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Das kleine Glück des Augenblicks

 

4.


„Was ist das?“, will mein Großvater von mir wissen, „es macht tic-tac und wenn es runterfällt, ist die Uhr kaputt.“

Als kleines Kind habe ich darüber gelacht. Heute sehe ich die Dinge etwas differenzierter. Ich glaube, dass mein Großvater mir etwas mit auf den Weg geben wollte. Vielleicht, dass Dinge, die einfach scheinen, meist viel komplizierter sind. Und umgekehrt? Wäre es nicht wunderbar, wenn komplizierte Zusammenhänge sich plötzlich mit einem Mal auflösen. Der Gordische Knoten ist ein Beispiel dafür. Sicherlich gibt es in der Geschichte noch andere Beispiele, aber die meisten liegen so weit in der Zeit zurück, dass man glaubt, sie wären auf einem anderen Planeten passiert. 

Seit Stunden betrachte ich das Foto einer Opernsängerin, die Zeugin eines Doppelmordes gewesen ist. Ein Posenfoto von einem Theaterfotografen in Szene gesetzt. In schwarzweiß, um die Bedeutung der Person zu unterstreichen.

Ich kann mit solchen Fotos recht wenig anfangen. Die Botschaft, die sie dem Betrachter vermitteln wollen, ist mir zu eindeutig. Ich liebe Familienalben. Natürlich geschossene Fotos auf Festen oder in Urlauben. Blicke, die Menschen einander zuwerfen, erzählen ganze Geschichten. Sie beflügeln meine Fantasie und wenn ich mit den Augen blinzle, bewegen sie sich und ich bin mittendrin im Geschehen. Mit einem Mal befinde ich mich in einem Kinderzimmer und werde mit Tochter und Sohn groß. Mit der Mutter backe ich Kuchen und mit dem Vater fälle ich einen Baum. Der Großvater, draußen auf der Bank, und ich sind längst Freunde geworden. Die Großmutter habe ich leider nie kennengelernt. Ein frühes Foto von ihr zeigt, dass sie eine schöne Frau gewesen sein muss. 

Anfangs hat mich bestimmt Sehnsucht getrieben, mir all diese unzähligen Fotoalben, Superachtfilme und Videos anzuschauen. Heute steige ich direkt in die Bilder ein.

Ich gebe mich als Onkel aus, mal bin ich der Bruder von der Schwester, mal der vom Bruder. Hauptsache die Kinder haben Spass und die Großeltern akzeptieren mich als vollständiges Familienmitglied. Auf Klassenbildern stelle ich mich einfach in die Mitte oder lege den Arm um jenen Menschen, dessen Identität von der Bildfläche verschwinden soll. Ich habe mich da von der Platte Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band der Beatles inspirieren lassen. Natürlich baue ich mich nicht in diese von mir gefälschten Familienfotos ein, aber bevor ich sie hochlade, stehe ich zusammen mit Menschen, mit denen ich einen Teil meines Lebens geteilt habe. 

Ich weiß nicht, ob es einen Namen gibt. Ich habe selbst Psychologie studiert, mich aber mit diesem Phänomen nicht beschäftigt. Ich bin ohnehin der Meinung, dass man solche Dinge naiv angehen muss, damit sie auch glaubwürdig wirken.  

Auf einem berühmten Bild, dass die Beerdigung von Lenin zeigt, ist Trotzki einer der Sargträger. Nach der Machtübernahme von Stalin, hat man den treuen Genossen und Vordenker einfach retuschiert. So ist Trotzki plötzlich nicht auf der Beerdigung von Stalin gewesen. Wenn die Legende stimmt und glaubwürdig klingt, kann ein neues Leben beginnen. Alle Kriege beginnen so und selbst Adam staunte nicht schlecht, als er vom Baum der Erkenntnis in den von Eva gereichten Apfel biss. Ein früherer holländischer Freund von mir hat da seine eigene Theorie:

„Das Paradies hat es nie gegeben. Adam und Eva waren den ganzen Tag durch den Verzehr von Früchten, Körnern und Samen high. Deshalb haben sie auch Stimmen gehört, die sie für Gott gehalten haben. Wie stone muss man sein, plötzlich eine Schlange reden zu hören. Der Apfel allein hat sie wieder nüchtern gemacht und sie auf den Boden der Tatsachen zurückgeworfen. Als sie sahen, in welcher trostlosen Umgebung sie eigentlich hausen, haben sie aus Frust angefangen wie die Wilden zu vögeln. Das Ergebnis ist bekannt: Kain und Abel. So hat diese Geschichte bis heute Gültigkeit. Fahr mal in die Vorstädte, in die Hochhausghettos, weil es für andere Drogen nicht reicht, rammeln sie da wie die Blöden. Das Vögeln ist das Koks des armen Mannes.“

Keine Ahnung, was aus meinem alten Freund Piet geworden ist. Solange ich mich an ihn erinnere, lebt er.  


Ivana macht es nichts aus bekannte Arien zu singen. Selbst Mozart ist für sie kein Problem, ganz im Gegenteil. Es erinnert sie an ihre Kindheit, an die Großtante und ihre umfangreiche Plattensammlung. Wenn sie beim Singen die Augen zumacht, kann sie den süßlichen Geruch der Palatschinken riechen. Die Großtante hat die besten der Welt gemacht. 

Bei ihrer Ankunft in Salzburg hat der deutsche Regisseur Ivana in ein Lokal in der Herrengasse geführt.

„Hier gibt es die besten Palatschinken der Welt“, hat er großspurig gesagt, weil er die von der Großtante nicht gekannt hat. Sie hat höflich gelächelt und sich gedacht, dass selbst ihre eigenen besser sind, als die hier angebotenen. 

Der Steinway Flügel klingt ausgezeichnet und die Akustik ist in dem Rokoko nachempfundenen Saal atemberaubend. Das Einzige, was Ivana verwundert, sind die wenigen Stühle, die aufgebaut worden sind. Dreiundzwanzig hat sie gezählt, was bei der hohen Gage äußert wenig ist. Sicher, auch sie hat Geschichten in den Theaterkantinen gehört, wo Kollegen vor Hunden oder einer einzelnen Person für horrendes Geld aufgetreten sind. Aber geglaubt hat sie das nie. Sie weiß, was der Vater und die Mutter in ihrem Leben verdient haben und hat Achtung vor Geld. Ihre erste Gage ist so immens gewesen, dass sie die Höhe zu Hause verschwiegen hat, um die Eltern nicht zu beschämen.

„In einem Jahr kannst du dir hier ein Haus kaufen“, hat der Impresario gesagt und mit hier Salzburg gemeint. Dabei hat sie keine Absicht sich hier häuslich niederzulassen. Erst einmal dem Vater und der Mutter ein Haus in Rumänien kaufen. Sie selbst hat ja keine Familie und nichts in Aussicht, wofür es sich lohnen würde, ein Nest zu bauen. Ivana ist Anfang dreißig, ihre Karriere hat gerade erst begonnen. Zum ersten Mal ist sie für das ganze Jahr ausgebucht. Sie wird in Sydney, New York, Nairobi, Chicago, Helsinki, Dublin, Peking, London, Moskau und St. Petersburg singen. Noch viele andere Städte sind dabei oder in Planung. Längst hat sie den Überblick verloren, wohin die Reise geht. 

Im Grunde ist es egal, wo sie singt. Musik ist international und überall freuen sich die Menschen. Man ist unter sich, es spricht nichts dagegen. 

Wenn das Orchester seine Instrumente stimmt, bekommt sie eine Gänsehaut. Ab da beginnt der Film, wo sie sich weg träumen kann. 

„Du hast es geschafft“, hat der Impresario gesagt, der mit seinem Freund eine Villa am Comer See bewohnt. Soviel Luxus auf einmal hat sie noch nie gesehen. Nicht umsonst wird das ganze Areal rund um die Uhr bewacht. 

„Wir haben sechzehn Zimmer und fünf Bäder“, hat der Gastgeber gesagt, und sie hat sich dennoch verlaufen. 

Woher haben diese Menschen soviel Geld? Und warum?

Die Frage stellt sich ihr bis heute. Ein schöner Ring, eine protzige Uhr oder ein Auto, sie hat nichts dagegen. Aber so etwas sprengt alle ihre Vorstellungen und erinnert sie an den Palast von Ceaușescu, der größte in Europa, der seinerzeit einen ganzen Stadtteil zunichte gemacht hat. 

„Ich möchte nur mal wissen, wie sie den riesigen Steinway hier hoch gebracht haben. Auf jeden Fall eine logistische Meisterleistung“, sagt der Impresario und klappt den Deckel des Flügels zu.

„Der Transport hat ein Vermögen gekostet“, sagt eine Stimme, die aus der Dunkelheit heraustritt.

„Zlatan Brokisch, ich bin der Hausherr!“

Ein elegant gekleideter Mann um die vierzig tritt zwischen den Stuhlreihen nach vorne und begrüßt Ivana und ihren Impresario.

„Was für eine Ehre Sie hier oben begrüßen zu dürfen!“

Manikürte Hände, ist das erste, was Ivana bei der Begrüßung auffällt. Der kräftige Händedruck verrät etwas anderes. Sie spürt seine Hornhaut an den Innenflächen. Ein leichtes angenehmes Parfüm schlägt ihr entgegen, vielleicht etwas zu süßlich für einen Mann, der vom Balkan kommt. Ein Jungengesicht mit braunen Haaren, die im Licht leicht rötlich schimmern. Allein die große Nase zeugt davon, dass ihr Gastgeber längst die Vierzig überschritten hat. Wahrscheinlich ist er an die sechzig Jahre und lässt sich jedes Jahr liften oder Botox spritzen, denkt Ivana und kann sich ein Grinsen nicht verkneifen.

„Amüsiere ich Sie, mich würde es freuen“, sagt Zlatan Brokisch und klatscht in die Hände.

Ein junges Mädchen mit weißer Bluse und kurzem schwarzen Rock erscheint und serviert auf einem Tablett Champagner.

„Für mich bitte Wasser!“ sagt Ivana, „vor einem Auftritt nur leichten Kräutertee und stilles Wasser!“

Der Impresario nimmt eine der Champagnerflöten und prostet dem Hausherren zu.  

„Und wie kommt man in aller Welt zu so einer Immobilie?“

„Die Bankenkrise, mein Herr. Ich habe leichtsinnigerweise eine Bank gekauft und da ist dieses Anwesen dabei gewesen. Niemand wollte es haben, hätte ich es verfallen lassen sollen?“

Zlatan Brokisch prostet dem Impresario zu und lächelt dabei Ivana an.

„Ich hoffe, Sie fühlen sich wohl bei mir. Falls Sie etwas brauchen, ich kann jeden Wunsch erfüllen!“


Das heutige Treffen ist seltsam verlaufen. Meine Führungsleute haben mir einen Koffer gegeben, den ich erst Zuhause aufmachen soll. Ich mag solche Dinge nicht. Wer weiß, was sich alles in dem Koffer befindet, was da nicht hineingehört. Aber das ist nicht das einzige, was neu ist.

„Sie müssen sich mit der Person treffen und sie überzeugen, dass sie unterschreibt“, sagt die Frau.

„Sie möchte Sie unbedingt kennenlernen“, fügt der Mann hinzu.

Das ist gegen jede Regel, denke ich und bin überrascht, was gerade passiert. In einem Amt wie diesem ist doch die Unterschrift die treibende Kraft. Warum also im Vorfeld schon so einen Aufwand. Ich fühle mich unwohl, auch in Anbetracht des fremden Koffers an meiner Seite. 

„Warum unterschreibt die Person nicht?“, will ich wissen.

„Weil sie alles verliert“, erwidert der Mann.

Ist das nicht immer so? Ich verstehe die Antwort nicht. 

Die Grundvorraussetzung jemanden unsichtbar zu machen, ist, dass er alles aufgibt und zwar wirklich alles. Keine Kontakte mehr zur Familie und Freunden. Kein Ort, der einmal im bisherigen Leben besucht worden ist, darf im neuen Leben aufgesucht werden. Man darf den Personen, die sich zu so einem Schritt entscheiden, nichts vormachen. Alles alte muss sterben, damit etwas Neues beginnen kann. Für die meisten unvorstellbar und eine Hürde, die so hoch ist, dass niemand sie allein bewältigen kann. Dafür sind wir da und ich gebe mein Bestes. 

Anfangs werden die Personen begleitet. Auch werden ihnen Fallen gestellt, um zu prüfen, ob sie die Regeln und die damit verbundene Ernsthaftigkeit auch verinnerlicht haben. 

Eine Operation, die viel Kraft kostet und nur mit Menschen zu leisten ist, die voll und ganz dahinter stehen. 

Das größte Problem, wie ich finde, ist die Tatsache, dass man mit niemandem über seine Arbeit reden kann. Das richtig und falsch verwischt sich und es bleiben oft Fragen offen. Aber da gibt es niemanden, mit dem man darüber reden kann. 

Ich habe mich damit abgefunden, aber was ist mit den anderen Kollegen? 

Besonders die, die Personen davon überzeugen sollen, ihr altes Leben aufzugeben, um ein neues zu beginnen. 

„Ich mache das nicht“, sage ich, dass es bisher nie zu meinen Aufgaben gehört hat, Menschen dazu zu bewegen, ihre Eltern zum Weinen zu bringen, weil sie aus der alten Welt verschwunden sind.

„Wir sehen uns“, sagt der Mann.

„Schauen Sie in den Koffer“, fügt die Frau hinzu.

Ich verabschiede mich von den beiden, die für Außenstehende wie ein altes Ehepaar wirken müssen.

Ich steige in die U-Bahn herunter. Als Erstes muss ich den verdammten Koffer loswerden. Natürlich sind hier unten überall Überwachungskameras, aber das ist in diesem Fall egal. Am Alexanderplatz kaufe ich mir einen Billigrucksack, packe alles um und stecke den leeren Koffer in ein Gepäckfach. Gegen meinen ursprünglichen Plan, in Spandau zu übernachten, gehe ich zu Fuß durch Mitte, meide allzu große Straßen und Plätze, um so der Kameraüberwachung aus dem Weg zu gehen. Weit nach Mitternacht habe ich den Kurfürstendamm erreicht. In einer Nebenstraße liegt eine kleine Pension, deren Nachtportier es mit der Meldebescheinigung nicht so genau nimmt, dafür ist das Kommen und Gehen um diese Uhrzeit zu groß. 

„Ein Einzelzimmer, bitte“, sage ich und erhalte vom Nachtportier einen Schlüssel mit einem klobigen Anhängsel aus Messing. Ohne vom Bildschirm aufzuschauen, legt er den Schlüssel auf den Tresen und nimmt genauso den Geldschein in Empfang, den ich ihm hinlege.

Ich glaube, er schaut absichtlich nicht hin, damit er bei einer späteren Befragung durch die Polizei reinen Gewissens sagen kann, dass er den Gast aus Zimmer sowieso nicht gesehen hat. 

Krimiautoren der ersten Fernsehjahre haben sich hier bestimmt inspirieren lassen, um Erik Ode oder Heinz Drache eine Tatortlocation zu bieten. 

Auf dem Bett das obligatorische Handtuch und ein neues Stück Seife, das so groß ist, dass ich mich jedes Mal frage, was machen sie hinterher damit. Ich könnte benutzte Seife immer gebrauchen. Einer der größten Anfängerfehler beim Wohnung einrichten, sind neue Sachen. Ich habe Schränke gesehen, in denen Hemden und Unterhosen noch in Cellophan gesteckt haben. Auch Möbel müssen Schrammen haben oder von der Sonne ausgebleicht sein. Es gibt nichts Schlimmeres, wenn eine Legenden-Wohnung nach Holzspänen oder industriellem Mottenschutzmittel riecht.

Ich stehe am Fenster, rauche eine Zigarette und sehe mein Spiegelbild. Meine sechs neuen Identitäten habe ich verinnerlicht, meinen alten Namen fast vergessen, aber die Geschichten, die damit verbunden sind gehen mir nicht aus dem Kopf.

„Was ist das?“, will mein Großvater von mir wissen, „es macht tic-tac und wenn es runterfällt, ist die Uhr kaputt.“

Vielleicht wollte er uns Kindern einen Hinweis auf seine eigene Identität geben. Denn auch er war nicht der, den er vorgab zu sein. Wobei ich mich als Kind nicht erinnern kann, dass er mich jemals angelogen hat, wenn man dabei außer Acht lässt, dass das ganze Leben eine Lüge gewesen ist. 

Während der Pubertät bin ich darauf gekommen, dass mein Großvater niemals der Vater meiner Mutter hat sein können, denn sie lagen vom Alter her nur zwölf Jahre auseinander.


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4. Kapitel