so schleichend, dass keine Kaffeetasse oder kein Suppenteller überschwappt.

In der Kurve kann der Lokführer schon von weitem die Brücke sehen: eine kühne Stahlkonstruktion aus dem vorletzten Jahrhundert, damit der österreichische Kaiser schneller und bequemer zu seinen Kurorten fahren kann.

Jetzt, um diese Uhrzeit, ist der Speisewagen nur noch spärlich gefüllt: Ein Ehepaar mit ihren beiden Kindern, ein Mann, der auf seinen Laptop starrt und sich dabei am Kopf kratzt. Eine Frau, die mit lila Tinte einen Brief schreibt und dabei schon fünf Milchkaffees getrunken hat. Ein Liebespärchen hält über dem Tisch die Hände und schaut sich unentwegt in die Augen. Ein Kind sitzt allein und zieht mit dem Finger Kreise auf der Fensterscheibe. Draußen ist es dunkel und das Innere des Speisewagens spiegelt sich in dem Glas wieder.

Der Lokführer nimmt einen heißen Schluck Tee und beißt beherzt in ein Salamibrot. Er fährt gern diese Strecke. Siebzehn Viadukte und dreiundzwanzig Tunnels. Nur jetzt in der Nacht, ist nicht viel von der schönen Landschaft zu sehen. Freie Strecke zeigt das Signal an. Er schaut auf die Uhr, er liegt gut in der Zeit.

Das Kind, dass mit den Fingern, Kreise auf der beschlagenen Scheibe malt, sieht die Gestalt auf der Brücke als erste. Es steht auf und geht zu der Frau, die mit lila Tinte Briefe schreibt, und zieht ihr an der Bluse.

„Da vorne steht jemand auf der Brücke“, sagt das Kind in einem Ton, der keine Wertung zulässt. 

„Wahrscheinlich ein vergessener Müllsack“, lächelt sanft die Mutter und legt den Füller beiseite.

„Aber nein, ein Mensch. Wenn wir gleich über die Brücke fahren, wirst du ihn sehen!“ Die Stimme des Kindes ist lauter geworden.

Ein Raunen geht durch den Speisewagen.

„Ein Mensch soll auf der Brücke stehen!“

„Was für ein Mensch?“

„Auf welcher Brücke?“

„Die gleich nach der Kurve kommt!“

Alle Passagiere des Speisewagens, samt Kellner und Koch suchen sich auf der rechten Seite einen Platz am Fenster und reiben mit Hemd oder Pullover die Scheiben trocken. Gespannt schauen sie in die Dunkelheit und sehen das leuchtende Signal, das größer und größer wird.

Vorne im Führerhaus reduziert der Lokführer leicht die Geschwindigkeit. Noch eine scharfe Linkskurve, dann kommt die Brücke.

Der Gedenkstein mit der Jahreszahl 1901 erstrahlt im Kegel der Scheinwerfer des Triebwagens. Dann geht es auf das stählerne Viadukt. Eine gerade Strecke von ein paar hundert Metern folgt.

Verdammt, da steht doch wer!

Der Lokführer rauft sich die Haare. Unmöglich kann er hier halten. Bei einer Notbremsung würden die letzten Waggons, die sich gerade in der scharfen Linkskurve befinden, aus den Gleisen springen.

Während in der 1. Klasse niemand von der Gestalt auf der Brücke Notiz nimmt, halten die Passagiere im Speisewagen den Atem an.

Eine Gestalt steht auf der Brücke, die im selben Moment, als der Speisewagen an ihm vorbeikommt, springt.

Dieser kurze Augenblick verändert alles.

Entsetzte Schreie. Mütter halten ihren Kindern die Augen zu. Ein sinnloses, reflexartiges Unterfangen, denn sie haben alles gesehen.

Die Männer überlegen die Notbremse zu ziehen, trauen sich aber nicht, da auf eine Zuwiderhandlung eine hohe Geldbuße steht.

Zum Glück vermindert der Zug selbst seine Fahrt und kommt nach ein paar hundert Metern auf freier Strecke zum Stehen.

Eine Durchsage untersagt ein Aussteigen der Fahrgäste.

Wie Fische drücken alle Passagiere sich die Nasen an den Fenstern platt.

Der Lokführer und zwei Zugbegleiter hasten vorbei zurück Richtung Brücke.

Einen Mantel und eine durchsichtige Hülle mit einem Pass, mehr hat die Gestalt auf der Brücke nicht hinterlassen...

...Ich sitze in Venedig auf der Terrasse meiner Stammbar.

Der Winter hat sich verabschiedet und die Bewohner der Stadt warten sehnsüchtig auf den Frühling, dessen Vorbote ein milder Wind vom Meer her ist, während auf den Bergspitzen noch Schnee liegt.

Ich bin der einzige Gast auf der Terrasse, aber ich bin nicht einsam, denn ich habe meine Erinnerungen, die mir Trost und Kraft geben.

Der Patrone sitzt an der Theke rührt in seinem Espresso und lauscht der klassischen Musik, die aus einem kleinen Transistorradio neben ihm kommt.

Die Stadt scheint an dieser Stelle wie ausgestorben und wirkt vielleicht auch dadurch so friedlich. Nein, die Zeit ist nicht stehengeblieben, sonst würde das Wasser nicht gegen die Kaimauern klatschen.

Alles ist gut, auch wenn ich zur Zeit einen Bart trage und mir regelmäßig die Haare färben muss.

Ich bin mir sicher, dass der Patrone mich erkannt hat. Immerhin komme ich jedes Jahr an diesen Ort, der für mich vielleicht auch dadurch magisch ist, weil ich ihn nie mit einem Menschen geteilt habe. Mit meiner Frau und den Kindern hätte ich diesen Ort gern besucht, aber immer ist uns etwas dazwischen gekommen.

Nach meiner Rückkehr in Berlin, sind alle meine Verstecke durchsucht gewesen. Sie haben sich nicht einmal die Mühe gemacht, es zu vertuschen. Wahrscheinlich sollen mich herausgerissene Schubladen und Dielenböden einschüchtern. Auch in den anderen Wohnungen, die über ganz Deutschland verteilt sind, sind sie gewesen und haben Unordnung hinterlassen.

Einmal noch habe ich mit dem Amt gesprochen. Über den Verbleib meiner beiden Kontaktbeamten habe ich nichts erfahren. In einer schriftlichen Vereinbarung habe ich dem Amt unterschreiben müssen, nichts über den Fall an die Öffentlichkeit zu bringen und keinen Kontakt zu Ivana aufzunehmen. Ich weiß nicht mehr, mit welchem Namen ich unterschrieben habe.

Im Amt hat es große Veränderungen gegeben. Natürlich hat davon nichts in der Zeitung gestanden. Die Türschilder in den Fluren tragen nicht umsonst keine Namen. Mit einer Besuchergruppe bin ich dort gewesen und habe in der Kantine einen Kaffee getrunken, beobachtet von unzähligen Kameras. Meine Maskerade scheint zu funktionieren.

In der Verhandlung um den Bankenzusammenbruch hat Zlatan Brokisch wie ein Wasserfall geredet und Ross und Reiter genannt, weil ihm am Tag der Eröffnung des Prozesses mitgeteilt worden ist, dass ein Strafverfahren wegen mehrfachen Mordes gegen ihn folgen wird. Ein Staatssekretär, höhere leitende Beamte und ein österreichischer Minister haben den Hut nehmen müssen.

Beide Brokisch Brüder sind in Haft und werden in absehbarer Zeit auch nicht aus dem Gefängnis herauskommen.

Ich lebe von dem Geld des Anwalts und hüte mich vor öffentlichen Orten. Dennoch habe ich es geschafft, hierher zu kommen.

Während im abfotografierten Teil der Lagune die großen weißen Kreuzfahrtschiffe vor Anker liegen und mehr als nur dunkle Schatten auf die Stadt werfen, herrscht hier im äußersten Winkel eine Ruhe, die ich genieße. Ab und an ist von See her der tiefe Ton eines Schiffshorn zu hören oder der helle Ton einer Lok aus dem Landesinneren.

Aus dem Lautsprecher des kleinen Radios an der Theke ertönt die Overtüre aus Turandot.

„Mein Freund, kannst du das Radio etwas lauter drehen“, rufe ich

dem Patrone in schlechtem Italienisch zu.

Die Vorfälle auf Vilm und auf dem Bauernhof zwischen Stralsund und Greifswald sind in der Öffentlichkeit bis heute nicht aufgetaucht. Keine Ahnung, wie sie das machen, obwohl so viele Menschen darin involviert gewesen sind und man meinen könnte, dass gerade in der heutigen Zeit alles an die Öffentlichkeit kommt.

Wahrscheinlich dienen die sogenannten Skandale und Enthüllungen nur der Ablenkung und den Bürgern zur Beruhigung. Können sie doch nach der ersten Empörung beruhigt feststellen, dass alles an den Tag kommt.

Ich weiß es besser und habe Ehrfurcht davor. Denn die vielen schrecklichen Bilder sind schwer aus dem Kopf zu bekommen.

Eva-Maria und Klaus haben mit dem Geld der Versicherung in der Nähe von Anklam einen neuen Anfang gewagt. Ein Begegnungszentrum für einen übergreifenden kulturellen Austausch ist im Aufbau. Sie lassen sich nicht unterkriegen.

Meine Großmutter ist mit fast 102 Jahren verstorben. Einsam in einem Pflegeheim. Friedlich, wie die Heimleitung versichert. Ein kleines Zimmer mit einem schmalen Bett. Das Fenster mit den türkisfarbenen Gardinen lässt Morgensonne herein.

Sie hat mit Bestimmtheit schrecklichere Bilder gesehen, zwei Weltkriege, eine Wirtschaftskrise erlebt und dennoch immer wieder neu angefangen.

Über die meisten Dinge in ihrem Leben hat sie nie geredet, aber das, was sie mir erzählt hat, hat meine Fantasie ungeheuer angeregt. Mein Urgroßvater, der mit einer Giraffe durch Köln gelaufen ist; mein Großvater, der die Deputation der jüdischen Bürger am Kölner Neumarkt gefilmt hat; mein Vater, der viel zu spät aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause gekommen ist und keine Jugend gehabt hat; meine Mutter, die heute noch zusammenschreckt, wenn die Sirenen heulen; ihr Stiefvater, der dennoch mein Großvater gewesen ist, in Österreich sein Glück gefunden und mir das Schießen beigebracht hat, und, und, und.

Sicherlich kann man die Identitäten wechseln, aber am Ende nimmt man doch alles mit, auch wenn man glaubt, alles verloren zu haben. Ich besitze nichts mehr aus der alten Zeit, außer einer Fotografie, die ich wie einen Augapfel hüte und immer bei mir trage.

Eine klare Stimme singt In questa reggia aus Turandot.

Ich zünde mir eine Zigarette an und starre auf die Lagune, deren Wasser sich heute nicht zwischen grau und türkis entscheiden kann.

Ich bestelle eine Flasche Wein, obwohl niemand Geburtstag hat, lausche der herrlichen Stimme aus dem Radio und lasse es zu, dass sich vor meinen Augen alles verwischt.

„Ist das eine Stimme“, sagt der Patrone, dem meine Rührung nicht entgangen ist.

„Was war das Schönste, das du je erlebt hast?“, habe ich einmal meine Frau gefragt. Sie hat sich nackt im Bett aufgerichtet und in der Nacht so geleuchtet, dass jeder Piratenmond vor Neid erblassen würde. Sie ist das Beste, was mir je passiert ist, habe ich gedacht und ihr unverstohlen hinterher gestarrt. Ein wunderschöner Körper, was seine Besitzerin nicht so gesehen hat.

„Schau mir bloss nicht auf meinen Arsch“, hat sie lachend gesagt und in einem Weidenkorb nach etwas gesucht.

Dann hat sie etwas im Halbdunkeln in den Händen gehalten.

„Das ist der schönste Augenblick in meinem Leben gewesen!“

Sie legt mir ein Schwarzweißfoto auf das Kopfkissen.

Das erste Ultraschallbild der Kinder!

En warmer Körper legt sich neben mich und gemeinsam schauen wir auf dieses Wunder der Natur.

Wie lang das her ist. Das Haus, das Zimmer, das Bett, die Wäsche, nichts davon gibt es mehr.

Mit zittrigen Fingern ziehe ich das Ultraschallbild, dass ich in einer eingeschweißten Klarsichthülle aufbewahre, aus der Innentasche meiner Jacke.

Es ist das Kostbarste, das ich besitze. Obwohl es sich nur um eine Kopie handelt, weil das Original irgendwo auf dem Meeresboden liegt.

„Geht aufs Haus“, sagt der Patrone, der mir einen Campari auf Eis hinstellt und mir ein Taschentuch reicht.

„Schöne Kinder“, fügt er hinzu und zeigt auf das Ultraschallbild.

Ich bringe keinen Ton heraus und schaue auf die Lagune, die mir als bewegte Leinwand meiner Erinnerung dient.

Das Lächeln meiner Frau, die mich in eine Hauseinfahrt drückt und abküsst. Eine kleine Kinderhand greift nach der meinen, eine zweite folgt. Sommerbilder auch im Winter. Selbst der Regen hat kräftige Farben.

Ein Wind, der über das Meer zieht, verwischt die Gesichter und bringt mir dafür ein Lachen aus einer anderen Zeit.

Das Radio spielt immer noch Turandot. Eine schöne Melange.

Von weitem sehe ich die Gestalt eines jungen Mannes über eine Brücke gehen, der gleich darauf in einer Gasse verschwindet.

Eine Zigarettenlänge später taucht der Junge aus einer anderen Gasse wieder auf und überquert die Brücke. Der Weg führt direkt auf die Terrasse der Bar, wo ich sitze. Die Gestalt trägt eine Baseballkappe, eine Pilotensonnenbrille, einen schmalen Oberlippenbart, ein Halstuch, ein viel zu weites Shirt, Jeans und weiße Turnschuhe. Ich schreibe es mit den Fingern auf eine Serviette. Wenn sie gleich hinter dem Palazzo auftaucht, werde ich meine Beobachtungen kontrollieren.

Das Lächeln der Augen und der schmale Oberlippenbart kommen mir bekannt vor.

Ich schiebe das Ultraschallbild unter die Speisekarte und beschwere beides mit einem Aschenbecher.

Fläzig wirft sich die Gestalt eines jungen Mannes in den Sessel neben mir.

„Eine schöne Stimme, findest du nicht?“

„Ich glaube, ich kann es besser.“

„Ich würde dich so gern in den Arm nehmen und küssen!“

„Eigentlich bin ich nur gekommen, weil ich das Ende der Geschichte von der Gartenschnecke Auch schon da hören möchte“, sagt Ivana und lächelt mich an.

„Und wenn es noch kein Ende gibt?“

„Dann lass dir Zeit. Ich kenne da zwei, die würden auch gerne die Geschichte bis zum Ende hören!“

Ivana zieht aus ihrer Hosentasche ein Ultraschallbild und legt es auf den Tisch.

Venedig verschwimmt.

Als die Lagune vor meinen Augen wieder auftaucht, schwimmen zwei Delphine mit den Gesichtszügen der Kinder rückwärts hinaus. Sie winken mit ihren Flossen. Der Piratenmond mit den Katzenaugen meiner Frau führt sie sicher raus aufs Meer.

Ich ziehe das Ultraschallbild meiner Frau unter der Speisekarte hervor und lege es neben Ivanas Ultraschallbild.

Was für eine große Familie wir doch sind.

Das kleine Glück des Augenblicks.

Wenn Glück keine Zeit kennt, ist es Liebe.

Der Patrone drückt den glimmenden Zigarettenstummel in den metallenen Aschenbecher und schaltet das Radio aus. Besorgt schaut er in die Dämmerung. Vom Meer nähern sich dunkle Wolken, die sich mit dem Wasser verbinden, dass kaum noch ein Horizont zu erkennen ist. Der Patrone dreht die Markise nach innen und schließt die Schirme, die bereits im Wind flattern. Nur ein einzelner Gast sitzt auf der Terrasse und starrt auf die Lagune, die als solche kaum noch zu erkennen ist. Einmal im Jahr taucht er hier auf, bleibt für eine Woche und sitzt jeden Tag allein auf der Terrasse.

Auch wenn er in diesem Jahr sein Äußeres stark verändert hat, hat ihn der Patrone sofort erkannt. Das ernste Gesicht und der melancholische Blick sind geblieben. Nur heute scheint es anders zu sein. Lächelnd sitzt sein einziger Gast auf der Terrasse und starrt im Wechsel auf ein Stück Papier, das in einer Klarsichthülle steckt und auf die dunkle Lagune. Der Regen scheint ihn nicht zu stören.


E N D E



  

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20. Kapitel

20.


Die Sonne spiegelt sich in den Pfützen der Pier, als wir Land betreten. Noch fehlt ihr die Kraft, die Steinplatten zu trocknen. Die Fischer sind vor einer halben Stunde in den Hafen eingelaufen und stapeln die Kisten mit dem Fang. Die Alten sitzen bereits in den Cafés und beobachten das Treiben der Fischer. Sie rühren in kleinen Tassen, paffen Pfeifen oder Zigaretten, die streng und süßlich riechen.

Auf beiden Seiten der Pier verstummen die Alten wie die Fischer, als Ivana an ihnen vorbei schreitet. Mit ihrer Langhaarperücke, die sie zu einem Dutt geknotet hat, dem langen schwarzen Kleid, der großen Sonnenbrille und dem blassen Teint, sieht sie aus wie die Callas. Wie gern würde ich jetzt ein Foto machen.

Die Augen bewegen sich im Hundertstelsekundentakt. Die Mischung aus billigem Tabak, frischem Fisch und der Callas können sie nicht festhalten. Die Erinnerung wird später alles verfälschen.

Dabei kann ich mich an den Geruch des Waschmittels erinnern. Im Fernsehen ist die Biene Maja durch einen bunten Wald geflogen und in der Küche nebenan sind Beeren eingekocht worden. Ich rede vom ersten Mal, von der absoluten Aufgeregtheit vor dem ersten Mal. Die Metamorphose der Küsse, die mit einem Weingeschmack beginnen und sich in einer salzigen Lacke ins Endlose verlieren. Die erste Nacht mit meiner Frau an einem Neujahrsabend, in der ich mich durch unendlich viele Decken habe arbeiten müssen, während draußen die Schneeflocken alle Zeit der Welt haben. Alles zugelassen, gegeben, dabei den Faktor Verlangen und Sehnsucht vollkommen außer Acht gelassen.  

Wenn das heute der letzte Tag unseres Leben ist, dann hat er zumindest gut begonnen.

Irgendwo in der schlafenden Altstadt trinken wir einen Kaffee und beobachten die streunenden Hunde, die wir mit Brot füttern.

Ein bitterer Geschmack von Abschied liegt in der Luft. Wir beide wissen, dass uns nicht mehr viel Zeit bleibt. So verwandeln sich Minuten in Sekunden. 

Gitter werden hochgezogen und Licht in den Läden gemacht. Eine Stunde ist jetzt nur noch einen Augenaufschlag wert.

Wenn alles so läuft, wie ich es mir ausgedacht habe, werden wir uns für lange Zeit nicht mehr sehen. Wenn es schief gehen sollte, überhaupt nicht mehr.

Ivana weiß es, ohne dass ich es ausgesprochen habe.

„Ich werde immer für dich singen“, sagt sie mit nassem Gesicht und verschleierten Augen.

„Und ich werde jedes Mal im Publikum sitzen!“

Wir küssen uns nicht, halten nur unsere Hände und durchdringen uns mit unseren Blicken. So taucht jeder für sich in den anderen ein. Ein kurzer Moment des Glücks, das in der Erinnerung bleiben wird.

Ihr letzter Blick schräg von der Seite gleicht dem meiner Frau am Flughafen.

Wenn es keinen Abschied gibt, bleibt alles offen, nur das Neue bleibt verschlossen.

Nein, ich habe damals kein Lied geschrieben und werde es heute auch nicht tun. Vielleicht weil ich Zukunft nicht mehr definieren kann. Zukunft ist unendlich, aber nicht für den Einzelnen, nicht für jede Lebensform und nicht für jeden Planeten. Was ist aber, wenn es die Zeit gar nicht gibt? Die Dinge sich vermischen?

Wie oft treffe ich mich in meinen Träumen mit Menschen, die nicht mehr leben oder mit denen irgendwann der Kontakt gerissen ist. Vielleicht gibt es ein Leben in den Träumen, wäre das nicht ein Trost?

Meine Großmutter, die mit fast 102 Jahren gestorben ist, hat mir zu ihrem hundertsten Geburtstag erzählt, dass ab und an ihre erste große Liebe in ihr Zimmer kommt und sich zu ihr unter die Bettdecke legt.

„Ein verdammt schüchterner Kerl“, hat sie gelacht und mir Sachen erzählt, die ich von ihr nicht habe hören wollen.

Der verdammt schüchterne Kerl gilt seit September 1914 an der Marne als vermisst, aber vielleicht haben seine letzten Gedanken meiner Großmutter gegolten, die damals erst acht Jahre alt gewesen ist.

Immer mehr Einheimische bevölkern die engen Gassen der Altstadt und erledigen ihre Einkäufe. Es riecht nach frischem Brot und orientalischen Gewürzen. Eine Wolke aus angeschwitzten Zwiebeln und Knoblauch sucht sich ihren Weg im Labyrinth der Gassen. 

„Wir sehen uns!“

„Ganz bestimmt!“

So gehen wir auseinander. Ich schaue ihr nach, wie sie in einer der Gassen verschwindet.

Da ist das müde Lächeln meiner Frau, die im gläsernen Gangway verschwindet. Die Antwort auf die Frage, ob wir uns zum Abschied geküsst haben, ist vom schwarzen Nichts der Vergessenheit längst geschluckt worden.

Ich gehe den Pier entlang, dessen Steinplatten durch die Sonne längst trocken sind. Bis zum Yachthafen sind es ein paar Kilometer. Ich rauche eine nach der anderen und rede mir ein, dass ich mich auf meine Menschenkenntnis und meinen Instinkt verlassen kann. Dabei bin ich der Blinde unter den Einäugigen.

Oberhalb des Yachthafens gibt es ein großes Eisentor, dass selbst einem Panzer standhalten würde. Eingerahmt von hohen Mauern aus Felsgestein mit Stacheldraht auf dem Sims. Vom Meer aus habe ich die prächtige Villa auf dem Hügel sehen können. Hier unten vor dem Tor, gleicht alles eher einer Festung oder einem Gefängnis.

Vier Überwachungskameras nehmen mit unter die Lupe. Eine Klingel oder einen Briefkasten gibt es nicht. Wieso auch, es gibt keinen Straßennamen, geschweige denn eine Hausnummer.

Ich bleibe stehen und warte. Zur selben Zeit müssten jetzt Ivana und Klaus die Polizeistation betreten und Eva-Maria ihren Platz im Café gegenüber eingenommen haben.

Durch ein lautes Summen schiebt sich das schwere Eisentor zur Seite. Ein Empfangskomitee von sechs Männern in grauen Anzügen und Pilotensonnenbrillen erwartet mich. In kurzen Sätzen auf englisch trage ich mein Anliegen vor. Zwei dieser durchtrainierten Männer durchsuchen mich und nehmen mir mein Smartphone ab.

Einer von ihnen telefoniert. Die erste Hürde scheint genommen. Die sechs Männer führen mich über eine schlangenförmige Treppe aus Stein nach oben, die von kleinen Zedern und Pinien eingerahmt ist. 

Unterhalb des Anwesens ein Swimmingpool von der Größe eines Fußballplatzes. Zur Hälfte des Aufstiegs bleibe ich stehen und drehe mich um. Unten in der malerischen Bucht liegt unser Boot, die Cavallicio Marino, eingebettet in einen blauen Silberteppich.

Der Aufstieg durch den Terrassengarten geht weiter. Rechts neben der großen Villa ist ein Plateau auf dem ein Hubschrauber steht.

Nass geschwitzt betrete ich mit meinen sechs Begleitern die große Eingangshalle, die im römischen Stil gehalten ist. Ich bin mir sicher, dass es von einer anderen Seite des Berges einen Aufzug oder ähnliches gibt, um unbeschwerter und ungesehen hierher zu gelangen. 

Von hier oben hat man einen Blick über die ganze Stadt. Da kann ein Zlatan Brokisch leicht in Versuchung kommen, sich als König von Kroatien zu fühlen. 

Während ich in der großen Eingangshalle warte, denke ich an Ivana, Eva-Maria und Klaus. Ich hoffe, sie sind schon einen Schritt weiter als ich.

Eine Frau in der Uniform einer Hausdame bittet mich ihr zu folgen.

Ich betrete das Büro, dass in seiner Größe der Eingangshalle in nichts nachsteht. 

„Sie sehen mich auf gepackten Koffern“, sagt der Anwalt und bittet mich Platz zu nehmen. „Am Montag ist Prozesseröffnung und wie ich den Stand der Dinge sehe, werde ich mit meinem Mandanten am Abend wieder zurück sein.“

„Fragt sich nur für wie lange“, erwidere ich.

„Laut meinen Unterlagen hat die Staatsanwaltschaft keine Zeugen mehr und die wenigen schriftlichen Unterlagen lassen jede Anklage platzen.“

„Deswegen bin ich nicht zu Ihnen gekommen. Die Morde werden ihren Mandaten und seinen jüngeren Bruder Goran für Jahre hinter Gitter bringen. Und wie ich den Sonnyboy da unten einschätze, wird es nicht das letzte Mädchen sein, dass er aus dem Fenster geworfen hat.“

„Die Privatangelegenheiten meiner Mandanten gehen mich nichts an.“ Die Stimme des Anwalts wird schärfer.

„Sollten Sie aber, denn die beiden Brüder werden sie mit in den Abgrund reißen, so wie das junge Mädchen und den Impresario. Ich glaube kaum, dass Sie bei der Beweislage noch lange Anwalt sein werden.“

„Sie wollen mir drohen? Hier in diesem Haus? Ich bräuchte nur einen Knopf zu drücken und meine Leute zeigen Ihnen die schöne Tierwelt der Adria!“

„Ihre Leute? Genau darauf will ich hinaus. Es könnten heute noch Ihre Leute werden. Denn meine Leute sitzen in diesem Augenblick auf der hiesigen Polizeistation und warten auf meinen Anruf. So oder so wird die Polizei vorbeikommen. Entscheidend wird sein, wie viele Personen sie mitnehmen wird.“

„Wie kann ich helfen?“, fragt der Anwalt und bietet mir eine Zigarre an.

Im Gegenzug lege ich ihm ein paar Bilder auf den Schreibtisch.


Seit dem Vorfall in den Bergen hasst Ivana Polizeistationen. Sie haben nichts mit den Erinnerungen an der österreichischen Grenze zu tun. Sie weiß nicht mehr, in wie vielen leeren Räumen sie gesessen hat, die sich alle durch ihre Sterilität geähnelt haben. Mal hat es stark nach Männerschweiß gerochen, ein anderes Mal nach kaltem Zigarettenrauch. Die Melange aus Putzmittel, Schweiß und Rauch hat sie schuldig getauft. Eigentlich weiß ich nichts vom Leben, hat sie sich in diesen Warteschlangen gedacht. Ich singe Turandot und weiß im Grunde überhaupt nicht, was ich da mache.      

Andauernd schrillen Telefone, werden Türen geöffnet und wieder geschlossen. In der zweiten Etage der Polizeistation, wo sie jetzt sitzen, geht es zu wie in einem Taubenschlag. Klaus hat die Bombe auf englisch platzen lassen und sein Anliegen mehrmals wiederholen müssen, bevor der zuständige Beamte überhaupt gewusst hat, um was es eigentlich geht.

Den Namen Zlatan und Goran Brokisch hat der Polizist mindestens dreimal ehrfurchtsvoll wiederholt, bevor er hinter seinem Schreibtisch aufgestanden ist und das Zimmer verlassen hat. Das laute Ticken der großen Uhr an der Wand gibt der zähen Zeit dadurch etwas bedrohliches.

Ivana schließt die Augen und befindet sich im großen Musikzimmer ihres Impresarios am Comer See. Mit ruhiger Hand stellt er das Metronom an, dessen nach oben ausschlagender Pendel exakt den Takt

vorgibt. Tac, Tac, Tac...

    

Nachdem der Anwalt ein paar Telefonate mit der hiesigen Polizei und der Staatsanwaltschaft in Berlin geführt hat, steht er neben mir am großen Panoramafenster. Unten auf der dalmatinischen Adria dreht der jüngere Bruder von Zlatan Brokisch mit seinem roten Rennboot seine Achten. Steuerbord nähert sich ihm ein Polizeiboot.

„Das ging aber schnell“, sage ich und paffe die Zigarre.

„Unsere Polizei ist bekannt für ihre Schnelligkeit und Effizienz“, erwidert der Anwalt und tut es mir gleich.

Backbord nähert sich ein zweites Polizeiboot. Sie scheinen auf Nummer sicher gehen zu wollen. 

Dann geht alles sehr schnell. Das rote Rennboot kommt zum Stehen und trudelt vor sich her. Von beiden Seiten gehen Uniformierte an Bord. Der kleine Bruder gestikuliert wild, lässt sich dann aber widerstandslos festnehmen. Nur Handschellen will er sich nicht anlegen lassen, der Kronprinz von Dubrovnik. Wahrscheinlich hat er überhaupt nicht begriffen, was auf ihn zukommt.

Ich muss an die Bilder an Weihnachten 1989 denken, die um die Welt gegangen sind. In einer Schulbank sitzen ungläubig der rumänische Diktator Nicolae Ceaușescu mit seiner Frau in Straßenkleidung und begreifen nicht, was gerade passiert. Immer wieder schütteln sie die Köpfe, lachen zynisch oder klopfen mit der flachen Hand auf den Tisch. Immer wieder ändern sie ihre Sitzhaltung. Bei der Urteilsverkündung lehnt sich der Diktator mit verschränkten Armen breitbeinig zurück. In seinen Augen steht ein: Ihr könnt mir gar nichts. Eine halbe Stunde später liegt er mit seiner Frau erschossen im Schnee. Wahrscheinlich ist jedes Diktatorenende erbärmlich. Die Künstler sind es, die die Wirklichkeit nach dramaturgischen Gesichtspunkten verändern. Endlose Verfolgungsfahrten, an deren Ende fast immer das Gute über das Böse siegt. Der Revolutionär hält eine Brandrede, bevor ihn das Fallbeil trifft. Selbst im Senat zu Rom, lässt es sich der Feldherr nicht nehmen, obwohl durch mehrere Messerstiche seines Ziehsohns tödlich getroffen, noch ein paar Worte an das Publikum zu richten.

Der Anwalt drückt mir zum Abschied einen dicken Umschlag in die Hand.

„Sie werden es brauchen!“

Ohne mich umzudrehen steige ich die Treppen nach unten. Automatisch öffnet sich das schwere Eisentor und ich befinde mich wieder in Freiheit.

Außer Sichtweite übergebe ich mich an einer alten Festungsmauer und zünde mir mit zittrigen Händen eine Zigarette an.

Ich brauche ein paar Minuten, bis ich in der Lage bin, ein Smartphone mit einer neuen Karte zu aktivieren. Ich wähle die erste Nummer und lasse es mindestens zwanzig Mal summen. Niemand geht dran. Bei der zweiten Nummer höre ich eine Stimme, die mir mitteilt, dass die gewählte Rufnummer zur Zeit nicht vergeben ist.     

Bei der dritten habe ich mehr Glück. Meine Kontaktbeamtin ist am Apparat. Sie ist sehr aufgeregt und teilt mir mit, dass sie nicht mehr für mich zuständig sei. Im Hintergrund höre ich Schiffsgeräusche.  

Ich gehe durch die schmalen Gassen der Altstadt von Dubrovnik Richtung Polizeistation. Die Touristen, die sich an mir vorbeidrücken, nehmen mich nicht wahr. Scheinbar bin ich unsichtbar für die Gegenwart.

Ich setzte mich vor das Café gegenüber der Polizeistation und werde selbst von dem Kellner nicht wahrgenommen. Erst, als ich mir eine Zigarette anzünde, nimmt er von mir Kenntnis und meine Bestellung auf. An einem Nebentisch sitzt Eva-Maria, die nur mit

den Schultern zuckt.

Ein Eisentor öffnet sich und ein Van mit getönten Scheiben fährt vorbei. Aufgeregt stürmt Klaus aus der Polizeistation direkt auf mich zu.

„Ivana wird nach München überführt“, hechelt Klaus ganz außer Atem. „Verdammt, ich habe nichts tun können.“

Wir nehmen uns in die Arme und können unsere Tränen nicht mehr zurückhalten.

„Ich glaube, wir haben es geschafft“, flüstere ich den beiden zu, denen ich soviel Leid angetan habe.

Ob ich Ivana wiedersehen werde?



Der Lokführer befährt die Strecke schon seit Jahren. Gleich vor der Kurve beginnt er mit der Drosselung der Geschwindigkeit, die in drei Streckenabschnitten erfolgt. Die Passagiere in den Waggons merken davon so gut wie nichts. Alles geschieht so schleichend, dass keine Kaffeetasse oder kein Suppenteller überschwappt.

In der Kurve kann der Lokführer schon von weitem die Brücke sehen: eine kühne Stahlkonstruktion aus dem vorletzten Jahrhundert, damit der österreichische Kaiser schneller und bequemer zu seinen Kurorten fahren kann.

Jetzt, um diese Uhrzeit, ist der Speisewagen nur noch spärlich gefüllt: Ein Ehepaar mit ihren beiden Kindern, ein Mann, der auf seinen Laptop starrt und sich dabei am Kopf kratzt. Eine Frau, die mit lila Tinte einen Brief schreibt und dabei schon fünf Milchkaffees getrunken hat. Ein Liebespärchen hält über dem Tisch die Hände und schaut sich unentwegt in die Augen. Ein Kind sitzt allein und zieht mit dem Finger Kreise auf der Fensterscheibe. Draußen ist es dunkel und das Innere des Speisewagens spiegelt sich in dem Glas wieder.

Der Lokführer nimmt einen heißen Schluck Tee und beißt beherzt in ein Salamibrot. Er fährt gern diese Strecke. Siebzehn Viadukte und dreiundzwanzig Tunnels. Nur jetzt in der Nacht, ist nicht viel von der schönen Landschaft zu sehen. Freie Strecke zeigt das Signal an. Er schaut auf die Uhr, er liegt gut in der Zeit.

Das Kind, dass mit den Fingern, Kreise auf der beschlagenen Scheibe malt, sieht die Gestalt auf der Brücke als erste. Es steht auf und geht zu der Frau, die mit lila Tinte Briefe schreibt, und zieht ihr an der Bluse.

„Da vorne steht jemand auf der Brücke“, sagt das Kind in einem Ton, der keine Wertung zulässt. 

„Wahrscheinlich ein vergessener Müllsack“, lächelt sanft die Mutter und legt den Füller beiseite.

„Aber nein, ein Mensch. Wenn wir gleich über die Brücke fahren, wirst du ihn sehen!“ Die Stimme des Kindes ist lauter geworden.

Ein Raunen geht durch den Speisewagen.

„Ein Mensch soll auf der Brücke stehen!“

„Was für ein Mensch?“

„Auf welcher Brücke?“

„Die gleich nach der Kurve kommt!“

Alle Passagiere des Speisewagens, samt Kellner und Koch suchen sich auf der rechten Seite einen Platz am Fenster und reiben mit Hemd oder Pullover die Scheiben trocken. Gespannt schauen sie in die Dunkelheit und sehen das leuchtende Signal, das größer und größer wird.

Vorne im Führerhaus reduziert der Lokführer leicht die Geschwindigkeit. Noch eine scharfe Linkskurve, dann kommt die Brücke.

Der Gedenkstein mit der Jahreszahl 1901 erstrahlt im Kegel der Scheinwerfer des Triebwagens. Dann geht es auf das stählerne Viadukt. Eine gerade Strecke von ein paar hundert Metern folgt.

Verdammt, da steht doch wer!

Der Lokführer rauft sich die Haare. Unmöglich kann er hier halten. Bei einer Notbremsung würden die letzten Waggons, die sich gerade in der scharfen Linkskurve befinden, aus den Gleisen springen.

Während in der 1. Klasse niemand von der Gestalt auf der Brücke Notiz nimmt, halten die Passagiere im Speisewagen den Atem an.

Eine Gestalt steht auf der Brücke, die im selben Moment, als der Speisewagen an ihm vorbeikommt, springt.

Dieser kurze Augenblick verändert alles.

Entsetzte Schreie. Mütter halten ihren Kindern die Augen zu. Ein sinnloses, reflexartiges Unterfangen, denn sie haben alles gesehen.

Die Männer überlegen die Notbremse zu ziehen, trauen sich aber nicht, da auf eine Zuwiderhandlung eine hohe Geldbuße steht.

Zum Glück vermindert der Zug selbst seine Fahrt und kommt nach ein paar hundert Metern auf freier Strecke zum Stehen.

Eine Durchsage untersagt ein Aussteigen der Fahrgäste.

Wie Fische drücken alle Passagiere sich die Nasen an den Fenstern platt.

Der Lokführer und zwei Zugbegleiter hasten vorbei zurück Richtung Brücke.

Einen Mantel und eine durchsichtige Hülle mit einem Pass, mehr hat die Gestalt auf der Brücke nicht hinterlassen...


...Ich sitze in Venedig auf der Terrasse meiner Stammbar.

Der Winter hat sich verabschiedet und die Bewohner der Stadt warten sehnsüchtig auf den Frühling, dessen Vorbote ein milder Wind vom Meer her ist, während auf den Bergspitzen noch Schnee liegt.

Ich bin der einzige Gast auf der Terrasse, aber ich bin nicht einsam, denn ich habe meine Erinnerungen, die mir Trost und Kraft geben.

Der Patrone sitzt an der Theke rührt in seinem Espresso und lauscht der klassischen Musik, die aus einem kleinen Transistorradio neben ihm kommt.

Die Stadt scheint an dieser Stelle wie ausgestorben und wirkt vielleicht auch dadurch so friedlich. Nein, die Zeit ist nicht stehengeblieben, sonst würde das Wasser nicht gegen die Kaimauern klatschen.

Alles ist gut, auch wenn ich zur Zeit einen Bart trage und mir regelmäßig die Haare färben muss.

Ich bin mir sicher, dass der Patrone mich erkannt hat. Immerhin komme ich jedes Jahr an diesen Ort, der für mich vielleicht auch dadurch magisch ist, weil ich ihn nie mit einem Menschen geteilt habe. Mit meiner Frau und den Kindern hätte ich diesen Ort gern besucht, aber immer ist uns etwas dazwischen gekommen.

Nach meiner Rückkehr in Berlin, sind alle meine Verstecke durchsucht gewesen. Sie haben sich nicht einmal die Mühe gemacht, es zu vertuschen. Wahrscheinlich sollen mich herausgerissene Schubladen und Dielenböden einschüchtern. Auch in den anderen Wohnungen, die über ganz Deutschland verteilt sind, sind sie gewesen und haben Unordnung hinterlassen.

Einmal noch habe ich mit dem Amt gesprochen. Über den Verbleib meiner beiden Kontaktbeamten habe ich nichts erfahren. In einer schriftlichen Vereinbarung habe ich dem Amt unterschreiben müssen, nichts über den Fall an die Öffentlichkeit zu bringen und keinen Kontakt zu Ivana aufzunehmen. Ich weiß nicht mehr, mit welchem Namen ich unterschrieben habe.

Im Amt hat es große Veränderungen gegeben. Natürlich hat davon nichts in der Zeitung gestanden. Die Türschilder in den Fluren tragen nicht umsonst keine Namen. Mit einer Besuchergruppe bin ich dort gewesen und habe in der Kantine einen Kaffee getrunken, beobachtet von unzähligen Kameras. Meine Maskerade scheint zu funktionieren.

In der Verhandlung um den Bankenzusammenbruch hat Zlatan Brokisch wie ein Wasserfall geredet und Ross und Reiter genannt, weil ihm am Tag der Eröffnung des Prozesses mitgeteilt worden ist, dass ein Strafverfahren wegen mehrfachen Mordes gegen ihn folgen wird. Ein Staatssekretär, höhere leitende Beamte und ein österreichischer Minister haben den Hut nehmen müssen.

Beide Brokisch Brüder sind in Haft und werden in absehbarer Zeit auch nicht aus dem Gefängnis herauskommen.

Ich lebe von dem Geld des Anwalts und hüte mich vor öffentlichen Orten. Dennoch habe ich es geschafft, hierher zu kommen.

Während im abfotografierten Teil der Lagune die großen weißen Kreuzfahrtschiffe vor Anker liegen und mehr als nur dunkle Schatten auf die Stadt werfen, herrscht hier im äußersten Winkel eine Ruhe, die ich genieße. Ab und an ist von See her der tiefe Ton eines Schiffshorn zu hören oder der helle Ton einer Lok aus dem Landesinneren.

Aus dem Lautsprecher des kleinen Radios an der Theke ertönt die Overtüre aus Turandot.

„Mein Freund, kannst du das Radio etwas lauter drehen“, rufe ich

dem Patrone in schlechtem Italienisch zu.

Die Vorfälle auf Vilm und auf dem Bauernhof zwischen Stralsund und Greifswald sind in der Öffentlichkeit bis heute nicht aufgetaucht. Keine Ahnung, wie sie das machen, obwohl so viele Menschen darin involviert gewesen sind und man meinen könnte, dass gerade in der heutigen Zeit alles an die Öffentlichkeit kommt.

Wahrscheinlich dienen die sogenannten Skandale und Enthüllungen nur der Ablenkung und den Bürgern zur Beruhigung. Können sie doch nach der ersten Empörung beruhigt feststellen, dass alles an den Tag kommt.

Ich weiß es besser und habe Ehrfurcht davor. Denn die vielen schrecklichen Bilder sind schwer aus dem Kopf zu bekommen.

Eva-Maria und Klaus haben mit dem Geld der Versicherung in der Nähe von Anklam einen neuen Anfang gewagt. Ein Begegnungszentrum für einen übergreifenden kulturellen Austausch ist im Aufbau. Sie lassen sich nicht unterkriegen.

Meine Großmutter ist mit fast 102 Jahren verstorben. Einsam in einem Pflegeheim. Friedlich, wie die Heimleitung versichert. Ein kleines Zimmer mit einem schmalen Bett. Das Fenster mit den türkisfarbenen Gardinen lässt Morgensonne herein.

Sie hat mit Bestimmtheit schrecklichere Bilder gesehen, zwei Weltkriege, eine Wirtschaftskrise erlebt und dennoch immer wieder neu angefangen.

Über die meisten Dinge in ihrem Leben hat sie nie geredet, aber das, was sie mir erzählt hat, hat meine Fantasie ungeheuer angeregt. Mein Urgroßvater, der mit einer Giraffe durch Köln gelaufen ist; mein Großvater, der die Deputation der jüdischen Bürger am Kölner Neumarkt gefilmt hat; mein Vater, der viel zu spät aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause gekommen ist und keine Jugend gehabt hat; meine Mutter, die heute noch zusammenschreckt, wenn die Sirenen heulen; ihr Stiefvater, der dennoch mein Großvater gewesen ist, in Österreich sein Glück gefunden und mir das Schießen beigebracht hat, und, und, und.

Sicherlich kann man die Identitäten wechseln, aber am Ende nimmt man doch alles mit, auch wenn man glaubt, alles verloren zu haben. Ich besitze nichts mehr aus der alten Zeit, außer einer Fotografie, die ich wie einen Augapfel hüte und immer bei mir trage.

Eine klare Stimme singt In questa reggia aus Turandot.

Ich zünde mir eine Zigarette an und starre auf die Lagune, deren Wasser sich heute nicht zwischen grau und türkis entscheiden kann.

Ich bestelle eine Flasche Wein, obwohl niemand Geburtstag hat, lausche der herrlichen Stimme aus dem Radio und lasse es zu, dass sich vor meinen Augen alles verwischt.

„Ist das eine Stimme“, sagt der Patrone, dem meine Rührung nicht entgangen ist.

„Was war das Schönste, das du je erlebt hast?“, habe ich einmal meine Frau gefragt. Sie hat sich nackt im Bett aufgerichtet und in der Nacht so geleuchtet, dass jeder Piratenmond vor Neid erblassen würde. Sie ist das Beste, was mir je passiert ist, habe ich gedacht und ihr unverstohlen hinterher gestarrt. Ein wunderschöner Körper, was seine Besitzerin nicht so gesehen hat.

„Schau mir bloss nicht auf meinen Arsch“, hat sie lachend gesagt und in einem Weidenkorb nach etwas gesucht.

Dann hat sie etwas im Halbdunkeln in den Händen gehalten.

„Das ist der schönste Augenblick in meinem Leben gewesen!“

Sie legt mir ein Schwarzweißfoto auf das Kopfkissen.

Das erste Ultraschallbild der Kinder!

En warmer Körper legt sich neben mich und gemeinsam schauen wir auf dieses Wunder der Natur.

Wie lang das her ist. Das Haus, das Zimmer, das Bett, die Wäsche, nichts davon gibt es mehr.

Mit zittrigen Fingern ziehe ich das Ultraschallbild, dass ich in einer eingeschweißten Klarsichthülle aufbewahre, aus der Innentasche meiner Jacke.

Es ist das Kostbarste, das ich besitze. Obwohl es sich nur um eine Kopie handelt, weil das Original irgendwo auf dem Meeresboden liegt.

„Geht aufs Haus“, sagt der Patrone, der mir einen Campari auf Eis hinstellt und mir ein Taschentuch reicht.

„Schöne Kinder“, fügt er hinzu und zeigt auf das Ultraschallbild.

Ich bringe keinen Ton heraus und schaue auf die Lagune, die mir als bewegte Leinwand meiner Erinnerung dient.

Das Lächeln meiner Frau, die mich in eine Hauseinfahrt drückt und abküsst. Eine kleine Kinderhand greift nach der meinen, eine zweite folgt. Sommerbilder auch im Winter. Selbst der Regen hat kräftige Farben.

Ein Wind, der über das Meer zieht, verwischt die Gesichter und bringt mir dafür ein Lachen aus einer anderen Zeit.

Das Radio spielt immer noch Turandot. Eine schöne Melange.

Von weitem sehe ich die Gestalt eines jungen Mannes über eine Brücke gehen, der gleich darauf in einer Gasse verschwindet.

Eine Zigarettenlänge später taucht der Junge aus einer anderen Gasse wieder auf und überquert die Brücke. Der Weg führt direkt auf die Terrasse der Bar, wo ich sitze. Die Gestalt trägt eine Baseballkappe, eine Pilotensonnenbrille, einen schmalen Oberlippenbart, ein Halstuch, ein viel zu weites Shirt, Jeans und weiße Turnschuhe. Ich schreibe es mit den Fingern auf eine Serviette. Wenn sie gleich hinter dem Palazzo auftaucht, werde ich meine Beobachtungen kontrollieren.

Das Lächeln der Augen und der schmale Oberlippenbart kommen mir bekannt vor.

Ich schiebe das Ultraschallbild unter die Speisekarte und beschwere beides mit einem Aschenbecher.

Fläzig wirft sich die Gestalt eines jungen Mannes in den Sessel neben mir.

„Eine schöne Stimme, findest du nicht?“

„Ich glaube, ich kann es besser.“

„Ich würde dich so gern in den Arm nehmen und küssen!“

„Eigentlich bin ich nur gekommen, weil ich das Ende der Geschichte von der Gartenschnecke Auch schon da hören möchte“, sagt Ivana und lächelt mich an.

„Und wenn es noch kein Ende gibt?“

„Dann lass dir Zeit. Ich kenne da zwei, die würden auch gerne die Geschichte bis zum Ende hören!“

Ivana zieht aus ihrer Hosentasche ein Ultraschallbild und legt es auf den Tisch.

Venedig verschwimmt.

Als die Lagune vor meinen Augen wieder auftaucht, schwimmen zwei Delphine mit den Gesichtszügen der Kinder rückwärts hinaus. Sie winken mit ihren Flossen. Der Piratenmond mit den Katzenaugen meiner Frau führt sie sicher raus aufs Meer.

Ich ziehe das Ultraschallbild meiner Frau unter der Speisekarte hervor und lege es neben Ivanas Ultraschallbild.

Was für eine große Familie wir doch sind.

Das kleine Glück des Augenblicks.

Wenn Glück keine Zeit kennt, ist es Liebe.

Der Patrone drückt den glimmenden Zigarettenstummel in den metallenen Aschenbecher und schaltet das Radio aus. Besorgt schaut er in die Dämmerung. Vom Meer nähern sich dunkle Wolken, die sich mit dem Wasser verbinden, dass kaum noch ein Horizont zu erkennen ist. Der Patrone dreht die Markise nach innen und schließt die Schirme, die bereits im Wind flattern. Nur ein einzelner Gast sitzt auf der Terrasse und starrt auf die Lagune, die als solche kaum noch zu erkennen ist. Einmal im Jahr taucht er hier auf, bleibt für eine Woche und sitzt jeden Tag allein auf der Terrasse.

Auch wenn er in diesem Jahr sein Äußeres stark verändert hat, hat ihn der Patrone sofort erkannt. Das ernste Gesicht und der melancholische Blick sind geblieben. Nur heute scheint es anders zu sein. Lächelnd sitzt sein einziger Gast auf der Terrasse und starrt im Wechsel auf ein Stück Papier, das in einer Klarsichthülle steckt und auf die dunkle Lagune. Der Regen scheint ihn nicht zu stören.


E N D E