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Die Tauben von Berlin

 

Alle Rechte bei Johannes Wierz





„Gurr, Gurr“, machen die Tauben in ihren fahrbaren Verschlägen, als wollten sie einander fragen, wo kommst du denn her? Dreißigtausend sind es an der Zahl und manche haben einen sehr weiten Weg hinter sich. Mit Lastkähnen, der

Reichsbahn und mit Kraftwagen sind sie aus allen Teilen des Landes nach Berlin gebracht worden. Manche von ihnen waren mehrere Tage unterwegs. Die Stadt ist lauter und voller als gewöhnlich, denn sie ist Gastgeber für Besucher aus aller Welt. Menschen aller Hautfarben beherrschen mit einem Stimmengewirr aus den unterschiedlichsten Sprachen die Boulevards und Cafés. Es gibt Speisekarten in mehreren Sprachen. Häuser und Geschäfte sind festlich geschmückt. Polizisten stehen in nagelneuen Uniformen mit blitzblank polierten Knöpfen und den markanten Tschakos an Straßenecken und geben freundlich Auskunft.

Der heutige 1. August ist ein ganz besonderer Tag. Die ganze Welt schaut gespannt auf dieses Stadt, die sich für dieses Großereignis besonders herausgeputzt hat.

Es ist eine mehr als bescheidene Zweizimmerwohnung, in der Professor Hillgard zusammen mit seiner Assistentin seit über einem Jahr haust. Vor allem, wenn man bedenkt, dass fast alle Möbel hinausgeräumt worden sind, um sie durch Laborapparaturen zu ersetzen. All das ist über Nacht geschehen, um in der Nachbarschaft kein Aufsehen zu erregen. Neben dem Ofen in der Küche ist eine kleine Kammer. Dort stehen zwei Feldbetten auf denen sie für ein paar Stunden ausruhen können. Die Wohnung hat ihnen der Pförtner aus dem Institut besorgt. Ein integrer Mann, der bei ihrem Abschied aus dem Institut vor über drei Jahren bitterlich geweint hat.

Die Mehrzahl der besten Wissenschaftler hat das Land bereits verlassen. Die meisten von ihnen sind über Nacht, teilweise sogar durch ihre eigenen langjährigen Assistenten, ersetzt worden.

Diese Lücke wird niemand mehr schließen können, denkt Esther, die Assistentin des Professors, und ihr ist zum Heulen zumute. Neben ihr auf dem Schreibtisch stapeln sich die Unterlagen, die sie alle noch abtippen muss. Die Continental, die sie benutzt, ist so laut, dass sich Nachbarn schon mehrmals über den Krach beschwert haben. Ein einziges Tier hat sie aus ihrem alten Labor retten können. Methusalem, eine gewöhnliche weiße Maus, eingefangen in einem Berliner Kino, schnuppert an ein paar Möhrenstücken, die Esther ihr in den Käfig geschmissen hat. Ob sie ahnt, dass die Assistentin das Futter zuvor mit einer speziellen Lösung beträufelt hat? Esther nimmt die Tropfen selbst seit gut einem Jahr und hat bei sich noch keine Nebenwirkungen feststellen können. Ihre Blutwerte sind konstant geblieben. Dennoch trägt sie alle Werte in ein eigens dafür angelegtes Buch ein, das sie unter der Matratze ihres

Feldbettes versteckt hält. Professor Hillgard darf davon nichts wissen. Er würde sie sofort entlassen, obwohl sie beide

längst von ihren Ersparnissen und dem Geld ihrer Familie leben. Hillgard ist gegen jegliche Art von Menschenversuchen.

„Wir wissen nichts“, wird er nicht müde zu wiederholen. „Wir stehen immer am Anfang!“

„Wir versuchen Gott“, ist Esthers stumme Antwort, die sie sich selbst gibt. Aber sie sieht darin keine Sünde, ganz im

Gegenteil. Wenn es möglich ist, in den biologischen Organismus so einzugreifen, dass eine fast unbegrenzte Lebensdauer keine Fiktion mehr ist, dann müsste das ja auch Gott gefallen, weil man so die Vielzahl an Arten über Generationen hinaus aufrechterhalten könnte. Esther empfindet sich als Gärtnerin im Garten Eden, auch wenn der in dieser schwierigen Zeit weiter weg zu sein scheint als jedem aufrechten Menschen lieb sein kann. Es gibt ganz andere Abteilungen im Institut, die sich weitaus mehr in die Schöpfung einmischen. Der Traum, einen Menschen aus dem Reagenzglas zu schaffen, ist uralt und spukt auch in jenen kranken Köpfen, die jetzt das Sagen im Institut haben. Bewahrung der nordischen Rasse, mahnt Professor Dr. Schneider, der um jeden Preis den Nobelpreis bekommen möchte, - im Gegensatz zu Hillgard, der schon zweimal auf der Liste des Nobelpreiskomitees gestanden ist. Es geht um Reproduktion. Das Wort Menschenfabriken fällt immer häufiger.

Der neue Geist hat viele erfasst. Wie ein Virus hat er sich auch in der Wissenschaft ausgebreitet. Eigentlich müsste der

Himmel weinen, aber er zeigt trotzig sein blödes Sommergesicht.

„Gurr, Gurr“, machen die Tauben. Sie wirken nervös in den Katakomben. Das Stimmengewirr von hunderttausend Zuschauern, die im Stadion Platz genommen haben, dringt wie ein gewaltiger Summton zu ihnen. Sie spüren, dass sie heute in den Himmel aufsteigen werden. Trotz der Enge der Käfige werden die Muskeln gestreckt. Nicht umsonst werden sie die Athleten der Lüfte genannt. Gerade heute haben sie einen guten Ruf zu verlieren. Ein paar von ihnen haben den weiten Weg in die Hauptstadt mit ihrem Leben bezahlt. Und auf dem Rückflug werden noch ein paar weitere hinzukommen. Menschenhände haben die Kadaver der Vögel aus den Verschlägen geholt, die Käfige gereinigt und den Überlebenden hochwertiges Futter ausgestreut.

Der Mann vor dem Mikrophon in dem Fernsehsenderaum Rognitzerstraße räuspert sich und meldet sich zu Wort:

„Achtung, Achtung! Hier ist der Fernsehsender Paul Nipkow, Berlin, mit Ton auf Welle 7.06 Meter, mit Bild auf Welle 6, 77 Meter, mit der Olympia-Sondersendung. Es senden gemeinsam die Deutsche Reichspost, die Deutsche Fernsehindustrie und der Fernseh-Programmbetrieb direktes Übertragen der wichtigsten Kampf-Phasen von den Olympischen Kampfstätten und in Abwechslung Darbietungen erster deutscher Künstler mit Tonfilmen der Film-Industrie und des aktuellen Bilddienstes des Fernsehsenders Paul Nipkow, Berlin!“

Methusalem piepst erbärmlich, als Esther ihm Blut abzapft und es mit einer Pipette in ein Reagenzglas träufeln lässt. Mit geübter Hand entlässt sie die Maus in ihren Käfig zurück und streichelt ihr liebevoll über das weiße Fell. Methusalem trippelt über die auf dem Käfigboden ausgelegte Zeitung und schnuppert an einem letzten Mohrrübenstück. Eine Überschrift erregt Esthers Interesse: Seltsamer Todesfund in der Brunnenstraße. Wohnt da nicht der Pförtner aus dem Institut, der ihnen die Wohnung besorgt hat, fährt es Esther durch den Kopf. Wieso hat er bei seinen Besuchen nie etwas davon erzählt? Die Brunnenstraße ist in ihrem letzten Teilstück eine für Berliner Verhältnisse enge Straße, gassenähnlich wie man es eher aus Wien gewohnt ist. Früher ist sie dort sonntags

gern Spazieren gegangen. Etwas Verwunschenes ist von dem Ort ausgegangen, denkt sie und nimmt sich vor, den Pförtner bei seinem nächsten Besuch zu fragen. In diesen Tagen gibt es nicht mehr so viele aufrechte Menschen, die wie er bereit sind, dem Professor und ihr jeden zweiten Tag Lebensmittel zu bringen. Auch fehlende Laborutensilien sind für diesen Mann überhaupt kein Problem. Es scheint, dass er für alle Räumlichkeiten im Institut Schlüssel besitzt. Hat er nicht bei einem seiner Besuche erzählt, dass er mit seiner Mutter zusammenlebt? In der Zeitung steht doch etwas von Mutter und Sohn. Vom 5. Februar stammt die Nachricht. Jetzt haben wir Anfang August. Der Pförtner wird es vergessen haben oder wollte sie nicht damit beunruhigen, dass es in seiner Nachbarschaft Tote gegeben hat. Seit 1933 verschwinden vermehrt Leute und tauchen nie mehr auf. Angehörige bekommen Urnen nach Hause geschickt mit einem amtsärztlichen Zertifikat, dass der Mann oder Sohn an Herzversagen verstorben sei. Wenn ihre Eltern und Geschwister nicht noch in der Stadt leben würden, längst hätte auch sie das Land verlassen, denkt Esther. Sie ist froh darüber, dem Professor falsche Papiere besorgen zu können. Wenn alles nach Plan läuft, wird er am Ende der Spiele zusammen mit der portugiesischen Delegation das Land verlassen.

„Gurr, Gurr“, machen die Tauben in ihren Verschlägen. Von weit her hören sie Fanfarenklänge und den tosenden Lärm von zigtausenden von Menschen. Es klingt, als würde ein Sturm anbrechen. Ein Gewitter liegt in der Luft. Da, die ersten Blitze, die die großen Verschläge in ein bizarres Licht tauchen. So schnell erfolgt dieser Angriff, dass die meisten Brieftauben es nicht mehr schaffen, ihren Kopf schützend in ihr Federkleid zu stecken. Ein paar Verzweifelte versuchen ihre Flügel zu strecken und sich vom Boden zu erheben.

Eine kräftige Männerstimme unterbindet die Blitzattacken:

„Ich hatte Ihnen doch ausdrücklich verboten vor dem Aufflug hier unten zu fotografieren!“

Männer in Uniform drängen die Fotografen beiseite und legen Decken über den feinen Maschendrahtzaun.

„Gurr, Gurr“, machen die Tauben. Der aufbrausende Sturm hat sich scheinbar wieder gelegt. Für einen Moment herrscht vollkommene Stille. Einzig und allein der Flug von Insekten und das Schaben eines Tausendfüsslers auf dem Betonboden sind genau zu hören und werden erst durch den Stellungswechsel eines Militärstiefels jäh beendet. Entspannt lassen die Brieftauben ihre Muskeln spielen und versuchen dabei, so wenig wie möglich Geräusche zu machen. Sie spüren, dass sie bald in die Freiheit entlassen werden. Ein Ruck geht durch die Holzkästen. Während ein Mensch irgendwo da draußen eine Rede hält, gerät hier unten alles in Bewegung. Endlich der ersehnte Luftzug, der sich in allen Verschlägen breit macht. Da ertönt plötzlich eine Stimme, der sich niemand entziehen kann. Ganz still sind die Tauben in ihren Holzkästen. Jede einzelne ist damit beschäftigt, herauszufinden, wem solch ein Organ wohl gehören könnte. Ist es ein Löwe, ein Bär oder Tiger? Die Tauben in den Verschlägen kennen solche Tiere nicht. Ihre

Feinde sind eher Raubvögel oder Naturgewalten, die von einer Sekunde auf die andere über das Land hinaufziehen können.

Nein, so eine Stimme hat noch niemand in den Käfigen erlebt.

Dieses rollende R, diese gleich bleibende Takthaltung und die übertriebene Betonung auf einer Silbe. Dabei ist es nur ein Satz:

„Ich verkünde die Eröffnung der Spiele von Berlin zur Feier der elften Olympischen Spiele neuer Zeitrechnung!“

Die Tauben verfallen in Gleichmut. Sie wissen, was sie zu tun haben. Gleich geht es nach Hause in den heimischen Verschlag, der bis an die Grenzen des Reiches stehen kann.

Besorgt schaut Esther auf die Uhr. Es ist 17.04 Uhr. Professor Hillgard müsste längst zurück sein.

In der Sendezentrale schaltet man auf die Übertragungsstelle II, die mit ihrer Farnworth-Kamera alles erfasst:

Die olympische Flagge wird gehisst. Eine Artillerieabteilung schießt Salut.

Die Verschläge werden geöffnet und dreißigtausend Brieftauben steigen unter dem tosenden Beifall von hunderttausend begeisterten Zuschauern in den Berliner Nachmittagshimmel auf.

Über eine Funkleitung wird Postrat Harder darum gebeten, das Mikrofon an den Rundfunk anzuschließen, damit das Fernsehen die Tonführung erhält. Die olympische Hymne von Richard Strauß erklingt, der mehrere Millionen Menschen an den Radiostationen lauschen. Unter ihnen auch Esther, die das Fenster geöffnet hat, um eine Zigarette zu rauchen.

Professor Hillgard sitzt unterdessen in einer der fünfundzwanzig Fernsehstuben, die zum ersten Mal in der Geschichte des jungen Fernsehens eine so große Sportveranstaltung live übertragen. Hier in Halensee am Kurfürstendamm 135 ist er mit seinem jüngeren Bruder verabredet, der die letzten Wochen in Marokko verbracht hat.

Fünfmal hat Hillgard in dem gigantischen Netz der Berliner Verkehrsgesellschaft die Züge gewechselt, bis er sich sicher gewesen ist, dass ihm niemand mehr gefolgt ist.

Fremd und bedrohlich wirkt die große Stadt auf denn Wissenschaftler, der in den letzten Jahren nur den Weg vom

Institut bis nach Hause gekannt hat. Untergrund, S- und Hochbahn sind für ihn vollkommen fremd gewesen. Besonders die stickige Luft und die lauten Geräusche haben ihn anfangs mehr als irritiert. Es hat ihn an Jahrmarktveranstaltungen

erinnert, nur dass der Geruch von Zuckerwatte und gebrannten Mandeln gefehlt hat. Während der Fahrt haben seine Hände die Haltegriffe umklammert, besonders wenn es in die Kurven gegangen ist, sich Stahl an Stahl gerieben hat und der Funkenflug von in Mark und Bein gehenden hohen Tonsequenzen untermalt worden ist. Anfangs hat Professor Hillgard sich noch umgeschaut. Er hat in dumpfe Gesichter geblickt, deren Augen verloren gewirkt haben, -ausdruckslos und kalt, ein Spiegelbild der Leere. Weiß Gott, er hat in einem Wolkenkuckucksheim gelebt, all die Jahre, wie seine Kollegen auch. Das Dienstmädchen, die Köchin, der Chauffeur haben alle Unannehmlichkeiten von ihm ferngehalten. Selbst seine Ehefrau hat alles dafür getan, dass er mit dieser Außenwelt nichts zu tun hat. Hätte die Intelligenz dieses Landes die politischen Entwicklungen nicht voraussehen müssen? Die regelmäßige Fahrt

mit den öffentlichen Verkehrsmitteln hätte so manchem seiner Kollegen die Augen öffnen können.

Jetzt, in der öffentlichen Fernsehstube, sitzt Professor Hillgard genauso wie in der Untergrundbahn auf einer Bank und

starrt ins Leere. Er muss seine Gedanken sammeln. Was ist, wenn man seinen Bruder an der Grenze verhaftet hat?

Er versucht unauffällig einen Blick nach draußen auf die Straße zu werfen. Passanten sind stehen geblieben und schauen in den Nachmittagshimmel. Kinder strecken ihre Arme nach oben und zeigen mit Fingern auf das, was sie zuvor noch nie so gesehen haben. Dreißigtausend Tauben haben das gigantische Rund des Olympiastadions verlassen und haben mit ihren hellen Körpern ein Netz über die Stadt gespannt.

„Schau, Friedenstauben“, sagt eine Mutter zu ihrem Kind und drückt es ganz fest an sich.

Unterdessen trifft der Fackelläufer am Osttor ein und wird von der Übertragungsstelle III im unteren Umgang des Stadions von der Kamera erfasst. Der Fackelträger läuft in gleichmäßigen Schritten über die südliche Aschenbahn zum Westtor.

„Achtung“, sagt eine Stimme in der Übertragungszentrale. Die Kamera der Übertragungsstelle II im oberen Umgang übernimmt das Bild: Der Fackelläufer erscheint an der Olympia-Feuerschale und entfacht das Feuer.

Auf dem kleinen Röhrenbildschirm wirkt die aufzüngelnde Flamme wie ein schwarzes Loch, umgeben von einem milchigen Weiß.

Jedes Mal, wenn die Kamera einen Schwenk macht, hat der Fernsehzuschauer das Gefühl, als würde das Bild langsam hinterher wandern. Dennoch sind alle in der Fernsehstube tief ergriffen, denn sie fragen sich, wie das überhaupt möglich ist, dass man etwas sehen kann, dass gleichzeitig mehrere Kilometer weit entfernt passiert. Ja, wir Deutschen sind wieder wer, das macht uns so schnell niemand nach, denken die meisten. Selbst den Engländern, die mit ähnlicher Technik experimentieren, hat man damit auch den Rang abgelaufen. Das imposante Stadion, die sauberen Straßen und ein eigenes Dorf mit schönen Häusern für die Athleten ist doch Beweis dafür, dass es mit diesem Land mehr als aufwärts geht.

Die Übertragungsstelle II versucht zu erfassen, wie der ehemalige griechische Sportler Spyridon Louis, der 1896 den

Marathonsieg errungen hat, dem Führer einen Ölzweig aus Olympia überreicht.

Es ist 17.15 Uhr. Der Bruder ist längst überfällig. Was ist, wenn sie ihn auf dem Weg hierher verhaftet haben? Mit

zitternder Hand steckt der Professor seine Taschenuhr zurück in die Weste.

Zur selben Zeit klopft es an der Tür der kleinen Wohnung in der Mariendorfer Straße in Kreuzberg. Es ist nicht das

verabredete Zeichen. Auf Zehenspitzen schleicht Esther durch das Zimmer und horcht. Zweimal kurz, einmal lang, dreimal kurz, zweimal lang. Das zaghafte Klopfen wiederholt sich. Sie geht auf die Knie und versucht von der Seite vorsichtig unter den Türschlitz zu schauen. Aber außer ein paar abgewetzten braunen Lederstiefeln kann sie nichts erkennen. In ihrem ganzen Umfeld kannte sie niemanden, der mit solch’ staubigen Schuhen auf die Straße gehen würde.

„Hallo“, flüstert eine Männerstimme, die trocken und erschöpft klingt. In diesem Moment passiert etwas in Esther, dass sie sich wissenschaftlich, analytisch nicht erklären kann. Gegen jegliche Vernunft steht sie auf und öffnet die Wohnungstür. In dem Moment, als sie in das Gesicht eines braungebrannten Mannes starrt, dessen müde Augen in einem Blau erstrahlen, als seien sie aus Edelsteinen, ist das Objektiv der elektronischen Kamera der Übertragungsstelle III auf die Rednerkanzel gerichtet, die jetzt der aktive Sportler Ismayer als Eidessprecher betritt.

„Franz! Ich bin der Franz“, sagt das braungebrannte Stoppelgesicht. In seiner gesamten Aufmachung gleicht der

Fremdling einem australischen Farmer. Esther kennt strenge Spitzbärte, angeberische Schnauzer, die so lang sind, dass sie an den Enden gezwirbelt sind, Glattrasierte, die nach süsslichem Parfüm stinken, Geheimratsecken, Halbglatzen und mit Pomade nach hinten gekämmtes, glänzendes Haar, all das ist ihr nicht fremd. Schmale Gesichter mit eingefallenen Wangen, runde, die immer glänzen und Gemütlichkeit ausstrahlen, feiste Doppelkinne, Cäsarenprofile, tief sitzende Augen von Ringen umrahmt, die an Raubvögel erinnern, Glupschaugen, die fischig

wirken, Männerhaut unnatürlich weich wie Seide und andere talgig oder grobporig wie ein ausgetrockneter Schwamm, auch das kennt sie. Aber solch ein Mann, braungebrannt, mit feingliedrigen Falten um die Augen und einem Lächeln, das einen nahezu in die Knie zwingen lässt, nein, so einem Mann ist sie noch nie begegnet. Wie käsig doch ihre Haut in Anbetracht dieses Fremdlings aussieht, den sie immer noch nicht herein gebeten hat. Verschämt startet sie den sinnlosen Versuch ihre kurzärmelige Bluse ein wenig herunter zu ziehen.

Genau sechs Minuten stehen die beiden im Türrahmen und starren sich an.

Im großen Rund des Olympiastadions haben die Mannschaften ihren Eid geschworen.

Um 17.21 Uhr ertönt das Halleluja von Händel.

Seit siebzehn Minuten sind die Tauben nun in der Luft. Manche haben Minuten gebraucht, um das Stadion überhaupt zu verlassen. Der ohrenbetäubende Lärm der über hunderttausend Zuschauer, die unerwartete Thermik und der Ostwind haben Formationen auseinander gerissen. Nicht wenige haben sich nach dem Aufstieg direkt hinter dem Stadion auf dem großen Maifeld niedergelassen und werden von Helfern sofort wieder in Käfige gesteckt. Es wird Tage dauern, bis alle Tauben anhand ihrer Ringe identifiziert und ihren Züchtern zugestellt werden können. Andere genießen den Flug. Wann hat man schon einmal die Gelegenheit eine so große Stadt zu überfliegen? In dem großen Schwarm von dreißigtausend Brieftauben haben sich zwei durch Gurren und Augenzeichen das Versprechen gegeben, zusammenzubleiben. So sind sie, um der großen Masse zu entfliehen, viel höher als die anderen geflogen. Mit jedem

kräftigen Flügelschlag steigen sie höher und höher. Wie ruhig und friedlich es hier oben ist. Sie lassen sich von Wind und Thermik treiben.

Esther hat Kaffeewasser aufgesetzt und lauscht der warmen Stimme des jüngeren Bruders von Professor Hillgard, dem ein kaltes Bier jetzt lieber wäre.

Esther scheint die Gedanken des Besuchers zu erraten.

„Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen drüben aus der Wirtschaft auch ein Bier holen.“

Franz Hillgard nickt müde. Seit vier Tagen ist er auf Reisen und hat seitdem nicht mehr geschlafen. Ein kaltes Bier und ein Leberwurstbrot wären der krönende Abschluss eines langen Tages.

„Ich würde mich gerne waschen. Sie glauben gar nicht, wo sich der feine rote Sand überall festsetzen kann“, sagt er und versucht ihr ein nettes Lächeln zu schenken.

„Sie waschen sich hier und ich gehe uns inzwischen Bier holen“, erwidert Esther, die sich eine Jacke übergezogen hat,

um damit ihr Vorhaben zu unterstreichen.

Als sie unten die Straße betritt, zeigt die Übertragungsstelle II im oberen Umgang, wie der Führer seine Loge im Stadion verlässt.

Professor Hillgard steht der Schweiß auf der Stirn. Überhaupt findet er es in dieser Fernsehstube unglaublich stickig. Warum kommt hier niemand auf die Idee, ein Fenster zu öffnen? Am Bahnhof werden sie Franz schon verhaftet haben, denkt er voller Angst. In einen der unzähligen Keller wird man ihn verschleppt haben, dessen Wände so dick sind, dass niemand draußen die Schreie hören kann. Will man sie denn überhaupt hören? Schaut nicht in diesem Moment die ganze Welt weg? Hätte er nicht auch gehen sollen, als noch Zeit war? Verstohlen wirft er einen Blick auf seine Nachbarn, die immer noch gebannt auf den kleinen Röhrenbildschirm starren, der in einem Gehäuse aus Nussholz steckt, und fährt sich mit dem Taschentuch über die nasse Stirn.

Von der Übertragungsstelle I meldet sich der Sprecher Graebke:

„Achtung, Achtung! Der Fernsehsender Paul Nipkow, Berlin, brachte versuchsweise zum ersten Mal in Deutschland und als gewaltigstes Ereignis in der Welt die direkte Fernsehübertragung der feierlichen Eröffnung der XI. Olympischen Sommerspiele durch den Führer und Reichskanzler Adolf Hitler. Wir beenden nunmehr die heutige direkte Übertragung von den Olympischen Kampfstätten und schalten in die Fernsehsenderäume um. Sie hören und sehen in Wechselfolge

künstlerische Darbietungen und Tonfilme.“

Niemand der Zuschauer in der Fernsehstube bemerkt, dass in den eng gestellten Stuhlreihen plötzlich ein Platz frei geworden ist.

Endlich Luft, denkt der Professor erleichtert und überlegt welchen U-Bahnschacht er nehmen soll. Da wird er plötzlich von einem vorübergehenden Passanten so stark angerempelt, dass er ins Strudeln gerät. Zum Glück fängt ihn ein Mann in einem hellen Straßenanzug auf. Doch ehe sich der Professor versieht, sitzt er auf der Hinterbank eines geschlossenen Autos, dessen Fensterscheiben abgedunkelt sind.

„Herr Professor Hillgard, ich hoffe, Sie erlauben mir die Ehre, dass meine Freunde und ich, Sie nach Hause bringen

dürfen“, sagt eine Stimme auf dem Beifahrersitz, die dem Gelehrten bekannt vorkommt. Die beiden jungen Männer hingegen, die ihn begleiten, hat er noch nie gesehen. Nur die kleinen Abzeichen an den Revers kennt er zur Genüge.

Jetzt haben sie mich also, denkt Hillgard und versucht in seiner Aufgeregtheit Haltung zu bewahren. Grell leuchtet der

Blitz eines Fotoapparates auf. Der Professor spürt wie ihn durch die Hitze des Phosphors die Haare angesengt werden.

Dreimal blitzt das gleißende Licht auf, Vor Hillgards Augen lodert das Feuer. Die Luft im Auto ist mehr als stickig. Zudem raubt schweres, süssliches Herrenparfüm dem alten Mann die Luft.

„Wenn Sie vielleicht ein Fenster öffnen könnten?“, fragt Hillgard mit leicht belegter Stimme.

„Aber Herr Professor, für Sie öffnen wir sogar die Tür“, sagt die bekannte Stimme, die Hillgard nur aus dem Institut kennen kann.

Dann geht alles sehr schnell. Einer seiner Nebenleute beugt ihn zur Seite, der andere öffnet die Tür und Professor

Hillgard, wird während der Fahrt auf die Straße geschmissen.

„Gurr, Gurr“, machen zwei Tauben, die gerade auf dem Bürgersteig gelandet sind. Neugierig beobachten sie, wie

Esther die Straße heruntergeht und in der Eckkneipe Zum alten Zossen verschwindet. Auch ihr sind die beiden graublauen Vögel nicht entgangen. So bestellt sie neben einem Siphon Bier noch zwei alte Schrippen.

Während man in den fünfundzwanzig Fernsehstuben und im Radio unter anderem der Stimme des griechischen Tenors Lysandro Joanides lauscht, füttert Esther auf der Straße die beiden Tauben mit Brotkrummen. Was für neugierige Augen die beiden haben, denkt sie und krault die Brieftauben am Hals, was sie sichtlich genießen.

„Gurr, Gurr“, machen die beiden Tauben und trippeln ihrer Gönnerin immer mehr entgegen. Im Schoß ihres Kleides genießen sie das gebackene Weizenkorn.

„Gurr, Gurr“, machen die Tauben, als wollten sie sagen, hier lässt es sich aushalten.

    



1. Kapitel



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