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Das kleine Glück des Augenblicks

 

5. 


Die ganze Nacht habe ich wach gelegen und darüber nachgedacht, wer wohl die Person ist, die aus ihrem jetzigen Leben für immer verschwinden soll, es aber nicht will. Hier in diesem Zimmer, indem es immer nach altem Schweiß, Bleirohren, billiger Seife und Parfüm riecht, möchte ich mich nicht in ein anderes Leben lesen. Wobei es ja viel mehr ist als das. So gehe ich durch ein langsam erwachendes Berlin, begegne Menschen, die immer noch weiterziehen wollen, weil sie die Zeit nicht akzeptieren und anderen, die jetzt schon spät dran sind, und hektisch zu ihrer U-Bahn oder Hochbahn hetzen. Ich mag diese Zeit, wo sich beide Gruppen treffen, ohne sich wirklich zu sehen. Ich schlüpfe dann wie ein drittes Kriterium hindurch und fühle mich unsichtbar. 

Schon als Kind wollte ich verschwinden. Den Ranzen an der Bushaltestelle stehen lassen, ab da jede Spur verwischen. Hätte meine Heimatstadt einen Hafen gehabt, ich wäre hingelaufen und hätte auf einem der Pötte angeheuert oder mich unter der Plane eines der Rettungsboote versteckt. So bin ich dann immer nur zum Bahnhof und habe den Zügen nachgesehen oder am Fluss den Lastkähnen hinterhergeschaut. Am Nachmittag hat der Ranzen immer noch an der Bushaltestelle gelehnt. Wer klaut auch schon eine Schultasche?

In meiner Kindheit sind zahlreiche Menschen in meiner Stadt verschwunden. Wer hat die kleine Lotta gesehen? Wer den kleinen Franz? Frau spurlos verschwunden! Mann seit Tagen abgängig! Überall haben Zettel gehangen mit unscharfen Bildern der Gesuchten. Darunter eine Telefonnummer und manchmal der Hinweis auf eine Belohnung. 

„Nimm nichts von fremden Männern an“, haben die Erwachsenen gesagt, „und steig in kein fremdes Auto!“

Auch bei der Post und in der Bank sind Menschen gesucht worden. Auf einem großen Plakat sind mehrere Portraits abgebildet gewesen. Ernst und gehetzt haben die Männer und Frauen ausgesehen. 

„Vorsicht! Machen von der Schusswaffe Gebrauch!“ ist darunter gestanden. Naturgemäß hat es auch hier eine Belohnung gegeben. Das sind die siebziger Jahre gewesen. 

In den Achtzigern ist es anders. Da bestimmen andere Schlagzeilen den Tag: Frau nach zwei Jahren tot in der Wohnung gefunden. Anhand der aufgeschlagenen Seite der Fernsehzeitung hat die Polizei gewusst, wann sie gestorben ist. Auch der Mann, der fast drei Jahre in der Badewanne gelegen ist, hat es nach seinem Ende noch bis in die Tageszeitung geschafft. In den Neunzigern sind dann wieder die verschwundenen Kinder im Fokus gestanden. Sie verschwinden an Urlaubsorten im Süden oder in der belgischen Provinz. Manche Bilder und Aufrufe gehen um die Welt, andere geraten in Vergessenheit oder tauchen in Gestalt einer verstörten Person nach der Jahrtausendwende aus einem Keller wieder auf. 

Aber all das meine ich nicht. Wenn man verschwindet, sollte es keinen Nachruf und keine Vermisstenmeldung geben. Es muss so vonstatten gehen, als hätte es einen überhaupt nicht gegeben. 

Aus irgendeinem Grund habe ich den Rucksack nicht geöffnet. Er ist prall gefüllt und das irritiert mich. In der Regel bekomme ich eine Akte, ein Mappe mit Bildern und wenn es hochkommt einen Film. Diesmal ist alles anders, das habe ich sofort beim Umpacken bemerkt. DVDs, Zeitungsausschnitte, zwei Bücher, die obligatorischen Akten, Kartenmaterial und Fotos, die mir in der Schließfachanlage heruntergefallen sind. Eines davon, steckt in meiner Tasche und erinnert mich an die Sängerin, die von einem griechischen Reeder geheiratet wurde. 

Irgendwo auf der Frankfurter Allee setze ich mich in ein Café und lasse das Leben an mir vorbeirauschen. Ich bin der erste Gast. Im Inneren wird gerade der Boden geputzt und eine andere Gestalt macht sich an der Kaffeemaschine zu schaffen. Sie gibt mir ein Zeichen, dass ich ruhig sitzen bleiben kann. Gegenüber blinkt eine rote Leuchtreklame. Ich freue mich auf mein Hotel, dass ich eigentlich gebucht habe. Es liegt gegenüber. In den Haltebuchten davor steht kein Van oder ein Kombi mit Werkstattaufschrift. Aber braucht man das heute noch?

Eine gegenüberliegende Wohnung, das Telefon, die Überwachungskameras, Drohnen und all der andere technische Quatsch reichen aus, um Leben zu dokumentieren.

Wenn ich ein Hotelzimmer betrete, mache ich kein Licht, ziehe den Telefonstecker aus der Dose und rede kein Wort.    


Ivana nutzt die Zeit nach der Probe, um Ansichtskarten schreiben. Eine Karte an die Mutter, eine an den Vater, eine an die tote Großtante und selbst für die Gesangslehrerin und die Direktorin vom Konservatorium ist noch Zeit. 

Was bloß die anderen aus ihrer Abschlussklasse machen?

Was wird aus ihnen geworden sein?

Die letzten Jahre sind wie im Flug vergangen und sie hat keine Zeit gefunden, den Kontakt zu halten. 

Wir bleiben in Kontakt! Das haben sie sich alle geschworen. In den Armen haben sie sich gelegen und vor Freude geweint. Von Paris, Sidney, Wien und Berlin haben sie geträumt. Nur der Bariton Iron Winter will nach Tokio. 

„Da bin ich sofort der Größte“, sagt der Zweimetermann und lacht. Alle prosten sich zu und bringen die Gläser zum Klirren. 

Ivana hat alles vor Augen, als ob es gestern wäre. Auch Maria, mit der sie sich drei Jahre ein Zimmer geteilt hat. Ihr Lachen, die Sommersprossen, die klassische griechische Nase und die Augen leuchtend wie Bernstein, wenn man ihn gegen die Sonne hält. 

Das Klopfen an der Tür holt sie zurück in die Gegenwart.

„Was hältst du von der damaltinischen Küste. Unserem Gastgeber gehört dort eine Insel. Er will uns nach Salzburg für einen Monat buchen!“ 

Der Impresario strahlt über das ganze Gesicht. 

„Der Mann ist eine Goldgrube für uns!“

„Nach Salzburg fahre ich nach Hause“, erwidert Ivana. „Ich habe meine Mutter über ein halbes Jahr nicht gesehen. Sie wird auch nicht jünger!“

„Für das Geld kannst du deiner Mutter eine Villa bauen!“

„Darum geht es doch nicht. Ich brauche mal eine Pause. Außerdem habe ich Heimweh.“

„Schlaf eine Nacht drüber. Das hier kann uns ganz andere Türen öffnen!“

Ivana muss an die Callas denken. Nachdem sie ihre Biographie gelesen hat, ist es für sie undenkbar, jemals eine Yacht zu betreten.

Lächelnd drückt der Impresario Ivana einen Kuss auf die Stirn.

Endlich allein! 

Sie genießt die Ruhe vor dem Auftritt. Ivana lässt Wasser in die riesige Wanne und zieht sich aus. Der große Spiegel, der bis zum Boden reicht, ist eine Einladung sich genau zu betrachten. Sie hat zugenommen. Die Salzburger Küche ist nicht zu übersehen. Ivana findet die Rundungen nicht verkehrt, die neu hinzugekommen sind. Zudem weiß sie, dass sie all diese Kilos spätestens bei der Premiere in Salzburg wieder verloren hat.  

Sie taucht in das Schaumbad, das nach Lavendel und Moos riecht. Kindheitsgerüche, die niemals verloren gehen. 

Unter Wasser genießt sie die Stille, zwischen dem Blubbern der Luftblasen gedämpfte Stimmen. 

Irgendwo in der Ferne singt sich jemand ein, so klingt es für sie. Ivana wischt sich den Schaum aus dem Gesicht und betrachtet die Decke, an der junge Mädchen an einem Waldrand baden. Die Proportionen stimmen nicht. Die Körper sind viel zu kräftig und die Köpfe klein mit Engelsgesichtern, die auf den Badenden schauen.

Wieder starrten und landen draußen Hubschrauber, deren Rotorengeräusche sich im Echo der Berge wie Schüsse anhören. Ivana muss an ihren Vater denken, der Polizist gewesen ist und sie als Kind auf den Schießplatz mitgenommen hat. Trotz Kopfhörer ist sie bei jedem Schuss zusammengezuckt. Sie hat das mit dem Schießen nie verstanden, auch die Jagd nicht. 

Einmal im Jahr hat es in Cluj eine große Treibjagd gegeben und am späten Nachmittag ist der Rasen auf dem großen Sportplatz am Rande der Stadt voller toter Tiere gewesen. In der ersten Reihe haben die Hasen gelegen, dahinter die Wildschweine und am oberen Ende das Dammwild mit den Hirschen.

Die Jagdhörner haben intoniert und die Jagdgesellschaft hat sich lachend zugeprostet. 

Ivana taucht unter, um die Bilder zu löschen. Dann steigt sie aus der Wanne und trocknet sich ab. Lange betrachtet sie sich im Spiegel. Die Salzburger Sonne hat Spuren vor allem in ihrem Gesicht hinterlassen. Sie beginnt die Sommersprossen zu zählen, gibt aber irgendwann entnervt auf.

„Waaas is daaas!“ hat der ungarische Regisseur in Bukarest gebrüllt, als sie so das erste Mal auf die Probe gegangen ist.

„Wir machen hier nicht Pippi Langstrumpf!“

Ab dem Tag hat sie die Flecken im Gesicht mit Schminke überdeckt und versucht, die Sonne zu meiden.

„Kind, du siehst schlecht aus!“ hat die Mutter besorgt gesagt und ihr Palatschinken gemacht.

Ivana zieht Grimassen vor dem Spiegel, streckt sich die Zunge heraus, während sie sich die Haare hochsteckt. 


Ich weiß nicht, warum ich den Rucksack nicht geöffnet habe.

Ohne geschlafen zu haben, gehe ich in das Hotel, das in einem anderen Stadtbezirk liegt und verlange an der Rezeption nach meinem Schlüssel.

„Sie haben eine Nachricht“ sagt gähnend der Nachtportier, der auf seine Ablöse wartet.  

Er steckt mir mit der Chipkarte einen Umschlag zu.

Haben Sie alles studiert? Unser Mandant möchte Sie unbedingt kennenlernen.

Was soll das? So ist das noch nie gelaufen. Dass sie mein Hotel in Berlin irgendwann entdecken, damit habe ich gerechnet, nicht umsonst habe ich hier Ausweichquartiere.

Mein Misstrauen wächst von Minute zu Minute. Was ist, wenn ich auf der Abschussliste stehe? 

Ich bin vorsichtig. Von Anfang an habe ich mich geschützt. Aber die Welt ist ein Dorf, und umso länger ich das hier mache, desto größer die Gefahr selbst Opfer zu werden. Spuren bleiben immer und wenn sich die richtigen Leute zusammentun, habe auch ich keine Chance. Vielleicht will mich auch das Amt loswerden, wer weiß das schon. Bei mir hätten sie leichtes Spiel, denn niemand würde mich vermissen. Zu lange bin ich unsichtbar. 

Auf der eigenen Beerdigung dabei zu sein, hat schon als Kind meine Fantasie beflügelt. Unerkannt unter den Trauernden weilen und den Reden lauschen, die über mich gehalten werden. Heute würde die Sache anders aussehen. Wahrscheinlich bekäme ich ein anonymes Grab, spätestens, wenn nach meinem Tode immer mehr Identitäten von mir aufgedeckt werden. Vielleicht werden sie behaupten, mich überhaupt nicht zu kennen. Unbekannte Leiche in der Spree entdeckt. Wer kennt diesen Mann? Wie beim Amt üblich würde man ein anderes Foto in zwei, drei Tageszeitungen veröffentlichen, auf das hin, sich niemand melden würde. Mich wird es einfach nicht gegeben haben. Damit hatte ich mich abzufinden. Aber was macht eine Opernsängerin, die gerade ihren internationalen Durchbruch geschafft hat? Ein neues Gesicht? Einen veränderten Körper? Sind das die Optionen, die man einem fremden Menschen empfiehlt?

Bei meiner Frau und den Kindern hat es keine Beerdigung gegeben. Die Schulklasse der Kinder wäre sicherlich gerne gekommen. Der Klassenlehrer hätte eine Rede gehalten, die alle zu Tränen gerührt und anschließend den Klassenverband dazu veranlasst hätte, ein eingeübtes Musikstück zum Besten zu geben. 

„Die Kinder sind aber groß geworden“, hat die Mutter meiner Frau gesagt und wildfremden Jungen Geld in die Hand gedrückt. 

„Damit Sie einen Anlaufpunkt haben“, die Psychologin hat nicht locker gelassen. „Alle Hinterbliebenen machen es so!“

„Ich nicht“, habe ich erwidert. Leer, sinnlos alles. Wozu in diesem Schmerz noch leere Särge?

„Tu Fische rein“, hat mir mein holländischer Freund geraten. 

„Als mein Onkel mit dem Containerschiff gesunken ist, haben wir das auch getan. Es sind die Populationen, die wir am Unglücksort vorgefunden haben. 

Mit Muscheln und Steinen hätte ich mich damals anfreunden können, die haben die Kinder immer gern gesammelt. Und meine Frau?

Ich weiß es nicht. Ihre große Porzellan- oder Bestecksammlung?

Sicherlich hat sich auch bei mir mit den Jahren so einiges angesammelt. Papier, Stifte und Bücher, aber genau in der Reihenfolge. Zum Glück habe ich das meiste von alledem verkaufen können. 

„Du lebst durch die Literatur, du lebst mit der Literatur, du kaufst Bücher, verkaufst sie wieder. Glaube mir, die Literatur wird dich immer ernähren!“ Ich glaube, Klaus Mann hat das gesagt, wahrscheinlich auf irgendeinem Bahnhof, auf der Weiterfahrt von Paris nach Spanien. Der kleine Koffer ausreichend für ein paar Morphiumampullen, einem Döschen Kokain und ein paar Kolbenspritzen mit stumpfen Nadeln. 

Wenn eine Reise beginnt, wird das Gepäck letztendlich immer bei null landen. 

Mein Großvater väterlicherseits hat einen Schmalfilm auf dem Kölner Neumarkt gedreht. Alles in Farbe, was für diese Zeit ein Novum gewesen ist. Mit Sicherheit ist es ein schöner Sommer gewesen. Die meisten Szenen sind überblendet. So sehr hat die Sonne auf den Neumarkt geschienen. Gut zu lesen sind alle damaligen Speditionsfirmen des Rheinlandes. Darauf hat mein Großvater väterlicherseits, der ein bekannter Galopper gewesen ist, großen Wert gelegt. Mein Urgroßvater ist der Erste in Köln gewesen, der mit exotischen Tieren Werbung gemacht hat.

„Ich habe eine Giraffe gekauft“, hat er zu meiner Urgroßmutter gesagt, die sich darauf sofort hatte scheiden lassen wollen. Als aber einen Tag später noch ein Dromedar aus Arabien und ein Kamel aus Ägypten zwischen Hinterhaus und Vorderhaus gegrast haben, ist die Welt für meine Urgroßmutter wieder in Ordnung gewesen. Vielleicht ist in dieser Nacht mein Großvater entstanden, ein schöner Gedanke.

Wenn man meinen alten Namen googelt, taucht sofort der Name Goethe auf. Deutschlands Volksdichter mit dem Hang zum Unverbindlichen und zur Macht. Böse Zungen behaupten, dass Gretchens Verführung zeitgleich entstanden ist, mit den Unterschriften des Ministers und Freiherrns für Todesurteile zum Nachteil von Frauen, die abgetrieben haben. Ich hatte nie die Zeit, mir auszurechnen, welcher Jakob Johannes mit Goethe die Freimaurerloge in Weimar gegründet hat. 

In einem gewissen Sinne ist meine Aufgabe beim Amt auch so eine Tätigkeit. Berlin gibt sich weltoffen, beherbergt aber gleichzeitig tausend Ämter, die sich alle zumindest in der Führungsebene kennen.

Ich kenne niemanden in Berlin. Und das ist auch gut so. Die Wienerin, die die kleine Pension am Kurfüstendamm führt, ist vielleicht die einzige Vertraute, weil sie nicht weiß, was ich mache und mich für einen Romantiker hält. 

Das Amt ist hinter mir her, und ich weiß nicht warum.       


Wenn Ivana ein Kammerkonzert gibt, tritt sie an die äußerste Seite des Flügels, berührt ihn mit einem Finger, verbeugt sich und schaut so lange ins Publikum, bis nichts mehr Störendes zu hören ist und der Alltag aus den Gesichtern verschwunden ist. 

Dass mit den Augen ist ein Trugschluss. Sie schaut niemanden an. Ivana hat es sich antrainiert, dass sie durch alle hindurch schaut. Sie sieht die Waldtapete in der Küche ihrer Mutter, eingerahmt von all den vielen bunten Ansichtskarten, die sie ihr geschickt hat. 

Der Impresario hat einen Blick für das Publikum, das ihn an seine Studentenzeit erinnert. In einer plüschigen Bar hat er die Mädchen auf dem Klavier begleitet, die sich nach seiner Musik nach und nach ihrer Kleider und anschließend ihrer Würde entledigt haben. 

Die Frauen im nachempfundenen Rittersaal sind bedeutend jünger. Eigentlich sind es noch Mädchen, Kinder, die da neben Männern sitzen, deren teuren Anzüge nicht darüber hinwegtäuschen können, aus welchem Stall sie kommen. Würden jetzt alle Türen schlagartig geöffnet und ein bis an die Zähne bewaffnetes Einsatzkommando der Polizei hereinstürmen, es würde ihn nicht wundern. 

Das Erinnern ruft beim Impresario immer eine Bitterkeit hervor. Niemals wird er diese eine Nacht in dieser Bar vergessen, an dem sich sein Leben schlagartig verändert hat. Gegen fünf Uhr morgens haben sie die Bar gestürmt. Mit Baseballschlägern alles kurz und klein geschlagen und auch vor Köpfen keinen Halt gemacht. In der Beziehung hat er wirklich Glück gehabt. Bis heute sieht er das grinsende Gesicht des Hünen, die Goldzähne, die Narbe, die von der Schläfe bis zum Kinn geht. Er riecht den schlechten Atem des anderen, der mit einem Schlag den Klavierdeckel schließt. 

„Sie haben sehr viel Glück gehabt“, hat der behandelnde Arzt zu dem jungen Mann gesagt, der auf dem besten Weg gewesen ist, Konzertpianist zu werden. 

Der Impresario schaut auf seine Hände, die leicht zittern. Immerhin haben die Ärzte sie wieder so zusammengeflickt, dass es für eine Begleitung am Flügel reicht. Er riecht seinen Angstschweiß und weiß, dass er einen Fehler gemacht hat. Zum Glück sind sie morgen Mittag wieder in Salzburg.     

Sanft greift er in die Tasten und wünscht sich und Ivana weit, weit weg.

Nach den ersten drei Stücken gibt es eine kleine Pause. 

„Du bist heute schnell“, sagt Ivana und nippt an einer Tasse mit abgekochtem Wasser.

Der Impresario öffnet das Fenster in der Bibliothek und zündet sich eine Zigarette an.

„Ich habe es mir überlegt, Mama wird bestimmt Verständnis haben, wir machen die Mugge“, sagt Ivana und lässt ihren Blick über die Regalreihen schweifen, in denen nur alte, kostbar aussehende Bücher stehen. 

„Wir werden es nicht machen“, erwidert der Impresario und ist über seine helle Stimme verwundert.

„Was ist passiert?“

„Nichts, nichts“, stottert der Impresario und zieht hastig an der Zigarette. 


„Wo haben Sie die Fahrkarte gekauft?“, will ich von der Frau wissen, die allein gekommen ist. 

Der Görlitzpark ist voller Menschen und wir fallen nicht auf. 

„Im Reisebüro natürlich“, sagt sie, schaut mich entrüstet an und fügt hinzu, „in bar!“

Ich hätte es nicht anders gemacht, so weit so gut. Dennoch bleibt mein Misstrauen. Zu schnell hat sich das Amt auf den Treffpunkt eingelassen, den ich vorgeschlagen habe.

„Haben Sie die Unterlagen studiert?“

„Bevor ich den Rucksack aufmache, möchte ich erst wissen, wer meine Gegner sind“, erwidere ich und fixiere ein Liebespaar mit weißen Ohrstöpseln, die keine fünfzig Meter von uns entfernt sitzen. 

„Ein großer Fisch“, sagt die Frau, „ein sehr großer Fisch, der mit seinen Hinterflossen ganze Landesbanken in den Ruin getrieben hat. Ansonsten das Übliche: Waffen, Drogen, Menschenhandel und Geldgeschäfte jeglicher Art.“ 

Während der Mann auf der fünfzig Meter entfernten Bank lustlos die Wange der Frau tätschelt, die ihrerseits mit einer Hand einen Kinderwagen festhält, indem mit Sicherheit ein Richtmikrophon und eine Kamera installiert sind, tue ich so, als würde ich meine Nachbarin auf den Hals küssen. 

„Und warum brauchen Sie Begleitschutz?“, hauche ich ihr ins Ohr.

„Ich bin allein gekommen, wie versprochen“, erwidert sie leise.

„Dann schauen Sie mal nach zwei Uhr!“

Ich zähle die kleinen Leberflecke auf ihrem weißen Hals und inhaliere das etwas zu süße Parfüm, das sie aufgetragen hat. 

„Da ist nichts“, höre ich ihre Stimme sagen.

Ich löse mich aus der Umklammerung und schaue wie meine Nachbarin auf eine leere Bank.

„Gehen wir ein Stück“, sagt die Frau vom Amt und macht einen sichtlich nervösen Eindruck.

„Ich will ehrlich sein“, fährt sie fort, „unser Treffen ist mehr privater Natur. Die Person, die Sie schützen sollen, ist mir, wie soll ich sagen, irgendwie ans Herz gewachsen. Ich weiß, was Sie sagen wollen, Ehrlichkeit und Mitgefühl hat in unserem Job nichts verloren. Aber es ist nun mal wie es ist. Und wenn Sie sagen, dass da jemand gesessen hat, dann glaube ich Ihnen. Es zeigt mir nur, was für einen fetten Fisch wir da an der Angel haben.“

„Klingt nicht beruhigend.“

„Darum müssen Sie uns helfen. Denn die Frage, ob die Person als Kronzeugin aussagt oder nicht, stellt sich nicht. Wenn wir nichts tun, wird sie über kurz oder lang tot sein!“

Über kurz oder lang sind wir alle tot, denkt die zynische Seite in mir, die zum Glück stumm ist und der ich nur selten ein Forum gebe. Auch wenn ich in meiner Arbeit mit Zynikern, Nihilisten, Schwarzmalern und Egomanen umgeben bin, versuche ich, dass es nicht auf mich abfärbt. Wie ein Arzt, der sich nach jedem Patienten die Hände wäscht und desinfiziert, springe ich nach jedem Treffen entweder unter die Dusche oder ins Becken des hoteleigenen Schwimmbads.

„Wir sollten uns nicht mehr sehen“, sage ich und spüre keine Wehmut.

Nach einem Spaziergang kreuz und quer durch die Stadt öffne ich das Schließfach: der Rucksack ist verschwunden.

Ich räume beide Hotelzimmer und nehme den ersten Zug nach Leipzig, obwohl mein Ticket auf eine andere Strecke ausgestellt ist. 


„Sie haben uns eine große Freude bereitet“, sagt der kroatische Gastgeber und gibt Ivana einen Handkuss. „Es wäre für mich eine große Ehre, wenn ich Sie auf einem meiner Schiffe an der Dalmatinischen Küste begrüssen könnte. Sie sind selbstverständlich mein Gast.“

Ivana lächelt verlegen und lässt sich vom Gastgeber zu ihrem Platz an der Tafel führen. Mit Applaus wird sie an dem langen Tisch begrüßt, an dem braungebrannte ältere Männer mit viel zu jungen Frauen sitzen. Ivana schaut hindurch, ist sie doch viel zu sehr mit den Gedanken in Salzburg.

In der nächsten Woche ist Premiere und im Herbst geht es nach Paris. Morgen Mittag wird sie an der Salzach sitzen und Ansichtskarten schreiben. 

„Selbst geschossen“, sagt Zlatan Brokisch und fügt hinzu, dass er den Koch aus Südfrankreich hat einfliegen lassen. 

„Sie haben wirklich ein schönes Haus“, lobt Ivana nach dem Essen den kroatischen Gastgeber.

„Sie müssten erst im Keller das Schwimmbad sehen. Es ist regelrecht in den Berg hineingesprengt worden. Eine Meisterleistung, denn das Haus hier hat schon gestanden. Fester Granit, da kommen Sie mit einem Presslufthammer kaum weiter. Schade, dass Sie morgen früh schon wieder abreisen müssen.“

„Vielleicht beim nächsten Mal“, lächelt Ivana dem Hausherrn entgegen und hat Kopfschmerzen von dem vielen billigen Parfüm und den teuren Zigarren.

„Sie entschuldigen mich“, sagt Ivana kurz vor Mitternacht in die spärliche Runde. Der Rest der Abendgesellschaft hat sich längst auf alle Räumlichkeiten des Hauses verteilt. Sie ist froh, dass sich niemand in ihrem Zimmer breit gemacht hat. Bei ihrer Ankunft hat Ivana kurz registriert, dass es keine Zimmerschlüssel gibt, aber sie hat dem keine weitere Bedeutung beigemessen.   

Mit einer Flasche Stillem Wasser legt sie sich auf das Bett, steckt sich die Ohrstöpsel ein und hört Turandot in einer Aufnahme aus den sechziger Jahren. Ivana träumt sich weg und schläft ein.

Ein Zimmer weiter ist das Bett noch leer. Der Impresario irrt durch die Räume und fühlt sich nirgendwo wohl. Überall diese Kerle, die er aus Prag kennt. Die Mädchen sind höchstens fünfzehn. Überall liegt Geld und Koks auf den Tischen. Es wird Crack geraucht. Jetzt unauffällig ein Taxi bestellen. Aber hier geht ja noch nicht mal ein richtiger Weg rauf. Er tritt vor die Tür, um in Ruhe eine zu rauchen, aber da sind die Hunde, die um das Anwesen streunen und sofort anschlagen, wenn sie fremde Gerüche und vor allem menschliche Ausdünstungen wittern. Der Impresario ist ein Fremder und das liegt in der Luft. Er sieht nur die Augen und hört das Knurren der Doggen, das ihn frösteln lässt.

Der Impresario denkt an die Aufnahmeprüfung, die er als Jahrgangsbester bestanden hat, obwohl er im Grunde nur ein lyrisches Programm gespielt hat. Nichts schwieriges, dafür aber mit viel Gefühl. 

„Du brauchst einen eigenen Flügel, sonst wird das nichts!“ Keine Ahnung, wer ihm damals diesen Floh ins Ohr gesetzt hat, vielleicht ist er es sogar selbst gewesen. Ohne diese Schnapsidee wäre er niemals in dieser Bar gelandet und dann hätte es diese unsägliche schicksalhafte Nacht nie gegeben.

Die Hunde haben sich verzogen und der Impresario hört die hellen Rufe eines Greifvogels. Einen Pilotenschein hätte er gern gemacht, aber auch das ist mit seinen Händen nicht mehr drin gewesen. Auf der anderen Seite hätte er so Ivana nie kennengelernt. Was für ein Glücksfall! 

Lächelnd zündet sich der Impresario erneut eine Zigarette an. Sie steht am Anfang ihrer Karriere. Der Terminkalender ist voll. Nach Salzburg wird sich die ganze Welt nach ihr reißen. Er ist ganz nah dran. Die Premiere wird im Fernsehen und im Internet live übertragen. Die ganze Welt wird Ivana sehen und vor allem hören. Der Impresario schnippt die Zigarette in die Dunkelheit. Zeit Mails zu checken und die Verbindung zur Welt halten.

Ivana befindet sich in einem Zauberwald. Alice im Wunderland, der Zauberer von Oz, Hänsel und Gretel hat sie als Kind auf der Bühne gesehen. Dafür ist sie mit ihrer Großtante kilometerweit gefahren.

„Das wird dir gefallen“, hat sie immer gesagt und sie so zum Theater gebracht. 

Wenn Ivana über Kopfhörer Musik hört, tauchen sofort Bilder auf, die nicht von dieser Welt sind, wobei das nur bedingt stimmt. Denn ein irdischer Kopf hat sich das ja alles einmal ausgedacht. Ihre Fantasie setzt nicht bei null an, sondern führt nur alles konsequent weiter. Mag für den einen Musik nur eine mathematische Formel sein, für sie ist es die Tür in eine andere Welt. Stundenlang kann sie in den surrealen Bildern von Dali umhergehen. Alles anfassen und die glatte Oberfläche einer zerflossenen Uhr spüren. Auf der Reise zum Mittelpunkt der Erde ist ihr nichts mehr fremd. Dafür benötigt sie keine Drogen, es sei denn gute Musik würde dazu gehören. In Ivanas Zauberwald gibt es Kirschen so groß wie Melonen. Libellen, an denen sie sich festhalten kann. Sie ziehen sie durch die Lüfte wie Delphine im Wasser. Eine Seepferdchenkarawane zieht vorbei und ein Eichhörnchen so groß wie ein Elefant winkt ihr zu. Eine Böe erwischt den vollen Ball eines riesigen Löwenzahns und lässt es schneien. Nur die Bauten sind unendlich klein oder essbar. Der gigantische Palast des Sultans von Bagdad entpuppt sich als großer Kuchen, von dem sich jeder etwas herausbrechen kann. Die Kuppel ist ein Mischung aus Himbeere, Sahne und Marzipan. Ivana liegt auf einem Pudding, der nach Waldfrüchten riecht. Gleich geht es hinaus in den Sternenhimmel, der unendlich zu sein scheint und nach Zuckerwatte riecht.

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5. Kapitel