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Das kleine Glück des Augenblicks

 

7.


Der rettende Wald ist erreicht. Die Hunde sind zum Glück nicht sofort gefolgt, sondern haben sich erst einmal über die Reste vom Büffet hergemacht. Von weitem ist ihr Bellen zu hören, das sich an den steilen Felswänden bricht und durch das Echo den Eindruck vermittelt, die Hunde kommen von allen Seiten.

Auf einer kleinen Lichtung schafft es der Mond bis auf das Moos durchzudringen, dass dadurch silbern schimmert. 

Ivana und der Impresario stehen da als befänden sie sich in der Staatsoper im Bühnenbild einer Märchenoper. 

„Hast du was genommen?“, fragt Ivana außer Atem das aschfahle Gesicht.

Der Impresario schüttelt schweißgebadet den Kopf. Er öffnet und schließt den Mund wie ein Fisch an Land, bringt aber kein einziges Wort heraus. Er kennt diesen Typ von Menschen. Sie sind zu allem fähig. Er hat es schließlich am eigenen Leib erlebt. 

„Wir müssen weiter“, sagt Ivana streng und greift nach einer kalten steifen Hand, die Widerstand leistet.

So stolpern die beiden durch unbekanntes Terrain in die Dunkelheit hinein. Irgendwo muss es einen Weg geben, der nach unten führt. 

Ivana kann sich gut in der Dunkelheit orientieren, das hat sie von ihrem Vater gelernt, mit dem sie oft genug auf der Jagd gewesen ist. Sie muss aber ihre ganze Kraft aufwenden, damit ihr langjähriger Weggefährte nicht fällt. Sie hat das Gefühl, überhaupt nicht voranzukommen. 

Nach einer Ewigkeit stehen beide auf einer Lichtung, wo der Mond das Moos berührt, dass dadurch silbern schimmert. 

Sind sie hier nicht schon einmal gewesen?

Das Hundegebell wird lauter und hört sich jetzt anders an. Es kommt nur aus einer Richtung. Das Echo scheint weit weg zu sein. Die Kegel von Taschenlampen wandern durch den Wald. Stimmen sind zu hören.

„Reiß dich zusammen“, befiehlt Ivana dem Impresario und zieht ihn weiter hinter sich her. 

„Sie werden uns töten“, flüstert der Weggefährte und beginnt endlich mitzulaufen.

In der Dunkelheit kommen die Taschenlampenkegel immer näher. Es ist nur eine Frage der Zeit, dann haben Ivana und der Impresario ihren Vorsprung eingebüßt. Der Mond und die Sterne sind verschwunden, mit ihnen das silbern glitzernde Moos, dass sich jetzt unter ihren Füßen schwammig und glitschig anfühlt. Dann wird der Boden steiniger. Mit einem Mal weht ihnen ein kalter Wind entgegen. 

Ivanas Hände sind blutig und verharzt. Irgendwo muss der Weg nach unten sein. 

„Verdammt“, hört sie den Impresario neben sich flüstern, der im gleichen Moment verschwunden ist. 

„Wo bist du?“ 

Ivana tastet sich nach rechts und nach links, aber da ist niemand.

„Ich bin hier“, flüstert der Impresario, dem ein Schnaufen folgt. 

Ein fahles Licht fällt auf den Grenzstein zwischen Deutschland und Österreich, über den der Impresario gestolpert ist und sich die Stirn angeschlagen hat.

„Wir müssen weiter!“ 

Ivana bückt sich, um dem Freund wieder auf die Beine zu helfen.

„Ich schwebe!“

„Nimm meine Hand. Um alles in der Welt greif zu!“

Der Impresario lächelt bitter.

„Hast du vergessen, was mit meinen Händen seinerzeit in Prag passiert ist oder war es Budapest?“

„Das ist doch jetzt egal. Greif kurz zu. Ich versuche dann mit der anderen Hand deinen Unterarm zu fassen!“

Es macht einen Ruck und der Kopf des Impresarios wird von der Dunkelheit verschluckt. Im Wald klopft es, als ob ein Specht nach der hohlen Stelle im Baum sucht, dabei sind es Steine, die in die tiefe Schlucht stürzen. 

Ivana liegt flach auf dem steinigen Gebirgsboden und tastet nach dem Freund. Die Haare sind das Erste, die sie zu fassen bekommt. Sie ertastet sein Gesicht, das sich feucht anfühlt. 

„Wo hast du deine Hände?“, fragt sie und tastet gleichzeitig danach.

„Keine Ahnung, aber lange kann ich mich nicht mehr halten.“

Die Stimme des Impresarios ist dünn und leise. Sie wird vom Bellen der Hunde überrollt. Die Lichtkegel der Taschenlampen kommen immer näher. 

Wieder fallen Steine in die Schlucht. Von weitem sind Stimmen zu hören, die Befehle an die Hunde geben.

„Ich hab dich, ich hab dich!“

Ivana ist überglücklich endlich eine Hand ihres Freundes zu fassen zu kriegen. 

Langsam zieht sie ihn zu sich hin.

„Siehst du, geht doch!“

Aber, was ist das? 

Die Hände des Impresarios werden kleiner und verwandeln sich in feuchte Seife. 


Die Kommune in Greifswald haben mir eines ihrer Fahrzeuge geliehen. Ich trage ihre Klamotten, fahre eines ihrer verrosteten Autos und meine Haare sind hennarot gefärbt und mein Bart ist stoppellang. 

Ich weiß, meine Tarnung ist nicht perfekt, aber vielleicht reicht es, um bei der ersten Kontaktaufnahme einen Vorsprung zu erzielen. 

So fahre ich über die Stralsunder Brücke nach Rügen. 

Mein erstes Ziel ist Bergen, wo ich einen Kaffee am beschaulichen Marktplatz trinke. Ab und an fährt ein Auto vorbei. Es ist Nachsaison. Ich halte nach dunklen Fahrzeugen und Werkstattwagen mit fremden Kennzeichen Ausschau. Aber ich kann nichts auffälliges entdecken. Mit meinem Greifswalder Kennzeichen falle ich nicht auf, auch wenn ein Streifenpolizist zweimal musternd um den Wagen herumgeht.

Ich liege gut in der Zeit und überlege, ob ich nicht noch jemanden mitnehmen soll. Vielleicht hätte ich einen aus der Kommune fragen sollen, aber es widerstrebt mir, andere in meine Sachen mit reinzuziehen. Fremde Menschen nimmt man mit, steigt mit ihnen aus, geht vielleicht am Zielort noch einen Kaffee trinken bis die Zielfahnder enttäuscht abziehen, aber dann muss man sich verabschieden, wenn es dennoch gefährlich wird.

In einem Schreibwarengeschäft habe ich mir einen Block gekauft und fülle auf dem Marktplatz von Bergen die Seiten, ohne dabei meinen Wagen aus den Augen zu lassen.

Es ist eine Autobahn über die ich gehe. Sie führt geradewegs in eine andere Stadt. Von weitem kann ich die Dunstglocke und hinter dem Flimmern Silhouetten von Häusern erkennen. Rechts und links, wo früher der Grünstreifen verlaufen ist, steht jetzt auf jeder Seite eine endlos lange Granitwand. In roten Buchstaben stehen die

Namen geschrieben, die ihr Leben verloren haben. Ich habe mich nicht durchsetzen können, auch die Gesichter abbilden zu lassen.

Angeblich hat das Geld dafür nicht gereicht. Aufrecht gehe ich die Autobahn entlang und weiß um die Kilometer, die ich noch zurücklegen muss. Das längste Mahnmal heißt es in der Presse, aber hätte ich es nach oben bauen sollen? Nein, ich bin nicht verbittert, eher stolz nach so vielen Jahren des Kampfes das hier erreicht zu haben. Mit einer Lilie in der Hand lassen sie mich vorangehen, aber ich höre hinter mir die Schritte und das Summen vieler, die mich begleiten. Auch wenn die Straße leer ist, riecht es nach Teer und Benzin. Die Welt soll sehen, was hier passiert ist, in all den Jahren Tag für Tag. Wir haben es geschafft, endlich ein Zeichen zu setzen. Das Gehen über Asphalt ist lächerlich, spätestens nach einem Kilometer meldet sich der Körper. Zwischendurch platte vertrocknete Reptilien, die eine Überquerung nicht geschafft haben. Ich gehe weiter und spüre den Rücken, der schmerzt.  

Ich schließe die Augen: ein schöner Sonntagmorgen. Die Sonne strahlt durch die weißen Vorhänge, die sich sanft im Wind bewegen. Neben mir auf dem Kissen ein Gesicht, dass mir so vertraut ist, in dem ich aber immer wieder Neues entdecke. Ich liebe die Sommersprossen, die Falten auf der Stirn und um das Kinn herum. Auch der Mund ist in die Jahre gekommen, aber ich liebe diesen Mund, dessen Lippen leicht geschwollen sind, weil wir uns bis vor ein paar Minuten exzessiv geküsst haben. Wie die Teenager haben wir geknutscht und uns geliebt. Wie gern würde ich das Gesicht jetzt anfassen, aber es gelingt mir nicht. Auch als die beiden Kinder ins Zimmer stürmen und sich auf ihre Mama werfen, bin ich nur Zuschauer. Sie nehmen mich gar nicht wahr. 

Ich gehe die Straße entlang und lese die Namen, die in den Granit

eingemeißelt sind.  

Es gibt genug Tröster, die mich in den Arm nehmen und auf die Schulter klopfen.

Zum Glück waren es nicht deine Kinder!, sind ihre Worte, die sie mir entgegen schleudern.

Was heißt das, nicht meine Kinder? Es ist auch nicht meine Frau gewesen. Frau und Kinder sind nie mein Besitz gewesen. Drei eigenständige Persönlichkeiten, die ich für immer verloren habe. Ich habe nichts zu erwidern, außer dass mir die Tröster mit jedem Wort, mit jedem Satz immer fremder werden. Ich schweige, weil das Ganze nicht fassbar ist. Ein Traum aus dem ich nicht wieder aufwache. Ich kneife mich, raufe mir die Haare, laufe gegen die Wand. Aber all das bringt nichts. Ich bleibe im Traum und spüre die Enge, die mir alles zuschnürt.

„Psychosomatisch“, sagen die behandelnden Ärzte und reichen mich weiter an Kollegen mit Traumaerfahrung. Nein, ich möchte nicht über meine Kindheit reden. Ich habe als kleiner Junge auch keinen Hund gehabt, den man mir weggenommen hat. Nein, ich habe keine Verlustängste. Ich habe Verlust. 

So gehe ich die leere Autobahn entlang, rechts und links von mir die großen Granitblöcke mit den eingemeißelten Namen.

„Ihr Traum vom sonntäglichen Vormittag ist höchst interessant“, sagt der Spezialist für Traumaerfahrungen. „Kann es sein, dass Sie sich im Leben nur als Zuschauer empfinden?“

Eher als Ball oder Figur in einem Spiel, das ich nicht verstehe. Meistens gewinne ich die ersten Runden. Anfängerglück wie bei jedem Spiel, dessen Regeln einem fremd sind. Der Erfolg wiegt einen in Sicherheit, man unterschätzt die Gefahren, spürt aber den Kitzel, der von ihnen ausgeht. Der Gewinn kann noch so hoch sein. Ich gehe aufrecht durch die Tür. Ich schwebe und protze vor Kraft.

Mit beiden Händen reiße ich den Pokal in die Höhe. In dem Moment öffnet sich die Falltür. Da liege ich und spüre den harten Asphalt, der nach Teer und Benzin riecht. Neben meiner Nase eine Schleimspur, die nach nichts riecht. Ich hoffe, die Schnecke hat es bis auf die andere Seite geschafft. Den Ameisen und Käfern ist das egal. Sie krabbeln herum und nehmen mich als Hindernis nicht ernst. Es ist nicht tragisch, dass ich auf dem Asphalt liege, dauert der Weg eben ein wenig länger. Vielleicht gehöre ich auch einfach zur Streckenführung. Irgendetwas liegt doch immer dazwischen. Ein Sechstonner rauscht vorbei und verwandelt den großen Pokal mit Henkeln in ein unförmiges Tablett.

Der Löwenzahn riecht nach Tierurin und Aas. 

Der Spezialist für Traumaerfahrung verschreibt mir Tabletten, damit ich rosarot über den Tag komme. 

Ich schütte alles in das Klo, sollen sich die Ratten einen schönen Abend machen. Bei aller Trauer muss ich einen klaren Kopf behalten, obwohl ich weiß, dass ich ihn nicht habe. Wie soll ich mir den klaren Kopf vorstellen? Eine gläserne Hülle ohne Inhalt? Vor jemanden, der von sich behauptet, einen klaren Kopf zu haben, ist eine Angst berechtigt. 

Ich richte mich auf und gehe weiter über die leere Autobahn. Vor mir die Skyline einer Stadt, die ich nicht kenne.  

„Es gibt Selbsthilfegruppen“, sagt der Spezialist für Traumaerfahrungen. 

Ich komme zu spät. Die Garderobenhaken hängen so tief, dass der Mantel zur Hälfte auf dem Boden liegt. Über meinem Haken hängt das Memorykärtchen eines Schmetterlings. Eine Mischung aus Bohnerwachs, Nivea und Kinderpisse liegt in der Luft.

Zwischen Kuschelecke und Kasperletheater sitzt die Selbsthilfegruppe im Kreis auf viel zu kleinen Stühlen. 

„Schön, dass du zu uns gefunden hast. Ich bin der Jochen“, sagt der Moderator und zeigt auf den leeren Platz in der Runde. Fünf Frauen und drei Männer schauen für einen kurzen Moment auf, bevor sie ihren Blick wieder Richtung Boden senken. 

„Monika, du wolltest doch gerade erzählen, wie dich dein Mann verlassen hat“, sagt der Moderator.

„Nun, dass war an einem Freitagnachmittag“, erwidert Monika, „ich hatte mich noch gewundert, dass Hajo so früh schon zu Hause gewesen ist. Ich gehe jetzt, hat er gesagt. Ganz normal, als ob er zum Einkaufen gehen würde. Den Rest hole ich morgen, hat er noch hinzugefügt, aber ich habe das nicht verstanden. Was willst du mit der Reisetasche, habe ich ihn gefragt. Weg von dir, hat er nur geantwortet. Du kannst doch jetzt nicht so einfach gehen, habe ich gesagt, darüber müssen wir doch reden. Ich will aber nicht reden, hat Hajo erwidert und die große Reisetasche geschultert. Ich habe mich im Flur vor ihn gestellt und ihm gesagt, dass er jetzt nicht so einfach gehen kann. Doch kann ich, hat er gesagt. Ich bin vor ihm auf die Knie gegangen und habe ihn angefleht, nicht zu gehen. Aber Hajo hat nur auf die Uhr geschaut und gemeint, dass er jetzt wirklich muss. Außerdem würde unten eine Andrea im Halteverbot auf ihn warten. Ich habe ihm die Hose aufgemacht und ihm einen geblasen, obwohl das sonst nicht meine Art ist. Anschließend hat er den Reissverschluss hochgezogen und ist gegangen.“

„Schön Monika“, sagt der Moderator. „Und? Würdest du es heute wieder so tun?“

„Nein, heute würde ich ihm den elenden Schwanz abbeißen!“

Ich gehe weiter über die menschenleere Autobahn. Rechts und links die Namen, die durch den Autoverkehr ihr Leben gelassen haben. Rote Buchstaben eingemeißelt in Granitstein.  

„Hallo, ich bin der Günther. Meine Frau hat mich auch an einem

Freitagnachmittag verlassen. Nur, sie hat alles mitgenommen. Unsere vier Zimmerwohnung ist besenrein gewesen. Selbst die Steckdosen hat sie ausbauen lassen. Angeblich ist sie zurück nach Polen. Eine Adresse habe ich nicht. Nicht einmal ein Foto von ihr und den Kindern.“

„Ich bin die Sabine und habe meinem Kerl Arschloch auf den Hintern tätowiert. Bevor jemand fragt, den Pfeil habe ich auch noch gesetzt.“

„Hannelore mochte den Hund nicht. Er hat Blähungen, hat sie gesagt, dann war sie weg. Im Wald hat man sie gefunden und mir die Schuld gegeben. Ihre Innereien haben gefehlt. Sie hat kein Herz, habe ich gesagt und mich damit verdächtig gemacht. Viermal hat die Polizei meine Wohnung auf den Kopf gestellt, aber nichts gefunden, nur weil ich Jäger bin und Innereien für mein Leben gern esse.“

Ich stehe auf und entschuldige mich auf Toilette. Zum Glück sind die Fenster in Brusthöhe und nicht vergittert.  


Ein stummer Schrei, dann ist der Impresario im dunklen Nichts verschwunden.

Für einen Moment schweben die großen Augen und der weit aufgerissene Mund wie ein Hologramm über dem Waldboden. 

Die Lichtkegel der Taschenlampen kommen näher und mit ihnen das Hundegebell und die Stimmen.

Ivana läuft um ihr Leben. Äste von Nadelbäumen peitschen ihr ins Gesicht. Ihre nackten Füße bluten, aber sie hat keine Zeit für Schmerz.

Als sie den kalten Luftzug von unten spürt, ist es zu spät. Sie hat den Boden unter den Füßen verloren. Sie fällt ins Bodenlose und ist unfähig zu schreien. 

Ihr Vater in Polizeiuniform aus alter Zeit winkt ihr zu. Die

Großtante hat Kaffee gekocht und schneidet den selbstgemachten Kuchen an. Die Mutter küsst die letzte geschriebene Ansichtskarte und hängt sie zu den anderen an die Wohnzimmerwand. Dann Dunkelheit.  

Als Ivana wieder wach wird, starrt sie in einen wundervollen barocken Sommerhimmel, wie sie ihn aus den vielen Kirchen aus Salzburg und Umgebung kennt. 

Ist sie gestorben?

Sieht so also der Himmel aus?

Die Sonnenstrahlen brechen durch die Schäfchenwolken. Ivana fühlt sich wie mitten auf einer Bühne. 

Erst beim Heben der rechten Hand weiß sie, dass sie lebt. Unglaublicher Schmerz durchzieht ihren Körper. Allein die Bewegung des kleinen Fingers versetzt ihr einen elektrischen Schlag. Sie versucht ihren Kopf ein wenig zur Seite zu bewegen und blickt auf eine Felsenwand, die scheinbar bis ins Unendliche führt. Auf der anderen Seite riecht es nach Latschenkiefer. Sie spürt ihre verharzte linke Hand, die verkrampft einen Ast festhält. Es dauert noch eine Zeit bis Ivana begreift, dass sie sich auf einem Felsvorsprung befindet und die Latschenkiefer ihr einziger Halt ist.

Mit dem Bewusstsein kommen auch die Bilder der letzten Nacht zurück. Sofort hat sie das zur Fratze entstellte Gesicht des Impresarios vor Augen, der in der Dunkelheit für immer verschwunden ist. Genauso das Mädchen, das ihr, während des Sturzes vom Balkon, hilfesuchend die Hand ausgestreckt hat. Der helle Ton eines Greifvogels löst in ihrem Kopf ein Hundegebell aus. Auch die Lichtkegel der Taschenlampen kommen zurück. 

Sie muss von diesem ungesicherten Felsvorsprung weg. Keine Ahnung wie spät es ist, aber sie ist hier für alle sichtbar. 

Ivana dreht sich unter Schmerzen nach links und versucht sich an der Latschenkiefer nach oben zu ziehen. Zum Glück sind es nur zwei Meter, die sie überwinden muss. Um den Schmerz zu lindern, holt sie sich eine Partitur vor Augen. In Bukarest hat sie mal mit einem Kreuzbandriss singen müssen. Auch das ist gegangen. 

Ivana liegt im feuchten Moos und betrachtet die nackten Stellen ihres Körpers. Blutkrusten, die wie das Delta eines großen asiatischen Flusses aussehen. Dafür spürt sie den Instinkt eines Rehes in sich, das in Gefahr ist. 

„Lauf immer in die andere Richtung, in der es dich treibt. Dann überlebst du“, hat ihr der Vater nach einer Drückjagd gesagt.     

Ivana rutscht über eine Geröllwüste Richtung Tal. Das freigewordene Adrenalin lindert ihre Schmerzen. Sie torkelt durch einen kleinen Fichtenwald und landet auf einer Almwiese, an deren äußerstem Rand eine Hütte steht, die sich als Heuschober entpuppt. 

Ein kleiner Brunnen, der sein Wasser in einen ausgehöhlten Baumstamm ergießt, bringt Erfrischung und Schmerz zugleich, denn das kalte Wasser brennt in jeder Schürfwunde. Erschöpft lässt sich Ivana ins weiche Heu fallen und schläft sofort ein. Den Hubschrauber, der über sie kreist und die Kuhherde auseinandertreibt, hört sie schon nicht mehr. 


Ich kaufe mir auf dem Markt von Bergen französische Aprikosen und setze mich zurück an meinen Tisch. 

Den ganzen Tag habe ich an meine Frau und die Kinder gedacht. Eine gefährliche Geschichte, denn in meiner jetzigen Identität habe ich weder Kinder noch Frau. Ich muss mich auf das erste Treffen mit der Opernsängerin konzentrieren. Vielleicht hilft das Schreiben in der neuen Kladde, meinen Kopf wieder frei zu bekommen.

In zwei Wochen soll der Prozess eröffnet werden. Unter einem Vorwand hat die Polizei einen gewissen Zlatan Brokisch und seinen jüngeren Bruder Goran verhaftet. Ihnen wird Betrug und Steuerhinterziehung vorgeworfen. Es geht um eine Armada an Yachten, die eine bayrische Bank gekauft hat und seitdem an der dalmatinischen Küste spurlos verschwunden ist. Die Staatsanwaltschaft vermutet, dass es die Schiffe überhaupt nicht gegeben hat. Erst während der Hauptverhandlung soll die Bombe platzen. Der Vorwurf des zweifachen Mordes wird den Brüdern das Genick brechen.

Ein Auto fährt zum dritten Mal um den Marktplatz herum. Sicherheitshalber fotografiere ich das Nummernschild mit meinem Smartphone. Dann widme ich mich wieder den leeren Blättern meiner Kladde.

„Ich liebe dich, Kuss, Kuss!“, sind die letzten Worte meiner Frau gewesen, die sie an mich gerichtet hat. Vom Hamburger Flughafen hat sie angerufen. Im Hintergrund habe ich die Kinder gehört, die aufgekratzt und voller Vorfreude auf den gemeinsamen Urlaub gewesen sind. Ein halbes Jahr zuvor hat es den ersten Streit in unserer Beziehung gegeben.

„Warum willst du nicht mit?“, hat mich meine Frau mit schmalen Augen gefragt.

„Ich bin gerade in einer entscheidenden Schreibphase, jede Veränderung würde alles zerstören“, ist meine Erwiderung gewesen. Dabei habe ich überhaupt keine Veränderung gewollt. Ich bin glücklich gewesen, satt an Glück. Mir hat nichts gefehlt. Anfangs habe ich mich noch kneifen müssen, dass mir, ausgerechnet mir, soviel Glück widerfahren ist. Gibt es einen schöneren Moment, als zwei Kinder an der Hand zu halten und in das Gesicht einer glücklichen Mutter zu blicken? 

Die Sonnenbrille schützt meine Tränen, damit sie in der Sonne nicht verdampfen. 

Ich schreibe und schreibe, bis mir klar wird, warum ich das ausgerechnet hier mache. Ich bin schon einmal in Bergen gewesen. Als es ein Uns noch gegeben hat. Französische Aprikosen haben wir gekauft und sie an Ort und Stelle mit Heißhunger verschlungen.

Das Schreiben hat mir mein Leben gerettet. Aber was für ein Leben ist das, wenn man als einziger zurückbleibt?

Die Welt um einen herum wirkt fremd und laut. Wenn plötzlich zwei Sonnen am Himmel gestanden wären, hätte es mich nicht gewundert.

Das Glück schreit nicht nach Veränderung. Es schwebt in einem scheinbar zeitlosen Raum und schimmert in Regenbogenfarben wie eine Seifenblase. Von einer Sekunde auf die andere ist es vorbei. Das Glück ist verschwunden und die Spuren, die es hinterlässt, verursachen erhebliche Schmerzen. Dank einer neuen Identität sind zumindest die Schmerzen gelindert worden. 

Drei Lieferwagen haben sich strategisch an jeder Ausfallstraße postiert, die nicht hier hingehören. 

Ich bezahle, überquere die Straße und tauche in den schattigen Kirchhof ein. Zwei Stunden bleiben mir noch, um nach Kap Arkona zu kommen. 


Als Ivana wach wird, ist ein neuer Tag angebrochen. Noch liegt Nebel über der Almwiese. Nur das Läuten der Glocken verrät, dass hier oben eine Kuhherde weidet. Ein Geräusch hat sie aufschreckt. Ein Schaben und Kratzen im hinteren Teil der Scheune, die im Halbdunkeln liegt. Vorsichtig pirscht sie heran und entdeckt eine Katze, die mit einer benommenen Maus spielt. Immer wieder lässt sie das totgeweihte Tier aus und lässt es hin- und herlaufen.

Dabei drängt die Katze die Maus immer mehr in die Ecke. Der Nager

setzt ein paar Finten, aber durch die Schläge mit der Katzenpranke ist das Tier nicht mehr schnell genug. Es torkelt bereits als wäre es betrunken. Ivana kann sich diese Quälerei nicht länger anschauen. Zudem die Katze auf sie den Eindruck macht als würde sie grinsen. 

Eben noch das Raubtier mit sadistischen Zügen und gleich darauf anschmiegsam und surrend. Ivana kennt kein Lebewesen, das so schnell seinen Charakter ändert, mit Ausnahme: Zlatan Brokisch.

Ein Gesicht und einen Namen, die sie niemals vergessen wird.

 


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7. Kapitel