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Das kleine Glück des Augenblicks

 

9.


Ich stelle das geliehene Auto auf den Parkplatz in Putgarten ab. Von hier fährt in regelmäßigem Abstand eine Pendlerbahn, bestehend aus einem kleinen Traktor, der als Dampflok verkleidet ist und an die zehn offenen Waggons hinter sich herzieht, nach Kap Arkona, denn Autofahren ist nur für Anwohner erlaubt. Ansonsten sind Fahrzeuge verboten. Nicht ohne Grund habe ich mir diesen Treffpunkt ausgesucht. Wir überholen ein paar Fußgänger. In den Biergärten der wenigen Ausflugslokale auf der Strecke sitzen nur vereinzelt Menschen. Niemand von ihnen hat einen Stecker im Ohr. 

An der Endhaltestelle gibt es einen Kiosk mit ein paar Tischen. Von hier aus habe ich einen guten Blick auf die Straße und die drei Leuchttürme. 

Eine Gruppe von jungen Männern feiern einen Junggesellenabschied und haben mehrere Tische zusammengestellt. Ich gebe eine Runde aus und setze mich einfach dazu. Die Gruppe ist immer noch die beste Tarnung. 

Am Kopfende sitzt der angehende Bräutigam in einem rosa Ballettkostüm mit blonder Lockenperücke. Nach der zweiten Runde mache ich den Vorschlag, den Schinkelleuchtturm zu besteigen, was auf Begeisterung stösst. 

„Wir könnten von oben alle runter pinkeln“, sagt einer.

„Oder die rosa Transe runterwerfen“, ein anderer.

„Au ja, da wird sich die zukünftige Witwe sicherlich freuen!“

Ich zahle für alle zwanzig angetrunkenen Männer den Eintritt und beeile mich nach oben zu kommen.

Beim ersten Treffen mit den Kontaktbeamten des Amtes habe ich die Bilder gesehen, die sie aus Datenschutzgründen nicht herausrücken dürfen. Die Fotos der Opfer habe ich gesehen. Nach dem Fall aus über tausend Metern ist nicht viel übrig geblieben, um einen Menschen zu erkennen. Den Rest haben die Tiere erledigt. 

Da sehen die Hochglanzbilder des Täters anders aus. Ein braungebranntes Alphamännchen mit nacktem durchtrainierten Oberkörper am Steuerrad einer Yacht auf dem Mittelmeer. Im Hintergrund junge Frauen, nur mit einem Slip bekleidet, die sich in der Sonne rekeln. Ob sie noch leben? Vielleicht hat sein koksverseuchtes Hirn Spass daran, zuzuschauen, wie die Mädchen von Haien zerrissen werden. 

Jetzt stehe ich auf dem Schinkelturm und schaue auf den Rücken einer Frau mit langen kastanienbraunen Haaren.  

Obwohl ich bisher nur dieses eine Schwarzweißfoto von ihr in den Händen gehalten habe, weiß ich, das sie es ist. Ich spüre es. Mein Herz schlägt schneller, nicht weil ich die Wendeltreppe des Leuchtturms empor geeilt bin, auch wenn ich mir das einrede. 

Wir sind allein auf der Aussichtsplattform, aber in wenigen Augenblicken wird die Horde des Junggesellenabschieds hier oben sein. 

„Schließen Sie sich der Gruppe an, die gleich hier oben sein wird und wundern Sie sich nicht, wenn ich Ihnen eine blonde Perücke auf den Kopf setze.“

Ich sage das im Vorbeigehen, ohne sie dabei anzuschauen. Im selben Moment stürmt der Junggesellenabschied die Plattform und macht einen riesigen Radau. Zwei von ihnen hangeln sich an der Absperrung rauf, pinkeln nach unten, ernten Applaus und Anerkennung.   

Irgendjemand ruft von unten Unverständliches, dafür ist die Klangfarbe eindeutig. 

Bevor die Gruppe von Sicherheitsleuten und empörten Besuchern auseinander getrieben wird, versuche ich das Heft wieder in die Hand zu nehmen. Ich schnappe mir die blonde Perücke des zukünftigen Ehemanns und setze sie der Opernsängerin auf.

„Wer als Erster unten ist, bekommt die Braut!“

Ein Gerangel entsteht um die besten Plätze auf der Wendeltreppe.

Ein unübersichtlicher Knäuel an Menschen stürzt aus dem Schinkelturm, rennt Richtung Bahn und kapert die offenen Waggons. 

Ich drehe mich während der Fahrt nicht um, denke mir aber, dass auf dem Gelände des Leuchtturmensembles ein paar Leute irritiert hin- und herlaufen und telefonieren. Stattdessen schreibe ich einen Zettel mit der Beschreibung meines Autos samt Kennzeichen.

Der kleine Vorsprung muss reichen, ungestört Putgarten verlassen zu können. 

Während ich mich winkend von dem Junggesellenabschied entferne, wartet die Opernsängerin bereits an meinem Auto, die blonde Perücke tief ins Gesicht gezogen. Ich bitte sie, sich hinten auf die Rückbank zu legen. Mit einer Decke, die stark nach Hund riecht, decke ich sie zu. 

Bis zur Brücke die Rügen mit Stralsund verbindet, habe ich nicht das Gefühl, dass uns jemand folgt. Aber bei den heutigen Möglichkeiten ist nichts mehr auszuschließen. 

Auf einem abgelegen Feldweg, der direkt zur Kommune bei Greifswald führt, bringe ich den Wagen zum Stehen.

„Sie können nach oben kommen“, sage ich, öffne die Türen und 

steige aus.

Ich gehe ein paar Schritte über ein riesiges abgeerntetes Rapsfeld und zünde mir eine Zigarette an.

Die ersten Worte sind die wichtigsten, aber in Anbetracht dieser besonderen Situation, fallen mir keine ein, die das Vertrauen der Opernsängerin wecken könnten. Vielleicht hält sie mich für einen Idioten, weil ich ihr die blonde Perücke übergestülpt habe. 

„Kann ich auch eine haben?“, fragt Ivana, die unbemerkt an mich herangetreten ist.

„Sie rauchen? Ist das nicht schlecht für Ihre Stimmbänder?“

„Zur Zeit singe ich nicht“, erwidert sie und fährt sich durch ihr kastanienbraunes Haar. Sie versucht ein Lächeln, das misslingt.

Ich halte ihr die geöffnete Zigarettenpackung hin. Eine gute Gelegenheit sie mir genauer anzusehen. Ich weiß nicht, was mir den Schlag versetzt hat, der so heftig ist, dass ich zu Boden gehe, mich winde und hemmungslos zu weinen beginne.

Sind es die grünen Augen, die Sommersprossen, die schmalen Lippen oder die perfekten Zähne? Vielleicht aber auch ist es ihr perfektes Gebiss. 

Für einen Moment habe ich in ein Gesicht geschaut, dass so vollkommen anders ist, mich aber dennoch an meine verstorbene Frau und die Kinder erinnert. Für einen Moment habe ich in die Gesichter meiner Familie gesehen, in den Teil, den es nicht mehr gibt. Das hat mir solch einen Schlag versetzt, als hätte ein Berufsboxer mit seiner Rechten meinen Magen erwischt.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragt Ivana und geht in die Knie. 

„Im Wagen ist Wasser und in meiner Tasche sind Tabletten“, flüstere ich ihr zu und versuche gleichmäßig zu atmen. 

Verdammt schlechter Einstieg, denke ich. Dass ich sie schützen kann, wird sie mir so schnell nicht abnehmen. Ich muss mich zusammenreißen und wenn es sein muss, ihr nie mehr ins Gesicht und in die Augen schauen. 

„Hier!“, sagt die Opernsängerin und reicht mir die Flasche Wasser und die Tablettenschachtel.

„Danke“, krächze ich leise und nehme einen kräftigen Schluck gegen den Knödel in meinem Hals. Anschließend schlucke ich eine Schmerztablette, die sicherlich nicht schaden wird, da ich sonst keine Medizin zu mir nehme. Soll sie ruhig denken, ich hätte etwas mit dem Magen. Ihr die ganze Sache zu erklären, würde nicht nur sie überfordern. 

Ich stehe auf, klopfe mir den mecklenburgischen Feldstaub aus den Kleidern und versuche ein Lächeln.

„Danke!“, sage ich knapp und erkläre der Opernsängerin mein weiteres Vorgehen.

„Sie können es sich aussuchen: Freundin, Cousine oder Nichte.“

„Nichte“, erwidert die Opernsängerin, „Ivana und du?“

Wenn das so einfach wäre. Es gibt einen Georg, einen Michael, einen Christian, einen Stefan und, und, und.

„Stefan!“

Für ein paar Sekunden geben wir uns die Hand. Ich habe das Gefühl, das ihre Hand größer als die meine ist und wesentlich rauer. 

„Du hast kräftige Hände!“

„Nicht kräftig genug“, erwidert Ivana und berichtet von den letzten Minuten ihres Freundes und Impresarios.

„Ich konnte ihn einfach nicht halten“, dabei fangen ihre Lippen zu zittern an und ihre Augen werden glasig. 

So sitzen wir mindestens eine Stunde am Feldrand. Während ich in die Leere starre, weint sie ungehemmt. 

Warum bin ich nicht fähig sie in den Arm zu nehmen?   

Es liegt sicherlich nicht an den Dienstvorschriften, die vorschreiben, keine Nähe zu den Klienten zu suchen. Ich bin einfach nicht in der Lage dazu.

Die letzten Menschen, die ich in die Arme genommen habe, sind meine Frau und die Kinder gewesen. Danach hat es mich einfach nicht mehr gegeben.

Schweigend fahren wir den Feldweg entlang, an dessen Ende der Bauernhof der Kommune steht.

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9. Kapitel