Newsletter       Über mich       Romane       Theaterstücke       Lyrik       Film       Kontakt       Impressum

Das kleine Glück des Augenblicks

 

6.


Ein wenig kenne ich Leipzig. In der Nationalbibliothek steht mein altes Leben gebunden in Regalen. Den Hauptbahnhof habe ich im Pulk amerikanischer Touristen verlassen. Überall Kameras, die alles erfassen. Die wenigen toten Winkel reichen nicht aus, um von A nach B zu kommen. In diesem Fall genügt eine Baseballkappe, die jemand auf einem Sitz im Großraumwaggon liegen gelassen hat, um mich unsichtbar zu machen. Draußen auf dem Vorplatz wird es schwieriger für mich. Im Schutz des Reisebusses, der die amerikanischen Touristen aufnimmt, flüchte ich in die Altstadt. Ich habe zuviel Gepäck, um damit den ganzen Tag durch die Stadt zu streifen. In der Nähe des Naturkundemuseums nehme ich mir ein Zimmer in einer Pension, die es mit den Meldezetteln nicht so genau nimmt. Ich muss an einen Wagen kommen. Eine normale Autovermietung kommt dabei nicht in Betracht. Auf dem Parkplatz, am Eingang und in der Lobby überall Kameras. Ausweis und Scheckkarte runden dann mein Profil ab. Ich muss einen anderen Weg finden, um an ein Auto zu gelangen. 

Mit einer Kladde unter dem Arm schlendere ich durch das Studentenviertel, setzte mich in Cafés und Kneipen, lausche den Gesprächen an den anderen Tischen und warte auf den Zufall. Ich kann nicht alles planen. Ich bin allein und habe keine große Organisation hinter mir, was gleichzeitig auch ein großer Vorteil ist. Ich kann mich nur selbst verraten. Der Tag vergeht schnell, wenn man sich konzentrieren muss und auf etwas aus ist. Ich habe Glück, ein paar Leute sprechen mich an, ob ich Lust hätte, mit auf eine Fete zu kommen. Ich beende meine Kritzeleien und klappe die Kladde zu.

Erika und Thomas nehmen mich in ihre Mitte und so geht es ein paar Straßen weiter in einen Kellerklub.

„Und wie heißt du?“, will Erika wissen.

„Irgendwer“, antworte ich und ernte von beiden Seiten Gelächter.

Wir gehen ins Cosmo, eine Kellerkneipe, die sich in einem Abbruchhaus befindet.

Jazzmusik aus den fünfziger Jahren begrüßt uns auf der Treppe nach unten. 

Im Laufe der Nacht lerne ich Klaus und Eva-Maria kennen, die in der Nähe von Greifswald in einer Landkommune wohnen und nur wegen der Gegendemonstration gegen die Montagsdemonstrationen nach Leipzig kommen.

„Unseren Hof haben sie schon fünf Mal überfallen. Das erste Mal haben sie es sogar geschafft, unseren Traktor anzuzünden. Diese scheiß Glatzen!“, sagt Klaus.

„Es sind längst nicht mehr die Glatzen, die uns Sorgen bereiten. Vor diesen Hochschulprofessoren, Ärzten und Juristen, diesen Biedermännern habe ich mehr Angst. Umso wichtiger ist es, Gesicht zu zeigen“, fügt Eva-Maria hinzu und macht einen kämpferischen Eindruck.

Ich gebe eine Runde aus und denke, die Lösung für mein Problem gefunden zu haben. 


Irgendetwas hat Ivana aus ihren Träumen gerissen. Sie weiß nicht, ob es die Stille auf ihren Kopfhörern ist oder wirklich ein Geräusch. Sie friert, weil sie vergessen hat, die Balkontür zu schließen. 

Ivana quält sich aus dem Bett. Es fällt ihr schwer den Zauberwald zu verlassen. Aber die kalte Luft, die von den Gipfeln der gegenüberliegenden Berge herüberweht, zwingt sie dazu. 

Sie legt sich den breiten Wollschal über die Schultern und betritt den Balkon. Ein bekannter süßlicher Geruch schlägt ihr entgegen.

Der Impresario auf dem Nachbarbalkon zuckt nur mit den Schultern und macht ein unschuldiges Gesicht. 

„Du weißt doch, es ist wegen der Hände“, flüstert der Impresario und bietet Ivana den qualmenden Joint an, die lächelnd ablehnt.

Unten in der Klamm rauscht der Bach und von den Höhen sind die Nachtvögel zu hören. 

„Ich gehe dann mal ins Bett“, sagt der Impresario und schnippt den Joint nach unten.

Ivana beugt sich vor und folgt der Glut, die einem Glühwürmchen ähnelt. 

Ivana schnürt den Schal um ihren Hals fester. Die Kühle der Berge ist im Sommer nicht zu unterschätzen. Jetzt bloss nichts mit den Stimmbändern so kurz vor der Premiere. Wahrscheinlich ist es ihr vertraglich ohnehin verboten gewesen, während der Salzburger Festspiele Privatkonzerte zu geben. Aber Ivana hat die seitenlangen Kontrakte sowieso nie durchgelesen. Zum Glück hat sie den Impresario, der alles für sie regelt und Formalitäten von ihr weg hält. 

Was für eine herrliche Nacht!

Ivana hört schräg über sich Stimmen. Sie reden in einer Sprache, die ihr fremd ist. Sicher, es gibt ein paar Wörter, die sie versteht. Mehrmals fällt das Wort Nutte und Schlampe.

Sie denkt sich nichts dabei und will ohnehin den Balkon verlassen, um ins Bett zu gehen.

Der Schrei, der die Stille der Nacht durchschneidet, hat Mitwisser und schallt von den Bergen mehrmals zurück. 

Ivana schaut direkt in die Augen des Mädchens, dessen Gesicht zur Fratze entstellt ist und direkt an ihrem Balkon vorbeifliegt.

Sie streckt ihr die Hand entgegen, als könnte Ivana sie im Flug noch abfangen. 

Ivana beugt sich über den Balkon, aber da ist das Mädchen längst in der Dunkelheit verschwunden. 

Schnell sind die Schreie verstummt und nur das Rauschen des Flusses in der Klamm ist zu hören. Instinktiv dreht sie ihren Kopf nach oben und sieht einen jungen Mann, den ihr der Gastgeber als seinen kleinen Bruder vorgestellt hat. 

Alles dauert eine gefühlte Ewigkeit, obwohl nur Sekunden verstrichen sind. 

Ivana weiß nicht, wie lange sie einfach nur im Zimmer gestanden und versucht hat, ihren Atem wieder zu finden. Was nicht einfach ist, denn die Bilder von dem Mädchen laufen wie in einer Endlosschleife durch ihren Kopf.  

Nein, der ruhige Atem, der sich aus ihrer Mitte bildet, kommt nicht mehr zurück. Sie muss das Zimmer verlassen, das Haus, den Berg. Sie muss hier raus.

Hektisch packt sie ihre Sachen. Mit einer Handbewegung fliegen die Toilettenartikel im Bad in die Tasche. Auch die Kleidungsstücke sind schnell eingesammelt. Dafür ist die große Reisetasche mit dem Rosenmuster gemacht, die sie in Salzburg in der Getreidegasse gekauft hat und sie an Westernfilme mit Garry Cooper erinnert hat. Wahrscheinlich mussten damals die Frauen nach einer großen Schießerei im Salon, von einem Moment auf den anderen, die Stadt verlassen.

Obwohl ihr Herz schnell wie das eines Eichhörnchens klopft, bildet sich in ihr ein Plan, dem sie blind folgt. Ivana muss den Impresario aus dem Zimmer holen und versuchen, trotz Dunkelheit, den Weg nach unten zu finden. 

Ivana muss an ihren Vater denken, der ihr mit sechzehn eine gelangt hat, weil sie sich mit den falschen Leuten, zur falschen Zeit und am falschen Ort aufgehalten hat.

„Sei niemals Zeuge“, hat der Vater gesagt und sie anschließend mit Küssen überschüttet.

„Was war das?“, flüstert mit großen Augen der Impresario.

„Zieh dich an, wir müssen weg“, erwidert Ivana und beginnt sofort damit, die Sachen ihres Managers und Freundes in seine Tasche zu stopfen. 

Der Impresario zieht die Kleider über den gestreiften Schlafanzug und schlüpft in seine Schuhe.

„Was ist denn passiert?“

„Erzähle ich dir alles, wenn wir draußen sind.“

„Hast du auch die Schreie gehört?“

„Ja, ja, jetzt komm!“

Leise schleichen sie hintereinander die Treppe hinunter.

„Und was ist mit den Hunden?“, will der Impresario wissen.

„Warte“, flüstert Ivana und betritt den Rittersaal, an dessen Ende immer noch das Buffett steht. 

Ivana und der Impresario betreten die Freitreppe und gehen nach unten. Von weitem ist das Rauschen aus der Klamm zu hören, ansonsten herrscht Stille. Dann ein leises Schaben im Kiesbett, das lauter wird. 

„Sie kommen“, sagt der Impresario furchterfasst. 

Ivana schleudert die Essensreste so weit wie möglich von sich.

„Bis zum Waldstück laufen wir!“

 

Klaus und Eva-Maria haben mich zu ihrem Hof in der Nähe von Greifswald mitgenommen. Ein schönes Gut mit drei Häusern, zwei Stallungen und einer großen Scheune. Sie wohnen hier zu zwölft. Seit den letzten Anschlägen halten sie rund um die Uhr Wache.

Bei meiner Ankunft habe ich sieben Autos gezählt, die meisten von ihnen mit Greifswalder oder Stralsunder Kennzeichen. 

Scheinbar habe ich alles richtig gemacht. 

„Die Polizei kommt erst, wenn hier alles in Asche liegt“, sagt André, der das Gewehr seines Urgroßvaters in den Händen hält. 

„Der Staatsschutz kommt erst, wenn hier einer stirbt“, fügt Regina hinzu, die aus Sachsen stammt und Tierärztin ist.

Wir essen alle gemeinsam zu Mittag. Die Kinder sind noch in der Schule. Anschließend lasse ich mir das Gelände zeigen. 

„Ach wie dumm“, sage ich, als ich in eine riesige Pfütze getreten bin und anschließend auch noch ausrutsche.

„Wohl nicht dein Tag“, kommentiert lachend Regina, nimmt mich bei der Hand und führt mich zurück zum alten Gutshaus, wo sie mich unter die Dusche steckt und mir Klamotten von ihren männlichen Mitbewohnern herauslegt. 

Ich betrachte mich im Spiegel. Jetzt bin ich einer von ihnen. Die Pfütze hat ihre Schuldigkeit getan. Ich sollte noch etwas mit den Haaren tun, denn ich fühle die Gefahr, die von diesem Fall ausgeht.

Vielleicht, weil diesmal alles anders ist. Es ist das erste Mal, dass ich jemanden davon überzeugen soll, in ein Zeugenschutzprogramm zu gehen. In der Regel betteln die Kronzeugen regelrecht darum, aufgenommen zu werden. Erst, wenn ich ihnen die Tragweite bewusst gemacht habe, was es heißt, ein ganz neues Leben zu beginnen, erkenne ich in ihren Gesichtern eine große Furcht gemischt mit einer verzweifelten Traurigkeit. 

Die Aussage, dass die Person allein zum Treffpunkt kommen wird, ist aberwitzig, da sie ja längst unter Polizeischutz steht. Ist die Person ein kleiner Fisch, wird sie von zwei Beamten begleitet, was ich in diesem Fall nicht glaube. Ich werde nach sechs Personen Ausschau halten. Sind es mehr habe ich ein Problem.

Ich weiß nicht, nach welchen Gesichtspunkten das Amt die Menschen aussucht, die so etwas machen wie ich. Ein Kriterium ist sicherlich ausschlaggebend: keine Familie. 

Wenn ich das Zeitliche segne, wird niemand eine Träne vergießen oder sich einen Kopf machen, weil es mich ja im Grunde schon lange nicht mehr gibt. Der alte Bekanntenkreis aus meinem ersten Leben wird längst glauben, ich sei seinerzeit mit meiner Frau und den Kindern bei dem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen. 

Die Daueraufträge für meine Wohnungen und was damit zusammenhängt, werden weiterlaufen bis kein Geld mehr da ist. Wahrscheinlich auch darüber hinaus, denn ich bin ein für die Bank bequemer Kunde.

Niemand wird meine Bilder in den Fluss werfen, weil es keine mehr gibt. 

Wird es wirklich einmal jemanden geben, der das Licht ausmacht?

Ich bin mir da nicht sicher. Wahrscheinlich läuft alles so weiter, auch wenn kein Mensch mehr auf diesem Planeten lebt. 

Man ist schnell vergessen. Ich weiß das von meinen Bücherregalen, die alle Wände meiner Wohnung verdeckt haben. Das Geld, dass ich für die Maler gespart habe, ist in die Verlagsindustrie gewandert, in Bücher, dessen Autoren niemand mehr kennt. Die, die übrig geblieben sind, haben den Nimbus der Unsterblichkeit. Als Zeichen ihrer Genialität stehen überall Denkmäler, Straßen sind nach ihnen benannt. Den Rest gibt es noch nicht einmal mehr in öffentlichen Bibliotheken. Wenn ein Buch in einer gewissen Zeit nicht ausgeliehen wird, verliert es den Status am Leben zu bleiben. 

Das Göttliche der Kunst bleibt ohnehin nur beim Schaffenden. Alles andere ist Eitelkeit. Wer hofft, ist hoffnungslos verloren. Wer plant, ein Idiot. 

 


fttp://johanneswierz.homepage.t-online.de/home/Theaterwerkstatt2017.html

_____________________________________________________________________________________________________________________________

Webdesign & Copyright

2018

by Johannes Wierz

Kontakt  Kontakt.htmlKontakt.htmlshapeimage_3_link_0
     Impressumfttp://johanneswierz.homepage.t-online.de/home/Impressum2017.htmlImpressum.htmlshapeimage_4_link_0

6. Kapitel