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Grapefruit moon

 

   Männerfreundschaft. Vier Freunde, Anfang Vierzig, kennen sich seit der Schulzeit und sind – wie sie glauben – gemeinsam durch Dick und Dünn gegangen.

  Einer von ihnen ist wegen Totschlags im Affekt verurteilt worden und wird heute entlassen. Seine Freunde haben sich getroffen um seinen ersten Tag in Freiheit mit ihm zu verbringen.

Im Laufe des Tages offenbaren sich die Lebenslügen der Freunde und die angebliche Männerfreundschaft entpuppt sich als Farce.  

Alles endet am Abend in einem Travestie-Club, wo der gerade Entlassene – unbeachtet von seinen Freunden – allein zurückbleibt.

Alle Rechte  bei Johannes Wierz

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Aufführung durch

Berufs- und Laienbühnen, des öffentlichen Vortrags, der Verfilmung

und Übertragung durch Rundfunk, Fernsehen und andere Medien,

auch einzelner Abschnitte.

Das Recht der Aufführung oder Sendung ist nur von Johannes Wierz zu erwerben.

Den Bühnen und Vereinen gegenüber als Manuskript gedruckt.

PERSONEN:


MICHAEL, ledig, Dozent


ULF, verheiratet, zwei Kinder, Angestellter


HERBERT, verheiratet, bisexuell, Beamter


THEO, Strafentlassener


Alle vier kennen sich schon seit ihrer Schulzeit.


MARIA, Barfrau


HILDE, Transvestit und Sänger


sowie:

ein NACHRICHTENSPRECHER, ein PIANOSPIELER, GESELLSCHAFTSDAMEN, drei ÄLTERE HERREN, STRIPTEASETÄNZERIN, PUTZFRAUEN



Das Stück spielt in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts.



Erste Szene


In der Wohnung von THEO.

Das Wohnzimmer bestehend aus Sitzecke, Esstisch, Wohnzimmerschrank und Fernseher. Der Raum hat drei Türen, über der einen hängt ein Transparent: »Herzlich Willkommen Theo«, eine andere Tür führt in die Küche, die dritte ins Schlafzimmer.

Aus dem Schlafzimmer: Staubsaugergeräusche. Aus der Küche: Geschirrgeklapper.


Nach einer Weile: eine Stimme aus der Küche


MICHAEL(ruft):

Ulf

kannst du mal das Radio anmachen

Es kommen gleich Nachrichten

Und schalt um Gotteswillen

den scheiß Staubsauger ab

ist ja nicht zum aushalten


Der Staubsauger wird abgestellt.

ULF kommt mit einer Schürze bekleidet aus dem Schlafzimmer.


ULF:

Total verdreckt die Bude

Ist ja auch kein Wunder

nach all den Jahren

Hat sich ja niemand drum gekümmert


zur Küche hin


Wenigstens das Grobe

muss ich doch wegmachen


Er sucht das Radio.


Seit wann interessierst du dich

für die Nachrichten?


Aus der Küche


MICHAEL:

Die Quoten will ich hören

Die Lottoquoten

Sieben Millionen sind im Pott


MICHAEL kommt ins Wohnzimmer.

Auch er hat eine Schürze um, in der Hand hält er einen Teller und ein Handtuch.




MICHAEL:

Stell dir vor

sieben Millionen

Was man damit alles machen kann

Ein alter Bugatti

eine Yacht

‘ne Insel in der Südsee

mit knackig braunen Mädchen drauf

mit solchen Titten


Er macht eine ausholende Armbewegung.


ULF:

Südseemädchen haben keine großen Titten

die sind höchsten so groß

wie Grapefruits aber dafür

schön fest und rund


MICHAEL:

Ist doch wirklich scheißegal

aber ich sag dir eins

Bei sieben Millionen

haben die auch große Titten

darauf kannst du dich verlassen


ULF hat das Radio gefunden, er macht es an.

Aus dem Radio hört man die Stimme des NACHRICHTENSPRECHERS.


NACHRICHTENSPRECHER:

Die wegen Polizistenmordes verurteilte

frühere Angehörige der terroristischen

Rote Armee Fraktion

Angelika Speitel

ist vom Bundespräsidenten

begnadigt worden

Das Bundespräsidialamt bestätigte gestern

einen Bericht des Nachrichtenmagazins

Der Spiegel

Die Ex-Terroristin

die noch in der Justizvollzugsanstalt

Köln-Ossendorf sitzt

soll demnächst auf freien Fuß

gesetzt werden

Ein ebenfalls an den Bundespräsidenten

gerichtetes Gnadengesuch

des früheren


ULF schaltet das Radio wieder ab. MICHAEL schaltet es wieder ein.


MICHAEL:

Ich will die Quoten wissen


NACHRICHTENSPRECHER:

Der innenpolitische Sprecher

der CDU/CSU

hat die Entscheidung im Falle Speitel

als verfrüht bezeichnet

Es sei unverständlich

warum bei ihr eine lebenslange

Freiheitsstrafe

nur zwölf Jahre

Freiheitsentzug bedeuten solle

während andere Mörder

die nicht aus der Terrorismusszene kämen

in der Regel 15 bis 30 Jahre

für Mord büßen müssen


ULF schaltet das Radio wieder aus.


ULF:

Ist ja nicht zum aushalten


MICHAEL:

Und die Lottoquoten?


ULF:

Scheiß auf die Quoten

Das muss man sich mal vorstellen

da wird die begnadigt

als ob nichts gewesen wäre

da wird so eine einfach begnadigt

von unserem Herrn Bundespräsidenten

nach lächerlichen zwölf Jahren

Unsereins würde da vermodern

kein Hahn würde nach einem krähen

Und so eine wird einfach begnadigt


MICHAEL:

Von wem redest du eigentlich?


ULF:

Hast du eben nicht gehört?


MICHAEL(ärgerlich):

Ich wollte die Lottoquoten hören


ULF:

Von der Terroristin red‘ ich

die von der RAF

die begnadigt werden soll

Na wie heißt sie denn gleich noch?

Haben sie eben doch noch gesagt


MICHAEL:

Aber nicht die Lottoquoten


ULF:

Sei doch mal still

Der Name liegt mir auf der Zunge


MICHAEL:

Ist ja auch egal

hab ja sowieso

ganz andere Zahlen gehabt


ULF:

Ich hab’s Speidel

Genau

Speidel heißt die Tante

wie die Schauspielerin

kennst du doch

ist so in unserem Alter

und noch ganz gut in Schuss


MICHAEL:

Ja ja

Ich weiß wen du meinst

die Rotblonde

mit der würde ich auch gern mal

Die hätte nichts zu Lachen


ULF(nachdenklich):

Da buchten sie den Theo

für sechs Jahre ein

Muss die Zeit voll absitzen

obwohl er ein anständiger Bürger ist

Und so eine Polizistenmörderin

Terroristenfotze

kommt nach zwölf Jahren

schon wieder raus

Ich sag dir

dieses Land geht den Bach runter


MICHAEL:

Muss dir ehrlich sagen

Speidel sagt mir nicht viel

Ich meine

Speidel als Schauspielerin

Ja

Aber als Terroristin

wirklich

habe ich noch nie etwas von gehört


ULF:

Willst sie auch noch in Schutz nehmen

was?

So etwas gehört mindestens

lebenslänglich hinter Gitter

wenn nicht noch mehr

oder abgeschoben

Ich bin wirklich kein Freund der Todesstrafe

aber bei so einer

Es gibt keine Gerechtigkeit mehr

Aber ich sag dir

das wird noch viel schlimmer werden hier

Armer Theo

Der Theo hatte wenigstens einen Grund


MICHAEL:

Armer Theo

dem hat das Schicksal arg mitgespielt


Beide setzen sich.


ULF:

‘Ne Zigarette?


Er bietet ihm eine an.


MICHAEL:

Danke


ULF gibt ihm Feuer. Beide rauchen schweigend.

Nach einer Weile


ULF betrachtet seine brennende Zigarette


ULF:

Theo hat ja damit aufgehört

wegen der Kohle

Hauptsache er hat die Wohnung

nicht verkaufen müssen

So hat er wenigstens einen Platz

ein Zuhause

wenn er rauskommt


MICHAEL:

Könnt ich nie

Überhaupt Knast

würde ich nicht überleben

Dann schon eher die Kugel


ULF:

Ja ja

das sagt sich so leicht

Weißt du noch vor Gericht?

Als der Richter


er stockt


als der Richter das Urteil verkündete

Sechs Jahre ohne Bewährung

Und Theo?

Nicht einmal mit der Wimper hat er gezuckt

Das ist wahrer Charakter

Hätte ich ihm gar nicht zugetraut


MICHAEL:

Der Verteidiger ist ja auch eine Flasche gewesen

so ein richtiges Muttersöhnchen


ULF:

Der war schwul

ich sag’s dir

Hundertprozentig

Das war eine Tunte

wie sie im Buche steht

Der hat unter seiner Robe

bestimmt Strapse getragen


Beide lachen


MICHAEL:

Da kannst du Recht haben

Auf jeden Fall

war er nicht verheiratet

konnte also gar nicht mitreden


ULF:

Bist du doch auch nicht


MICHAEL:

Das ist doch etwas ganz anderes

Ich habe beide sehr gut gekannt

war sogar Trauzeuge

wenn du dich erinnern magst


MICHAEL nimmt einen kräftigen Zug.


ULF:

Und dann der Staatsanwalt

Der Staatsanwalt

eine Frau

Eine Frau

in so einem Prozess

das roch doch direkt nach Verfahrensfehler

In so einem Prozess

eine Frau

da hatte er überhaupt keine Chance

Und wie die ausgesehen hat

richtig verbittert


MICHAEL:

Wahrscheinlich hat sie lang keinen

mehr drin gehabt

die Tante


ULF:

Lesbisch

So wie die aussah

Lesbisch

Lesbierinnen erkenne ich schon auf

hundert Meter Entfernung

Die gehen irgendwie anders


MICHAEL:

Wer weiß

was die zwischen den Beinen

alles so mit sich führen


Beide lachen.

MICHAEL steht auf.


Ich hol mir ein Bier

willst du auch eins?


ULF:

Na klar

bei der staubigen Luft


MICHAEL geht in die Küche.


ULF:

Ich glaube

ich hätte es genauso gemacht


MICHAEL(ruft):

Ein kaltes oder ein warmes ?


ULF:

Kalt natürlich

Also

wenn meine Inge

mir das antun würde

ich würde genauso durchdrehen

Ist ja auch ganz normal

steht ja schon in der Bibel


MICHAEL(ruft):

Was steht in der Bibel?


ULF:

Na das mit der Ehebrecherin

wurde einfach gesteinigt


MICHAEL kommt mit dem Bier wieder.


MICHAEL(lachend):

Soviel Steine gibt es in ganz Deutschland nicht


ULF:

Da kannst du Recht haben


Beide prosten sich zu.


Also

wenn das meine Inge machen würde

ich tät‘ schon durchdrehen

Da geht man ein Leben lang schuften

für die Familie

rackert sich ab

und die liebe Ehefrau fängt ein Verhältnis an

Am besten noch mit einem Jüngeren

Weißt du

das habe ich der Inge auch gesagt

wenn sie beispielsweise


er überlegt


sagen wir mal

mit dir

etwas anfangen würde


MICHAEL macht einen erschrockenen Eindruck, fängt sich aber schnell wieder.


MICHAEL:

Wieso ausgerechnet ich?


ULF:

Ist doch nur ein Beispiel

Also nehmen wir einmal an

du und meine Inge

ihr hättet etwas miteinander

Ich meine da kann man ja drüber reden

nicht?


MICHAEL:

Drüber reden kann man

warum nicht


ULF:

Du und Inge

das wäre sogar verständlich


MICHAEL:

Also ich weiß nicht


ULF:

Warum?

Ihr kennt euch nun einmal lange

und dann ist es halt einmal

Ich betone

einmal

passiert

Nein wirklich

würde ich drüber wegkommen

Vielleicht ein paar Ohrfeigen

ein blaues Auge

im Affekt

aber das wäre es denn auch schon


MICHAEL(ängstlich):

Du würdest dich also mit ihm schlagen?


ULF:

Ach wo

Wie kommst du darauf?

Dir würde ich nichts tun

Sie bekäme ein paar hinter die Ohren


MICHAEL schaut erleichtert.


ULF nimmt einen großen Schluck und fährt dann fort


Aber bei einem Jüngeren

da würde ich ausrasten

da hätte ich kein Verständnis

Allein der Ästhetik wegen

Meine Inge und ein Jüngerer?

Nein danke

Da würde ich rot sehen

Das wäre mehr als eine Beleidigung

mir gegenüber

Ich schufte den ganzen Tag

so dass ich abends

total müde

ins Bett falle

und sie amüsiert sich mit einem Halbwüchsigen

Da würde ich rot sehen

Mal im Vertrauen

Bei ihren Hängetitten

glaub ich sowieso nicht daran

dass da noch einer spitz werden kann


er lacht.

Man merkt, dass das Thema MICHAEL unangenehm ist.


MICHAEL:

Hast du eine Ahnung

wann die kommen?


ULF:

Herbert holt ihn um drei ab

Dann will er ihm noch ein wenig

die Stadt zeigen

so zum eingewöhnen

hat sich ja auch viel verändert

in den Jahren


MICHAEL:

Ja Ja

Sechs Jahre sind eine lange Zeit

Sechs Jahre


ULF:

Lass uns mal wieder an die Arbeit gehen

damit wir fertig werden


Beide trinken ihr Bier auf "Ex" aus. Dann geht jeder wieder in das Zimmer.

Nach einer Weile kommt MICHAEL mit einem Tablett Geschirr herein.


Aus dem Nebenzimmer hört man wieder Staubsaugergeräusche.

MICHAEL beginnt den Tisch für vier Personen zu decken.


MICHAEL:

Sechs Jahre

Verdammt lange Zeit

Ich würde wahnsinnig werden

Sechs Jahre keine Frau

ganz schön hart

Gut

dass ich nie geheiratet habe

Ehefrauen bringen einen

entweder unter die Erde

oder in den Knast

Das hat schon mein alter Herr gesagt

der hat sich nicht umsonst scheiden lassen

Kann man sich heutzutage

gar nicht mehr leisten

eine Scheidung

Na ja

an mir ist der Kelch

noch einmal vorbeigegangen

Und das mit Theo

habe ich irgendwie kommen sehen

seine Frau war einfach zu selbstständig

hat auch mehr verdient als er

Das ist nie gut

wenn die Frau mehr verdient

Gibt nur unnötige Reibungspunkte

Theo hat darunter bestimmt gelitten

auch wenn er darüber nie geredet hat

Sie war einfach zu hübsch für ihn

und er zu gutmütig

Die hätte einen starken Mann gebraucht

zu dem sie hätte aufschauen können

Dann wäre das nicht passiert

Wie hatte das der Anwalt

noch so schön in seinem Plädoyer formuliert?

Er war halt der erste

der geschossen hat

wahrscheinlich hätte sie

das Opfer

einen Monat später oder so

genauso gehandelt


Er ist mit dem Eindecken fertig und bringt das leere Tablett in die Küche.

Er kommt mit einem Bier wieder.


MICHAEL setzt sich hin.


MICHAEL:

Keiner von uns hätte ihm das zugetraut

er war einfach nicht der Typ dazu

Ihm fehlte irgendwie der Ehrgeiz

das war schon in der Schule so

Wenn ich da nur an den Sportunterricht

zurückdenke

ein Versager auf der ganzen Linie

Schach spielen konnte er gut

aber sonst

Ich weiß noch

wie er das erste Mal mit dieser Frau

in unserem Stammlokal aufgetaucht ist

ganz schön gestaunt haben wir

Na ja

neidisch waren wir schon


Er nimmt einen Schluck.


Obwohl

solche Frauen habe ich auch abgezogen

aber nur für eine Nacht

Da bin ich Realist

So was kann man auf die Dauer nicht halten

Die wusste

wo es langgeht

das ist immer scheiße

Tanzt einem auf der Nase herum

und ehe man sich versieht

steht man als Blödmann da

Nee nee

ohne mich

Aber der Theo

war richtig Feuer und Flamme

hatte endlich was zum Angeben

Ist ja auch acht Jahre gut gegangen

Acht Jahre

was für ein Zeitraum

kann ich überhaupt nicht nachvollziehen

bin halt kein Gewohnheitstier

Drei Monate höchstens

und dann ist gut

wird ja auch sonst langweilig

in jeder Beziehung

Und außerdem entwickeln sich

die meisten Frauen

wenn sie verheiratet sind


Der Staubsauger wird abgeschaltet.


zu richtigen Muttertieren

richtigen Mamas

werden immer runder und runder

und ehe man sich versieht

liegt da so ein Fleischberg neben einem

Nein danke

Zum Glück gibt’s ja den Puff


ULF kommt mit dem Staubsauger ins Wohnzimmer.


ULF:

Was ist mit dem Puff?


MICHAEL:

Nichts

hab nur laut gedacht


ULF:

Gar keine schlechte Idee

Wir legen alle zusammen

und Theo kann endlich wieder

so nach Herzenslust bumsen

Was für ein Geschenk


Man merkt, dass ihn das Thema »aufgeilt«.


Du

muss ich dir unbedingt erzählen

Ich war letzte Woche wieder schauen

Eigentlich wollte ich gar nicht

wollt halt nur schauen

ob Frischfleisch da ist

War da so eine Schwarze

ich sage dir

glaube Marokkanerin

Da konnte ich nicht nein sagen

Die hat es mir besorgt

mein lieber Schwan

so etwas hast du bestimmt noch nicht erlebt

Mit den Füßen

verstehst du?

Mit den Füßen

das war der helle Wahn

Endlich mal eine

die ihr Geld wert war


Die ganze Zeit reibt er an dem Staubsaugerschlauch, so als ob er onanieren würde. MICHAEL schaut ihn amüsiert dabei zu.


MICHAEL:

Weißt du eigentlich

dass zwanzig Prozent alles Männer

es mit dem Staubsauger treiben


Erst jetzt merkt ULF, was er die ganze Zeit tut.


ULF:

Idiot

Du und deine Statistiken


Er rollt das Staubsaugerkabel auf. MICHAEL ist aufgestanden.


MICHAEL:

Willst du auch noch ein Bier?


ULF:

Na klar

bei der trockenen Luft hier


MICHAEL geht in die Küche Bier holen.


ULF:

Würde meine Inge

mit mir nie machen

mit den Füßen

Sie würde irgendwas von Kirche reden

und sich zur Seite rollen


MICHAEL kommt mit dem Bier wieder.


Weißt du

wenn Frauen erst einmal über vierzig sind

kannst du sie vergessen

Ab vierzig werden sie frigide

das liegt wohl in der Natur

Manchmal beneide ich dich richtig

Wenn man noch einmal von vorne anfangen könnte


MICHAEL gibt ihm ein Bier.


MICHAEL:

Na na na

Du wirst doch nicht auf deine Tage

melancholisch werden

Passt nicht zu dir


ULF:

Du hast gut reden


Beide setzen sich.


Betteln muss ich

Betteln

verstehst du?

Bei der eigenen Frau

Betteln

Ich habe das Gefühl

dass sie sich irgendwie rächen will

Dabei hat sie überhaupt gar keinen Grund

Da sind die Kinder

das schöne Haus

Sie hat alles

Sie bekommt alles

Sogar ihren eigenen Wagen hat sie

Das hat noch lange nicht jede


MICHAEL:

Vielleicht sind es die Wechseljahre


ULF:

Nimm sie auch noch in Schutz

Nein nein

da steckt was anderes dahinter

werde ich schon noch herausbekommen


MICHAEL:

Seit wann machst du dir so viele Gedanken?

Kenne ich gar nicht an dir


ULF zündet sich eine Zigarette an.


ULF:

Ich habe irgendwie das Gefühl

als ob mir die Zeit davonrennt

Und jetzt

wo der Theo rauskommt

Sechs Jahre war er drin

und die Zeit verging wie im Fluge

Verstehst du?

Nichts ist passiert

als ob man selber dringesessen hätte

Sechs Jahre

und man selber hat alles verschlafen


MICHAEL:

Jetzt übertreibst du aber

Du hast ein Zuhause

Familie

was willst du mehr?


ULF:

Das sagt der Richtige

Zweiundvierzig

Ledig

Dickes Bankkonto

Ungebunden

Und du willst mir die Vorzüge

einer Ehe


MICHAEL(unterbricht):

Kannst du dich noch an Babette erinnern?

Die Tochter des Tankstellenbesitzers

Wie wir beide

sie flachgelegt haben

Zusammen

Weißt du noch?


ULF(mürrisch):

Die hieß nicht Babette

Barbara oder so

Ja

daran kann ich mich noch gut erinnern

ihr habt mich nämlich nicht mitgenommen

Herbert und du


MICHAEL:

Was erzählst du da?

Du warst dabei

und nicht Herbert

Du hast dich doch noch so geziert

weil sie so direkt war

weil sie uns beide

gleichzeitig haben wollte


ULF:

Herbert war dabei

das weiß ich ganz genau

Herbert und du

Ich habe mich um Theo kümmern müssen


MICHAEL:

Was hatte denn der Theo damit zu tun?


ULF:

Als ob du das nicht mehr wüsstest

Ihr habt ihn doch noch bequatscht

dass er dazu kommen soll


MICHAEL:

Ja ja

ich erinnere mich wieder

war das ein Spaß

Wir so mittendrin

im wahrsten Sinne des Wortes

kommt Theo rein

zieht sich die Hose runter

und will mitmachen

Was macht Babette?


ULF:

Barbara


MICHAEL:

Ist doch gleich

Sie haut ihm eine runter

und sagt

Du Schwein


Er versucht »Babette« nachzumachen. Er lacht dabei.


Du Schwein

Wir sind sie feste am rammeln

und sie sagt

Du Schwein

Du Schwein

war das ein Spaß

Armer Theo

der hat vielleicht geguckt

Du Schwein

sagt sie


MICHAEL bekommt sich nicht mehr ein vor Lachen.

ULF schaut ein wenig ärgerlich.


ULF(ärgerlich):

Ist es jetzt gut

Ist es jetzt gut


MICHAEL(lachend):

Wir waren schon ein großes Team


ULF:

Ich sag es dir

zum letzten Mal

ich war nicht dabei

verstehst du?

Ich war nicht dabei


MICHAEL(ernst):

Ist ja schon gut

hab schon verstanden

Du warst nicht dabei

Waren es halt

Herbert und ich

ist doch nicht so wichtig

Und wenn du schlechte Laune hast

lass sie nicht an mir aus

Okay?


ULF(kleinlaut):

Bin in letzter Zeit

ein wenig gereizt


Er steht auf und geht zum Schrank, öffnet eine Tür (eine große Hausbar wird sichtbar) holt eine Flasche Cognac heraus und schüttet sich ein großes Glas ein.


Willst du auch einen?


MICHAEL:

Nein danke


ULF geht zum Fenster.

Er trinkt in langsamen Zügen und schaut aus dem Fenster.

Plötzlich nimmt er einen kräftigen Schluck, seine Augen werden größer.


ULF:

Komm mal her

Das musst du gesehen haben

Komm schnell

bevor es zu spät ist


MICHAEL kommt ans Fenster und schaut hinaus.


ULF:

Nicht da

Da musst du hinschauen


er zeigt mit dem Finger


MICHAEL macht große Augen.


Wahnsinn nicht?

Ist das ein Körper?

Sind das Brüste?

Pass auf

gleich bückt sie sich wieder

Das Höschen ist fast durchsichtig

Wahnsinn


MICHAEL:

Wie leichtsinnig


ULF:

Was sagst du?


MICHAEL:

Wie leichtsinnig

so die Fenster zu putzen

Sie wird noch runterfallen


ULF:

Jetzt

ja jetzt

Komm bück' dich schon

meine Kleine

Ja so ist schön

Hast du das gesehen

Wahnsinn

einfach Wahnsinn


MICHAEL:

Leichtsinnig

einfach leichtsinnig

Mit aller Seelenruhe

putzt sie die Scheiben von Außen

und das im vierten Stock


Seit wann bist du unter die Spanner gegangen?

Ich dachte

aus dem Alter wären wir raus


er wendet sich ab.


Tu was du nicht lassen kannst

Ich für meinen Teil

werde jetzt den Braten

in die Röhre schieben

es wäre schön

wenn du mir gleich

beim Zwiebelschneiden helfen könntest


Er geht in die Küche.


ULF:

Ob meine Inge

auch so die Fenster putzt?

Zutrauen würde ich es ihr

Abends die keusche Gattin

und morgens der Vamp

Unser Nachbar grinst mich in letzter Zeit

auch schon immer so komisch an

Ich sollte mir mal einen Tag frei nehmen

im Büro

einfach so gegen zehn Uhr zu Hause auftauchen

einfach so

Zweimal im Monat darf ich noch

das ist doch nicht normal

Sie wird ihren Ausgleich haben

und ich werde dahinter kommen

liebe Inge

darauf kannst du dich verlassen

und dann gnade dir Gott

Die armen Kinder

um die Kinder tut es mir leid


MICHAEL(aus der Küche):

Kommst du nun endlich

sonst werden wir nie fertig


ULF:

Komm ja schon


Er geht zur Hausbar und schüttet sich noch einen Cognac ein. Nachdenklich leert er das Glas in kleinen Zügen.


Nach einer Weile aus der Küche


MICHAEL:

Scheiße

Gottverdammte Scheiße


Er kommt in das Wohnzimmer, um einen Finger hat er ein Papiertaschentuch gewickelt, es ist blutdurchtränkt.


MICHAEL:

Ich habe mich geschnitten

nur weil du mir nicht geholfen hast

Hol mir mal ein Pflaster

aber schnell

Scheiße

Gottverdammte Scheiße

nur weil du dir

halbnackte Frauen anschauen musst


ULF sucht in den Schubladen nach Pflaster.


Hättest du vielleicht die Güte

dich ein wenig zu beeilen


ULF sucht weiter im Wohnzimmerschrank.


Wo suchst du denn auch

da findest du bestimmt nichts

Dich kann man auch zu nichts gebrauchen


Er geht in das Schlafzimmer. Unterdessen scheint ULF etwas gefunden zu haben. Er holt ein dickes Photoalbum aus einer Schublade.


ULF(murmelnd):

Sylt 1978


Er setzt sich an den Tisch und blättert fasziniert in dem Buch.


Nach einer Weile kommt MICHAEL wieder aus dem Schlafzimmer.

Um den Finger hat er einen großen Verband gewickelt. In der Tür bleibt er stehen und schaut auf ULF.


MICHAEL:

Schön

Wirklich sehr schön


ULF schreckt hoch.


Ich bin fast am verbluten

und du schaust dir in aller Seelenruhe

Bilder an


ULF:

Komm mal her

so was hast du noch nicht gesehen

Unser lieber Theo

Ja ja

stille Wasser sind tief


Interessiert setzt sich MICHAEL neben ULF.


MICHAEL:

Na dann zeig schon her


ULF:

Na zu viel versprochen?


MICHAEL:

Das grenzt ja schon an Pornographie


er blättert weiter


Hätte ich dem Theo gar nicht zugetraut


ULF:

Wie kann man nur solche Photos

von der eigenen Frau machen

und sie dann auch noch so offen

herumliegen lassen?

Ich meine

schlecht hat sie ja nicht ausgesehen

die Kleine

Kein einziges Härchen

am Körper

das hat schon was

findest du nicht?


MICHAEL zeigt auf ein Bild.


MICHAEL:

Schau mal

da

Ich meine

ich kann mich täuschen

aber ist das nicht Herbert?


ULF:

Herbert?

Herbert ist viel größer


MICHAEL:

Den mein ich doch gar nicht

der dahinten

das ist Herbert


ULF:

Mensch Michael

Du hast vollkommen Recht

das ist Herbert

Herbert und Theos Frau

hätte ich nie gedacht

wirklich

wäre ich nie draufgekommen


Aus der Küche kommen kleine graue Wolken.


MICHAEL:

Herbert

die linke Ratte

Macht bei uns einen auf biederen Ehemann

und vergnügt sich heimlich mit rasierten Frauen


ULF:

War er denn schon 1978 verheiratet?


MICHAEL:

Na klar

seit 1976

noch vor dir

Aber Theo war noch nicht verheiratet

ob er sie durch Herbert kennen gelernt hat?


ULF:

Keine Ahnung

er hat mit mir nie darüber gesprochen

Müsstest du eigentlich wissen

Du warst doch Trauzeuge


Die Rauchwolken werden größer.


MICHAEL:

Trauzeuge schon

aber nicht Beichtvater


Beide lachen


Riechst du das auch?


ULF:

Wenn ich gewusst hätte

dass der Herbert und die

dann hätte ich es auch einmal versucht

Bei so einer hätte ich keine Skrupel

auch wenn der Theo mein Freund ist

Sie war halt so ein Typ von Frau

die mehrere braucht

die gar nicht genug bekommen kann

wie die Barbara von der Tankstelle


MICHAEL:

Babette

nicht Barbara


ULF(nachdenklich):

Frauen

sind schon die größeren Schweine

Nach Außen

reden sie von Emanzipation

und im Endeffekt

wollen sie von uns

doch nur

flachgelegt werden


er nimmt ein Bild aus dem Album.


Bin mal gespannt

was Herbert dazu sagt

Freu mich jetzt schon

auf sein blödes Gesicht


MICHAEL:

Riechst du immer noch nichts?


ULF:

Nein

ich rieche nichts


MICHAEL:

Als ob es irgendwo brennen würde


ULF(lachend):

Vielleicht bei der Nackten von gegenüber


MICHAEL ist aufgestanden und schaut aus dem Fenster. Dann erst dreht er sich um. Jetzt entdeckt er die großen schwarzen Wolken, die aus der Küche kommen.


MICHAEL(entsetzt):

Der Braten

Scheiße

Gottverdammte Scheiße


Er rennt in die Küche.








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ASIN: B007WMC098    


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120 Seiten


ISBN-10: 1500425990

ISBN-13: 978-1500425999


8,00 €


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