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Das kleine Glück des Augenblicks

 

3.


Zwischen zwei Bergen, auf deren Gipfel weiße Flecken in der Sonne blitzen, liegt das Jagdschloss, erbaut in einer Zeit, als die Wittelsbacher das Land regiert haben. Der Hubschrauber macht eine Schleife und bietet so allen Insassen einen beeindruckten Blick auf das Alpenpanorama. Dann setzt er auf einem schmalen Streifen einer Almwiese zur Landung an.

Auf einem Felsvorsprung an der gegenüberliegenden Seite, springen ein paar Gämsen in die Flucht.

Ivana hat während des Flugs auch ein Steinadlerpärchen gesehen, dessen Gleitflug sie verfolgt, aber irgendwann aus den Augen verliert. Zu sehr ist sie von der Bergwelt aus der Luft fasziniert. Mit offenem Mund schaut sie aus den Fenstern und kann sich nicht genug satt sehen.

Als sie zusammen mit dem Impresario auf der Almwiese steht, die nach Wildblumen und -kräutern riecht, bricht alles aus ihr heraus. Sie stellt sich an den Rand mit Blick auf das Tal und setzt zu einem langgezogenen Jodler an, obwohl sie noch nie in ihrem Leben zuvor gejodelt hat. Das Echo ist so phantastisch, dass sie ein zweites und drittes Mal ansetzt.

Der Impresario sitzt im Gras und wischt sich mit einem Stofftaschentuch, das seine Initialen trägt, über die nasse Stirn. Der Flug und die Höhe sind ihm nicht geheuer. Er freut sich darüber, dass der Ärger wegen der heutigen Veranstaltung verflogen ist.

Wer weiß, was der heutige Abend alles bringt?

Wer sich so ein Jagdschloss leisten kann, dass man im Grunde nur mit dem Hubschrauber anfliegen kann, der hat es geschafft und hat Kontakte in die ganze Welt. Auch wenn Ivana jetzt in Salzburg singen darf, sind sie immer noch am Anfang. Bayreuth, Sidney, New York, Chicago, Tokio und, und, und. Argentinien ist auch wieder ein guter Platz für Privatkonzerte, die bei weitem mehr einbringen, als ein Arrangement bei irgendeiner Staatsoper. Die Zwischengeschäfte sind es letztendlich, die die Kasse füllen. Ivana wird die letzte Künstlerin sein, die er zum Zenit führen wird. Danach ist endgültig Schluss.

Der Impresario hat ein Haus am Comer See. Von seiner Terrasse aus hat er einen Blick auf die Bank. Jeden Morgen hisst ein Angestellter die italienische Fahne, für ihn ein beruhigendes Gefühl.

Ivana schaut ins Tal und wünscht sich, irgendwann so zu wohnen. Eine kleine Alm, warum nicht. Wo sie sich zurückziehen und die Ruhe genießen kann. Ein leichter Schmerz zieht über ihre Brust. Warum ist da niemand?

Warum kann sie das hier alles nicht mit einem Menschen teilen, den sie bedingungslos liebt?

Liegt es an den Arien, die sie singt?

Sie weiß es nicht. In der letzten Zeit hat der Kalender nur ein Blatt.

Der Impresario nimmt die Reisetaschen und geht die Almwiese hinauf, an deren Ende er von zwei röhrenden Hirschen aus Bronze empfangen wird. Er wartet, dann hat Ivana ihn bis zur Treppe eingeholt.

Das Jagdschloss erinnert die Opernsängerin an die Herrenhäuser und Hotels auf dem Semmering. Irgendwo hinter den großen Bergen muss Salzburg liegen. Einmal ist sie als Kind mit dem Großvater in den Karpaten gewesen. Da haben die Herrenhäuser anders ausgesehen. Verfallene düstere Kästen, in denen die Seelen derer von Dracula weitergelebt haben. Es hat aber auch wunderschöne Zauberschlösser gegeben, deren Zinnen während ihrer Wanderung zwischen den dichten Baumzipfeln hindurch gelugt haben. Aber da hat sie mit dem Großvater nicht hingehen können, weil alles weitläufig eingezäunt gewesen ist.

„Dort wohnt der böse Zauberer“, hat der Großvater gesagt und Nicolae Ceaușescu gemeint, „der unser ganzes Land mit einem bleiernen blutroten Mantel überzogen hat.“

Eine Schlangenhaut haben sie bei ihrer Wanderung gefunden und den kleinen Schädel eines Nagers, den selbst der Großvater nicht hat zuordnen können. Beides hat Ivana wie einen Augapfel gehütet und steht bis heute auf einem Ehrenplatz in ihrem Arbeitszimmer.


In Berlin habe ich keine Wohnung. Man sollte es den Spürhunden nicht zu einfach machen. Es gibt in einer Nebenstraße am Kurfürstendamm eine kleine Pension, die von einer Österreicherin geführt wird.

Ihr Begrüßungssatz, dass es der größter Fehler gewesen ist, der Liebe zu folgen, um letztendlich hier zu landen, hat mich überzeugt, hier zu wohnen.

Die Frau hat mit der Stadt und ihren Menschen nichts zu tun. Zudem steht das ganze Objekt unter keinerlei Videoüberwachung.

Niemand vom Amt weiß, wo ich wohne. Im Grunde versuchen sie es jedes Mal.

Nach jedem Treffen habe ich für Stunden Begleitung. Wofür gibt es Hallenbäder, Kinos und Einkaufszentren.

Ich liebe den Potsdamer Platz, dort ist es am einfachsten unsichtbar zu werden. Ich setze mich in ein Café und beobachte die Menschen, die von Geschäft zu Geschäft eilen. Ich suche nach jemandem, der meine Hose und ähnliche Schuhe trägt. Da ich bei meinen Berlin Besuchen nur Massenware trage, ist es ein Leichtes jemanden zu finden, der meine Statur hat und unten herum ähnliche Sachen trägt. Habe ich meinen Klon gefunden, folge ich ihm mit einem gewissen Abstand, denn ich darf auf keinen Fall zusammen mit ihm auf dem Überwachungsvideo auftauchen. Manchmal habe ich Glück und er trägt einen Hut oder ein Käppi. Beides ist schnell in einer der Boutiquen besorgt. Gib einem Kind zehn Euro und es besorgt dir alles. Am Ende ist die Jacke auch kein Problem.

Der Sechser im Lotto: Der Klon geht auf Toilette. Anschließend verlassen wir beide die Örtlichkeiten und gehen auseinander.

Ab jetzt bin ich unsichtbar. Einen Zustand, den ich liebe. Im Normalfall verwische ich meine Spuren in der Tiefgarage.

Eine Zeitlang habe ich einen Rucksack mit mir herumgetragen, indem sich Kleidung, Perücken uns andere Accessoires befunden haben. Das hat sich aber nicht als praktikabel herausgestellt. Besser ist es, zwei oder drei Hosen übereinander zu tragen, die in der Naht aufgeschnitten sind und von Schneidern in St. Georg, hinter dem Hamburger Hauptbahnhof, routiniert angefertigt werden. Mit einem Klettverschluss versehen, können sie mit einem Ruck geöffnet werden.

Ich weiss nicht, warum mir das alles einfällt. Vielleicht liegt es daran, dass ich mir vorstelle im Alter am Meer, in den Bergen, in einer Großstadt oder auf dem Land mein Leben zu beenden. Ich würde es als Beleidigung empfinden, unerwartet von einer Kugel getroffen zu werden. Viel schlimmer aber ist die Vorstellung in einer heruntergekommenen Lagerhalle oder einem Kellerloch festgehalten zu werden, nur weil ein sadistisches Schwein Freude daran hat, mich mit den verschiedensten Instrumenten und Materialien zu bearbeiten. Ich bin kein Held, bin das nie gewesen. Als kleinster und schmächtigster in der Klasse, bin ich wenigstens der schnellste gewesen.

„Sie reden nie über Ihr Privatleben“, sagt die Frau aus dem Amt, die zusammen mit ihrem Kollegen im Restaurant schon auf mich wartet.

„Sind Sie verheiratet, haben Sie Kinder?“

Entweder blufft sie oder meine Personalakte ist wirklich geschwärzt, so wie ich es verlangt habe. Im Grunde kann es mir egal sein, denn ich lebe schon lange nicht mehr unter meinem Klarnamen. Schon während meines ersten Auftrags habe ich mich langsam und unauffällig aus meinem alten Leben verabschiedet.

„Sie gehen ins Ausland, wie ich Sie beneide“, hat mein langjähriger Nachbar gesagt und dankbar die Topfblumen in Empfang genommen.

Würden die Leute vom Amt oder andere Mächte den älteren Herren fragen, wo ich abgeblieben bin, er hätte keine Antwort.

„Australien oder war es Amerika. Auf jeden Fall ein Land, wo ich immer noch mal hin wollte!“

Man kann meinem Nachbarn keine Schuld geben. Er ist nicht schusselig oder hat Demenz. Er kann es gar nicht wissen, weil ich ihm das Land nie gesagt habe. Von einer Stadt, die ich mir ausgedacht habe, habe ich ihm erzählt und alles mit Palmen und Strand ausgemalt, - sehr detailreich alles geschildert, aber niemals das Land verraten. Ein anderes Mal habe ich von großen Wäldern, wilden Flüssen und schneebedeckten Bergkuppen erzählt. Man muss nur jemanden mit so vielen Informationen füttern, bis er glaubt, alles zu wissen, dann stellt er in der Regel keine Fragen mehr.


Freundlich werden Ivana und ihr Impresario am Eingang von der Hausdame und einem Diener empfangen und auf ihre Zimmer begleitet.

Als sie endlich allein in ihrem Zimmer ist, lässt sie sich auf das große Himmelbett fallen und starrt an die Decke, die mit einer Jagdszene ausgemalt ist. Sie zeigt eine halbnackte Diana, die mit einem Speer einen Hirschen erlegen will.

Die Opernsängerin streckt ihre Arme aus, aber das Bett ist so groß, dass die Finger die Seitenenden nicht erreichen.

Wie ein kleines Mädchen geht sie auf Entdeckungstour.

Das Bad ist aus Marmor und voller Spiegel. Die Badewanne so groß, dass ein Elefant darin baden könnte.

Erwartungsvoll öffnet sie die große Doppeltür und tritt auf den Balkon.

Sprachlos von dem barocken Alpenpanorama beobachtet Ivana die Gamsen, die auf Felsvorsprüngen stehen, die nicht größer sind als ein Suppenteller. Ein Steinadler wirft Schatten auf die weißgraue Felswand und verschwindet hinter einem Felsvorsprung.

Ivana holt ihr Smartphone und macht Fotos. Davon wird sie Abzüge machen und die Bilder dieser fantastischen Bergwelt als Postkarten an ihre Familie schicken. Auch für die Großtante auf dem Friedhof von Cluj werden einige dabei sein.

Als Ivana sich über die Brüstung lehnt und hinunterschaut, wird ihr schwindelig. So steil geht es nach unten. Sie folgt dem gegenüberliegenden Wasserfall mit seinem türkisfarbenen Wasser, der sich in einen reißenden Bach ergießt. Fünfhundert Meter, wenn nicht mehr, schätzt sie.    

Mit ihrem Smartphone schießt sie unaufhörlich Fotos von der beindruckenden Bergkulisse, der tiefen Schlucht und dem Märchenzimmer mit dem riesigen Himmelbett, auf das sie sich anschließend fallen lässt und nach längerer Betrachtung des barocken Freskenbildes das Gefühl hat, dass die halbnackte Jagdgöttin Diana ihr zublinzelt.


Für mich ist es keine große Umstellung gewesen, plötzlich unsichtbar zu sein. Wenn ich schreibe, bin ich immer unsichtbar. Das geht so weit, dass sich Schiebetüren an Flughäfen vor mir nicht öffnen und ich dagegen laufe. Rolltreppen, die sich nach dem Prinzip der Lichtschranken in Bewegung setzen, funktionieren nicht bei mir, wenn ich an einem vierten oder siebzehnten Kapitel geschrieben habe. Scheinbar bin ich dann immer, weil ich mich geistig in einer anderen Welt aufhalte, auch für die reale Welt unsichtbar. Während eines Schreibprozesses über einen Zebrastreifen zu gehen, bedeutet für mich Lebensgefahr.

Manchmal staune ich selber und halte das Schreiben und die Kunst für etwas seltsames. Ein Zauber, der nicht nur mich, sondern auch die Welt verändert.

Einer Künstlerin soll ich also in eine neue Identität und in ein neues Leben führen. Aber wie soll das gehen? Auf die Schnelle habe ich keine Antwort. Ein Künstler braucht doch in der Regel ein Publikum. Um so bekannter, desto erfolgreicher.

„Studieren Sie die Unterlagen, dann wird Ihnen sicherlich etwas einfallen“, hat die Frau vom Amt gesagt und dabei nicht sehr überzeugend ausgeschaut.

„Sie muss vor Gericht aussagen, dann können wir einen der größten Straftäter Europas für immer dingfest machen. Vielleicht sogar die ganze mafiöse Struktur zerschlagen“, fügt der Kollege hinzu und überreicht mir ein dickes Päckchen in einer unauffälligen Plastiktüte.

Einen Künstler unsichtbar machen und ihn gleichzeitig als Künstler am Leben halten. Ich habe keinen Plan.


Das ohrenbetäubende Geräusch der Rotoren der Hubschrauber holt Ivana zurück aus ihren Träumen. Dianas Gesicht an der Deckenwand ist erstarrt, bevor sie den Speer auf den Hirschen werfen wird.

Die ersten Gäste kommen an. Das Stimmengewirr geht unter in den Start- und Landeanflügen.

Ivana tritt auf den Balkon und kommt sich wie in einem James Bond Film vor, in den sie sich als Kind immer hinein geträumt hat. Gleichzeitig sehen die Flugmaschinen bedrohlich aus. Alles erinnert sie an Krieg, den sie so nie erlebt hat. 

Ivana schaut auf die Uhr. Es ist kurz nach vier Uhr. Um sechs ist Probe im großen Saal angesagt. Sie ärgert sich, dass sie sich den Raum nicht bei der Ankunft hat zeigen lassen. Ihr Impresario wird sie am Flügel begleiten, was soll und kann da schief gehen.

Sie wird die Klassiker singen, von denen sie eigentlich genug hat. Und dennoch entsteht jedes Mal ein Zauber, wenn sie ihren geliebten Mozart singt. Wenn ihr hohes C sich an den Wänden bricht und zu ihr zurückkommt, hat sie das Gefühl von einer Art Unsterblichkeit. Gerade die hohen Töne bringt sie mit geschlossen Augen heraus. Beim dreigestrichenen C fühlt sie regelrecht, dass die Schöpfer solchen Zaubers anwesend sind.

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3. Kapitel