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Die Schläfer

 

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    Theophil hat Geburtstag und wie jedes Jahr hat seine Ehefrau Edeltraud eine Überraschung für ihn parat. Diesmal hat sie einen Eissalon gemietet und den beiden Besitzern, Gino und Gina, die Leuchtschrift über dem Lokal abgekauft: der Name ihres Mannes.

      Wie jedes Jahr kommen die Freunde zusammen, die – durch das Alter bedingt – immer weniger werden. Martin, der Verleger von Theophil, der es vom Schmuddelhefteverleger bis zum Herausgeber von politischen Büchern gebracht hat. Renate, Jour-nalistin und Kämpferin für den Feminismus und Mutter einer erwachsenen Tochter, Robin, die durch ihre Drogenprobleme nie richtig Erwachsen ge-worden ist. Natürlich darf das Seelchen, Martins Schwester nicht fehlen, Frau Schneck, wie sie von allen nur gerufen wird.

      Eigentlich ist es wie immer, zynisch geht man miteinander um, selbstverliebt in die eigene Dialektik. Nur Robin begehrt auf und gibt die Heirat mit dem südafrikanischen Kellner Hans-Rüdiger bekannt, der gleichzeitig der Geliebte von Renate ist und von ihr ausgehalten wird.

      Ein gemeinsamer Silvesterabend entpuppt sich als Zeugungstag von Robin, worüber die eigentliche Mutter genauso überrascht ist, wie der biologische Vater.

      Langeweile trifft auf Desinteresse oder ist es umgekehrt? War überhaupt irgendetwas mal wichtig?     

      Dem einen, die Erinnerung, dem anderen zur Erklärung des Scheitern, das politische System. Immer im Windschatten, der wirklichen Köpfe, hat die illustre Geburtstagsrunde ihre Schäfchen ins Trockene gebracht, bis am Schluss sich die Revolution, die im Grunde nur noch eine technische Evolution ist, sich ihre Kinder Heim sucht.

PERSONEN:



THEOPHIL, Expolitiker und Bestsellerautor


EDELTRAUD, Frau des Expolitikers und Bestsellerautors


MARTIN, Freund und Verleger


RENATE, Journalistin, langjährige Freundin


ROBIN, Tochter, um die vierzig, aber wie ein Punk gekleidet, nach der amerikanischen Frauenrechtlerin Robin Morgan benannt


FRAU SCHNECK, Lektorin und Schwester von Martin


GINA, Inhaberin des Eissalons


GINO, Inhaber und Ehemann von Gina


HANS-RÜDIGER, Farbiger aus Südafrika




Das Stück spielt in der heutigen Zeit.


Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen, mit Namensträgern und Spiegelbildern ist nicht beabsichtigt, sondern künstlerische Freiheit.








1.AKT


1.


Eine große Fensterfront. Dahinter mehrere einzelne Tische und Stühle und eine lang gezogene Bar. Durch eine Pendeltür geht es links in die Küche. Dort sind die Fenster bis in Kopfhöhe aus Milchglas. Rechts zwei Türen, die zu den Toiletten führen. Auch hier Milchglas bis in Kopfhöhe. Von der Decke hängt ein großer Ventilator, ein ehemaliger Flugzeugpropeller.


Vor dem Eingang steht eine große Leiter, deren Spitze nicht zu sehen ist.

Mehrere Stromkabel führen nach oben.

Unten an der Leiter steht GINA, die Besitzerin des Eissalons.

Auf dem Boden liegen mehrere Buchstaben aus Leuchtstoffröhren.


GINA schaut nach oben und schüttelt den Kopf.


GINA:

Pass bloß auf

Wenn es nicht geht

dann geht es nicht


Eine Stimme aus dem OFF, die GINO, dem Ehemann gehört, ruft.


GINO(aus dem OFF):

Ich werde doch wohl noch

ein paar Schrauben locker kriegen


Die Leiter wackelt und gerät in Bewegung. GINO steigt herunter und gibt seiner Frau einen Kuss.


GINO:

Weißt du noch?

Schraube locker

Keine Tassen im Schrank

Der Krug bricht immer am Brunnen

oder so ähnlich


beide lachen


GINA:

Schuster bleib bei deinen Leisten

Ehrlich währt am längsten

Lieber den Spatz in der Hand

als die Taube auf dem Dach


GINO:

Dank deinem Geschick

ist es wohl diesmal umgekehrt

Was bin ich froh

wenn der ganze Mist unten ist

Das Abmontieren hätte mich

ein Vermögen gekostet

und du handelst sogar

noch Geld aus

Ach Frau

was würde ich bloß ohne dich machen?


GINA:

Arzt wärst du geworden

und zwar der beste 


GINO:

Jetzt haben wir zwei wunderbare Kinder

und diesen Laden

ein Restaurant könnten wir hier eröffnen


GINA:
Hör auf

Das mit heute ist und bleibt eine Ausnahme

Denk an die Kinder

An ihr Lachen

Du machst das beste Eis der Stadt


GINO:

Ich weiß

ich weiß

Schuster bleib' bei deinen Leisten


beide lachen


GINO gibt seiner Frau einen dicken Kuss und steigt wieder die hohe Leiter hinauf.


GINA:

Was für ein Mann


EDELTRAUD kommt von der Seite.


EDELTRAUD(telefoniert):

Schatzi

Natürlich hätte ich dich gern

vom Flughafen abgeholt

Wo bist du gerade?

Immer noch in Brüssel

So so

nimm Dir einfach ein Taxi

Eissalon Sara...

Ja ja

das ist die Überraschung

Nein nein

Den Laden gibt es schon

Keine Ahnung

wahrscheinlich eine Ewigkeit

Wir gehen doch seit Jahren

nicht mehr raus

Es sei denn

wir sind eingeladen

Im Grunde

ist Theophil

menschenscheu

Der Mann mit den Rehaugen

weißt du noch?


sie lacht


Und ich bin drauf reingefallen

Ich weiß

ich weiß

Er war anders

als die anderen Kinder

Ich habe mich oft gefragt

wie er es geschafft hat

andere zu überzeugen

Ach Renate

ich freu mich so

dass du es geschafft hast

dir die Zeit zu nehmen

Hallo Hallo


EDELTRAUD steckt ihr Smartphone weg.


EDELTRAUD sieht die Leiter und GINA.


Aber nein

aber nein

Sie bauen immer noch ab?

Gleich kommen die Gäste

Das sollte doch eine Überraschung werden

Ach nein

Ach nein


GINA:

Keine Angst

das bekommen wir alles hin

Wir haben zehn Uhr morgens

und Sie haben das Lokal

für drei Uhr Nachmittags gemietet


EDELTRAUD:

Die Leiter muss weg

Und die Buchstaben

müssen abgedeckt werden

Das soll doch eine Überraschung werden

Rede ich spanisch

oder was?


GINA:

Ich bitte Sie

vor zwei Tagen haben Sie mich besucht

das Lokal besucht

und gefragt

ob Sie das da oben haben könnten


EDELTRAUD:

Wie?

Und da haben Sie noch überlegt

und nicht sofort angefangen

Kein Wunder

dass die deutschen Kinder nicht mehr mitkommen

Mit ihrer phlegmatischen Weltanschauung

bremsen sie den ganzen europäischen Prozess

Wobei ich

nur meinem Mann zuliebe

Europäerin bin

ich halte gar nichts

von einer Großvereinigung

Die kulturelle Vielfalt

das war doch das Schöne

Aber jeder doch

in seinem Land


GINA:

Wir werden den Tag

zu ihrer Zufriedenheit ausrichten

Machen sie sich da keine Sorgen


EDELTRAUD:

Sorgen?

Ihre Ruhe möchte ich haben

So geht das nicht


EDELTRAUD nimmt ihr Smartphone und drückt eine Taste.


(ins Telefon)

Hier geht ja wohl alles schief

Diese Leute glauben

sie kommen damit durch

Du weißt ja

Servicewüste Deutschland

Da miete ich zu dieser Jahreszeit

einen Eissalon an

und mit Nichtstun

und Dilettantismus

wird es einem gedankt

Die Leute

Können so undankbar sein


EDELTRAUD scheint es gar nicht zu stören, das GINA und auf der Leiter auch GINO alles mithören können.


Renate

Bist du noch da?

Wieso Zollkontrolle?

Bei einem Inlandflug?

Ach wegen der Sicherheit

Was sollst du?

Das ist doch nicht wahr

Sag das noch mal

Den Midleton

sollst du wegschütten?

Den Midleton

Weiß der Schwachkopf überhaupt

für wen der edle Tropfen ist?

Was?

Gib mir den Schwachkopf mal

Was?

Der Mittelstrahl?

Ja

wenn es Sie glücklich macht


GINA holt einen Stuhl aus dem Eissalon und stellt ihn zu EDELTRAUD.

EDELTRAUD weist sie mit einer Handbewegung ab.


Hören Sie guter Mann

Bevor ich Ihnen meinen Namen sage

gebe ich Ihnen den Rat

die Frau

die einer meiner besten Freundinnen ist

mit der Flasche Whiskey

in das Flugzeug zu lassen

Nicht nur

dass Ihr Dienstherr

der Innenminister

der Taufpate

meiner Tochter ist

Ach das interessiert Sie nicht?

So leichtfertig gehen Sie also mit der Zukunft

Ihrer Kinder um

Im Übrigen wird Sie Ihre Frau verlassen

Wahrscheinlich schon heute Abend

wenn Sie erfährt

was für ein Dummkopf Sie sind

Das glauben Sie nicht?

Welcher Sekte gehören Sie denn an?

Zeugen Jehovas?

Wiedertäufer?

Ich sage Ihnen

auch die werden Sie

vor die Tür setzen

wenn sie erfahren

wie blöd Sie sind

Ach

Sie wollen mit mir nicht diskutieren?

Höre ich da etwa

erste Lernschritte heraus?

Hallo?

Hallo

Einfach aufgelegt


(zu GINA)


GINA:
Kann ich helfen?

Haben Sie Ärger mit Behörde?

Mein Cousin

hat einen Freund

dessen Freundin

putzt bei einem Anwalt


EDELTRAUD:

Ach Kindchen

Lassen Sie uns lieber rein gehen

und die Tische zusammenstellen


GINA und EDELTRAUD betreten den Eissalon. Im selben Moment fällt von oben etwas schweres Klobiges herunter und wirbelt Staub auf.


BÜHNE DUNKEL



2.


Vor dem Eissalon ist GINO damit beschäftigt die einzelnen großen Leuchtreklamebuchstaben mit Schwamm und Wasser zu reinigen. Im Eissalon sind die Tische zu einer langen Tafel zusammengestellt. GINA stellt die Stühle an den langen Tisch. Die Hand von EDELTRAUD, die zwischen der Schwingtür steckt, winkt fordernd.


GINO:

Beachtlich

was diese kleinen Vögel

alles unter sich lassen


er lacht


Vogelscheiß am Morgen

vertreibt Kummer und Sorgen


Dabei geht es uns gut

Ein eigenes Geschäft

Keine Schulden

Die Kinder studieren

Der Junge wird Arzt

Und das Mädchen Advokat

Nein

Wir haben Glück gehabt

Sonntagskinder

Und jetzt werden wir auch noch

die Reklame los

Endlich ein eigenes Schild

vor unserem eigenen Lokal

Eigentum verpflichtet

Es wird nichts so heiß gekocht

wie es gegessen wird

Ein Hund lief um die Ecke

und stahl dem Koch ein Bein

Unsinn Unsinn

den Wein

Die Deutschen und ihre Sprichwörter

Wer solche Sätze bilden kann

dem wird nicht langweilig


GINA kommt aus der Küche in den Salon und tritt nach draußen.


GINA:

Die Frau raubt mir noch den letzten Nerv


GINO:

Ich habe auch noch einen

Ehrlich hat den Längsten



GINA(lachend):

Trottel

Ehrlich währt am längsten

Das will sagen

Wenn du ehrlich bist

bleibst du und deines Gleichen erhalten

Im Großen gedacht

Nur die Kultur überlebt

die ehrlich ist


GINO:

Das leuchtet mir ein

Lügen haben kurze Beine

Wenn du da bist

denke ich ganz anders


GINA:

Ich weiß

mein Schatz

Aber wenn du nicht gleich

in der Küche verschwindest

ist es vorbei

mit unserem Glück


GINO:

Und?

Wo ist diese Frau?


GINA:

Oben


GINO:

Wie oben?


GINA:

Ja

in unserer Wohnung


GINO:

Du hast sie

in unsere Wohnung gelassen

und stehst jetzt hier

Was ist

wenn sie ins Schlafzimmer geht?


GINA:

Sie wird sich fragen

Warum wir keinen Sex mehr haben

bei zweiundfünfzig Fernsehern



GINO:

Bitte bitte

das haben wir so lange schon durch

Er ist mein Bruder

Jeder Geschäftsmann

fängt klein an

Und er eben mit zweiundfünfzig Fernsehern


GINA:

Die geklaut sind


GINO:

Woher willst du das wissen?

Sag mir lieber

warum diese Frau

In unserer Wohnung ist?


GINA:

Sie kann nicht


GINO:
Was kann sie nicht?


GINA:

Kacken

Sie kann nicht kacken

Ich weiß

eine Frau

sollte so etwas nicht sagen

eine Frau

sollte andere Worte benutzen

Aber glaube mir

auch sie hat kacken gesagt

Natürlich nicht am Anfang

Da hat sie so getan

als würde sie sich

für unsere Wohnung interessieren

Aber ich habe es ja gesehen

diesen gequälten Blick

in ihren Augen

Nein

Sie wollte nur kacken

und das hat sie letztendlich auch gesagt


GINO:

Ich hab noch einen:

Aus dem Krug

wird so lange getrunken

bis man bricht


beide lachen


GINO (ernst):

Und du glaubst

die sitzt jetzt da oben

und presst

und presst

ein Ei aus?


GINO:

Und die Buchstaben?

Was ist mit den Buchstaben?

Glaubst du

der liebe Gott holt sie vom Dach


GINA:

Du und dein lieber Gott

Für mich ist dein lieber Gott

zu oft in Urlaub

Am siebenten Tage sollst du ruhen

Ach

was soll das?

Für die einen ist der Siebte der Fünfte

Für die anderen der Siebte der Sechste

Was ist das für eine Welt


GINO:

Und für manche ist jeder Tag der Siebte


er lacht


Für mich wäre das nichts

Den ganzen Tag

auf der faulen Haut liegen


Mit lässigem Schritt und Designeranzug nähert sich HANS-RÜDIGER, ein hochgewachsener Farbiger, der gut in die New Yorker Künstlerszene passen würde.


HANS-RÜDIGER:

Ick hier richtick?

Du Chef

ich Kellner


GINO:

Kellner?

Soll ich lachen


GINA:

Das geht schon in Ordnung


(zu HANS-RÜDIGER)


Dann kommen Sie mal mit

HANS-RÜDIGER:

Tutu

Sie können Tutu zu mir sagen


GINA lacht und führt HANS-RÜDIGER ins Lokal.


GINO:

Uns geht es zwar gut


auch wieder nicht

dass wir uns einen Kellner leisten könnten

Wenn es nach mir gegangen wäre

Ich hätte das Lokal nicht vermietet

vor allem nicht an Leute

die keine Anzahlung leisten

Der Bekannte eines Freundes

meines Freundes

vermietet Ruderboote

der nimmt auch eine Kaution

Selbst beim Billard

oder Minigolf

nehmen sie Pfand

oder verlangen Kaution

Aber meine Frau

nimmt nichts

Große Leute

sagt sie

da kommen große Leute

Seit wann zahlen große Leute?

Zudem

sehe ich nur eine Frau

die unaufhörlich telefoniert

und nicht kacken kann

Aber das

werde ich mir mal aus der Nähe anschauen


GINO steigt die Leiter hoch.


GINA und HANS-RÜDIGER verlassen die Küche und treten durch den Hinterausgang nach draußen.


GINA:

Und Sie trauen sich das zu?

Jetzt

wo sie keinen Dialekt mehr sprechen


HANS-RÜDIGER:

Habe schon ganz andere Sachen gemacht

Eigentlich habe ich

schon fast alles gemacht

Selbst den Jim Knopf

im Kindertheater gegeben

Ich bin das zweite Kind von fünfzehn

das verpflichtet

Zudem habe ich noch dreiundzwanzig Onkel und Tanten

die ihrerseits auch viele Kinder haben


GINA(lachend):

Ihr Humor gefällt mir

Ich habe das Buch über Ihren Großvater gelesen


HANS-RÜDIGER:

Na

dann kann ich Ihnen ja nichts vormachen

Bitte verraten Sie mich nicht

Es soll für alle eine Überraschung sein


GINA:

Ich kann Schweigen wie ein Grab

Ich komme aus einem Land

da ist so eine Charaktereigenschaft

überlebenswichtig


Ein Frauenschrei von oben lässt GINA und HANS-RÜDIGER erstarren.

Dann das laute Geräusch einer Bohrmaschine.


HANS-RÜDIGER:

Wollen Sie nicht nachschauen?


GINA:

Nein nein

Ich kann mir denken

was passiert ist

Unsere Toilette hat ein Fenster

und geht zur Straße



HANS-RÜDIGER:

Ich kann auch kochen

Was halten Sie von einer exotischen Suppe?


GINA:

Sie wollen es Italienisch

Einfach

Toskanisch

So wie die Bauern essen


HANS-RÜDIGER:

Einfach und teuer

Dekadent

wie der ganze Kontinent

In letzter Konsequenz

werden wir gezwungen werden

kommunistisch zu sein

Die Natur kennt keinen Gewinn

Wir Menschen

träumen von einer Win Win Situation

Und die Politik

betreibt weiter

ihren menschenverachtenden Kapitalismus

Zu recht

denn die Demokratie

in der jetzigen Form

ist ein Vampir


er lacht


Keine Angst

Ich kann den Neger perfekt geben

Devot

Opportunistisch


GINO steigt die Leiter herunter. In der Hand hält er ein Seil.

Langsam lässt er das Seil herunter. Ein A aus der Neonreklame taucht auf und nähert sich langsam dem Boden.


GINO:

Was sie sich anstellt

Prinzessinnengehabe

Da kommt

was auf uns zu

Dabei

habe ich doch gar nichts gesehen


GINO steigt mit dem Seil wieder die Leiter hinauf.

Aus dem OFF ist ein Auto zu hören. Der Wagen hält, Türen öffnen und schließen sich.


THEOPHIL und MARTIN schreiten heran. Sie tragen lange Kaschmirmäntel, Hüte und dunkle Sonnenbrillen.


MARTIN:

Bis du dir sicher

dass das hier ist?

Sieht mir nicht sehr einladend aus


THEOPHIL:

Es ist mein Geburtstag

und Edeltraud hat etwas organisiert

Ich kenne es gar nicht anders

Statistisch gesehen

sind neunundsechzig Prozent

meiner Geburtstage gut organisiert gewesen

dreizehn Prozent weniger gut

an vier Prozent

möchte ich mich nicht erinnern

und an zwei Komma fünf Prozent

will ich mich nicht erinnern


MARTIN:

Zwei Komma fünf Prozent?

Wann hast du denn einen halben Geburtstag gefeiert?


THEOPHIL:

Nun

meine Frau wollte unbedingt

an meinem Geburtstag heiraten

Zwei Feierlichkeiten an einem Tag

Da muss ich teilen

Korrekterweise wären es übrigens

keine Null Komma fünf Prozent

sondern Null Komma Sieben Fünf Prozent

Denn ich muss ja fairer Weise

die Hochzeit mit meiner Frau teilen


MARTIN:

Dass ich da selbst nicht darauf gekommen bin

Aber an New York

erinnere ich mich zu genau

an deine Geburtstagsfeier in New York

Ausgerechnet der Central Park

musste es sein

Ohne das Auswärtige Amt

säßen wir wahrscheinlich

immer noch im Knast


THEOPHIL:

Du übertreibst

Letztendlich war es ein Kommunikationsproblem

Andere Länder

andere Sitten

Wusstest du eigentlich

dass noch nie so wenig Morde

in New York begangen worden sind

wie heute?

Das ist ein Fünftel von dem

als wir in der Stadt waren

Zweitausendzweihundertzweiundvierzig Morde

Bei einer Acht Millionen Stadt

In Prozente einfach lächerlich


MARTIN:

Das habe ich aber anders in Erinnerung

Eingedroschen haben sie auf uns

Mit den Pferden sind sie auf uns los

weil sie gedacht haben

wir wären irgendwelche

zugekifften

Vietnamveteranen

die durch LSD

auf ihrem Trip

hängen geblieben sind

Nur weil Edeltraud

auf die grandiose Idee gekommen ist

uns in Blumenkinder

Kostüme zu stecken

Da trägt man einmal

Veteranen Armeesachen

und schon wird man verprügelt


er lacht


Dafür habe ich meine erste Negerin gefickt

und du musstest zahlen

Erinnerst du dich

wie du mich gefragt hast

ob sie gestunken hat?

Wie ein Pennäler

hast du mich ausgefragt

Jede Kleinigkeit

wolltest du wissen


THEOPHIL:

Statistisch gesehen

ist mir jede Frau fremd

Wenn es nach meiner Frau geht

Neunundneunzig Prozent

Eine Welt

die mir fremd ist

muss ich mir erfragen

Dass Ernst Jünger

im letzten Drittel

seines Lebens

sich der Insektenforschung

gewidmet hat

erscheint mir zwangsläufig


MARTIN:

Dir fremd

dass ich nicht lache

Vor nicht einer Stunde

hast du dir die Seele

aus dem Leib gebumst


THEOPHIL:

Ich bumse nicht

Wenn überhaupt

lasse ich mich bumsen

Im Grunde

ist es eine Verrichtung

nicht mehr und nicht weniger

Eine Verrichtung

Auf die ich jeder Zeit verzichten kann

Außer an meinem Geburtstag

da hat es Tradition

Seit meiner Volljährigkeit

pflege ich diese Tradition

Zudem muss ich wissen

was eine Millionen Menschen

täglich ins Bordell treibt

Statistisch gesehen

keine unbedeutende Zahl

Vor allem wenn man bedenkt

das nicht alle eine Millionen Besucher

am Besuchertag auch Geburtstag haben

 

MARTIN:

Eine schöne Bewahrung

Aber müsstest du dann nicht

auch immer dieselbe Dame benutzen


THEOPHIL:

Du hast nichts verstanden

mein Freund

Es geht doch nur um die Verrichtung

Die Damen

spielen da doch

überhaupt keine Rolle

Die Damen

sind nur die Gewürzmischung

in einer Melange aus Erinnerungen

Welcher Tag taugt

da besser

als der eigene Geburtstag

Die Erinnerung

ist der Parameter

Statistisch gesehen


MARTIN(unterbricht):

Ich geh ins Puff

weil ich Bumsen will

So wie ich zum Friseur gehe

um mir die Haare schneiden zu lassen


THEOPHIL:

Ich gehe zum Friseur

um Neues zu erfahren

Die Befindlichkeit der Menschen ertasten

so wie bei einer Vorsorgeuntersuchung

Wie übrigens dreiundsiebzig Prozent

der männlichen Bevölkerung

Bei Frauen

liegt die Prozentzahl

wesentlich höher


MARTIN:

Kleine Hafenrundfahrt was?


er lacht


Im selben Moment fällt der Buchstabe S aus der Neonreklame zu Boden und wirbelt eine Staubwolke auf.


BÜHNE DUNKEL

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