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Jakob

 

Alle Namen und Charaktere in diesem Buch

sind erfunden, und jede Ähnlichkeit

mit lebenden oder verstorbenen Personen

ist rein zufällig.


Alle Rechte bei Johannes Wierz



Für J. & J. & J. & R.



Prolog

Der erste Satz ist der schwerste, hat Jeremias gesagt und recht behalten. Zu viele Gedanken sind im Kopf, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll. Wenn ich die Augen schließe, ist es genauso, wie Jeremias es beschrieben hat. Es summt und brummt, als würden Tausende von Hummeln und Bienen in meinem Kopf wohnen. In meinem ganzen Leben bin ich nicht einen Tag allein gewesen. Heute, zwei Tage vor der Zeugnisausgabe, habe ich es gewusst. Anstatt der Schulsachen habe ich ein paar Klamotten und Dinge, die man für eine Reise braucht, in den Rucksack gepackt. In der Nacht habe ich das Sparschwein mit einem Handtuch umwickelt und mit dem Hammer aus Mamas Werkstatt den Inhalt befreit. Die großen Münzen habe ich in die Hosentasche gesteckt und die Scheine in den Brustbeutel, den ich für das Zeltlager bekommen habe. Sie werden ohne mich nach Dänemark in See stechen. Meine Stimme wird am Lagerfeuer fehlen und es wird weniger Fisch zum Essen geben, denn ich bin ein guter Angler. Der beste.

Wenn man verschwinden will, muss man Spuren hinterlassen, hat Jeremias gesagt und ich habe mich daran gehalten. Ich habe das Fahrrad am Bahnhof abgestellt und abgeschlossen. Anschließend bin ich die Bahnhofstraße hinuntergegangen, an unserem Haus vorbei. Mama hat im Laden gestanden und einen Kunden bedient. Ich bin weitergegangen. Niemandem bin ich aufgefallen. Eine Kreuzung weiter habe ich für einen Moment Halt gemacht, weil ich geglaubt habe, eine Stimme hätte mich gerufen. Aber da ist nichts gewesen. So bin ich ich weitergezogen bis zum Wasser.


1. Tag


„Seit wann vermissen Sie den Jungen?“, will der leitende Beamte wissen, der sich als Hauptkommissar Jensen vorgestellt hat.

„Das habe ich doch alles schon am Telefon gesagt. Der Junge heißt Jakob und ist seit heute Nachmittag überfällig!“

Renate knibbelt nervös an den Fingern und ist versucht, sich ein paar Ecken der Nägel abzubeißen.

„Wie alt ist der Junge?“

„Das habe ich doch alles schon am Telefon geklärt. Jakob ist vierzehn und wird im Dezember fünfzehn Jahre!“

„Er hat doch sicherlich Freunde.“

„Hören Sie, ich habe sie alle angerufen. Die halbe Klasse, mehr als er wirklich Kontakt hat.“

„In zwei Tagen gibt es Zeugnisse, könnte es nicht sein...“

„Kein Thema“, unterbricht Renate den Beamten. „Da ist etwas passiert, das spüre ich!“

„Ich werde Ihnen jemanden vorbeischicken“, sagt Hauptkommissar Jensen und ist froh darüber, selbst keine Familie zu haben.

„Was für Massnahmen werden Sie einleiten?“

„Die Streifen in der Stadt und im Kreis sind bereits informiert. Geben Sie mir ein aktuelles Bild von dem Jungen, damit wir es an die Kollegen verteilen können.“

„Der Junge hat einen Namen. Er heißt Jakob!“

Renate ist wütend. Nicht nur auf den Beamten, sondern auch über ihre Hilflosigkeit.

„Sie haben noch einen Sohn?“

„Ja, Jonas. Jakobs Zwillingsbruder.“

„Kann ich ihn mal sprechen?“

„Jonas, kommst du bitte runter!“

„Mann, was ist denn jetzt schon wieder“, ruft eine Stimme von oben.

Jonas kommt gelangweilt die Treppe herunter und gähnt.

„Scheint dich nicht sonderlich zu interessieren, dass dein Bruder vermisst wird“, stellt Hauptkommissar Jensen fest und macht sich Anmerkungen in seinem kleinen Notizbuch.

„Wahrscheinlich sitzt er drüben im Kino und schaut sich nen Zeichentrickfilm an“, erwidert Jonas.

„Der Junge hat so gar keine Ähnlichkeiten mit...“

„Jakob“, unterbricht Renate den Beamten, „die Zwillinge sind nicht eineiig.“

„Mein Bruder schon, ich nicht“, zischt Jonas dazwischen.

„Hattet ihr Streit, dein Bruder und du?“, will Hauptkommissar Jensen wissen.

„Mit dem Opfer? Zur Zeit ist der zu nichts zu gebrauchen. Hat sich in ein Mädchen aus der Zehnten verguckt, der Spasti. Die hat ihn nicht mal mit dem Arsch angeguckt, den Zwerg.“

Jonas ist auf der letzten Stufe der Treppe stehengeblieben und schaut leicht genervt auf den Polizisten herab.

„Du sollst nicht so über deinen Bruder reden“, erwidert Renate und kämpft gegen die Wut und die Tränen.

„Dann werde ich mal wieder“, sagt Jonas und tapst auf Strümpfen die Treppe hinauf.

„Er ist in einem schwierigen Alter“, entschuldigt sich die Mutter.

„Und Jakob nicht?“, will Hauptkommissar Jensen wissen.

„Er ist noch irgendwo kindlicher!“

„So, so“, murmelt der Beamte und macht sich weiter Notizen.


„Ich bin Jakob, vierzehn Jahre alt, und habe beschlossen mein Leben zu ändern. Niemand weiß etwas davon und ich denke, die Dinge erst einmal aufzuschreiben, ist eine gute Idee.

Gegenüber dem Eisladen gibt es ein Schreibwarengeschäft, das Ende des Monats für immer schließen wird. Hier hat Mama mir den ersten Füller und eine Schultüte gekauft, die ich aber affig fand. Ich habe einen Zwillingsbruder, der Jonas heißt, der jünger ist als ich, aber jetzt schon einen Kopf größer. Körperlich soll er mir ein Jahr voraus sein, so Mama zu irgendwem am Telefon. Dafür lacht er wie ein Kleinkind und ist fast an jeder Körperstelle kitzelig. Meine Mama ist die älteste Mutter bei den Elternsprechtagen. Darüber klagt sie manchmal. Sie ist schon fünfundfünfzig Jahre und seit der Einschulung von Jonas und mir geschieden. Papa wohnt mit seiner jungen Freundin in der Vorstadt ist aber selten zu Hause, da er in China ganze Städte plant und baut.

Im Schaufenster habe ich die schwarze Kladde gesehen. So eine wie sie Jeremias besessen hat. Jeremias ist Schriftsteller und vor fünf Jahren in unser aller Leben aufgetaucht, bis er von einem Tag auf den anderen verschwunden gewesen ist.

„Jeremias kommt nicht mehr“, hat Mama gesagt und die Schlafzimmertür hinter sich zugeschlagen. Mein Bruder hat blöde gegrinst und die Hand aufgehalten. Wir hatten gewettet und ich habe verloren.

Ohne ein Wort habe ich Jonas den Fünfziger in die Hand gedrückt, denn er ist ein schlechter Gewinner. Auf seine Sprüche habe ich sowieso keine Böcke gehabt. Das Geld hat mir nicht weh getan, aber dass Jeremias einfach weg ist, ohne sich zu verabschieden.

„Sei froh, dass der weg ist“, hat Jonas gesagt. Aber ich bin nicht froh gewesen. Ich habe an meine Einschulung und an Papa gedacht, der plötzlich auch nicht mehr da gewesen ist.

Erwachsene treffen Entscheidungen und wir Kinder haben uns damit abzufinden. Sie schauen einen dabei so ernst an, dass man sich nicht traut Fragen zu stellen. Dabei habe ich so viele Fragen.

„Glaube mir, es ist besser so“, hat Mama gesagt und später im Schlafzimmer geweint. Dass war bei Papa so und bei Jeremias nicht anders. Das verstehe ich nicht. Mädchen sind ohnehin komisch und manchmal sehr nervig. Ist man cool, laufen sie einem die Bude ein und wollen alles von einem. Wenn ich mal was will, bin ich sofort der Looser.

Jonas legt sich nicht fest. Er ist zu allen nett und immer fein raus.

„Wenn du sie magst, dann sag es ihr“, hat Jeremias mal zu mir gesagt. Das hat mir eingeleuchtet und Kraft gegeben, aber am Ende bin ich der Dumme gewesen. Denise ist ohnehin ein blöder Name. Sie geht in die Zehnte und hat eine klasse Figur. Sie raucht heimlich in der Pause. Und abends im Stadtpark auch mal Haschisch. Die Jungs aus ihrer Klicke fahren alle schon Autos. Einen Monat lang habe ich Denise jeden Tag ein Gedicht geschickt. Wunderschöne Liebesgedichte, die leider nicht von mir sind. Jeremias hat sie an Mama geschrieben. Jetzt liegen sie auf dem Boden eines großen Weidenkorbs, der in Mamas Schlafzimmer steht. Darüber sind Bettzeug und Decken gestapelt. Dabei brauchen Gedichte Luft zum atmen, hat Jeremias gesagt. Ich habe sie abgeschrieben und an der ein oder anderen Stelle leicht verändert. Denise sieht nun mal anders als Mama aus. Wenn ich älter wäre und nicht ihr Sohn, würde ich mich in Mama verlieben. Sie ist eine tolle Frau und ihr Lachen ist immer ansteckend. Nur wenn sie traurig ist, sieht sie so müde  und fast wie Oma aus. Ich hoffe, dass sie nicht traurig ist, dass ich nicht mehr da bin. Aber sie hat ja noch Jonas, der ihr ohnehin ähnlicher ist als ich. Sagen alle. Der Jonas kommt ganz auf die Mutter, sagen sie, und ich auf den Vater. Dabei kennen die meisten meinen Vater überhaupt nicht. Die meiste Zeit des Jahres ist er in China und plant dort Städte für Millionen von Menschen. Wenn er hier ist, hat er meist Kopfschmerzen, liegt mit einem feuchten Waschlappen auf der Stirn im Bett bei geschlossenen Jalousien. In der Doppelhaushälfte am Rande der Stadt teilen Jonas und ich uns ein Zimmer unter dem Dach. Zum Glück müssen wir nicht so oft bei unserem Vater übernachten. Jonas ist eine Nachteule und ständig online. So bleibt mir nichts anderes übrig, als mit Sonnenbrille und Kopfhörer ins Bett zu gehen. Zum Glück haben wir Zuhause jeder ein eigenes Zimmer.

Jetzt sitze ich am Wasser und die Sonne ist kurz davor, hinter dem Deich zu verschwinden. Die letzten Segelboote fahren in den Yachthafen hinein.

Die „Andoria“, ein Motorboot aus Bremen fährt heute noch nach Hamburg. Ich habe gefragt, ob sie mich mitnehmen. Der Mann war erst dagegen, aber die Frau war nett und hat mir eine Limo geschenkt und heimlich genickt.


„Sag ihm bitte, dass er mich zurückrufen soll. Sein Sohn ist verschwunden, geht das in dein Spatzenhirn!“ Renate beendet mit einem Knopfdruck die Verbindung. „Die Neue“ von ihrem Ex hat sie von Anfang an nicht leiden können. Besonders, wenn sie mit Erziehungsvorschlägen daher kommt.

„Bitte misch dich nicht in die Erziehung unserer Kinder ein“, wie oft hat sie das dem Püppchen gesagt, die jetzt mit ihrem Ex die Doppelhaushälfte am Rande der Stadt bewohnt. Fast zwanzig Jahre jünger ist sie, wie lächerlich ist das denn. Und dann die ständige Drohung mit eigenen Kindern. Der Ex wird sich hüten, noch mehr Kinder in die Welt zu setzen. Der Ex hat seine Hobbys und die kosten. Im Grunde hat er sein Junggesellenleben nie aufgegeben.

Renate ist in den Garten gegangen und hat sich mit zittriger Hand eine Zigarette angezündet. Heute ist es ihr egal, wenn sie Jonas dabei erwischen würde. Die Polizisten, die da gewesen sind, werden sie sicher für eine hysterische Kuh halten. Sollen sie ruhig. Zwei oder dreimal würden sie heute bestimmt noch auf dem Kommissariat anrufen. Dieser Jensen hat bestimmt keine Kinder, sonst hätte der nicht so gleichgültig reagiert. Ohne Druck werden die ohnehin nichts machen.

„Jakob komm bitte nach Hause“, sagt Renate leise und inhaliert den letzten Zug an der Zigarette.


„Was halten Sie von der Sache?“, fragt Hauptkommissar Jensen die Kollegin Schmidtbauer im Wagen.

„Der Junge ist gerade Mal vier Stunden überfällig. Klarer Fall von allein erziehender Mutter. Die Kinder sind ihr ein und alles. Dafür lebt sie und gibt alles andere auf“, erwidert Monika Schmidtbauer und legt den Sicherheitsgurt an.

„Das aus ihrem Mund!“

„Na, wenn es wahr ist. Die Frau hat ein eigenes Geschäft. Eine sechs Tage Woche und zwei Kinder in der Pubertät. Was bleibt da noch vom Leben. Das Unerfüllte wird in die lieben Kleinen projeziert.“

„Hoffentlich ist es keine sexuelle Sache!“ Hauptkommissar Jensen zündet sich eine Zigarette an und starrt aus dem Fenster.

Jeder im Polizeipräsidium kennt Jensens Geschichte. Zwei Jahre ist es her, da haben Kollegen seinen zehnjährigen Neffen hinter dem Deich gefunden. Er ist das fünfte Opfer des Maskenmörders gewesen, der im letzten Jahr gefasst worden ist und endlich vor Gericht steht.

„Wenn der Junge bis morgen nicht zurück ist, nehmen wir uns sein Zimmer vor. Und sorgen Sie bitte dafür, dass jede Streife im Umkreis ein Foto von dem Fahrrad des Vermissten bekommt.“

Die Kollegin nickt, weiß aber, dass ihr Chef mit seinen Gedanken ganz woanders ist.


Renate sitzt in der Küche und schaut auf die große Uhr, deren Zeiger sich einfach nicht schnell genug bewegen wollen. Normalerweise würde sie jetzt schon seit zwei Stunden im Bett liegen. Denn um fünf Uhr klingelt ihr Wecker. Mit Kaffee und ein paar Tabletten würde sie schon über die Nacht kommen.

Zum wiederholten Mal drückte sie eine Nummer. Die „Neue“ ihres Ex hat wahrscheinlich den Stecker gezogen. Renate wählt das Handy des Vaters ihrer Kinder an.

„Der Teilnehmer ist zur Zeit nicht erreichbar“, wiederholt eine Stimme in zwei Sprachen.

Leise geht Renate die Treppe hinauf und öffnet die Tür zu Jonas Zimmer. Der Junge schläft. Neben ihm auf dem Kissen das aufgeschlagene Laptop, das blau schimmert. Renate klappt es zu und stellt es auf den Tisch.

Jakobs Zimmer kommt ihr dunkler vor, obwohl die gleichen Lampen brennen, wie bei seinem Bruder. Sie setzt sich aufs Bett und riecht an der Bettwäsche und dem Schlafanzug. Renate schließt die Augen und streicht Jakob über den Kopf, der ihr jetzt so nah ist.


Das Ehepaar hat mich in Blankenese an Land gelassen. Während der Fahrt habe ich mich zweimal mit dem Mann und viermal mit der Frau fotografieren lassen. Auf einem Foto sind wir zu dritt drauf.

„So einen könntest du auch haben“, hat die Frau immer wieder zu ihrem Mann gesagt, der sich die Kapitänsmütze tief ins Gesicht gezogen hat. Ich habe zum Abschied gewunken und die Frau hat mir zugerufen, dass ich jederzeit wieder mitfahren könnte. 

Ich bin noch eine Weile sitzen geblieben und habe auf der anderen Seite des Wassers den Cranzer Hauptdeich gesehen, einen der Lieblingsplätze meiner Mutter. Ein kleiner langgezogener Strich, weit weg, als läge er am anderen Ende eines Meeres. Mit der Abendsonne habe ich mich auf den Weg gemacht, ohne zu wissen wohin.


Das Telefon piept seit Minuten. Jonas ist wach geworden und macht sich auf die Suche. In Mamas Schlafzimmer unter der Bettdecke findet er das Telefon.

„Hallo, ich weiß nicht wo Mama ist. Ich bin Jonas, der Bruder von Jakob“, sagt Jonas und gähnt. „Natürlich hat mein Bruder ein Smartphone. Ob ich die Nummer habe, logo!“


Jensen reicht der Kollegin die Nummer herüber.

„Vielleicht haben wir ja Glück.“

„Wenn der Junge wirklich abgehauen ist, wird er das Handy ausgeschaltet haben. Andernfalls hätten wir einen Anhaltspunkt“, erwidert Monika Schmidtbauer und telefoniert mit dem zuständigen Kollegen.

„Ich weiß, wie spät es ist. Sie sind nicht der einzige, der jetzt noch arbeiten muss!“

„Morgen früh bitte ich die Hamburger Kollegen um Amtshilfe und am Nachmittag wenden wir uns an die Presse“, sagt Jensen müde und schüttet sich einen Whisky in einen Pappbecher.

„Wollen Sie auch einen?“

„Nein, danke, ich muss noch fahren.

„Dass die Mutter noch nicht angerufen hat.“

Jensen und Schmidtbauer grinsen, als kurz darauf das Telefon klingelt.

„Nein, es gibt von unserer Seite nichts neues. Wir haben nur die Handynummer ihres Sohnes für eine Standortfeststellung benötigt, warten Sie, es klingelt gerade auf der anderen Leitung.“ Monika Schmidthuber legt das Telefon beiseite und schnappt sich den anderen Hörer. „Ja, danke für die schnelle Hilfe.“

„Sind sie noch dran?. Hören Sie, das Smartphone ihres Sohnes Jakob muss in ihrem Haus sein, könnten Sie es bitte für uns suchen!“


„Jakob, ich weiß, dass du da bist“, ruft Renate durchs Haus und dreht sich dabei wie ein Derwisch im Kreis. So hat Jonas seine Mama noch nie gesehen.

Renate steigt über die Ausziehtreppe auf den stickigen Speicher. Aber da ist Jakob nicht. Sie öffnet in der ersten Etage alle Schränke und schaut selbst hinter den Duschvorhang. Von Jakob fehlt jede Spur. Renate geht in den Keller, ins Lager und in die Werkstatt.

„Jakob, ich weiß, dass du da bist!“ Aber sie erhält keine Antwort. 


Ich habe Hunger und ein bisschen Heimweh. Die Süssigkeiten, die ich in meinen Rucksack gesteckt habe, sind längst gefuttert. Jetzt einen riesen Burger mit einer doppelten Portion Pommes. In Blankenese gibt es bestimmt keinen Burger King oder McDonald‘s. Ich weiß nicht, wie weit ich von hier bis Hamburg brauche. Am Bahnhof kenne ich mich aus. Da haben die Läden die ganze Nacht auf. Aber bis dahin muss ich etwas essen. Ich bin runter ans Wasser und habe die Angel ausgepackt. Wäre doch gelacht, wenn ich aus der Elbe keinen Fisch ziehen würde.  

„Morgens beißen sie besser“, sagt ein alter Mann, der sich neben mich setzt und mir eine Zigarette anbietet.

„Ich bin erst vierzehn!“, sage ich, aber das scheint dem Bärtigen egal zu sein.

„Mit Frauen, Zigaretten und Alkohol kann man gar nicht früh genug anfangen“, sagt er und rasselt wie ein Schlossgespenst. 

Aus Höflichkeit paffe ich eine mit. Dann gerät die Schnur an meiner Angel unter Spannung und ich hole einen seltsamen Fisch aus dem Wasser, den ich nicht kenne. Das Gesicht sieht aus, wie von einem Comiczeichner gemalt. Besonders die Nase ist auffällig. Ich habe nie zuvor bei einem Fisch eine Nase gesehen.

„Das ist ja auch der Nasenfisch“, sagt der Mann und schmeißt ihn wieder ins Wasser. Ich glaube ihm kein Wort und ärgere mich, dass ich das Smartphone nicht mitgenommen habe. Jonas hätte ganz schöne Augen gemacht, wenn ich ihm das Bild von dem Fisch gepostet hätte.

„Glaub mir Junge, der Fisch ist ungenießbar und hat fiese Gräten“, sagt der alte Mann und kramt in seinen Taschen herum. „Ein guter Angler hat immer vorgesorgt!“

Er holt zwei gelbe Dosen zum Vorschein. Sardinen in Öl steht auf dem Deckel. Mit so großem Hunger schlinge ich die Sardinen herunter, dass er mir seine Dose auch schenkt.

Jetzt ist mir schlecht und der alte Mann überredet mich etwas von dem Zeug zu trinken, dass er in einer kleinen Metallflasche aufbewahrt, die er aus der Brusttasche zieht. Das Zeug schmeckt fürchterlich und brennt im Mund und im Rachen. Dafür gehen die Bauchschmerzen weg und ich werde albern. Über jeden Mist kann ich lachen. Bildet sich beispielsweise eine Luftblase am Schwimmer der Angel, kann ich nicht anders als laut los zu prusten. Der alte Mann lacht auch und klopft mir auf die Schultern.

So sitzen wir stundenlang an der Elbe, schauen auf ein schwarzes Wasser und unsere Angeln, an denen kein Fisch mehr anbeißen wird.

„Auch Fische schlafen“, sagt der Mann und ich muss sofort wieder lachen, weil ich mir einen Fisch vorgestellt habe, der einen bunten Frotteeschlafanzug mit „Findet Nemo“ Motiven darauf hat.


„Ich habe das Handy gefunden“, ruft Renate in den Hörer.

„Sie wissen schon, wie spät es ist“, erwidert Jensen, der im Grunde nichts anderes erwartet hat.

„Es geht doch um Jakob!“ Renate kämpft mit den Tränen. Die Müdigkeit hat sie längst abgestreift.

„Versuchen Sie den heutigen Tag so normal wie möglich zu gestalten. Schicken Sie Ihren anderen Sohn in die Schule, geben Sie ihm bitte eine Entschuldigung für Jakob mit und öffnen Sie Ihr Geschäft, als wäre nichts gewesen.“

„Ich weiß nicht!“

„Tun Sie mir bitte den Gefallen. Gegen zehn Uhr morgens werde ich bei Ihnen sein!“

Jensen legt das Telefon beiseite und starrt aus dem Fenster. Zum Glück regnet es nicht.

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