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Das kleine Glück des Augenblicks

 

8.


Friedhöfe sind für mich nicht nur ein Ort der Ruhe, sondern auch der Inspiration. Ein Grabstein erzählt Familiengeschichte. Manchmal liegen die Sterbedaten von Ehepaaren nur wenige Tage auseinander. Eine Frau hat fünf Kinder geboren, von denen keines älter als ein Jahr geworden ist. Als die Frau dann selbst mit über neunzig Jahren stirbt, folgt ihr der Sohn wenige Tage später mit gerade mal fünfundsechzig Jahren. Vom Vater fehlt der Name auf dem Stein. Unwahrscheinlich, dass er noch lebt. Wahrscheinlich hat er die große Anzahl an toten Kindern nicht ertragen. Von der großen Anzahl an Säuglingen, die in den harten Kriegs- und Hungerwintern gestorben sind, fehlt jede Spur. Ähnliches gilt für Bombenopfer und Gefallene. Erst ab dem Leutnantgrad tauchen sie vereinzelt auf den Grabsteinen auf. Ein Eisernes Kreuz darf nicht fehlen, genauso wenig das Wort Heldentod oder Vermisst. Eines aber haben sie alle gemeinsam, sie liegen nicht in diesen Gräbern. Wenn mehr als vier Namen auf einem Stein stehen, mache ich ein Foto. In einem Büchlein, dass ich stets mit mir führe und indem mehrere hundert Vornamen stehen, ergänze ich sie mit den Geburtsdaten. Jede Zeit hat Vornamen, die in Mode sind. Auch gibt es Gemeinsamkeiten zwischen männlichen und weiblichen Vornamen. Christina und Christian sind genauso selten wie Rheinhilde und Kevin. Es wird nicht mehr lange dauern, da werden mir die Friedhöfe nur noch für die Großeltern dienlich sein. Die anonyme Bestattung hat so zugenommen, dass mir irgendwann ganze Jahrgänge fehlen werden, die ich mir dann bei Facebook holen muss.

Ich verlasse den schattigen Ort unweit der Kirche und kehre zum Marktplatz in Bergen zurück. Die drei Lieferwagen sind verschwunden.


„Dirndl, wi schaust denn du aus?“ Der Bauer schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. „Bist a Flüchtling? A egal, wennst willst nimm i di mit runter ins Dorf.“

Ivana hat nicht alles verstanden, aber der Mann scheint freundlich zu sein.

„Hast bestimmt a Hunger“, fährt der Bauer fort und reicht ihr eine Wurstsemmel, die sie hastig verschlingt. 

„Lass dir ruhig Zeit, is eh genug da!“

Nach der dritten Semmel huscht für einen Moment Zufriedenheit über ihr Gesicht. Die Rotorengeräusche, die lauter und lauter werden, bringen die Angst zurück.

„Diese Dreckskerle bringen meine Viecher ganz durcheinander. Und weniger Milli gebens auch noch!“ Bedrohlich hebt der Bauer den Arm Richtung Himmel, wo ein Hubschrauber gerade die Alm überfliegt. Die Flüchtlingsfrau scheint wie vom Erdboden verschwunden. Erleichtert atmet er auf, als er sie im Heuschober entdeckt.

„Musst ka Angst haben, des san nur Deppen da in ihren Hubschraubern!“

Ivana beschließt stumm zu bleiben. Was ist, wenn der Suchtrupp mit den Hunden die Alm erreicht. Ein paar Schläge und der Bauer würde reden. Wer weiß, ob sie ihn dann überhaupt am Leben lassen.  

Das Adrenalin scheint ihren Körper verlassen zu haben. Die Schmerzen kommen zurück und mit ihnen eine Kälte, die von innen und außen kommt. 

Der Bauer legt ihr eine Strickjacke über die Schultern und gibt ihr ein Paar Gummistiefel. 

Als Ivana den Traktor besteigt, sieht sie fast wie eine richtige Bäuerin aus und das wird ihr letztendlich das Leben retten.


Ich bin mit dem geliehenen Wagen Richtung Kap Arkona gefahren und habe zwei Orte weiter an einem Straßenlokal mit Tankstelle Halt gemacht. Eine Stunde bleibt mir noch, um meinen Plan noch einmal durchzugehen. Zuvor habe ich die Kennzeichen der drei Lieferwagen mit dem Prepaid Handy an das Amt durchgegeben und anschließend die Simkarte ausgetauscht und die alte in die Rügener Wiesen geworfen. In meiner Tasche befindet sich eine Mehrzahl an ungebrauchten Simkarten. Das Amt ist zu groß, dass ich mich auf Datenschutz und andere Sicherheitsregularien verlassen würde. Zwei Menschen gehen aus verschiedenen Abteilungen auf Toilette und schon ist es vorbei mit allen kryptischen Verschlüsselungen.

„An was arbeitet ihr gerade?“

Es ist schon schlimm genug, dass beide Kontaktbeamten über meinen Aufenthaltsort Bescheid wissen. Eine Person hätte auch gereicht. Zum Glück habe ich niemanden über meine weiteren Pläne in Kenntnis gesetzt. 

Der Platz für unser erstes Treffen ist überschaubar. Eine Bunkeranlage. Ein paar Wirtschaftsgebäude und die drei Leuchttürme: Schinkelturm, Leuchtfeuer und Peilturm. Den niedrigsten von ihnen, den Schinkelturm, habe ich ausgesucht. Der Aufgang ist recht übersichtlich und der Rundgang unterhalb des Leuchtfeuers breit genug für eventuelle Ausweichmanöver. 


„Was is denn des?“ Der Bauer beugt sich über das Lenkrad und zeigt auf die nächste Serpentine, wo ein großer schwarzer Van die Straße blockiert. Davor stehen zwei mit Maschinenpistolen bewaffnete Männer. 

„Was haben die Deppen hier in meinem Wald zu suchen?“

Ein Blick zur Seite reicht, damit der Bauer versteht.

„Brauchst keine Angst haben Dirndl, ab jetzt bist meine Tochter, die Gundi!“

Der Traktor verlangsamt seine Fahrt. Als er zum Stoppen kommt, knallen hinten auf dem Hänger die vollen Milchkannen zusammen und erzeugen einen dumpfen Klang. 

Der Bauer bringt den lauten Dieselmotor zum Verstummen.

„Sie wissens scho, dass si auf meiem Grund san?“

„Nichts für ungut. Wir sind eine Spezialeinheit und auf der Suche nach Flüchtlingen, die hier illegal über die österreichische Grenze nach Deutschland unterwegs sind.“

„Auf der Alm is niemand. Kumm gerade vom Melken.“

„Und wer ist das neben Ihnen?“, fragt einer der beiden Bewaffneten und geht musternd auf die Beifahrerseite zu. Verschämt schaut Ivana nach unten und versucht ihr Kleid bis über die Knie zu ziehen.

„Des is meine Tochter, die Gundi. Leider ist stumm, seit der Geburt. Und wenn es nicht reichen würde, is a noch in die Brombeeren gefallen. Dem Herrgott kann ma halt nicht in Suppen spucken!“, erwidert der Bauer und zündet sich einen Krummen Hund an.

Der Bewaffnete gibt seinem Kollegen ein Zeichen, dass er den Van von der Straße bewegen soll. 

Der Bauer startet den Motor und der Traktor setzt seinen Weg nach unten ins Dorf fort.

„Dann kommst erstmal zu uns, wird dir gefallen!“


Nie einen Ort zweimal aufsuchen, ist das nicht immer meine Rede gewesen. Wie konnte ich bei einem so schweren Fall auf Rügen kommen? Alles verdrängt, aber immer noch da. Ich muss mich auf meine Arbeit konzentrieren, da bin ich zum Glück ein anderer. Ein anderer Lebenslauf, zweidimensional, mit Bildern, Briefen und Papieren. Ein Identitätenverwandler, nicht mehr und nicht weniger. 

Auf der anderen Seite kenne ich mich auf der Insel aus. Ich weiß ein paar Verstecke und Orte, wo man sich unsichtbar machen kann. Zudem gibt es hier kaum Videoüberwachung oder sie ist so alt, dass man die Aufzeichnungen mit einem Knopf löschen kann. So einen Knopf hätte wohl jeder gerne im Kopf. Aber es gibt Dinge im Leben, die prägen sich nun mal ein, verfestigen sich so, dass man irgendwann immer dieselbe Geschichte erzählen kann. Ich bin gut in diesen Dingen. Sind es anfangs auch zusammengewürfelte Bilder, Personen, denen ich Charakter einhauche, und sie auf die abenteuerlichsten Reisen führe, damit ich eine Geschichte habe, die ich immer und immer wieder erzählen kann. Ich lese viel Biographien. Natürlich ist mir bewusst, dass das meiste erstunken und erlogen ist, aber die Brüche und Krisen in einem Leben sind die, auf die es ankommt. Eine Zeitlang habe ich regelrecht Vokabeln gelernt, um überzeugend herüberzukommen. Gemischt mit dem, was ich als Kind bei den Großeltern an Geschichten aufgetischt bekommen und dem, was ich in der Gaststube meines Onkels an Anekdoten und Lebenslügen aufgeschnappt habe, ist es mir heute ein Leichtes in verschiedene Identitäten zu schlüpfen. Ich versuche das auch meinen Klienten beizubringen. Das Auswendiglernen allein macht es nicht aus. Ich versuche sie dazu zu befähigen, dass sie aus den Vorgaben eigene Geschichten entwickeln. Ein gefälschtes, montiertes Klassenfoto muss ausreichen, um ihre Fantasie zu beflügeln. 

„Sehen Sie da den dicken Jungen in der dritten Reihe, den fünften von links? Erinnern Sie sich an den dicken Jungen in ihrer Klasse und dichten sie es dem Unbekannten mit dem Mondgesicht an!“   

So geht das Tag für Tag, irgendwo in der Abgeschiedenheit eines Ferienhauses in den Bergen oder an der See werden diese Dinge eingeübt. Ähnlich geht es mit Gegenständen: Steinen, alten Schallplatten, CDs, Büchern oder Souvenirs. Für all diese Dinge bedarf es einer eigenen Geschichte. 


Die Bäuerin, nachdem sie die Hände über den Kopf geschlagen und sich mehrmals bekreuzigt hat, nimmt Ivana bei der Hand und lässt ihr ein Bad ein. Anschließend reinigt sie ihre Wunden und Schrammen und streicht Salbe darüber. Nach dem Verzehr einer kräftigen Rindssuppe findet Ivana in einen Schlaf ohne Träume und Erinnerungen. Das einzige, was sie glaubt zu hören, ist Musik.

Als sie wach wird, ist niemand zu Hause. Der Bauer wird auf der Alm sein und die Bäuerin im Stall. In der Küche riecht es nach frischem Kaffee. Sie findet die Kanne und schüttet sich in einen Becher ein. Sie atmet die Gerüche nach frischer Milch und selbstgemachten Würsten. Ivana fühlt sich daheim. 

„Wenn du fremd irgendwo bist, ist die Küche das Einzige, dass dir die Heimat bringt", hat die Mutter oft gesagt und meine Großtante hat hinzugefügt, dass man etwas suchen sollte, mit dem man überall Zuhause ist.

In diesem Moment, in dieser spartanischen Küche mit dem großen Tisch in der Ecke unter dem Herrgottswinkel, ist es ihr Zuhause.

Sie setzt sich an den großen Tisch, an dem zwölf Personen bequem Platz haben und bedient sich wie selbstverständlich der Fernbedienung.

Irgendwo sind immer Nachrichten, und so erfährt Ivana, was vor zwei Tagen wirklich passiert ist:

Sportkanuten haben in der Klamm am Ufer des schäumenden Flusses eine halbnackte Mädchenleiche entdeckt. Sie muss fürchterlich ausgesehen haben, da sie aus großer Höhe auf den Fels gefallen ist. Die medizinischen und forensischen Untersuchungen sind laut Polizeisprecher noch nicht abgeschlossen. Da der unbekannten Leiche ein paar Gliedmaße gefehlt haben, sind weitläufig in diesem unzugänglichen Gelände Leichenhunde eingesetzt worden. Nur wenige hundert Meter von der Fundstelle haben sie angeschlagen. Dort hat die Polizei eine zweite Leiche entdeckt. Die Identität des zweiten Toten ist noch nicht geklärt, da das Gesicht beim Aufprall aus großer Höhe nicht mehr zu erkennen gewesen ist. Da es sich diesmal um einen männlichen Toten handelt, ist ein Zusammenhang mit dem toten Mädchen nicht auszuschließen. Ob eine Beziehungstat oder eine sexuelle Straftat vorliegt, wird zur Zeit geprüft.

Ivana starrt mit großen Augen auf den Bildschirm und kann es nicht fassen. Der Wetterbericht verspricht ein paar beständige Sonnentage in den Bergen. Über die Zwerchfellatmung versucht sie wieder zur Ruhe zu kommen. Aber der Gedanke, dass der Impresario posthum womöglich als Vergewaltiger in Erinnerung bleiben wird, geht ihr nicht aus den Kopf. 

Sie nimmt das Telefon und ruft die Polizei.


Nein, ich habe noch keinen Plan, noch nicht einmal eine Idee, wie ich eine bekannte Opernsängerin dazu bringen soll, sich unsichtbar zu machen. Mir würde es schon reichen, wenn ich sie von ihren Aufpassern loseisen könnte. Ich kann von niemandem Fremden verlangen, Vertrauen aufzubauen, wenn im selben Raum Sicherheitsbeamte anwesend sind. Meistens stehen sie auch noch, laufen wie hospitalisierte Löwen im Käfig hin und her und verhindern jede Art von Vertrautheit. Immerhin habe ich ein Todesurteil zu verkünden: die Vernichtung eines bisher gelebten Lebens und der Identität. Da bedarf es einer Privatheit, einer Intimität, die den Beamten fremd zu sein scheint. Auch mir geht es um Sicherheit, aber die fängt in der Seele an. 

Einen Bauzeichner, einen Anwalt oder Blumenhändler, kann man ohne weiteres unsichtbar machen und umsiedeln, aber eine Opernsängerin? 

Ich muss Vertrauen aufbauen. Sie spüren lassen, dass ich es ernst meine. Mich vierundzwanzig Stunden am Tag mit nichts anderem beschäftigen, als dass sie ein sicheres neues Leben führen kann.

Nicht alle meine Klienten sind Chorjungen oder Betschwestern gewesen. Ob Mörder oder Todschläger darunter gewesen sind, kann ich nicht sagen, diese Dinge sind in den Akten immer geschwärzt gewesen, damit ich ohne Vorbehalte meine Arbeit erledigen kann. Um so schwärzer die Akte, desto mehr ist mir unwohl gewesen. Oft genug habe ich meine Arbeit hinterfragt. Stehe ich wirklich auf der richtigen Seite? Um die Angehörigen, meist die Ehefrau und die Kinder, hat es mir immer Leid getan, die von einem Tag auf den anderen all ihre Freunde, ihr ganzes Umfeld verloren haben. 

All das ist in diesem Fall anders. Die Opernsängerin ist weder eine Mörderin, noch ist sie verheiratet und hat keine Kinder. 

Das Einzige, was sie verlieren wird, ist das, was sie am meisten liebt, die Musik, das Singen und die öffentlichen Auftritte. 

Auf der anderen Seite steht ein gewisser Zlatan Brokisch, der vier Brüder und drei Schwestern, mehrere Cousins und Kusinen hat, von den Onkeln und anderen Verwandten ganz zu schweigen. In ganz Europa haben sie sich verteilt, Familien gegründet und ihr Netzwerk geknüpft. Sie werden keine Ruhe geben, bis sie sie haben. 

Offizieller Tod schreibe ich in meine Kladde, mit Presse und allem.   

Immerhin habe ich eine Idee, einen Anfang, an dem man arbeiten kann. 

„Das wird meine Mutter nicht überleben“, wird die Opernsängerin zu mir sagen und sich weigern, offiziell für tot erklärt zu werden.

Ich werde eine Hoffnung in ihr nähren, an die sie sich festhalten kann und ihr den Glauben an ein Morgen möglich macht. 

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8. Kapitel