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Herbstbesuche

 

  Eine alternde Filmdiva – gleichermaßen tyrannisch und charmant – lebt seit Jahren zurückgezogen in ihrer Pariser Wohnung. Nur die Haushälterin und der Postbote sind ihr einziger Kontakt zur Außenwelt.

   An den Rollstuhl gefesselt, schaut sie sich heimlich ihre Filme an und träumt sich zurück in ihre Vergangenheit.

   Scheinbar ahnt sie nicht, dass die Briefe, die sie täglich von einer Jugendliebe erhält, in Wirklichkeit von dem Postboten stammen.

  Das überraschende Ende lässt einen anderen Schluss zu.


Alle Rechte  bei Johannes Wierz

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Aufführung durch

Berufs- und Laienbühnen, des öffentlichen Vortrags, der Verfilmung

und Übertragung durch Rundfunk, Fernsehen und andere Medien,

auch einzelner Abschnitte.

Das Recht der Aufführung oder Sendung ist nur von Johannes Wierz zu erwerben.

Den Bühnen und Vereinen gegenüber als Manuskript gedruckt.

zu erwerben.

Den Bühnen und Vereinen gegenüber als Manuskript gedruckt.

Das Stück spielt in Paris in der heutigen Zeit.



PERSONEN:


MADAME, eine achtzigjährige ehemalige deutsche Schauspielerin


JOSEPHINE, ihr Hausmädchen


ALFONS, ein Briefträger


ZWEI MÄNNER




Ähnlichkeit mit verstorbenen oder lebenden Personen ist nicht beabsichtigt und wäre rein zufällig.


I. TEIL


1.


In einer großen Wohnung in Paris.

Ein Fenster und die Tür zu einem Nebenzimmer sind geöffnet. Aus dem Nebenzimmer hört man Geschirrklappern. Am Fenster sitzt in einem Rollstuhl MADAME.


MADAME:

Die schönsten Tage in Paris sind die Herbsttage

wenn die letzten warmen Sonnenstrahlen

sich auf die Blätter der Kastanien legen

Die Leute reden immer vom Frühling

Vom Frühling in Paris

Alles Quatsch

Der Herbst ist  die schönste Jahreszeit

nicht der Frühling


sie wendet sich zur Tür


Nicht wahr Josephine?


Aus dem Nebenzimmer


JOSEPHINE:

Ja Madame


MADAME(äfft sie nach):

Ja Madame

Dabei hört sie gar nicht zu

hat noch nie zugehört

Ja Madame

ist das einzige was sie sagen kann

Ja Madame

Manchmal aber auch ganz praktisch

dass sie nie zuhört


sie rollt zur Tür


JUJUJUJUJUJUJU

Haben Sie alles abgedeckt?


Sie hebt den Arm und dirigiert die Antwort mit


beide zusammen:

Ja Madame


JOSEPHINE:

Ja Madame

Ich verstehe es nur nicht

wo Sie doch Besuch bekommen


MADAME:

Der Besuch kann mir den Buckel runterrutschen

Josephine denken Sie nicht so viel

das schadet Ihrem Teint

Und tun Sie mir bitte einen Gefallen

Sagen Sie nicht andauernd

ja Madame

ich kann es nicht mehr hören


JOSEPHINE:

Ja Madame

aber was soll ich sonst sagen?


MADAME:

Wie wäre es mit Gnädiger Frau

oder

ehrwürdige Herrschaft


JOSEPHINE:

Aber Madame

Hier in Paris sagen die Dienstmädchen

Madame

so habe ich es gelernt

so ist es üblich


MADAME:

Josephine?

Wie lange waren Sie bei den Herrschaften

vor mir in Stellung?


JOSEPHINE:

Zwei Jahre Madame

Wieso fragen Sie?

Ist etwas nicht in Ordnung?


MADAME(zu sich selbst):

Ich muss mir gelegentlich die Telefonnummer

von den Herrschaften geben lassen

Möchte zu gerne wissen

wie die das ausgehalten haben?

Den ganzen Tag nur

Ja Madame


MADAME rollt hinüber zu einer großen Kiste, die mitten im Raum steht.


MADAME:

Josephine?

Hatte ich Ihnen nicht gesagt

Sie mögen den Projektor in den Keller bringen?

Wieso steht er immer noch da?


JOSEPHINE kommt herein


JOSEPHINE:

Aber Madame

Die Kiste ist zu schwer für mich

Allein

die ganzen vielen Filmrollen in den Keller zu bringen

war schon eine Qual


MADAME:

Dann fragen Sie einen Ihrer nächtlichen Besuche

mit denen Sie Ihr Bett

und meinen Kühlschrank teilen


JOSEPHINE:

Aber Madame


MADAME:

Rufen Sie sie an

Hopp hopp hopp

Es wird doch wohl einer darunter sein

der kein Schlappschwanz ist

so wie der junge Deutsche

der mich unbedingt besuchen will


Sie lacht


JOSEPHINE:

So dürfen Sie nicht reden

Jede Woche hat er Ihnen geschrieben

und das zwei Jahre lang


sie beginnt zu schwärmen


Es waren immer solche lieben Briefe

So warme Worte

voller Würde und Hochachtung

Ihnen gegenüber


MADAME:

Alles Quatsch

Ich habe in dem Alter

besseres zu tun gehabt

als Briefe zu schreiben

Übrigens

woher kennen Sie denn meine Briefe?

Seit wann können Sie Deutsch?


JOSEPHINE:

Aber Madame

Sie haben sie mir vorgelesen

unzählige Male

So wunderschön hat es geklungen

wenn Sie sie vorgelesen haben

Ihre Stimme war so schön

wie in Ihren alten Filmen


MADAME:

Die Betonung lag wohl gerade auf alt

wie?

Genug geschwätzt

Decken Sie weiter alles ab

und rufen Sie einen Ihrer Hengste an

einen Ihrer Deckhengste


Sie lacht und haut JOSEPHINE auf den Hintern.

Missmutig verlässt JOSEPHINE den Raum.


zu sich selbst


Kann mich gar nicht daran erinnern

ihr die Briefe vorgelesen zu haben

Sie bestiehlt mich zwar

aber gelogen hat sie noch nie


sie rollt durch den Raum


JUJUJUJUJUJU


Ich werde alt

Auch fühlt sich mein Hintern

nicht mehr so kräftig an

wie der ihre

Obwohl ich glaube

dass ihrer häufiger betatscht wurde

als der meinige

Den triebhaften Hang

der Männer zum Dienstpersonal

werde ich wohl nie begreifen


sie dreht lautstark ein paar Runden durch den Raum.

Plötzlich hält sie inne.


Die Briefe!

Mein Gott!

wo sind die Briefe?

Verlegt werde ich sie haben

Irgendwo da

unter dem weißen Stoff

Josephine?

Josephine!


sie rollt zur Tür


Josephine?

Jetzt treibt sie es schon

am helllichten Tage

dabei ist sie noch nicht einmal eine Schönheit

Die französischen Männer

sie haben keinen Geschmack

Aber wenn ich da an mein Berlin denke

werde ich heute noch rot

Um diese Uhrzeit

sind wir erst nach Hause gekommen


MADAME(nachdenklich):

Aber das Berlin

mein Berlin

gibt es ja nicht mehr

Es ist vor mir gestorben

wie vieles andere auch

Manchmal frage ich mich

was schlimmer ist

zu sterben oder übrig zu bleiben

Alles stirbt weg

Am Anfang schmerzt er

der Verlust der Freunde

Aber wenn dann keiner mehr da ist

bei dem man klagen oder trösten kann

was hat es dann noch für einen Sinn

Alles Quatsch

das mit der Trauer

Alles Quatsch und verlogen


Die Briefe mit Tinte geschrieben

auf hellblauem Papier

in länglichen Umschlägen

genügend frankiert

und per Eilboten

Der Jugend kann es nicht schnell genug gehen

Ich habe nie auf diese Briefe geantwortet

bis auf dieses eine verflixte Mal

und jetzt kommt er

auf Grund einer Höflichkeitsfloskel

Jeder normale Mensch

würde höflich mit Nein danke antworten

Er aber schreibt Ich komme


Er liebt Hölderlin

genauso wie ich

Damit hat er mich gekriegt

Meinen Hölderlin

hat er dazu benutzt

um in meine Wohnung zu kommen

Die Briefe

jetzt weiß ich wieder wo sie sind


Sie stützt sich auf dem Rollstuhl ab und holt unter ihrem Sitzkissen die Briefe zum Vorschein.

Sie betrachtet sie für einen Moment, dann legt sie den Stapel wieder zurück.


Da liegen sie gut

Da wird sie niemand vermuten

selbst Josephine wird sie nicht finden


Sie rollt zum Fenster, daneben steht ein Tisch, der mit weißem Leinen abgedeckt ist. Sie zieht das Tuch herunter, ein Grammophon kommt zum Vorschein. Sie macht es, an Enrico Caruso ist zu hören


Schallplattenapparat

Die Deutschen können sich einfach

keine schönen Namen

für schöne Dinge einfallen lassen

Sie haben einfach keinen Sinn

für das Schöne

Grammophon klingt da

schon ganz anders

und in Verbindung mit der unsterblichen Stimme von Enrico Caruso

ist es gar eine Wohltat


Sie rollt zum Fenster


Sie schaut hinaus


Meine Kastanien

sie hören gerne Musik

Enrico Caruso ist eine Abwechslung

zum ewigen gleich bleibenden Straßenlärm

Es soll jetzt sogar schon Musikapparate geben

die den Straßenlärm übertönen können

Die Anschaffung

eines neuen modernen Grammophons

wäre eine Überlegung wert

Da würden sie staunen

meine Bäumchen

wenn plötzlich

Enrico lauter wäre als der Straßenlärm

Vielleicht würden dann auch

endlich die Kinder aufhören

mit Stöcken auf die Kastanien zu werfen

Die unerträgliche Ungeduld der Jugend

Sie können es nicht abwarten

dass die Früchte von selber hinunterfallen

Meine armen Kastanien

ich kann mit euch mitfühlen

Ob ich früher auch einmal so war?

Jetzt bin ich alt

und es ist egal


Sie rollt zur Tür hinaus


JUJUJUJUJUJU

Ich bin alt



2.


Das Zimmer wie vorher. Zwei Männer heben mit Mühe die Kiste an, die in der Mitte des Raumes steht.


1.MANN:

Verdammt schwer die Kiste

Ich war einmal Leichenbestatter

im 7. Arrondissement aber so etwas


2.MANN:

Schwerer als ein Klavier

Vielleicht die Überreste ihrer Liebhaber


Beide lachen und müssen die Kiste wieder absetzen.


2.MANN:

Wenn Madame nicht im Rollstuhl

sitzen würde

ich wäre nicht gekommen


1.MANN (schwärmerisch):

Ja Madame

Alle Filme von ihr habe ich gesehen

Ein Weltstar

verstehst du?

Die sieht unsereins sonst nur im Kino

Vierzig Jahre Weltstar


2.MANN:

Und dann so eine Wohnung

in so einem Bezirk


1.MANN:

Das ist schon in Ordnung

Viele berühmte Leute haben hier gewohnt

sicher

die meisten sind weggezogen oder verstorben

Sie will sicherlich nur ihre Ruhe haben

das kann ich verstehen

Und die Wohnung?


So schlecht ist sie auch wieder nicht

Ich finde die Wohnung passt zu ihr

Schade nur

dass sie im vierten Stock liegt

So kommt sie viel zu selten an die frische Luft


MADAME kommt hereingerollt


MADAME:

JUJUJUJUJUJU


Genug gequatscht

An die Arbeit meine Herren

Vom Quatschen bekommt man keine Kinder

und von mir noch nicht einmal ein Bier


Sie haut einem der beiden Männer auf den Hintern.

Beide schauen verblüfft.


Schöne pralle Hinterteile

da steckt Energie drin

Also los jetzt!

Eine Kleinigkeit

die Kiste für so starke Männer

Und wenn ihr brav seid

dürft ihr meine Beine sehen

Deshalb seid ihr doch nur gekommen

Meine Beine

die wolltet ihr sehen


Sie lacht.

JOSEPHINE erscheint in der Tür.

Die beiden Männer nehmen die Kiste und tragen sie hinaus.


JOSEPHINE:

Die schönsten Männer von Paris

nicht wahr Madame?

Solche Männer

haben Sie mir nicht zugetraut


MADAME:

Quatsch

Alles Quatsch

Neugierig waren sie

wie all die anderen auch

das ist alles

Sie wollten nur einmal sehen

wie so ein Weltstar lebt

wo er wohnt

so ein ehemaliger Weltstar

wie weit er schon heruntergekommen ist

Ohne Schminke

ohne Kostüm

und ohne Licht

Nur mal sehen

wie so eine von nahem aussieht


So genug geredet

schieben Sie mich ins Badezimmer

Es ist an der Zeit

dass ich mein Bad nehme


JOSEPHINE rollt MADAME hinaus.


Nach einer Weile kommen die beiden Männer wieder


1.MANN:

Gut, dass es nur eine Kiste gewesen ist

Eine zweite wäre über meine Kräfte gegangen


2.MANN:

Hast du es gesehen

Ein ganzes Museum hat sie da im Keller


Das muss ein Vermögen wert sein

Ich muss Josephine gleich einmal fragen

ob Madame noch Verwandte hat

mit denen sollten wir uns in Verbindung setzen

Wenn die Alte einmal abkratzt

und so lange kann das ja nicht mehr dauern

sollten wir uns um die Entrümpelung kümmern

das kann uns ein Vermögen einbringen


1.MANN:

Das wirst du gefälligst bleiben lassen

versündige dich nicht

Wie kannst du so über Madame reden


2.MANN:

Du mit deinem Anstand

mit deiner Moral

Wie weit hat dich das gebracht

mein Freund?

Du bist arbeitslos


1.MANN:

Und du

deine skrupellose Habgier

hat dich nicht viel weiter gebracht


2.MANN:

Ich habe Pech gehabt

das ist alles


JOSEPHINE kommt mit ein paar Flaschen Bier herein.


1.MANN:

Josephine

Du bist ein Engel


Sie gibt beiden eine Flasche Bier. Der 2.MANN nimmt sie in seinen Arm.


2.MANN:

Na

willst du nicht mal heute Abend

auf ein Gläschen bei mir vorbeikommen?

Wir hätten bestimmt viel Spaß miteinander


JOSEPHINE:

Den Spaß kann ich mir schon vorstellen

aber ich bin mit Alfons verabredet

Madame wollte es so


2.MANN:

Madame Madame

Jetzt bestimmt die Alte auch schon dein Privatleben

Es ist kaum zu glauben


1.MANN:

Sei still

du bist ja nur eifersüchtig


2.MANN:

Eifersüchtig?

Auf Alfons? Auf Alfons den Briefträger?

Dass ich nicht lache


1.MANN:

Josephine

Hör nicht auf sein Geschwätz

Seitdem auch er arbeitslos ist

ist er nicht mehr zu ertragen

Alfons ist ein netter Kerl

vielleicht ein wenig sonderbar

aber wer ist das nicht?


Er berührt eines der weißen Laken


Wenn Ihr noch einen Anstreicher braucht

Ich habe Zeit

Ich mache das wirklich gerne


JOSEPHINE(lacht):

Aber nein

Hier wird nicht tapeziert

Das ist nur

weil Madame Besuch bekommt


1.MANN:

Besuch?


JOSEPHINE:

Ja

Jemand aus Deutschland


1.MANN:

Und wieso deckt sie alles ab?


2.MANN:

weil sie krank ist

Verstehst du?

Plemm Plemm


JOSEPHINE:

Madame hat sicherlich ihre Gründe dafür


2.MANN:

Gründe Gründe

Die Frau ist nicht normal

Den Bäumen spielt sie Musik vor

und ihre Möbel deckt sie mit Tüchern ab

Das ist doch nicht normal

Vielleicht sollte man sie in ein Heim geben

Auf jeden Fall sollten wir die Verwandten benachrichtigen

Wenn Josephine mir die Adresse gibt

schreibe ich gern ein paar Zeilen


1.MANN:

Die Zeilen kann ich mir vorstellen

Komm jetzt

Wir müssen bei Madame Ossard noch den Garten machen


Er nimmt ihn am Arm


zu JOSEPHINE


Danke für das Bier

Und bestell Madame

einen schönen Gruß von uns

Bis bald


Beide verlassen das Zimmer Der 2.MANN taucht noch einmal kurz im Türrahmen auf


(grinsend)

Und du hast heute Abend wirklich keine Zeit?


JOSEPHINE(böse):

Nein






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