In einer Nebenstraße

 

    Erster Tag




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Zweiunddreißigster Tag



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Hundertfünfundachtzigster Tag


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               Dreihundertsechsundsechzigster Tag


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                Siebenhunderteinunddreißigster Tag


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ERSTER TAG


1.


Es war ein kühler Spätsommermorgen, als der achtzigjährige Schreinermeister Frederik mit seinem Reisigbesen die Gosse von ersten welken Blättern befreite. Immer wieder richtete er sich auf, hielt sich am Besen fest und betrachtete sein zweistöckiges Haus, Lohn eines harten, über sechzigjährigen Arbeitslebens.

In der Mansardenwohnung brannte bereits Licht. Rainer Demuth war nach ihm der erste, der um Punkt 6.00 Uhr aufstand, wie jeden Tag. Pflichtbewusst vom Scheitel bis zur Sohle, dachte Herr Frederik nicht ganz ohne Wehmut, denn seine Tochter, die über ihm wohnte, war mit ihren fünfundvierzig Jahren immer noch nicht verheiratet. Rainer Demuth war einundfünfzig, ledig und Chefprogrammierer der größten Versicherung der Stadt, die erst vor kurzem von einem schweizerischen Konsortium aufgekauft worden war. Er trank nicht, rauchte nicht und führte auch sonst ein unauffälliges, solides Leben.

Frederik paffte genüsslich an seiner Zigarre, eigentlicher Grund seines frühmorgendlichen Tuns. Letztlich konnten die Blätter in der Gosse und auf dem Gehsteig meterhoch liegen, doch auf seine morgendliche Zigarre, diese ungestörte blaue halbe Stunde eines beginnenden Tages, wollte er auf keine Fall verzichten. Im ganzen Haus, eingeschlossen Garten und Vorgarten, herrschte striktes Rauchverbot. Seine Frau, deren Schlafzimmer nach hinten heraus ging, hätte dieses Verbot am liebsten auf die ganze Stadt ausgedehnt. Zum Glück schlief sie noch, was dem anbrechenden Tag einen Hauch von Freiheit verlieh.

In der kleinen Nebenstraße, die von einer größeren, zweispurigen Straße abzweigte, befanden sich auf Herrn Frederiks Seite achtundzwanzig Häuser, auf der Gegenseite sechsunddreißig, meist zwei- bis dreistöckige Mietshäuser, mit Ein- bis Dreizimmerwohnungen. Die schöneren Häuser mit gepflegten Vorgärten und adrettem Fassadenanstrich: das war seine Seite. Aber mittendrin in dieser Idylle von Gartenzwergen, Silberkugeln und grünlackierten Fensterläden klaffte ein großes Loch. Hier hatte über hundert Jahre lang eine große Schreinerei gestanden, die ein Bulldozer in zwei Tagen abgerissen und Platz für mindestens acht Häuser geschaffen hatte: ein Millionenvermögen, in einer nach Wohnraum lechzenden Stadt.

„Beste Wohngegend, vor allem wo ihre Schreinerei nicht mehr da ist. Der zukünftige Herr Bräutigam ist wirklich zu beneiden“, hatte ihm der Notar gesagt, als er den Schriftsatz aufsetzte, der Frederiks Tochter im Fall ihrer Heirat als Alleinbegünstigte für das Grundstück bestimmte.

Da immer noch kein Mann in Sicht war, musste zweimal im Jahr eine Gartenbaukolonne anrücken, um das plattgewalzte Grundstück von meterhohem Unkraut zu befreien.

Zu seiner Zeit, dachte Herr Frederik, hätten die Männer Schlange gestanden, um bei ihm um die Hand seiner Tochter anzuhalten. Aber die Zeiten hatten sich geändert. Sicher war sein einziges Kind nicht gerade eine Schönheit, aber hätte das früher irgendjemanden interessiert? Damals spielten im Leben ganz andere Werte eine Rolle. Heutzutage dagegen, ja, da musste alles grell und ausgefallen daherkommen, schick musste es sein. Das hatte er nicht zuletzt am eigenen Leib zu spüren bekommen.

Auf der großen Hauptstraße, die den Stadtteil hier durchtrennte, hatte es einst acht Gaststätten gegeben. Und jede von Ihnen hatte Herr Frederik als Besitzer der Schreinerei gern besucht, es war seine Art der persönlichen Kundenbetreuung gewesen. Mit Kaffee und einem Likör, meist einem Kosakenkaffee, hatte er am unteren Ende im Lindenhof angefangen und spät am Abend im Lachenden Eck mit einer Frikadelle und einem letzten Bier aufgehört.

Während der Ölkrise in den siebziger Jahren hatte das große Kneipensterben begonnen, was zur Folge hatte, dass die vielen kleinen Brauereien der Stadt fusioniert hatten und am Ende nur noch eine große mächtige Brauerei übrig geblieben war - die wiederum ein paar Jahre später von einer größeren Aktienbrauerei geschluckt wurde. Aus den restlichen vier Gaststätten mit warmer Küche hatten sich zwei in dubiose Studentenkneipen verwandelt, deren äußeres Erkennungszeichen darin bestand, dass die Fenster mit brauner Farbe überstrichen waren. Allerdings stieg zeitgleich die Nachfrage nach unbehandelten Hölzern niedriger Wahl, am besten noch mit Rinde und vielen Astlöchern, so dass Frederik seinen Betrieb um eine Holzhandlung erweitert hatte.

Wegen der Studenten, die plötzlich die Hauptstraße bevölkerten, hatten zwei Metzgereien, fünf Einzelhandelsgeschäfte, der Schuster, die Glaserei, drei Bäckereien, ein Hut- und Schirmmacher, die Schneiderei und das Fotogeschäft mit eigenem Atelier schließen müssen. Die leerstehenden Geschäfte erfuhren dann rasch die übliche Verwandlung, äußeres Kennzeichen: braungestrichene Fenster.

Bis es Ende der siebziger Jahre auf der Hauptstraße acht neue Kneipen, fünf Trödelläden und zwei Fotokopierläden gab.

Für Herrn Frederik waren nur zwei Lokale übrig geblieben, in denen er - auch er erlag den Veränderungen - einen Schoppen Wein trank und dazu ein Käsebrot mit daumendickem Gouda verzehrte, auf dessen stumpfer gelblicher Oberfläche in der Mitte wie ein aufgebahrter Leichnam eine Salzstange gelegen hatte, berieselt mit Neuschnee aus Rosenpaprika. Herr Frederik hatte es geschafft, auf zusätzlichen drei Zwiebelringen zu bestehen, die Anfang der achtziger Jahre schon nicht mehr selbstverständlich waren.

Jetzt, zwanzig Jahre später, gab es überhaupt keine bürgerliche Kneipe mehr, in die er sich setzen konnte. Dafür gab es zwei Bäckereiketten mit Bistrobereich und zwei Kebabbuden und einen Gyrosimbiss, in denen man einen alten Mann wie ihn gern als Gast bediente.

Während sich alles in der Welt pausenlos veränderte, hatte Herr Frederik das Gefühl, dass in seinem Haus alles beim Alten geblieben war. Sämtliche Möbel, mit Ausnahme der Küche und des Fernsehschranks, waren aus den fünfziger Jahren. Auch die möblierte Wohnung, in der sein Mieter lebte, war aus dieser Zeit.

„Ich mag es solide“, hatte Rainer Demuth bei der Besichtigung gesagt und für zwei Monate im Voraus die Miete bezahlt, obwohl es in den engen Räumen so stickig war, als ob dort jahrelang nicht mehr gelüftet worden wäre. Dafür war selbst in der Küche alle vorhanden: Töpfe, Geschirr und Besteck. Sogar ein Abtropfsieb stand auf der Ablage der Keramikspüle.

„Sie müssen nicht selbst kochen“, hatte Herr Frederik Herrn Demuth nicht ohne bestimmte Absichten zum Einzug gesagt, „meine Frau und meine Tochter sind ausgezeichnete Köchinnen.“

Dabei hatte er wie zum Beweis seinen gewaltigen Bauch herausgestreckt. In all den Jahren, in denen Demuth nun in diesem Haus wohnte, hatte er dieses kulinarische Angebot jedoch kein einziges Mal für sich in Anspruch genommen. Aber auch die eigene Küche schien der Untermieter nicht zu nutzen, denn in dem Hausmüll, den Demuth einmal die Woche unten in die Mülltonne warf, befanden sich seltsamerweise keinerlei Essensreste.

Die Zigarre war bis zur Hälfte herunter geraucht, da öffnete sich unten die Tür, und Demuth verließ, zusammen mit seinem dunkelgrauen Herrenrad, das Haus. Die dünnen rötlichen Haare zur Seite gekämmt, die frischpolierten Brillengläser, die seine Augen riesengroß erscheinen ließen, auf der Nase. Der braune Anzug sowie das blaue Hemd mit brauner Krawatte, ließen ihn als Einzelgänger erscheinen, der keinerlei Modetrends unterlag.

Herr Frederik grüßte freundlich, winkte mit seiner glimmenden Zigarre und wünschte einen guten Tag, während Demuth damit beschäftigt war, den Schlag seiner Hose, den eine Bügelfalte akkurat durchzog, auf die Seite zu legen, um die Fahrradklammer anzulegen. Wie jeden Morgen klingelte er einmal und fuhr mit gleichmäßigen Tritten auf die Hauptstraße zu.

Herr Frederik paffte weiter an seiner Zigarre und stützte sich auf den Besenstil. Dabei beobachtete er den Zeitungsboten, der nun endlich auch sein Haus erreicht hatte.

„Mal wieder spät dran, was?“, nuschelte Frederik mit der Zigarre im Mund. Der Bote hingegen grüßte freundlich im Vorbeigehen, als hätte er ihn nicht verstanden.

Herr Frederik stellte den Besen zwischen die Mülltonnen, richtete seinen Schreinerkittel und begab sich Richtung Hauptstraße, auf der der Berufsverkehr inzwischen zugenommen hatte. Die Hände auf dem Rücken schlenderte er paffend die Straße hinunter. Er ließ sich Zeit dabei, denn vor 7.00 Uhr würden die Großbäckereien ihre Filialen nicht beliefert haben.

Früher, ja früher, da konnte er um 5.30 Uhr bei seinem alten Freund Blum durch die Hintertür in die Backstube gehen und sich ein warmes Brötchen aus dem handgeflochtenen Weidenkorb nehmen, dachte er während seines Spaziergangs.

„Handwerk hat goldenen Boden“ stand auf der Stickerei, die neben dem großen Backofen hing. Die Keramikverschlüsse der Bierflaschen ploppten und man prostete sich zu. Sechs Angestellte hatte der Blum und das in nur einer Bäckerei.

Wahrlich, goldene Zeiten. In der Schreinerei Frederik hatten in den sechziger Jahren bis zu achtundvierzig Menschen gearbeitet. Er selbst stand damals seiner Innung vor und war Mitglied der Industrie- und Handelskammer gewesen. Lehrlinge, Gesellen, bis zu acht Leute wohnten in seinem Haus. Nichts hatte er ihnen dafür berechnet, sie mussten nur ab und zu an den Wochenenden die Werkstatt aufräumen und die Firmenwagen putzen. Für den damals ansässigen Fußball- und Handballverein hatte er die Trikots bezahlt und für die Renovierung der Kirche einige große Scheine in den Klingelbeutel gelegt. All das hatte er nie an die große Glocke gehängt. Nein, er war eher ein Mann der leisen Töne. Es sei denn, es wurde Karten gespielt oder auf der Kegelbahn Runden ausgeworfen. Auch im Männergesangsverein hatte er mit seinem kräftigen Bass so laut werden können, dass die Tenöre irritiert zu ihm herüber schauten und der schwäbische Chorleiter Schäufle mit seinem Stöckchen, das Frederik in seiner Schreinerei von Hand angefertigt hatte, abklopfen musste. Der Blum und der Schäufle, was hatten die saufen können: standfest bis zur Haustür. Und wenn dann noch der Metzgermeister Tarnat für eine Lokalrunde sein künstliches Auge auf den Tisch gelegt hatte - worauf die Bedienung jedes Mal ihr Tablett fallen ließ - war die Stimmung kaum noch zu bremsen gewesen.

Versunken in seine Erinnerungen, schritt Herr Frederik, die Hände auf dem Rücken, paffend die Hauptstraße entlang und atmete den herrlichen Duft seiner Zigarre ein.


*


Rainer Demuth ließ sein Fahrrad auf dem großen Parkplatz vor dem Versicherungsgebäude ausrollen. Wie an jedem Arbeitstag war er eine Viertelstunde zu früh. An einem dafür vorgesehenen Gitter sicherte er mit einer schweren Eisenkette sein Fahrrad und betrat über die große Granittreppe den gewaltigen Verwaltungskomplex. Der Empfang mit seinen vielen Kontrollmonitoren war unbesetzt. Auf dem dritten von links konnte er sich in einem blaugrauen Licht über den polierten Marmorboden gehen sehen. Eine gefährlich glatte Oberfläche, auf der schon so manche weibliche Mitarbeiterin ausgerutscht war. Wie gut, dass er sich mit Haftungsfragen nicht auseinanderzusetzen hatte. Er betrat den Aufzug und holte einen Schlüssel aus seiner Hosentasche, der mit einer versilberten Kette an der Gürtelschlaufe gesichert war, und steckte ihn in das Schloss. Dann drückte er auf den blinkenden Knopf. Mit einem leichten Ruck setzte sich der Aufzug in das dritte Untergeschoss in Bewegung, zu dem nur wenige autorisierte Personen Zutritt hatten.

„Hier sitzt das Herz der Versicherung“, wie sein Vorgesetzter immer zu sagen pflegte, wenn er Mitglieder des Vorstandes durch die unendlich scheinenden Gänge führte. Vorbei an Panzerglaswänden hinter denen sich klobige Kästen befanden, an denen kleine Diodenlampen in verschiedenen Farben flackerten. Seinem Vorgesetzten sowie den oft wechselnden Mitgliedern des Vorstands, die nicht die geringsten Kenntnisse besaßen, wie so ein komplexer Rechner funktionierte, und nur das große Ganze im Augen hatten, gaben diese kleinen blinkenden Lämpchen das Gefühl, dass im Herzen ihres Konzerns auch gearbeitet wurde. Eine der größten Rechneranlagen des Landes als Herz zu bezeichnen, wäre sicherlich eine philosophische Betrachtung wert gewesen, aber Demuth dachte nicht daran, sich von solchen Gedanken aufs Glatteis führen zu lassen. Tatsache war, dass er jeden Tag achteinhalb Stunden in einem Tiefkeller verbringen musste, der weder Tageslicht noch Außenluft hereinließ.

In der Anfangszeit hatte er sich oft in den Weltraum geträumt, wenn er die neonlichtdurchfluteten, endlos scheinenden Gänge der Versicherung durchschritten hatte. Aber das lag nur daran, dass er im Kino einen Film von Stanley Kubrik gesehen hatte. Die Abende verbrachte er immer zu Hause. Er liebte es, alle Fenster seiner Mansardenwohnung zu öffnen, in den Sternenhimmel zu starren, ohne dabei wirklich Wesentliches zu denken. Über die Antenne seines Weltempfängers empfing er auf Kurzwelle Signaltöne, die so schwach klangen, als kämen sie vom anderen Ende der Welt.

Rainer Demuth betrat sein Büro, das einem Irrtum gleichkam. Jede Toilette, selbst die Abstellkammern des Reinigungspersonals, waren größer, in diesem gigantischen Koloss aus Stahl, Beton und Glas, der mehr als achthundert Menschen einen Arbeitsplatz bot. Als Chefprogrammierer stand ihm eigentlich das große Glasbüro - von allen nur Aquarium genannt - am Ende des Mittelgangs gegenüber dem Aufzug zu. Aber nichts war ihm mehr zuwider, als beobachtet zu werden. Im Unscheinbaren lag seine Kraft. Fast immer wurde er bei internen Feiern, wie Geburtstagen oder Ausständen, einfach in seiner Kammer vergessen, was er durchaus nicht als unangenehm empfand. Er konnte dem Kollektiv an aufgesetzter Fröhlichkeit nichts abgewinnen. Freunde hatte er unter den Kollegen sowieso nicht, mit Ausnahme vielleicht von Patzek. Mit Patzek hatte er immerhin schon mehre Male den Kantinentisch geteilt. Auch war er einmal dessen Einladung gefolgt, mit ihm einen Freitagabend zu verbringen. Aus reiner Neugier hatte er die Bitte nicht ausgeschlagen und war mit ihm von einer Kneipe in die nächste gezogen, bis man letztendlich in einem Klub gelandet war, in dem die Mädchen leicht bekleidet waren und außer Champagner nichts zu sich nahmen. Demuth war sich auch an diesem unsäglichen Abend treu geblieben und hatte nur stilles Wasser getrunken, obwohl der Preis dafür um ein vielfaches höher war als anderswo. Hinzukam, dass in dieser Lokalität das stille Wasser direkt aus dem Wasserhahn abgefüllt wurde. Er hatte es mit Gleichmut genommen. Patzek aber hatte Champagner bestellt und gleich zwei zierlichen Osteuropäerinnen an den Hintern gepackt und war anschließend mit den Damen hinter Glasperlenvorhängen verschwunden. Demuth hatte keinerlei Interesse an dieser Art von Unterhaltung gezeigt. Eine Stunde später war Patzek in Unterhosen und in Begleitung eines kräftigen, hochgewachsenen Albaners wieder aufgetaucht und hatte ihn um Hilfe gebeten. Demuth sollte ihm für einen kurzen Moment die Kreditkarte leihen, was er auch ohne Zögern getan hatte. Am Ende des Monats stand es schwarz auf weiß auf seinem Kontoauszug: Patzek war ihm tausendfünfhundert Euro schuldig.

„Mensch Alter, ich steh fest in deiner Schuld“, hatte Patzek zu ihm gesagt. Er hatte nur stumm genickt und ihn beim Wort genommen. Eine innige Umarmung, sogar Küsse rechts und links auf die Wange und das Versprechen, solch einen tollen Abend doch alsbald zu wiederholen, folgten. All das erinnerte ihn jetzt an das große Rundschreiben der Geschäftsleitung von Anfang Oktober, in dem es hieß, dass man in diesem Jahr auf das Weihnachtsgeld verzichten müsse, dafür aber Vorzugsaktien zum halben Preis erwerben könne.

„In weniger als zehn Jahren bin ich Millionär“, hatte Patzek gesagt und ihm voller Stolz seine Zeichnungen präsentiert. Demuth hingegen hatte als einer der wenigen Mitarbeiter des großen Versicherungskonzerns keine Aktien erworben.

Demuth schaute auf die Uhr, die exakt 7.00 Uhr anzeigte, der Tag konnte also beginnen. Ähnlich ging es dem achtzigjährigen Herrn Frederik, der seinen Gang längs der Hauptstraße beendet hatte und nun mit einer Tüte industriell hergestellter Brötchen und zwei Schnäpsen intus, den Heimweg antrat. 7.00 Uhr zeigten auch die großen Zeiger der Normaluhr an der Bushaltestelle. In diesem Moment war seine Frau - zehn Jahre jünger als er -aufgestanden, hatte die Fenster und die Holzläden geöffnet und zu den Klängen von Max Greger mit lächerlichen Rumpfbeugen, Hals- und Beckenkreisungen begonnen. Sieben Minuten würde dieses alltägliche Ritual dauern, dann würde er die Haustür aufschließen und wie all’ die Jahre zuvor den sinnentleerten Satz „Ich bin wieder da!“ in den Hausflur schmettern.


*


Gegen 9.00 Uhr morgens ging ein Grunzen, Schnaufen und ein Gestampfe durch das ganze Haus. Der Kristallleuchter im Wohnzimmer wackelte leicht. Ein sicheres Zeichen dafür, dass jetzt auch die Tochter des Hauses aufgestanden war.

Herr Frederik fand sich im ledernen Ohrensessel wieder. Er musste eingeschlafen sein. Krampfhaft versuchte er sich zu erinnern. Er hatte die Wohnung betreten und war in die Küche gegangen, um die Brötchen in den Frühstückskorb zu schütten. Ab da wusste er nichts mehr. Sollte er wegen so einer Kleinigkeit seinen Hausarzt Dr. Gutewohl kontaktieren? Hatte er ihm doch in die Hand versprochen, ihn bei jeder noch so kleinsten Veränderung zu unterrichten. Er versuchte sich aufzurichten, aber eine Zentnerlast drückte ihn nach unten.

„Du hast wieder geraucht, und getrunken hast du auch“, hörte er seine Frau aus der Küche keifen. Seltsamerweise klang die Stimme viel gedämpfter als sonst, so als würde er bei der Kreissäge Schutzhörer tragen. Warum ist sie nur so geworden? Wie oft hatte er sich diese Frage gestellt. Mehr als fünfzig Jahre waren sie nun verheiratet, hatten Freud und Leid geteilt. Das schwere Drüsenfieber des Sohnes, drei Jahre hatten die Ärzte gegen seinen Tod gekämpft und gewonnen. Wie oft waren sie nachts angerufen worden und sofort ins Krankenhaus gefahren. Albert war das ein und alles der Mutter. Wenn er stirbt, verlasse ich dich! Warum sagt das eine Frau ihrem Mann gegen halb drei Uhr morgens auf einem kalten Krankenhausflur? Hatte er etwa diese heimtückische Krankheit erfunden? Damals schon hatte er den Eindruck gehabt, dass seine Frau mit dem Schicksal haderte - also auch mit Gott - und es stellvertretend an ihm ausließ. Warum stand er nicht einfach auf, ging in die Küche und haute mit seiner gewaltigen Schreinerpranke auf den Tisch. Er versuchte mit der rechten Hand eine Faust zu machen, aber sie gehorchte nicht mehr.

Frau Frederik hatte in einem gefütterten rosa Morgenmantel - von dem sie auch noch einen in hellblau und in lindgrün besaß - ihr Frühstück beendet. Der Platz gegenüber war leergeblieben. Dieser eigensinnige, sture Bock, dachte sie, aber wer nicht will, der hat schon. Sie stand auf und räumte den Frühstückstisch ab. Ein kurzer Blick auf die Küchenuhr verriet ihr, dass es Zeit war, mit der häuslichen Arbeit zu beginnen.

Nachdem alles wieder an seinem Platz war, entdeckte sie, wie jeden Morgen, die Brötchenkrümel auf der Wachstuchtischdecke. Es steckt eine Absicht dahinter. Es kann gar nicht anders sein, dachte Frau Frederik. Es bereitet ihm ein höllisches Vergnügen jeden Morgen frische Brötchen auf den Tisch zu stellen. Dabei wußte er doch genau, wie sehr sie Krümel hasste. Auf dem Küchentisch nahmen sie ihren Anfang, fielen auf den Linol boden, blieben an den Kleidern hängen und wurden durch das ganze Haus getragen. Mit Schrecken dachte sie an die bevorstehenden Wintermonate, wenn im ganzen Haus wieder eingeheizt werden würde. Dann konnte sie sich wieder doppelt und dreifach schlagen, um dem Staub wieder Herr zu werden.

Mit einem trotzigen Kopfschütteln wischte sie die Wachstuchtischdecke mit dem Zwiebelmuster ab, zog sich den weißen Haushaltskittel an und füllte den ersten Eimer mit heißem Wasser und einer Kappe Allzweckreiniger, der nach Limone roch. Frau Frederik schaute auf die offene Tür zum Wohnzimmer.

Albert war der Erstgeborene und hatte im Haus viele Spuren hinterlassen. Die Schwangerschaft seiner Frau hatte Herr Frederik in schöner Erinnerung. Es gab kaum eine Nacht, die er nicht in der Schreinerei verbracht hatte. Eine Wiege war das erste, was er für ihn mit eigener Hand zusammengezimmert hatte. Es folgte Holzspielzeug jeglicher Art, darunter ein Hampelmann, ein Schaukelpferd, eine Arche Noah mit mehr als dreihundert verschiedenen Tieren, ein Tretroller, ein Westernfort. Erst als Albert in die Schule gekommen war, ließen Frederiks nächtliche Aktivitäten in der Werkstatt nach, was zur Folge hatte, dass ein Jahr später Hildegard das Licht der Welt erblickte.

Die Erschütterung über ihm hatte nachgelassen. Seine Tochter hatte also mit den unsäglichen Gymnastikübungen aufgehört, die ohnehin außer Krach nichts brachten. Bei dem Übergewicht bedurfte es ganz anderer Aktivitäten. Aber Herr Frederik hatte längst aufgehört sich in die Angelegenheiten seiner Tochter einzumischen. Ein zweites Mal versuchte er jetzt, aus dem ledernen Ohrensessel hochzukommen, aber wie er sich auch anstrengte, es gelang ihm nicht.


*


Den ganzen Morgen hatte Rainer Demuth allein in seiner Kammer verbracht, ein paar Befehlszeilen in den Rechner eingegeben und auf ein erstes Resultat gewartet. Die Adressverwaltung und das individuelle Kundenprofil waren die Achillesferse des Versicherungskonzerns. Bei der Masse an Kunden würde es seiner Meinung nach ohnehin unmöglich sein, Dateien zu erstellen, die einen schnellen individuellen Zugriff gewährleisten könnten. Kinder wurden geboren. Ehen geschieden. Leute starben. Einige zogen in größere Wohnungen, andere verkleinerten sich oder waren unbekannt verzogen. Von oben hieß es immer nur: Fassen Sie mal alle Singles zusammen, mit dem und dem Jahreseinkommen, wohnhaft in der und der Stadt, in dem und dem Stadtteil, mit der und der Autoklasse ...!

Die Daten von heute, waren die Irrtümer von morgen, das war Demuths persönliche Meinung.

Ohne Anzuklopfen stand Patzek mit einem dampfenden Kaffeebecher in der Tür.

„Na, altes Haus, hab’ dir eine Stärkung mitgebracht!“ grinste er und stellte ihm einen Becher auf den Tisch.

Demuth nahm unbedarft einen Schluck, obwohl er es hätte riechen müssen. Der Whisky brannte in seinem Rachen.

„Sind Sie verrückt geworden?“ brach es aus Demuth heraus.

„Immer noch Du Arschloch. Aber Spaß beiseite, heute in der Mittagspause ist doch das große Meeting, da will man doch gestärkt hineingehen, oder?“ witzelte Patzek und zündete sich eine Zigarette an, obwohl es verboten war.

Warum ziehe ich so einen Menschen an? Was habe ich an mir, dass ausgerechnet der mir meine Zeit stehlen muss? dachte Demuth.

„Was ich dich noch fragen wollte, kann ich vielleicht ein paar Wochen bei dir wohnen, mit meiner Freundin läuft es gerade nicht so gut.“

„Wie bitte?“ Demuth konnte so viel Dreistigkeit kaum fassen.

„Soll auch nicht dein Schaden sein!“ versprach Patzek mit einem Vertreterlächeln.

Deine Anwesenheit ist Schaden genug, dachte Demuth und wandte sich wieder seiner Arbeit zu.

„Wenn es dir nichts ausmacht, bring ich dir gleich meine Koffer. In meiner Abteilung schauen schon alle wie blöde und bei dir stören sie ja nicht“, sagte Patzek und verließ für einen kurzen Moment die Kammer, um gleich darauf mit zwei großen Schalenkoffern wieder hereinzukommen.

„Wo soll ich sie hinstellen?“ fragte er und begriff aber sofort die Lächerlichkeit seiner Frage angesichts des winzigen Raumes. So zuckte er nur mit den Schultern und nahm den fast vollen Kaffeebecher mit zurück in sein Büro.

Zum Glück war Patzek gegangen. Doch sein billiges süßes Rasierwasser und der Whisky hatten den kleinen Raum so in Beschlag genommen, dass Demuth nichts anderes übrig blieb, als aufzustehen und die Tür zu öffnen, was aber nicht so einfach war, musste er doch zuvor die beiden sperrigen Koffer überwinden.

Demuth vertrat sich ein wenig die Beine, ging den Gang auf und ab und schaute durch dicke Glasscheiben auf die Schreibtische und die Rücken seiner Kollegen. Jedes Mal, wenn er an einem der Fenster vorbeigekommen war, hatte er das Gefühl, als würden die Mitarbeiter ihm hinterherschauen. Unauffällig drehte er seinen Arm nach hinten und tastete mit der Hand seinen Rücken ab. Es wäre nicht das erste Mal, dass Patzek ihm ein Schild mit einer anzüglichen Aufschrift auf die Jacke geklebt hätte. Das geilste Schwein vom Sparverein, prangte einmal während einer Präsentation in der Vorstandsetage auf dem Jackett seines besten Anzuges. Zum Glück hatte er sich kein einziges Mal während seiner Ausführungen umdrehen müssen. Erst beim Abbauen des Overheadprojektors hatte ihn die Sekretärin Frau Kluge darauf aufmerksam gemacht. Sie war die einzige Frau, die er kannte, der eine leichte Röte ins Gesicht stieg, wenn die Arbeitskollegen sie Fräulein nannten. Von Patzek wusste er, dass sie immer ihre Tage hatte, wenn eine Betriebsfeier oder der obligatorische Ausflug bevorstanden. Auch ging Gabriele Kluge nie allein in den unübersichtlichen Aktenkeller, sondern nahm immer einen Lehrling oder Praktikantin mit. Für Patzek war es daher unmöglich, bei ihr mal Einzulochen, wie er sich auszudrücken pflegte.

„Lade sie doch mal zum Essen ein oder geh mit ihr ins Kino“, war Demuths Rat gewesen, um endlich seine Ruhe zu haben, obwohl er damals schon wusste, dass sie einem solchen Angebot nie zustimmen würde.

„Da kann ich ja direkt ins Puff gehen“, war Patzeks missmutige Antwort gewesen.

Nachdem Rainer Demuth zweimal den langen Flur auf und ab gegangen war, kehrte er in sein Büro zurück. Eine verschlüsselte Nachricht lag auf dem Desktop seines Computers. Gabriele Kluge hatte ihm geschrieben und ihm mitgeteilt, wo sie ihre Mittagspause verbringen würde.


*


Die Lauge war schwarz, als Frau Frederik den Feudel auswrang. Was für ein Schmutz, und der nur vom Küchenboden. Was sollte bloß im Winter werden? Für einen kurzen Moment überlegte sie, ob sie nicht die Küchenschränke von innen wischen sollte. Dann öffnete sie beherzt die Türen des Hängeschrankes. Der Monat war zwar noch nicht vorüber, aber heute war ihr einfach danach. Obwohl zierlich in Person wuchtete sie als erstes die hohen Stapel an unterschiedlichen Tellern aus dem untersten Fach und verteilte die Porzellanpyramiden über den ganzen Küchentisch. Dann nahm sie die Tassen, Brettchen und kleinen Schüsseln in Angriff.

In der Wohnung darüber schaltete die Tochter im Bad den Fernseher ein, bevor sie ihren opulenten Körper in die Duschkabine quetschte. Einen Spalt der Schiebetür ließ Hildegard auf, um ja nicht die Folge einer ihrer Lieblingsserien zu verpassen. Zwar lief diese Krankenhausserie schon in der dritten Wiederholung. Aber sie fand es immer wieder schön, mit Patienten, Ärzten und Krankenschwestern mitleiden und sich freuen zu können. Ihre milchige Haut verschwand fast zur Gänze unter dem Seifenschaum, den sie mehr als großzügig über ihren massigen Körper verteilt hatte. Zumindest an den Stellen, die sie mit ihren kurzen Armen erreichen konnte. Zudem plagte sie eine krankhafte Kurzatmigkeit, die es ihr verbot, sich zu bücken. Ihre gewaltigen Brüste, die schwer auf dem Bauch lagen, standen für einen Blick nach unten auf die Füße ohnehin im Weg. So konnte sie sich im Intimbereich nur blind waschen. Sie war von jeher ein kräftiges Kind gewesen. Schon als kleines Mädchen hatte der Vater sie mit in die Schreinerei genommen, anstatt sie mit Gleichaltrigen im Kindergarten spielen zu lassen. Das ganze Gelände mit seinen Werkstätten, Hallen und Kellern war für sie ein großer Abenteuerspielplatz gewesen. Jeden Tag gab es etwas Neues zu entdecken. Nur von den schweren Maschinen und dem Raum, in den die Holzspäne über ein ausgeklügeltes Rohrsystem geblasen wurden, musste sie sich fernhalten. Ansonsten hatte der Vater ihr freie Hand gelassen. So hatte sie, - schon bevor sie in die Schule gekommen war -, so geschickt mit Hobel und Beitel umgehen können wie manch ein Lehrling im Betrieb nicht. Auch die Säcke mit dem Abfallholz hatte sie stemmen können, wie ein Geselle. In der Schule war sie mit Abstand das kräftigste Kind gewesen, was sie am zweiten Tag auch gleich unter Beweis gestellt hatte. Ihr Sitznachbar, ein Junge mit Stoppelhaar-Frisur, hatte lautstark verkündet, dass er neben so einer dicken Kuh nicht sitzen wolle, worauf der Junge von ihr so eine Abreibung bekommen hatte, dass er im Krankenhaus zweimal genäht werden musste. In den Turnstunden war sie als erste in die Mannschaft gewählt worden, wenn es darum gegangen war, mit einem Medizinball die gegnerische Gruppe durch einen Körpertreffer zu dezimieren. Wenn sie den schweren, mit Holzwolle gefüllten Lederball geworfen hatte, war keiner lange auf seinen Beinen geblieben. Kegeln, hatte sie das genannt und breit gelächelt. Ihr lückenhaftes Gebiss war der Beweis dafür gewesen, dass sie sich gerade von den letzten Milchzähnen getrennt hatte. Doch zur Verwunderung aller Familienangehörigen hatten die anderen Zähne einfach nicht nachrücken wollen.

„Bei ihr geht es eben anders herum“, hatte der Vater in Anbetracht ihrer Körpergröße gesagt und kein weiteres Aufsehen darum gemacht. Die Mutter hingegen hatte mit ihr dann doch besorgt einen Zahnarzt aufgesucht, nachdem sie ihren elften Geburtstag gefeiert hatte. Der Doktor hatte zunächst nur die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und sofort ein paar Fotos gemacht, die heute noch in vielen zahnmedizinischen Lehrbüchern abgebildet sind. Ihr tägliches Frühstück, Brot mit Butter und obenauf eine dicke Schicht Kristallzucker, war ihr zum Verhängnis geworden.

Die zweiten Zähne waren schon im Ansatz ihres Entstehens kariös und nicht mehr zu retten gewesen. Der Vater hatte im Gegensatz zur Mutter nur gelacht, den schweren Wonneproppen auf seinen Schoß genommen und gescherzt, dass sie jetzt eine medizinische Berühmtheit wäre. Dass ihr schmerzhafte Operationen bis ins Erwachsenenalter bevorstanden, hatte er ihr vorenthalten. Immer optimistisch nach vorne blickend, das war seine Natur, und sie bildete sich bis heute ein, gerade diese Charaktereigenschaft von ihm geerbt zu haben. Überhaupt fiel es ihr schwer, den Tränen freien Lauf zu lassen. Wenn sie nach einer Rauferei mit einem Jungen voller Blessuren aus der Schule heimgekommen war, hatte sie ein unbekanntes prickelndes Gefühl dabei empfunden, an ihren offenen Wunden herumzuspielen. Später in der Pubertät, als kein Junge sich mehr in ihre Nähe getraut hatte, hatte sie die Rasierklingen des Vaters für sich entdeckt. Aber das war bis heute ihr großes Geheimnis.



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