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Der Tierpräparator

 

  Ein Tierpräparator lebt zurückgezogen in der elterlichen Wohnung, die mit seinen Arbeiten voll gestellt ist. Mittelpunkt der Wohnung und seines Lebens bildet ein großes Karussell, das über mehrere Räume reicht.

       Die einzelnen Abteilungen des Karussells werden zu Projektionsflächen wichtiger Ereignisse seines Lebens.

Alle Rechte  bei Johannes Wierz

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Aufführung durch

Berufs- und Laienbühnen, des öffentlichen Vortrags, der Verfilmung

und Übertragung durch Rundfunk, Fernsehen und andere Medien,

auch einzelner Abschnitte.

Das Recht der Aufführung oder Sendung ist nur von Johannes Wierz zu erwerben.

Den Bühnen und Vereinen gegenüber als Manuskript gedruckt.






PERSONEN:


RUDOLF Tierpräparator


MARION  Jugendliebe


NIEKISCH Nachbarin





Das Stück spielt in der heutigen Zeit, in einer Altbauwohnung.

Ein großes Zimmer.

Zentraler Punkt: ein altes Karussell, das in drei Segmente eingeteilt ist.


1.Segment: Am See (Gebirgslandschaft, ein künstlicher See mit Schilf, einem ausgestopften Schwan und einem Boot)


2.Segment: Krankenhaus


3.Segment: Hochzeitszimmer (ein Doppelbett mit Nachttisch etc. alles wie neu eingepackt)


Mitten im Raum steht ein Arbeitstisch mit Utensilien.

In einer Ecke ein Feldbett, daneben ein kleiner Kocher, ein großer Schrank.

Auf der einen Seite eine Schiebetür, die offen steht und damit einen Blick in den Flur gewährt, in dem mehrere

Tierpräparationen stehen.

Parallel die Korridortür mit Briefschlitz.

Die Wände im Zimmer sind notdürftig gestrichen.

Der Durchbruch ist in Umrissen (wie das Karussell)noch zu erkennen.

Neben dem Karussell: das Schaltpult mit einem Plattenspieler (aus den fünfziger Jahren).

Über dem Karussell eine große Lichterkette.

Auf der anderen Seite: eine normale Tür, an der Postkarten aus aller Welt hängen.



Jedes Mal, wenn MARION erscheint, ist sie anders gekleidet.



Erste Szene


RUDOLF sitzt am Tisch und arbeitet an einer elektronischen Schaltanlage. Immer wieder macht er Pausen, sichtlich

kann er sich nicht auf die Arbeit konzentrieren.

Auf dem Stuhl gegenüber - mit dem Rücken zum Publikum - sitzt eine Frau.

Auf dem Tisch ein großes Telefon.


RUDOLF:

Wir hätten das nicht einführen sollen

es ist ein Fehler gewesen

ein großer Fehler

Den ganzen Tag schon

bin ich unkonzentriert

nervös

Seit über einer Stunde

sitze ich hier

und gebe eine lächerliche Figur ab

Was soll ich ihr bloß erzählen

wenn sie anruft?


nach einer Weile


Ich könnte ihr erzählen

was ich heute gemacht habe

Sie würde es nicht verstehen

nicht wahr

Anna?

Sie interessiert sich nicht für uns

Dich hat sie von Anfang an ignoriert

Und zu unserer Hochzeit

weißt du noch?


er lacht


Der Brief

ihr Brief

mit keiner Silbe

hat sie dich erwähnt

Kein Glückwunsch

nichts

Sie ist von jeher

eine schlechte Verliererin gewesen

Ja

so hat wohl jeder seine Schwächen

Einsam fühl' ich mich

einsam

wie jeden Donnerstag

Weißt du Anna

das Warten und diese Unkonzentriertheit

An Donnerstagen

fällt es mir schwer

über den Tag zu kommen

Von Donnerstag zu Donnerstag

fällt es mir immer schwerer

über den Tag zu kommen

Der Donnerstag

ist der längste Tag der Woche

nur an Donnerstagen

bin ich so unkonzentriert

Nein

nein

wir hätten es nicht einführen sollen

es ist ein Fehler gewesen

Den ganzen Tag

habe ich auf ihren Anruf gewartet

Heute morgen

als der Wecker geklingelt hat

habe ich gedacht

es wäre das Telefon

Zehn Minuten lang

habe ich den Hörer

in den Händen gehalten

und HALLO

HALLO

Hinein geschrieen

immerzu

ein HALLO

HALLO

Ich bin ein Narr

Anna

ein Narr

Einen alten Narren

hat das Warten

aus mir gemacht

Dabei sagt man doch

im Alter

gehen die Uhren anders

schneller

Sagt man nicht

im Alter

verginge die Zeit

wie im Fluge?

Ein völliger Blödsinn

Die das sagen

haben doch überhaupt keine Ahnung

kennen keine Donnerstage

haben solche Donnerstage

nie erlebt

Was ich heute gemacht habe

willst du wissen?

Nun

nach dem Frühstück

und dem Studieren der Zeitung

habe ich den Schrank geöffnet

und deine Kleider

an die frische Luft gehängt

Es wird Frühling Anna

und da ist es Zeit

die Kleider

an die frische Luft zu hängen

Die Niekisch

ist natürlich

wieder am Fenster gestanden

und hat geschaut

dumm

hat sie geschaut

Ja

Ja

die Niekisch aus dem Zweiten

die hat es gerade nötig

dumm zu schauen

wo ihr doch der Mann abgehauen ist

Man sagt

der Niekisch hätte sich abgesetzt

Er soll in die Kasse

seiner Firma gegriffen haben

der Niekisch

dabei hat die kurz vor dem Konkurs gestanden

Jetzt soll er auf eines Insel leben

mit so einem jungen Ding

Kannst du dir das vorstellen

Anna?

Der Niekisch und so ein junges Ding

einfach lächerlich

Im Haus spricht man davon

dass er seiner Frau

einen Brief hinterlassen hat

in dem soll gestanden haben

dass sie ihm halt nicht böse sein soll

und dass er nun endlich seinen Jugendtraum

verwirklichen könne

Einfach lächerlich

das Ganze

wo doch der Niekisch

auch schon weit über sechzig ist

Ein Jahr

und er wäre in Rente gegangen

Der Alten

geschieht es ganz recht

ich habe sie nie leiden können


Er setzt sich wieder.


Nein

nein

das mit deinen Kleidern

werde ich ihr nicht erzählen

Du weißt ja

wie sie ist

Am Ende

hält sie mich für sentimental

oder gar für senil

Nein

nein

das mit dem Kleiderschrank

werde ich ihr unterschlagen

das geht sie nichts an

Aber die Geschichte

von der Niekisch

die könnte ich ihr erzählen

die ist amüsant


Er nimmt den Telefonhörer ab.


mit unsicherer Stimme


Guten Abend

Marion

Schön

dass du anrufst


Er legt wieder auf.


An Donnerstagen

sollte ich mehr hinausgehen

sollte mich auf Gespräche einlassen

damit ich in Übung bleibe

An Donnerstagen

verspüre ich immer so ein Kratzen im Hals

und so eine Beklemmung

in der Brustkorbgegend

von den Schluckbeschwerden

erst gar nicht zu reden

Immer nur

an Donnerstagen

immer dann

wenn sie anruft

habe ich diesen dicken Kloß im Hals


Abermals nimmt er den Hörer ab.


Guten Abend


Er hüstelt und legt wieder auf.


Auf keinen Fall

werde ich wegen dieser Geschichte

einen Arzt aufsuchen

Ein Arztbesuch

kommt für mich

überhaupt nicht in Frage

Ich gehöre nicht zu den Menschen

denen die Decke

auf den Kopf fällt

die nicht wissen

was sie tun sollen

und nur aus purer Bosheit und Langeweile

einen Arzt aufsuchen

Ich sehe' sie schon vor mir

diese alten verbitterten Frauen

mit Wasser in den Beinen

wie sie warten

und jede Gelegenheit

sofort nutzen

um ein Gespräch anzufangen

Erst letzte Woche

auf dem Friedhof

hat man mir aufgelauert

Freundlich

treten sie an einen heran

mit der Bitte

um die Gießkanne

Aber die Gießkanne

ist ja nur der Anfang

dann kommt das Schüppchen

die Harke

und zu guter Letzt

eine Einladung zum Kaffee

Alten Frauen

muss man aus dem Weg gehen

sonst ist man hoffnungslos verloren

Die Witwen

sind die allerschlimmsten

Ich habe den Eindruck

dass es ihnen nicht ausreicht

nur einen Mann

unter die Erde gebracht zu haben


Er schaut auf seine Uhr.


Zwei Stunden

habe ich noch Zeit

In zwei Stunden

beginnt erst der Spartarif

Marion ist geizig

von jeher

Nein

nein

vorher ruft sie nicht an

Obwohl ich weiß

dass sie erst gegen Abend anrufen wird

bin ich schon den ganzen Tag über nervös

schrecke bei jedem Geräusch auf


RUDOLF steht auf und schüttet sich ein Glas Wein ein.


Marion

ist als Kind schon sparsam gewesen

das Ökonomische

vom Vater geerbt

Ich werde nie vergessen

wie sie mich hat stehen lassen

wegen einer großen Tafel Schokolade

Sie ist von jeher

ein Karrieremensch gewesen

In der Schule schon

hat sie gegen einen hohen Zins

Geld verliehen

Marion

ist als Karrierefrau

einfach wie geschaffen

Drei Riegel Kokosschokolade

hatte ich ihr gekauft

weil sie Kokosschokolade

so gern gemocht habe

Sie aber

hat sich für den Jungen

aus der Oberschule entschieden

Wegen einer dreihundert Gramm Tafel

Vollmilchschokolade

hat sie mich einfach

stehen gelassen


RUDOLF nimmt einen kräftigen Schluck.


Gott sei dank

bin ich nicht nachtragend 

nicht wahr

Anna?

Nachtragend

bin ich nie gewesen


Er geht zum Tisch und nimmt die elektronische Schaltanlage in die Hand.


Ich glaube

dafür ist noch Zeit


Er geht zu dem Schaltpult herüber und baut das neue Teil ein. Die bunte Lichterkette geht an. Dann entfernt er eine der

Planen, die das Karussell abdecken. Eine malerische Gebirgslandschaft wird sichtbar. Davor auf einem künstlichen

See ein Boot, mit dazugehörigem Schilf und einem ausgestopften Schwan.


Jetzt kommst du an die Reihe

Anna


Er geht zum Stuhl und nimmt sie in die Arme.

Erst jetzt ist zu sehen, dass es sich bei Anna um eine Puppe handelt.


RUDOLF setzt sie in das Boot.


So Anna

halt dich gut fest

gleich geht es wieder rund


Er verschwindet hinter dem großen Schaltpult und betätigt einige Knöpfe.

Musik ertönt, langsam setzt sich das Karussell in Bewegung.


Anna

es funktioniert

Es dreht sich Anna

es dreht sich

Mein Gott

es funktioniert

ohne dass eine Sicherung herausspringt


Er springt auf die Plattform.


RUDOLF(singend):

ein weißer Schwan

ziehet den Kahn

mit der schönen Fischerin

auf den blauen See dahin

Im Abendrot

schlingert das Boot...


Er springt wieder ab.


So Anna

jetzt halt dich gut fest

Ich probiere das neue Relais aus


Am großen Schaltpult drückt RUDOLF einen Knopf. Plötzlich flackert das Licht. Die Musik und das Karussell werden

immer schneller, was zur Folge hat, dass erst die Arme und dann der Kopf sich von der Puppe lösen und mit voller

Wucht in das Zimmer geschleudert werden.

RUDOLF hält das Karussell an. Betroffen macht er sich daran, die im ganzen Raum verstreuten Teile der Puppe

aufzuheben.

Er bringt sie zu seinem Tisch, nimmt sich Nähzeug und versucht einen Arm wieder anzunähen.

Nach einer Weile macht er eine Pause und schaut auf das Telefon.


RUDOLF:

Immerhin

hatte ich damals die Möglichkeit

sie zu heiraten

Lang ist das her

Sie wollte unbedingt

meine Frau werden


Er näht weiter.


Wir sind derselbe Jahrgang

Ein paar Monate

bin ich nur älter

Bei diesen Arbeiten ist das Garn

das alles Entscheidende

Auf das Garn und die Stiche

muss besondern Wert gelegt werden

sonst wird es keine präzise Arbeit

Das Zusammensetzen

der einzelnen Stücke

die Naht

all das verlangt

eine Genauigkeit ohnegleichen

Wenn die Stiche nicht stimmen

ist die ganze Arbeit umsonst

Oft werden die Tiere

in einem so schlechten Zustand angeliefert

dass es einem Kunstwerk gleichkommt

sie wieder so herzurichten

dass sie lebensecht wirken

Ich hatte mal einen Mitarbeiter

der doch tatsächlich

einem Vulpes zerda

den zwanzig Zentimeter langen Schwanz

mit einem Kreuzstich angenäht hat

Unglaublich

unglaublich

Gott sei dank

ist er später

in die Spielzeugindustrie abgewandert

Kann man sich bei Tieren

ein oder zwei

kleinere Fehler erlauben

so ist dies

bei einer menschlichen Präparation

völlig ausgeschlossen

Die Präparation

ist eine künstlerische Arbeit

die einem alles

aber auch wirklich alles

abverlangt

die wenigsten begreifen das


RUDOLF zieht an dem Arm, um festzustellen ob er hält.


Er legt die Puppe beiseite.


So den einen hätten wir


Langsam könnte sie wirklich anrufen

sie ist längst überfällig

Ein richtig kleiner Trotzkopf

ist sie gewesen

Anna war schweigsamer

bescheidener

nicht so machthungrig

wie sie


RUDOLF nimmt den Hörer ab und sagt mehrere Male: »Guten Abend«, jedes Mal in einer anderen Betonung.


Wir hätten es

bei den Briefen belassen sollen

Briefe

sind persönlicher

und nicht so direkt

wie ein Telefonat

Man kann sich Zeit lassen

bevor man auf eine Frage antwortet

Und diese Fragen

diese immer gleichen Fragen

Warst du heute spazieren?

Was hast du gegessen?

Was macht die Gesundheit?

Wie ist das Wetter?

Und

und

und

Fragen

nichts als Fragen

Und da Marion

auf Sparsamkeit

bedacht ist

muss ich immer sofort antworten


nach einer Weile


Was mache ich da?

Ich blockiere die Leitung


Schnell legt er den Hörer auf.


Für mindestens fünf Minuten

habe ich jetzt die Leitung blockiert

Hoffentlich

hat sie nicht gerade jetzt

in diesen fünf Minuten

angerufen

Ach was rege ich mich auf

Sie wird es noch einmal versuchen

Sie wird bestimmt

noch einmal anrufen

dafür kenne ich Marion

einfach zu gut

Der Abend ist ja noch lang


Er nimmt den anderen Arm und beginnt auch ihn wieder anzunähen.


Marion hat Ehrgeiz

das nötige Durchsetzungsvermögen

Ein typischer Frauen Dickschädel

Da ist sie anders

als meine Anna

Anna

hätte vor Wut

den Hörer auf die Gabel geworfen

und nie mehr angerufen

So war sie in allen Dingen

meine Anna

Beim ersten Scheitern

schon im Versuch

hat sie aufgegeben

Ein regelrechter Innenmensch

war sie

Mich hat sie gebraucht

um Leben zu können

Meine Anna

war bescheiden

zu bescheiden


Er schaut auf die Uhr.


Jetzt hat sie immer noch nicht angerufen

Marion ist ein Außenmensch

überall muss sie dabei sein

Sie ist schon immer ruhelos gewesen

ruhelos

aber dennoch zielstrebig

Immer neue Ziele

immer neue Herausforderungen

Sie hat bestimmt oft

die Wohnung gewechselt

Mit jedem beruflichen Weiterkommen

eine neue Wohnung

Mit Anna

wäre das nicht möglich gewesen

Einen Umzug

hätte sie allein seelisch

nicht verkraftet

In den ganzen vierzig Jahren

unserer Ehe

hat keines der Möbelstücke

seinen Platz gewechselt

Vierzig Jahre

lebe ich nun hier

hier in dieser Wohnung

in diesen Wänden

Wenn die Maler gekommen sind

ist jedes Möbel

am Boden angezeichnet worden

damit es nachher

auch ja wieder an seinen Platz kommt

Alles muss seinen Platz haben

alles eine Ordnung

Ja

so war sie

die Anna

Der Liebe Gott und die Ordnung

Der Liebe Gott und die Ordnung

dies waren die Stützen

ihres Lebens


Er probiert aus, ob auch der zweite Arm hält und legt dann die Puppe beiseite.


Nach einer Weile hebt er erneut den Hörer ab.


Mehr als dreimal

werde ich es nicht läuten lassen

Dreimal

so wie es sich gehört


Er wählt mehrere Nummern.


Eins

zwei

drei

Wenn ich nur wüsste

wo ihr Telefon steht

sieben

acht

neun

Sie hat bestimmt eine große Wohnung

mit vielen Zimmern

dreizehn

vierzehn

fünfzehn

Vielleicht ist sie gerade auf Toilette

oder sie badet

neunzehn

zwanzig

einundzwanzig

Ich könnte mich verwählt haben

Bei so einer langen Nummer

kann das leicht passieren


RUDOLF wartet für einen Moment bevor er die Gabel drückt, dann wählt er erneut.


Eins

zwei

drei

Hoffentlich

ist ihr nichts passiert

In der Zeitung

ist einmal eine Geschichte

von einer Frau gestanden

die man erst

drei Monate später

entdeckt hat

Nackt

auf den Fliesen ihres Badezimmers

Wahrscheinlich ausgerutscht

Schlüsselbeinbruch

unfähig sich zu bewegen

Sie ist einfach verhungert

auf die erbärmlichste Weise verreckt

Das Alleinsein

es hat schon seinen Preis


Er legt auf.


Wer allein lebt

der muss auf der Hut sein

Die Gesundheit

ist das wichtigste

man hat ja niemanden

im Zweifelsfalle

im Krankheitsfalle

der einen pflegen kann

Wie viel Magendurchbrüche

leichte Herzattacken

Darmverschlingungen

Nierenkoliken

werden erst viel später

halbverwest

in ihren Wohnungen gefunden

Ekelhafte Geschichten

die in letzter Zeit

immer häufiger auftreten

Kein Tag vergeht

wo so etwas

nicht in der Zeitung steht

Es gibt fast nur noch Außenmenschen

Man lebt nur nach außen

und innen verkümmert man

bekommt Magengeschwüre

fault aus

Hoffentlich

ist ihr nichts passiert

Gerade jetzt

Meinen ganzen Zeitplan

wirft sie durcheinander

Als ob ich nichts Besseres

zu tun hätte

als auf ihren Anruf zu warten


RUDOLF öffnet eine Hutschachtel in der sich mehrere Perücken befinden, er holt eine blonde Perücke heraus und

tauscht sie gegen die alte von der Puppe aus. Er schraubt den Kopf an die Puppe.


Du bist schön

Anna

Blond

steht dir ausgezeichnet

Du musst zugeben

das mit den blonden Haaren

war eine gute Idee

von mir

Du hast zwar jetzt etwas

an Sinnlichkeit verloren

aber die jugendliche Frische

wiegt das auf


MARION erscheint im Zimmer. Sie beobachtet RUDOLF bei seiner Arbeit, er kann sie nicht wahrnehmen.


RUDOLF hält den Kopf mit beiden Händen.


RUDOLF:

Sei mir nicht böse

Anna

aber irgendetwas

irritiert mich

Die Augen

Anna

Die Augen

Es sind nicht deine

Verzeih Anna

aber es sind nicht

deine Augen

Die Augenpartie

ist mir nicht gelungen

Ohne Zweifel

es sind schöne Augen

aber sie passen nicht

Nein

nein

die Augenpartie

ist mir nicht gelungen

Die Augen sind der Grund

Mit diesen Augen

bist du nicht

meine Anna

verzeih die harten Worte

aber mit diesen Augen

bist du eine Fremde

für mich

Ja

eine Fremde

Wenn ich nur wüsste

zu wem

diese Augen gehören?

Ich muss sie schon einmal gesehen haben

Dieses Funkeln

in den Augen

diese kleinen zwei Flämmchen

kommen mir so vertraut vor


Mit einem geschickten Handgriff holt er beide Augen heraus und steckt sie in seine Tasche.


So

jetzt bist du wieder meine Anna

Morgen bekommst du andere Augen

eine vollkommen neue Augenpartie

werde ich dir machen

Morgen Anna

Morgen ist auch noch ein Tag

Nicht wahr Anna?

Das hast du doch auch immer gesagt

Morgen ist auch noch ein Tag


Er legt die Puppe beiseite und starrt auf das Telefon.


Dass sie nicht anruft

Bestimmt ist ihr etwas zugestoßen

Ich sitze hier in einer anderen Stadt

und weit ab

stirbt ein Mensch

auf die erbärmlichste Weise

Ein Mensch stirbt

und allen scheint das

vollkommen egal zu sein

Wahrscheinlich liegt sie röchelnd

im Badezimmer

und versucht mit geschwächter Stimme

um Hilfe zu rufen

Aber niemand hört sie

Vielleicht flüstert sie in ihrer Todesangst

schon meinen Namen

Rudolf

Rudolf

Wollte sie mich nicht besuchen?

Hatte sie nicht erst

bei unserem letzten Telefonat

davon gesprochen?

Ich blöder Hund

hätte ich doch nur

ja gesagt

Dann würde sie jetzt nicht im Badezimmer liegen

und vergebens um Hilfe schreien

Die Nachbarn werden denken

der Fernseher läuft

Wer weiß

was sie für Nachbarn hat

Die Niekisch

aus dem Zweiten

würde mich glatt verrecken lassen

die könnte dabei stehen

nichts würde die tun

Marion darf noch nicht sterben

Mein Entschluss steht fest

Ich fahre

würde mir das sonst nie verzeihen

In den ganzen Jahren ‑

einmal nur in Urlaub gewesen

Im Schwarzwald

im schönen Glottertal

Am Schluchsee sind wir gewesen

dabei wollte Anna

partout an den Bodensee

Den ganzen Urlaub

hat sie mir verdorben

mit ihrem ewigen Gequengle

Dabei waren am Bodensee

überhaupt keine Zimmer

mehr zu bekommen

Alles ausgebucht

aber das hat sie nicht interessiert

Sie wollte unbedingt zum Bodensee

Wenn ich so recht überlege

war das gar nicht ihre Art

so auf eine Sache zu bestehen

ja sich regelrecht

zu versteifen

Nein

das war nicht ihre Art

Vielleicht werfe ich da

was durcheinander

ist ja auch schon so lange her

Auf jeden Fall

richtig herausgekommen

sind wir nie

die ganzen Jahre nicht


Sein Blick fällt auf die Puppe.


Die Augenpartie

wollte ich doch ändern

Die Augen

sind die charakteristischsten Merkmale

einer guten Präparation

Die Augen

sind das wichtigste

überhaupt

Die Augen

werden von jeher

von den Präparatoren unterschätzt

Jeder weiß

dass ich immer besonderen Wert

auf die Augen gelegt habe

Die Augen

sind das wichtigste

nicht wahr Anna?

Habe ich das nicht immer gesagt?


RUDOLF nimmt die Puppe und trägt sie vorsichtig zu dem Boot.


Es tut mir leid Anna

aber die Augen müssen warten

Sag nichts

ich weiß

ich weiß

Es hat Komplikationen gegeben

etwas Unvorhergesehenes

ist eingetreten


Er setzt sie in das Boot.


Ich werde für ein paar Tage verreisen

Ja

ich werde dich

für ein paar Tage alleinlassen müssen

Jetzt schau' nicht so

Es ist ein Notfall

glaub mir

Wenn es kein Notfall wäre

ich würde dich nicht alleinlassen

Aber so

Marion braucht Hilfe

und da ist es meine Pflicht


Er deckt das Segment mit der Plane ab.


Den kleinen Koffer werde ich nehmen

den ich seinerzeit Anna

für ihren Krankenhausaufenthalt

gekauft habe

Der Koffer ist ja so gut wie neu


Er sucht in dem Zimmer nach dem Koffer.


Wo habe ich ihn bloß verstaut?


Er öffnet einen Schrank, in dem sich mehrere Tierpräparationen befinden, darunter auch viele Einzelteile und ein Koffer.

Vorsichtig holt er den Koffer heraus, so als ob es sich dabei um eine Kostbarkeit handeln würde.


Und dann

stand ich da

eine schlaflose Nacht hinter mir

in dem weißen kalten Flur des Krankenhauses

mit dem kleinen Koffer in der Hand

Verloren

verfroren

Allein stand ich da

mutterseelenallein

Sie muss höllische Schmerzen gehabt haben

Aber sie hat still gehalten

kein Klagen und kein Wimmern

Niemandem

wollte sie zur Last fallen

Abgefunden

hatte sie sich mit ihrem Schicksal

Der Liebe Gott weiß schon

was er tut

das waren immer wieder ihre Worte

Selbst unter den höllischsten Schmerzen

sprach sie noch

von einem Lieben Gott

Sie hätte sich gegen ihre Krankheit

wehren sollen

dann wäre sie mit Bestimmtheit

heute noch am Leben

Wer sein Leben ausschließlich

in die Hände

der Kirche und der Mediziner legt

ist von vornherein

hoffnungslos verloren


Er geht mit dem Koffer zu dem Tisch.


Die Dimension

des Alleinseins

ist für einen Nichtbetroffenen

einem Außenstehenden

nicht fassbar

Vorstellen

kann man es sich nicht

das Alleinsein

So ist das Leben

man begreift das Glück erst

wenn es einem durch die Hände geglitten ist

Vom Kürschner zum Tierpräparator

zum Tierpräparator aufgestiegen

Was für ein Aufstieg

Vom Kürschner zum Tierpräparator


Er fasst sich an den Kopf.


Ich hätte studieren können

Ich aber

habe Mäntel gemacht

Mäntel

Mäntel im elterlichen Betrieb

Mäntel

Mützen

Muffs

Alles nur

der Mutter zuliebe

Nach dem Tod der Mutter

bin ich Tierpräparator geworden


Er lacht.


Tierpräparator

Photographie

wollte ich studieren

Tierpräparator

bin geworden

Der Beruf des Tierpräparators

hat schon seine Vorteile

ganz ohne Zweifel

Allein wegen der Pension

lohnt es sich

Und bei der Arbeit

hat man seine Ruhe

Nicht umsonst wird behauptet

die Museumsruhe

wäre die gesündeste

Zwischen lebendig wirkenden

ausgestopften Tieren

habe ich die meiste Zeit

meines Lebens verbracht

in absoluter Ruhe


Er fängt sich wieder.


Marion muss durchhalten

Wenn sie im Bad gefallen ist

hat sie wenigstens Wasser

Bis zum Waschbecken oder zur Badewanne

wird sie sich wohl aufraffen können

Ein Tag ohne Essen

das hält man aus

Wenn sie im Badezimmer gefallen ist

hat sie eine Chance

Sie hätte sich nicht übernehmen sollen

Auf der ganzen Welt

ist sie in den letzten Jahren gewesen

Von überall her

habe ich Postkarten

von ihr bekommen

Das konnte ja

auf die Dauer nicht gut gehen

da musste ja direkt etwas passieren

Der menschliche Körper und die Seele

sind nicht dafür gemacht

einfach nicht fähig

solche Strapazen

auf die Dauer auszuhalten

Das fremde Essen

die schlechten Hotelbetten

und ganz besonders

die Zeitunterschiede

sind gesundheitsgefährdend

Auf jeden Fall schädlicher

als meine drei Zigaretten

die ich mir täglich genehmige

Marion ist Nichtraucherin

eine militante Nichtraucherin


Er lacht.


Einmal

hat sie bei einem Telefongespräch aufgelegt

einfach aufgelegt

nur weil ich dabei geraucht habe

Jetzt liegt sie weit ab

hilflos in ihrem Badezimmer

und wartet darauf

von einem Raucher

gerettet zu werden


Er nimmt eine krumme selbstgedrehte Zigarette aus der Schachtel, die er soeben aus seiner Jackentasche genommen

hat, und zündet sie sich an. Er nimmt ein paar kräftige Züge.

Sein Blick fällt auf den Koffer.


Unausgepackt

habe ich ihn

vor Jahren

so in den Schrank gelegt

Die Krankenschwester

hatte ihn mir

auf diesem schrecklichen Flur

in die Hand gedrückt

Es war nie meine Art

in den Sachen

meiner Mutter herumzuwühlen

Aber jetzt

in Anbetracht der Dinge


Vorsichtig öffnet er den Koffer, ganz langsam holt er die obenauf liegende Strickjacke heraus.


Die

hatte sie immer

gerne getragen

Kalt war ihr

von jeher

Geschenkt

hatte ich sie ihr

vor dem ersten Krankenhausaufenthalt

Wenn sie Angst hatte

fror sie besonders


Er legt die Jacke beiseite, des Weiteren packt er mehrere kleine hellgrüne Porzellanfläschchen und Seifenstücke aus.

Auf den Tisch stellt er sie wie eine Spielzeugarmee in eine Reihe.


Ich werde mir einen neuen Koffer kaufen

Noch ist Zeit dazu


Er zieht nachdenklich an der Zigarette.


Plötzlich klingelt es an der Tür.


Die Niekisch


Es klingelt mehrmals.


Bestimmt die Niekisch

Will wieder ein Ei

oder etwas Mehl

Dabei möchte sie ja nur in die Wohnung

Ich werde nicht aufmachen

Wer bin ich denn?

Nein

nein

der Niekisch

mache ich nicht auf

das wäre ja noch schöner


Es hört nicht auf zu klingeln.


Eine Unverschämtheit

Ich werde mich bei der Hausverwaltung

beschweren

Was kann ich dafür

dass ihr der Mann

davongelaufen ist?

Ist nicht mein Problem

nein

wirklich nicht


Jemand versucht an der Wohnungstür den Briefschlitz hochzuheben.

Eine Frauenhand wird sichtbar. RUDOLF versucht sich zu verstecken.


NIEKISCH:

Hallo?

ich sehe dich

Hallo

Rudolf

Warum machst du nicht auf?

Ich bin es doch

Rudolf?

Ich

Rudolf

bitte mach auf


Erst jetzt greift MARION in die Handlung ein. Sie tritt von hinten an RUDOLF und berührt ihn. RUDULF dreht sich

erschrocken um.


MARION:

Ich bin es doch

Ich bin es

Marion

DEINE MARION


RUDOLF:

MARION?


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