Filmriss

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     Der Erzähler ist in sein Stammcafé ge-gangen, das eigentlich ein Bistro ist. In seiner Jackentasche steckt ein Brief vom Amtsgericht, den er  nicht öffnen will. Seine Zukunft sieht nicht gerade rosig aus. Für heute hat er sich vorgenommen, den ganzen Tag und die ganze Nacht im Café zu verbringen.

    Er greift in den Glückstopf seiner Vergangenheit und fischt Stück für Stück seines Lebens heraus:

  Die Geschichte eines in der Musikbranche Gescheiterten. Er war Songschreiber in der Platten- und Werbeindustrie.

   Alles wäre wahrscheinlich unerträglich, gäbe es die Kinofilme nicht, die seine eigenen Bilder immer wieder durchbrechen.

    Die Vergangenheit hat Spuren hinterlassen.

Was ist aus dem vielversprechenden Musiktalent geworden?

   Seine alte Band hat sich aufgelöst. Charly, der Bassist ist in der Psychiatrie gelandet. Er hat seine Freundin bei einem Autounfall verloren. Jetzt bastelt er aus Scheiße Männchen und plant Anschläge auf die Autofahrergesellschaft.

    Heini, der Schlagzeuger, ist Taxiunternehmer geworden und hat den Flugschein gemacht.

  Der Ungar, sein großer Förderer und Produzent, für den er als Ghostwriter ein Lied nach dem anderen geschrieben hat, hat sich längst in seine Heimat abgesetzt und ist untergetaucht.

   Auch die Frauen sind ihre Wege ohne ihn gegangen. Vor allem Constanze hat Spuren bei ihm hinterlassen. Zu spät hat er erkannt, dass auch sie auf der Gehaltsliste des Ungarn stand.


Alle Namen und Charaktere in diesem Buch

sind erfunden, und jede Ähnlichkeit

mit lebenden oder verstorbenen Personen

ist rein zufällig.

Alle Rechte bei Johannes Wierz



1.


   Ich ertappe mich dabei, wie ich im Badezimmer stehe und die Luft anhalte. Selbst das Licht habe ich ausgemacht, um mich besser auf die Geräusche konzentrieren zu können. Da ist aber nur mein Herzschlag, der immer schneller wird, je länger ich die Luft anhalte. Nicht einmal eine halbe Minute halte ich aus, dann japse ich nach Luft, verfalle in meinen chronischen Raucherhusten und mache das Licht wieder an, weil ich in der Dunkelheit das Gefühl habe, der Boden unter mir würde wanken.

    Hinter den Kacheln der dünnen Badezimmerwand befinden sich auch Kacheln. Sie werden dieselbe Farbe wie die meinen haben. Da wird er stehen und vielleicht so wie ich auf die Geräusche aus der benachbarten Wohnung lauschen. Ich halte mein rechtes Ohr ganz dicht an die Steckdose, die hoch über dem Waschbecken angebracht und durch eine Klappe, die von einer strammen Feder gehalten wird, gesichert ist. Beim Zurückweichen muß ich schnell sein, sonst schnellt die Klappe einfach zurück und klemmt mein Ohr ein. Es hat eine Zeitlang gedauert, bis ich schmerzfrei an der Steckdose habe lauschen können. Kleinere Narben sind zurückgeblieben, aber das nehme ich in Kauf.

    Ich drehe den Wasserhahn auf, lausche den Geräuschen. Lasse es lange laufen, ehe ich in Sekundenschnelle wieder abdrehe. Mein unsichtbares Gegenüber scheint genauso flink wie ich zu sein. Nicht einmal die kleinste Verzögerung, geschweige denn ein Echo ist zu hören.

  Eine Zeitlang habe ich geglaubt, die Nachbarwohnung stehe leer. Zu unterschiedlichen Tages- und Nachtzeiten habe ich meine Wohnung verlassen, aber nie jemanden im Flur angetroffen.

Eines Tages aber, habe ich dann doch im Badezimmer die ersten Geräusche gehört. Erst ein schüchternes Toilettendeckel Aufklappen, dann das Öffnen einer Hosenschnalle. Das tiefe Ein- und Ausatmen eines Menschen, der es besonders schwer hat. Und zum Finale das bombastische Rauschen der Wasserspülung. Ab dem Tag ist es mit der Schüchternheit meines Gegenübers vorbei gewesen. Radiogeräusche, das Öffnen und Schließen von Türen, Stühlerücken, Staubsaugergeräusche, Gläserklirren. Schonungslos und zu allen Tages- und Nachtzeiten habe ich plötzlich am Leben meines Nachbarn teilgenommen.

   Ich weiß nicht, wann mein unsichtbarer Nachbar mich wahrgenommen hat. Aber dass er es getan hat, beweist die Tatsache, dass er seit geraumer Zeit versucht sich mir anzupassen. Erst sehr ungeschickt, hat er es bis heute zu einer fast perfekten Übereinstimmung geschafft. Gehe ich durch die Wohnung, geht auch er durch die Wohnung, schalte ich das Radio ein, höre ich durch die Wand denselben Sender in seiner Wohnung. Benutze ich das Klo, ist auch er schon zur Stelle, tauche ich in die Badewanne ein, was meist mit einem wohltuenden Seufzer verbunden ist, tut er mir nach - wobei ich nicht einmal weiß, ob dieser obligatorische Seufzer von mir oder vielleicht von meinem unsichtbaren Nachbarn ist.

   Wenn ich in den Spiegel schaue, mir überlege, ob ich mich rasieren soll oder nicht, eine Frage, die in letzter Zeit über Tage im Raum stehen bleiben kann, sehe ich oft meinen Gegenüber. Plötzlich wird mein unsichtbarer Nachbar, der in perfekter, aber auch in penetranter Art und Weise ein Meister seines Faches in punkto Synchronisation geworden ist, im Spiegel sichtbar. Ein unangenehmes Gesicht mit leeren Augen. Ein fremdes Gesicht mit der Botschaft auf der Stirn, mich muss man nicht kennen lernen.

Anfangs habe ich gedacht, ich würde in leere Augen, folglich in eine leere Welt schauen. Aber so ist das nicht. Hinter dem Schleier der Ausdruckslosigkeit befindet sich eine Welt, eine in sich funktionierende eigene Weltkugel, die mir nur verschlossen ist. Ich bilde mir durch das konstante, manchmal über Stunden in den Spiegel starren, ein, irgend etwas doch über den anderen hinter den Kacheln, der Wand, da wo dieselben Kacheln kleben, wie bei mir, etwas zu erfahren. Man muss nur lange genug in diese, der Außenwelt verschlossenen leeren Augen schauen. Zwei große Gummischläuche, die sich dehnen, wenn man in sie eindringt und die sich, je tiefer man vordringt, als kompliziertes Wegenetz entpuppen. Ich beuge mich weit über das Waschbecken, versuche so dem Spiegel und somit den Augen meines unsichtbaren Nachbarn so nah wie möglich zu sein.

   Wie schnell doch ein Ausblick und dadurch ein Einblick beschlägt.

In Sekundenschnelle ist mein Gegenüber verschwunden. Ein leichter hauchdünner Nebel, hervorgerufen durch meinen flachen Atem, der beweist, dass ich lebe, zerstört das Bild, lässt tiefere Einblicke nicht zu. Es ist an der Zeit, dass ich das Bad, die Wohnung, das Haus verlassen muss. Die Zunge trocken, wie Schamottestein aus einem Brennofen, ist ein untrügliches Zeichen, dass ich schon viel zu lange nicht mehr draußen gewesen bin.

So bin ich dann mit dem Brief, der den Stempel des Amtsgerichts trägt und ungeöffnet in der Innentasche meiner Jacke zwischen Futter und Futter steckt, in das Café gegangen.

   Das Öffnen des Briefes würde überhaupt nichts ändern. Sicherlich kann ich binnen zehn Tagen Widerspruch einlegen, aber das ändert die Tatsachen nicht. Der Tatbestand ist nun mal eindeutig. Ich bin in die Realität zurückgeholt worden. Der Brief ist nicht ausschlaggebend gewesen. Den Brief mit dem Stempel des Amtsgerichts habe ich erwartet, so wie ich alle Katastrophen in meinem Leben habe kommen sehen. Die kleinen Warnungen habe ich stets ignoriert. Der Brief jetzt ist nur eine Konsequenz meines Lebensstils, meines fehlenden Lebensstils. Ich besitze nichts, noch nicht einmal eine Anstellung. Ohne Lebensanstellung auch keine Lebenseinstellung, die man herzeigen könnte.

  Schatten, Schattenriss, damit bin ich stets zufrieden gewesen, habe mich beispielsweise im Kino immer so gesetzt, dass mein Schatten auf der Leinwand zu sehen gewesen ist. Ohne zu fragen, habe ich mich jedem Film aufgedrängt, mich in jede abgeschlossene Geschichte gezwängt.

   »Rübe runter! Rübe weg!«, haben sie im Kino lauthals gerufen, was mich keineswegs irritiert hat, im Gegenteil, das Gefühl wahrgenommen zu werden, ist stets ein sehr schönes gewesen. Was hat man nicht alles auf mich geworfen? Bier- und Coladosen, einmal sogar ein paar nagelneue braune Herrenschuhe. Was für ein Triumph, wie bei einem Schauspieler oder Sänger, den das Publikum immer wieder mit ihren da capo, da capo Rufen auf die Bühne zurückholt und ihn mit Rosen überschüttet.

   Auch der Brief, der den Stempel des Amtsgerichts trägt und ungeöffnet in meiner Jacke zwischen Futter und Futter steckt, ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass ich wahrgenommen werde. Ich bin registriert, habe eine Aktennummer.

   Natürlich ist es für den Briefträger ein innerer Triumph gewesen, mir solch einen Brief zu überreichen, wo ich doch der einzige im Haus bin, der ihm kein Weihnachts- , geschweige denn Neujahrsgeld gegeben hat. Mir solch einen Einschreibebrief mit Rückschein zu überreichen, darauf hat der Briefträger lange warten müssen.

Sein hämisches »bitte unterschreiben sie«, ist mir noch im Ohr.

   »Eine Einschreibesendung vom Amtsgericht«, hat er so laut gebrüllt, dass alle Hausbewohner es haben hören können.

   Mein Nachbar über mir, der mit den grünen Kniebundhosen, ist natürlich sofort die Treppe heruntergestolpert und hat fadenscheinig nach seiner Post gefragt. Ein Mann, der stets vorgibt, schlecht zu Fuß zu sein, besitzt plötzlich die Leichtigkeit einer Gazelle in seinen Bewegungen. Ohnehin weiß der Nachbar über mir Bescheid. Schon zweimal hat er meine Bankkorrespondenz geöffnet, die er zuvor geschickt mit seinen Fingern aus meinem Briefkasten gefischt und sie dann, nachdem er die Kontoauszüge ausgiebig studiert hat, ohne Umschlag in meinen Kasten zurückgeworfen.

  »Der Krug geht solange zum Brunnen, bis er bricht«, sagt mein Nachbar von oben in seinen lächerlichen grünen Kniebundhosen und wird auch noch vom Postboten durch ein Nicken und ein Grinsen unterstützt, das mich dazu veranlasst, einfach die Tür hinter mir zu schließen, was zur Folge hat, dass mein Nachbar von oben den Postboten über meine finanziellen Verhältnisse aufklärt, natürlich so laut, dass alle Hausbewohner es hören können.

  Diese Wohnung ist von vornherein ein großer Fehler gewesen. Ich bin kein Wohnungsmensch, geschweige denn ein Hausgemeinschaftsmensch. Allein das Grüßen auf der Treppe bereitet mir Unbehagen. Im Hotel könnte ich ewig leben. Im Hotel habe ich mich immer wohl gefühlt. Vielleicht nur deshalb, weil ich die Hotelrechnung nie habe selber zahlen müssen.

  Oft, wenn ich die Wohnung für ein paar Stunden verlassen habe, träume ich davon, dass bei meiner Wiederkehr das ganze Haus in Flammen steht und ich, Dank der Versicherung, wieder ins Hotel ziehen kann. Aber leider ist das bisher nicht eingetreten, obwohl ich des Öfteren die Herdplatte oder die Kaffeemaschine angelassen habe.

   Der Nachbar von oben, der mit den grünen Kniebundhosen, wird, da ich keine Stimmen mehr im Treppenhaus gehört habe, den Postboten in seine Wohnung gelockt haben, um ihm Kopien meiner Kontoauszüge zu zeigen.

Mir ist schwindelig geworden, Nebel vor meinen Augen, der dem beschlagenen Badezimmerspiegel gleicht. Ich bin durch den Flur geschwankt, habe mich immer wieder an den Wänden abstützen müssen, bis ich die rettende Terrassentür erreicht habe.

  Ein schöner Freitagnachmittag. Mit Bestimmtheit der letzte sonnige Tag in diesem Jahr, denkt der andere und macht es sich auf der Terrasse, die zu seiner Wohnung gehört, bequem. Da, wo die Bodenplatten abgesackt sind, steht das Wasser. Auf den dunklen Pfützen schwimmen gelbe Oleanderblätter. In den letzten Tagen hat es schon die ersten Regenstürme gegeben. Der Herbst kündigt sich an. Gut, dass es letzte Nacht geregnet hat, denkt der andere, endlich hat es ein Ende mit der mühseligen Gießkannenschlepperei, mit der tagtäglichen Wohnungsgebundenheit, nur damit die Blumen und Sträucher ihr Wasser bekommen.

   Jetzt liegen die meisten Blüten und Blätter auf dem Rasen.

Wären es meine Blumen und Sträucher, denkt der andere, würde ich ja nichts sagen, mich nicht beklagen und schon gar nicht über den bevorstehenden Herbst freuen.

   Das zweistöckige Haus, in dem er wohnt, und der angrenzende große Garten gehören seiner Schwester. Er ist nur Mieter. Da er aber den hohen Mietzins nicht aufbringen kann, ihn wohl auch nie aufbringen wird können, hat er vor Jahren einen Vertrag unterschrieben, der ihn fast mietfrei wohnen lässt, auf der anderen Seite ihn aber dazu verpflichtet, sich um das Haus und den Garten zu kümmern.

   Für die Mieter ist er der Hausmeister und Gärtner. Man hält ihn für mittellos, dass er so eng mit der Besitzerin des Hauses verwandt ist, weiß hier niemand. Es ist von Seiten der Schwester sogar ein Bestandteil des Vertrages gewesen, über die verwandtschaftlichen Besitzverhältnisse zu schweigen.

   Nur der große Nussbaum im hinteren Teil des Gartens gehört ihm, ist sein ganzer Stolz.

Dieses Jahr wird er sicherlich zwei Zentner Nüsse abwerfen, die kann ich dann auf dem Wochenmarkt verkaufen, wenn da nicht die Nachbarn wären, denkt der andere und zündet sich eine Zigarette an. Immer wenn er ärgerlich ist, hat er das Bedürfnis zu rauchen.

  Erst heute Morgen in aller Herrgottsfrühe hat er durch das Schlafzimmerfenster beobachten können, wie der Nachbar von oben, die durch den Sturm heruntergefallenen Nüsse aufgesammelt hat.

Jeder im Haus weiß, dass es sein Baum und folglich auch seine Nüsse sind. Aber genau dieser Tatsache verdankt er es, dass sich die Mieter im Haus einen Sport daraus machen, ihn zu bestehlen. Im letzten Jahr habe sogar einige Mieter des Nachts unter Zuhilfenahme von Taschenlampen die Nüsse aufgelesen.

   Gesindel, alles Gesindel, denkt der andere und schaut durch die Ritzen des Zauns, der neben dem Nussbaum sein ganzer Stolz ist, auf die Straße. Der Zaun ist eine Eigenkonstruktion aus alten Jalousien, die einen Blick nach draußen möglich, einen Einblick aber unmöglich machen.

   Gleich werden sie kommen, wie jeden Freitag, denkt er, vollbepackt mit Lebensmitteln und Alkohol, gut gerüstet für das Wochenende. Die übervollen Plastiktüten, die Bierkästen, der Wein und der Schnaps sind doch nur ein  Zeichen ihrer Angst, nicht über das Wochenende zu kommen. Gleich werden sie kommen, vorfahren, wie jeden Freitag, in meine Einfahrt werden sie sich stellen, obwohl sie genau wissen, dass es verboten ist. Nacheinander werden sie die Einfahrt blockieren und ihre Tüten und Kästen in ihre Wohnungen schleifen. Montagmorgen werden die Mülleimer überfüllt sein. Er kann dann wieder alles herunterdrücken, muss in die stinkenden Tonnen steigen, damit es bis Mittwoch, wenn die Müllabfuhr kommt, ausreicht. Rückwärts werden die Mieter einparken, den Auspuff direkt an den Zaun setzen und noch einmal Gas geben.

   Die Zigarette ist bis zum Filter geraucht, wird mit einer gekonnten Daumendrehung ausgedrückt, bevor er aufsteht und in die Wohnung geht, um seine Polaroidkamera zu holen. Er spielt schon lange mit dem Gedanken seine Nachbarn anzuzeigen. Die Fotos sollen ihm als Beweismittel vor Gericht dienen.

Seiner Schwester ist diese Art von Vorfällen vollkommen egal. Sie wohnt außerhalb der Stadt und kümmert sich wenig um das Haus. Nur im Sommer kommt sie in regelmäßigen Abständen, um Blumen, die er über das ganze Jahr pflegt, zu schneiden.

  Die Polaroidkamera hat er von seiner Schwester zu Weihnachten bekommen, damit er bei eventuellen Schäden, beispielsweise bei einem Wasserrohrbruch, Fotos machen kann, als Beweismittel für die Versicherung. Seine Schwester schenkt ihm nur Dinge, die auch nützlich für das Haus und somit steuerlich absetzbar sind. Zum Geburtstag eine Bohrmaschine, zum Namenstag ein Spannungsprüfer und zu Weihnachten besagte Polaroidkamera.

  Die Polaroidfotos von den falsch geparkten Autos der Nachbarn in seiner Einfahrt kommen in einen extra gekennzeichneten Karton mit der Aufschrift Freitag.

Auch von den überfüllten Mülltonnen mit dem nicht getrennten Unrat hat er im Laufe der Zeit Fotos gemacht, die im Karton mit der Aufschrift Montag aufbewahrt sind.

   Der andere ist ein ordnungsliebender Mensch. Eine Veranlagung, die man auf den Vater zurückführen kann. Der Vater, Beamter in einer Bundesbehörde, ist bis zu seiner Pensionierung für die Archivierung zuständig gewesen. Zwar sind auch damals schon alle Daten elektronisch auf großen Magnetbändern gespeichert worden, aber, wohl um auf Nummer sicher zu gehen, hat man die Suchkartei, den so genannten Suchkeller, nicht aufgegeben.

   Die Suchkartei besteht aus zwei großen Kellergewölben, die während des letzten Krieges als Luftschutzräume genutzt worden sind. In der Abteilung I sind die Akten nach Kennziffern sortiert, in der Abteilung II nach Namen.

Früher haben in den Semesterferien Studenten im so genannten Suchkeller ausgeholfen. Aber in den letzten Jahren vor seinem Ruhestand sind auch diese nicht mehr gekommen. Überhaupt hat der Vater den Eindruck, dass die Bundesbehörde seinen Keller, dem er vorsteht, vergessen hat. Immer mehr verbringt der Vater allein seine Zeit in der Suchkartei. Selbst in den Mittagspausen bleibt er immer häufiger unten. Zuhause spürt nicht nur die Frau, sondern auch die beiden Kinder die Veränderung. Der Vater spricht nicht mehr, sondern beginnt damit Kartons zu sammeln und zu beschriften. Erst schenkt niemand in der Familie dem Bedeutung. Was ist schon dabei, seine Kontoauszüge und Versicherungsunterlagen geordnet in beschrifteten Kartons zu lagern? Die Mutter befällt ein befremdliches Gefühl erst, als der Vater auch für sie Kartons anlegt. Einen mit der Aufschrift Haushaltsgeräte und ihre Bedienungsanleitungen, ein anderer mit dem Titel Küchenrezepte. Auch die Kinder bekommen ihre eigenen Pappschachteln. Hervorzuheben sind unter anderem die Kartons mit der Aufschrift Lob und Freude und Enttäuschungen.

Für den Vater besteht kein Zweifel, dass er gebraucht wird. Ist er doch der einzige in der ganzen Bundesbehörde, der beide Abteilungen der Suchkartei ohne Mühen miteinander verbinden kann. Mit seiner Fähigkeit, Zahlenkombinationen sofort mit dem jeweiligen richtigen Namen in Verbindung zu setzen und fast blind die jeweilige Akte aus einem der unzähligen Regale ziehen zu können, hätte der Vater im Varieté auftreten können. So wenigstens lobt ihn sein Vorgesetzter bei seiner Verabschiedung in den Ruhestand.





Dieser Roman wurde mit einem Arbeitsstipendiums des Ministeriums für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert.


                                                                                                                                                                                    

Tb 254 Seiten

ISBN-10: 1-518725503
ISBN-13: 978-1-5187-2550-0

10,91 €     http://www.amazon.de/Filmriss-Johannes-Wierz/dp/1518725503/ref=asap_bc?ie=UTF8
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