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Geschäft ist Geschäft

 

Alle Rechte bei Johannes Wierz





„Mmmmm“, murmelt der Landarzt Dr. Julius Holzer, seines Zeichen designierter Landtagsabgeordneter, und fügt so

geheimnisvolle und unverständliche Worte wie „Gestational - Diabetes“ oder „Diabetes mellitus“ hinzu. Diese Diagnose hätte er eigentlich schon beim Anblick des Neugeborenen stellen können, aber er will Elisabeth nicht unnötig beunruhigen. So hat er das Kind also über eine Stunde lang untersucht. Er hat es gewogen, alle Gliedmaßen auf das Genauste abgemessen und die Reflexe des Neugeborenen mit einem Hämmerchen aus Edelstahl getestet.

„...Embryofetopathia diabetica...“

„Und, was is des?“ Die Elisabeth beäugt ihn misstrauisch und greift dem Kleinen dabei über den nackten Hinterkopf.

Schützend, als wolle sie den bösen Blick von ihm abwenden.

„So was wie Schwangerschaftsdiabetes beziehungsweise seine Folgen“, erklärt Dr. Holzer. „Deswegen auch die beiden vorigen Abgänge. Es grenzt schon an ein Wunder, dass das Kind gesund zur Welt gekommen ist!“

Um seiner Diagnose mehr Respekt zu verleihen, zieht und zwirbelt er an den Spitzen seines gewaltigen grauen

Oberlippenbartes, verdreht seine Augen, die hinter den dicken Brillengläser gewaltig wirken und hebt seine buschigen

Augenbrauen.

Aber eine Huftreter Elisabeth kann so leicht nichts erschüttern.

„Also is doch gesund!“

„Na ja, den Umständen entsprechend eben.“ Der Landarzt überlegt sich genau, was er sagt, schließlich steht jetzt

alles auf dem Spiel, sein ganzes Leben. Und das nur, weil der Rotzbua von Sohn mit der gemeinen Dorfjugend mithalten musste, dieser gottverdammte Idiot.

Noch in der Nacht zum 17. Februar hat ihn, als der Sturm und der Regen bereits über die Berge gezogen waren und er nach dem Genuss einer Flasche seines besten französischen Rotweins endlich Schlaf gefunden hatte, der Kirchenwirt aufgesucht und ihm zum wiederholten Mal die Bitte angetragen, seine Beziehungen spielen zu lassen und ihm doch die Lizenz der freien Poststation zu übertragen. Natürlich müsste er die beiden angrenzenden Grundstücke bekommen, hat er mit Unschuldsmiene hinzugefügt und sich geräuschvoll in sein kariertes Taschentuch geschnäuzt. Er benötige sie, um die Remise auf Landeskosten bauen zu lassen. Richtig böse ist da der Landarzt Dr. Julius Holzer, seines Zeichens designierter Landtagsabgeordneter, geworden, dass selbst sein Jagdhund gefährlich angefangen hat zu knurren und seine Lefzen gezeigt hat.

„Es ist nur“, ist der Kirchenwirt in ruhigem Ton fortgefahren - und hat im Bemühen, ein korrektes Behördendeutsch zu

sprechen, - hinzugefügt: „Ihr Junge hat da gestern Nacht einen ziemlichen Unsinn gemacht, man könnte auch sagen, er hat eine Straftat begangen. Gut, wir waren alle einmal jung, aber ist jetzt samstagabends Vergewaltigung in unserem Landkreis erlaubt?“

Urplötzlich hat der Jagdhund einen Satz nach vorn gemacht, dass der Kirchenwirt vor Angst fast vom Treppenabsatz herunter auf den Kiesweg gefallen wäre.

Der Landarzt Dr. Julius Holzer hat daraufhin den Lederziemer genommen und seinem einzigen Freund so eins über das braune glänzende Fell gezogen, dass dieser wie ein Höllenhund aufgeheult hat.

„Nun, ich habe mir erlaubt ein paar Fotografien von ihrem

Zögling zu machen. Und ich finde, trotz anhaltendem Regen und der Dunkelheit ist das Wesentliche recht gut zu erkennen.“

Das Grinsen des Kirchenwirts ist höhnisch gewesen.

„Na, kommen sie schon rein!“

Wie lächerlich und erbärmlich doch Männer mit heruntergelassenen Hosen aussehen, vor allem, wenn sie noch

keine Männer sind, hat er beim Anblick der Bilder gedacht und seinen Spross auf den leicht unscharfen Schwarzweißfotografien lange betrachtet. Besonders abstoßend hat er jenes Bild gefunden, das seinen Jungen in völliger Verausgabung mit offenem Mund und hervorstechenden, fast herausquellenden Augen zeigte. So sehen die Basedow-Patienten in seinen medizinischen Nachschlagewerken aus. Diese bestialische Art an gruppendynamischen Exzessen hat Dr. Julius Holzer das letzte Mal beim Russlandfeldzug erlebt.

Unflätig ist der Kirchenwirt im Lederohrensessel gelümmelt, dem Lieblingsplatz des Medizinalrates, was unter anderen

Umständen seinen sicheren Tod bedeutet hätte. Naturgemäß haDr. Holzer für einen kurzen Moment daran gedacht, den Waffenschrank zu öffnen und dieser schamlos aufdringlichen Person den Garaus zu machen. Der Jagdhund ist unschlüssig mitten im Raum gestanden und hat nur auf ein Zeichen gewartet, um sich um die Beute zu kümmern. Die Beweise sind aber leider eindeutig. Sein Sohn hat die Huftreterin vergewaltigt. Dr. Holzer ist sofort klar: Ohne die Negative würde er sich für immer in der Hand dieses kleinen, miesen Schankwirtes befinden.

Ein unheimliches Schweigen ist über dem Raum gelegen. Die Tierpräparationen aller Größen und Klassen an den Wänden haben im spärlichen Licht der ovalen Schreibtischlampe plötzlich gespenstisch gewirkt. Der Kirchenwirt hat sich umgeschaut und beim Blick in große funkelnde Augen und aufgerissene Schnauzen mit messerscharfen Zähnen plötzlich die Courage verloren. Schweißperlen haben sich auf seiner Stirn gebildet, und er hat

gespürt, wie ein kleines warmes Rinnsal seinen Rücken herunter zu laufen begann.

„Ich werde die Tage mit dem Landratsamt sprechen“, hat Dr. Holzer sich sagen gehört, wobei ihm seine eigene Stimme

plötzlich ungemein leise, fast heiser, vorgekommen ist. Trotzdem stellt er die Bedingungen.

„Aber ins Geschäft kommen wir nur mit den Negativen.“

„Ehrensache, Herr Landtagsabgeordneter“, hat der Kirchenwirt gesäuselt. Devot wie immer. Angesichts seines vermeintlichen Sieges über Dr. Holzer ist er dann vertraulich geworden und näher an ihn herangerückt. „Oder darf man noch nicht gratulieren?“

Du nicht, du Hund, hat Dr. Julius Holzer gedacht, der schlagartig wieder der Alte wurde. Ohne es zu wissen, hat der

Kirchenwirt mit seiner Geschwätzigkeit sein eigenes Schicksal besiegelt.

Selbstzufrieden ist der Erpresser den Heimweg angetreten, wobei er in Trippelschritten einen großen Bogen um den

Jagdhund gemacht hat. Keine hundert Meter vom Anwesen entfernt, hat er den Landarzt dann durch die doppelt

verglasten Fenster des Hauses brüllen gehört:

„Barnabas! Barnabas, mit Schlauch in den Keller, wenn ich bitten darf!“

Der Kirchenwirt hat sich in seinen fehlenden Bart gegrinst und sich gegen die Kälte einen krummen Hund angezündet. Eines hat ihm sicher wie das Amen in der Kirche geschienen: Mit seinem Laden würde es bald aufwärts gehen. Zudem er ja auch noch Bilder von den Söhnen, des Fleischers, des Bäckers und des Schreiners gehabt hat.

Naturgemäß hat sich der Landarzt, nachdem er seinen missratenen Sohn im Keller zwischen den Einmachgläsern und

Krötenpfützen mit einem Stück Gartenschlauch grün und blau geschlagen hatte, überlegt, wie er aus der Sache anders, als der Kirchenwirt wohl dachte, herauskommen könnte. Jeder hat doch eine Leiche im Keller, hat er sich Mut zugesprochen, und gerade er, der Landarzt Dr. Julius Holzer, seines Zeichen designierter Landtagsabgeordneter, kann davon mehr als ein Liederbuch schreiben.

Er könnte ihn verhaften lassen, ist sein erster Gedanke gewesen. So schwer würde das sicher nicht werden...kein Wirt

der Welt, der nur halbwegs alle beisammen hat und mit fünfzig nicht im Armenhaus landen will, hält die Gesetze ein. Aber reicht die Missachtung des Eichstriches, die Entjungferung der minderjährigen Dienstmagd, die Übervorteilung bei der Abrechnung der Zeche, das Wildbret von Wilderen, die Hinterziehung von Steuern wirklich aus, um ihn längerfristig - am besten bei Wasser und Brot - ins Zuchthaus bringen zu lassen? Nein, nein, dafür ist er lange genug in der Politik.

Dieser Plan würde nicht aufgehen. So nicht. Er würde sich etwas anderes einfallen lassen müssen, er würde das selber regeln müssen. Und zwar endgültig. Soweit ist es schon gekommen.

Und ohne mit der Wimper zu zucken, schreibt der Landarzt Dr. Julius Holzer, seines Zeichen designierter

Landtagsabgeordneter, jetzt in der Küche des hoch gelegenen Huftreter-Anwesens den Totenschein für die Landfrau Maria Magdalena Huftreter aus. Er möchte gar nicht so genau wissen, woran die Bäuerin tatsächlich gestorben ist und schon gar nicht, wo die beiden anderen Frauen die Überreste der Bäuerin beerdigt haben. Naturgemäß ist ihm bewusst, dass die Elisabeth seinen missratenen Sohn erkannt hat, und ehe er beim Ausfüllen der Formulare darüber nachdenken kann, spricht die Elisabeth ihn auch schon an.

„Ich möchte, dass ihr den Jungen als den meinen eintragt.“

Ohne aufzublicken, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt, trägt der Landarzt den Namen Elisabeth Huftreter als Mutter des Neugeborenen ein. Bei der Rubrik Erzeuger zieht er mit dem Füllfederhalter einen dicken diagonalen Strich.

„Alle anderen Formalitäten werde ich für dich auf dem Gemeindeamt erledigen, ist ja Ehrensache!“

Du und eine Ehrensach’, denkt die Elisabeth und spuckt innerlich vor dem Holzer aus. Es wird nicht gut ausgehen mit

dir und deiner missratenen Bagage, das verspreche ich, bei allem was mir heilig ist.

Als der Landarzt seine Brille abnimmt und in alter Gewohnheit die Gläser weit von sich streckt, bevor er die Bügel

zusammenklappt, um sie dann in sein krokodilledernes Etui zu stecken, sieht er an der Decke den dunklen Blutfleck.

„Ich würd’ gern den Paten geben. Tu mir einen Gefallen und schlag mir die Bitte nicht ab. Dem Jungen soll es an nichts

fehlen.“

„In Gottesnamen, dann soll es so sein“, antwortet ihm die Elisabeth und reicht ihm ihre raue Hand. Zu verschenken habe ich nichts, denkt sie, und wer weiß, wozu solch eine Patenschaft noch von Nutzen sein kann.

„Nichts für ungut, aber ich muss dann wieder“, verabschiedet sich der Landarzt Dr. Julius Holzer, seines Zeichen

designierter Landtagsabgeordneter, zieht seinen Kopf im Türsturz ein und verlässt den Hof.

Als er in seinen Wagen steigt, hört er oben das Kind schreien.

Brüll dir ruhig die Lunge aus dem Leib, es wird dir nichts nutzen, denkt der Landarzt. Er gibt dem Jungen drei bis vier

Monate, alles andere wäre ein medizinisches Wunder. Aber das hat es in seinem Wirkungskreis noch nie gegeben.

Gut gelaunt schaltet er das Radio ein. Er ist jetzt in der richtigen Stimmung, den Kirchenwirt aufzusuchen.

Vorsichtig lenkt Holzer seinen Wagen über den steilen Schotterweg nach unten ins Tal. Als er durch eine Baumlichtung

die ersten Dächer des Dorfes sieht, bremst er abrupt seinen Wagen ab und lässt ihn auf einem kleinen Stück Wiese

auslaufen. Er öffnet seine Tür und atmet langsam die kalte Winterluft ein. Dr. Holzer ärgert sich über sich selber.

Darauf hätte er direkt kommen müssen. Die Frage und vor allem die Antwort ist von besonderer Wichtigkeit. Wie hatte der Kirchenwirt die Bilder so schnell entwickeln können? Steckte etwa der Drogist aus der Nachbargemeinde mit ihm unter einer Decke? Oder hatte dieser unflätige Mensch gar noch einen anderen Komplizen?

Barnabas kommt in ein Internat und dann zum Militär. Wenn es sein muss für immer. Weit weg muss es nur sein. Er muss mir aus den Augen, sonst passiert noch ein Unglück. Mit zitternder Hand öffnet er das silberne Etui mit seinen eingravierten Initialen und fischt sich eine Zigarette heraus.

Genüsslich inhaliert er den warmen Rauch und schaut auf den kleinen Plastikrahmen neben dem Handschuhfach, in dem eine verblasste Farbfotografie seines treuen Freundes steckt. Wenn es ihm gelingen würde, den Jagdhund in seinen Plan einzubauen, wäre das mehr als von Nutzen.

Die Gaststube des Kirchenwirtes ist für einen Wochentag um die Mittagszeit recht gut besucht. Drei Forstarbeiter haben die großen leeren Teller, die mit dampfender Nudelsuppe gefüllt waren, hastig gegessen, um noch ein paar Runden Bier mit dem abgegriffenen klebrigen Deutschen Blatt auszuspielen. An einem Ecktisch unter dem Herrgottswinkel sitzt der Dorfschullehrer zusammen mit dem Förster und dem Gemeindebediensteten.

Schweigend essen sie ihr Suppenfleisch mit eingelegtem Wurzelgemüse und Röstkartoffeln, die als gelbbraune Halbkugeln serviert worden sind. Die drei haben, ohne es zu ahnen, viele Gemeinsamkeiten. Zum einen haben alle drei nur einen mäßigen Appetit - denn am Morgen haben sie alle Post erhalten. Einen kleinen Brief, geschrieben auf einer alten Schreibmaschine mit blassen, unsauberen und hüpfenden Buchstaben. Als Anlage beigelegt war eine Schwarzweißfotografie von der Nacht des 17. Februars. Im Mittelpunkt der eigene Nachwuchs.

Nur dem Dorfgendarmen scheint es heute köstlich zu schmecken.

Seine ganze Freude und Aufmerksamkeit gilt der Wildplatte, die eigentlich für zwei Personen in der Karte gelistet ist und nur an Sonn- und Feiertagen bestellt werden kann.

Ein Auto rollt hinter dem Gasthof auf den mit Kieselsteinen aufgeschütteten Platz, wo im Sommer die Tische und Stühle stehen und die kleine Kirchweih abgehalten wird. Es ist der Wagen des Landarztes, dafür reicht dem Kirchenwirt, der gerade drei Halbe zapft, ein flüchtiger Blick aus dem kleinen Fenster.

„Grüss Gott“, sagt Dr. Julius Holzer, als er die Gaststube betritt und seinen Mantel abklopft.

„Ist jemand gestorben?“, will einer der Waldarbeiter wissen.

„Na, ich war droben auf’m Huftreter Hof. Die Elisabeth hat a Kind entbunden!“

Erschrocken lassen Dorflehrer, Förster und der Gemeindebedienstete ihr angelaufenes Besteck fallen. Aus ihren

offenen Mündern tropft der Saft des eingelegten Wurzelgemüses.

Der Landarzt geht schnurstracks auf die Doppeltür zu, betritt den leeren kleinen Saal und setzt sich nach hinten an den

grünen Kachelofen.

„Soll ich einheizen?“ , fragt der Kirchenwirt und reicht ihm die vergilbte Speisekarte.

„Wir müssen reden!“

„Reden ist immer gut.“

„Aber erst einmal wird gegessen.“

Genüsslich lässt sich Dr. Holzer den Rostbraten, der nicht frisch, sondern aufgewärmt ist, schmecken. Kochen kann die Kirchenwirtin, das muss man ihr neidlos lassen. Ich werde dafür sorgen, dass sie das Gasthaus weiter betreiben kann. Sie ist jung, gut gebaut und wird bestimmt leicht einen neuen Mann finden.

Er hört, wie der Kirchenwirt den großen Schlüssel im Schloss umdreht. Endlich allein. Der Landarzt legt das Besteck

beiseite und zündet sich eine Zigarette an.

„Wie ich sehe, hat es ihnen geschmeckt.“

„Ihre Frau ist wirklich eine begnadete Köchin.“

„Werd’s ihr ausrichten, wenn sie aus der Stadt zurück ist.“

Wir sind also allein, denkt der Medizinalrat und überlegt, ob er die Gunst der Stunde nicht nutzen soll. Aber was, zu viele Menschen haben ihn gesehen, können vor Gericht bezeugen, dass er der letzte gewesen ist, der den Kirchenwirt lebendig gesehen hat.

„Die Anträge für die Poststation müssen schon unterwegs sein.“

„Nichts für ungut.“

„Eine Frage tät mich schon interessieren, wie haben Sie die Bilder so schnell entwickeln können?“

„Ja“, lacht der Kirchenwirt, „das ist wirklich kein Geheimnis.

Ich hab’ drunten im Keller eine Dunkelkammer.“

Dr. Julius Holzer versucht sein Erstaunen dadurch zu überspielen, indem er aufsteht und seine stattliche

Erscheinung präsentiert. Dabei passiert ihm ein Missgeschick.

Er bleibt mit seinem Gehrock aus englischem Tuch so an der Tischkante hängen, dass ein silberner Knopf abreißt und zu Boden fällt. Im Gegensatz zur Gaststube sind hier im Saal die Holzplanken lackiert. So kommt der Knopf augenblicklich ins Rollen und kullert in Richtung Kirchenwirt, der im Rahmen der Doppeltür steht. Interessiert folgt Dr. Holzers Blick dem kleinen silbernen Knopf.

„Kommen Sie, kommen Sie, ich zeige ihnen das Labor!“

In dem Moment rollt er durch die Beine des Kirchenwirtes und bleibt im Gastraum zwischen zwei Planken hängen. Ehe der Medizinalrat den Saal durchschritten hat, öffnet der Wirt die Klappe zum Keller. Stufe um Stufe springt der Knopf nach unten

in das feuchte Loch.

Moder- und Schimmelgeruch schießt den beiden in die Nase, als sie nach unten in den dunklen Keller steigen. Auf halber Höhe betätigt der Kirchenwirt den Drehschalter für das Licht.

„Vor vier Jahren kam dieser Gast aus der Stadt, ein begnadeter Fotograf müssen Sie wissen, und fragte mich, ob er im Keller nicht ein Labor einrichten könnte. Er hat die Miete dafür auf zehn Jahre im Voraus bezahlt. Wirklich ein angenehmer ruhiger Gast.“

Es geht über einen harten Lehmboden, aus dem ab und an eine Steinspitze hervorlugt. Holzkästen mit leeren verstaubten Flaschen stehen an der Seite und eingerahmt zwischen zwei Fässern ist eine Tür, die der Kirchenwirt jetzt aufschließt, um das Fotolabor zu präsentieren.

„Auf seinen Wunsch und seine Kosten habe ich zusätzlich einen Strom- und Wasseranschluss installieren lassen.“

Und wirklich, das Labor ist mit allem ausgestattet, um Filme zu entwickeln und Fotografien zu vergrößern.

„Ich bin ihm des Öfteren zur Hand gegangen. Wenn man weiß, wie es geht, ist es ein Kinderspiel.“

Auf dem Rückweg findet der Landarzt auf dem Boden neben einer einzementierten Eisenstange, die die gestapelten Fässer vor dem Wegrollen hindert, den abgerissenen silbernen Knopf.

„Muss ihn mir wohl oben im Saal beim Aufstehen abgerissen haben.“

„Was glauben’s, was sich hier unten a Geld ansammelt, wenn oben im Saal Tanz ist.“

Die beiden steigen die ausgetretene steile Holztreppe wieder nach oben.

„Der Saal liegt fast einen halben Meter höher als der Schankraum, aber durch die lang gezogene Schräge merkt das

kaum jemand.“

Längst hat Dr. Julius Holzer seinen Plan ausgefeilt. Er wird heute noch in die Stadt fahren, um einen Kinderwagen zu

kaufen.

Als auf dem Huftreter-Anwesen Elisabeth nach oben geht und die Kammer betritt, hält Gundi den schreienden Kleinen fest an ihre Brust gedrückt und lacht glücklich. Der Säugling dreht seinen Kopf zur Seite und schaut die Tante, die vor ein paar Stunden auf dem Papier seine Mutter geworden ist, mit großen Augen an. Er hört abrupt auf zu schreien. Elisabeth glaubt, in seinem Blick ein stilles Einverständnis zu entdecken.


    



3. Kapitel



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