Marlene

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1. Kapitel


Ankunft


Marlene liegt auf dem Bett und lächelt. Sie hat einen schönen Traum gehabt. Das rosa Stoffschwein, das in ihren Armen liegt, scheint es ähnlich ergangen zu sein, denn es lächelt auch.

„Das Schwein lächelt immer“, sagt die Mutter mit einem Vorwurf in der Stimme. Aber sie hat keine Ahnung, weil es einfach nicht stimmt. Das rosa Stoffschwein hat einen Namen, aber den sagt die Mama nie.

„Du bist erwachsen“, sagt die Mutter, „Erwachsene brauchen keine Stofftiere!“

Was für ein Unsinn, denkt Marlene. Sie hat eine Biografie eines bekannten Regisseurs aus dem letzten Jahrhundert gelesen, der mit einem Stoffaffen zusammengelebt und ihm sogar Briefe geschrieben hat.

Sie hat alle seine Filme gesehen: Der Tiger von Eschnapur, M - eine Stadt sucht einen Mörder bis zu den Mabuse Filmen, die sie am meisten beeindruckt haben.

Kind, jung, erwachsen, alt, damit kann sie überhaupt nichts anfangen. Das Leben ist ein Abenteuer, das jeden Tag neu beginnt.

„Aus Erfahrung wird man klug“, hat die Großmutter gesagt.

Warum?

Stimmt doch nicht!

Manchmal muss man Dinge wiederholen, bis sie klappen.

Wie oft ist sie vom Fahrrad gefallen, hat sich die Knie aufgeschlagen. Während die Eltern entsetzt die Arme in die Höhe gerissen haben, ist sie wieder aufgestanden, um einen nächsten Versuch zu starten. Marlene ist immer wieder aufgestanden, bis sie es geschafft hat, geradeaus zu fahren.

Aber so ist es mit allen Dingen. Sie spielt gerne Klavier, obwohl es ihr niemand beigebracht hat. Sie tanzt gerne wie eine Ballerina und singt wie eine Opernsängerin.

Dennoch ist sie hier und dazu verurteilt an die weiße Decke mit dem blinkenden Rauchmelder zu starren. Langeweile, was für ein zähes Wort.

„Mannstoll!“, haben Großvater und Onkel im Chor gesagt. Dabei sind sie es doch gewesen, die sie an Stellen berührt haben, die ihr unangenehm gewesen sind.

Mannstoll hat sie gegoogelt und bei der Erklärung nichts Böses entdecken können. Ja, sie liebt Jungs, vor allem, wenn sie schöne Augen haben und nett sind. Arschlöcher erkennt sie auf hundert Meter. Manchmal auch an ihrem Parfüm.

Zusammen mit dem rosa Stoffschweinchen an die Decke zu starren, fühlt sich gut an.

Wir haben denselben Traum gehabt, gibt es etwas Schöneres?

Die Stunde nach dem Frühstück ist zäh wie ein Kaugummi. Ausgestreckt auf dem Bett liegt sie da und starrt an die Decke. Gleich muss sie wieder zur Schwimmgymnastik, Stoffmalerei und zu all dem anderen Stuss, der nur ablenkt. Marlene ist fast Ende zwanzig und wird immer noch wie ein Kind behandelt.

„Ha-ha-haste mal ne Zigarette“, kommt Markus ins Zimmer gestürmt.

„Kannst du nicht anklopfen? Ich hätte nackt sein können“, erwidert Marlene ohne den Blick von der Decke zu lassen. „Jeden Tag das Gleiche. Du weißt genau, dass ich nicht rauche!“

„Ich muss sie all-all-alle fragen. Darf kei-kei-keinen vergessen!“ Dann ist Markus wieder verschwunden.

Marlene hört, wie er in das nächste Zimmer stürmt.

„Ha-ha-haste mal ne Zigarette!“

„Tür zu!“, ruft Marlene ihm nach, ohne eine Reaktion zu bekommen. Sie rollt sich aus dem Bett und schlurft zur Tür.

„Tür zu!“, ruft Gabi aus dem Nachbarzimmer.

„Ha-ha-haste mal ne Zigarette!“

Markus ist längst eine Tür weiter.

Marlene geht zum Fenster, das mit Kaninchendraht geschützt ist.

„Damit keine Vögel in dein Zimmer fliegen“, hat die Mutter gesagt und damit zum wiederholten Mal bewiesen, was für eine schlechte Lügnerin sie doch ist.

Ein Krankenwagen steht vor der Aufnahme. Zwei Pfleger schieben einen Mann mit bandagiertem Kopf aus dem KTW. Er hat einen melierten Dreitagebart und lässt ihn für Marlene wie einen Abenteurer erscheinen.

Zurück auf dem Bett träumt sie sich in den hintersten Winkel des Dschungels von Neuguinea. Sie hört die Lock- und Warnrufe der Papageien und der anderen Paradies- und Wildvögel, deren Namen sie nicht kennt. Zusammen mit dem Abenteurer schlagen sie mit großen Macheten eine Schneise in den Urwald.

Was suchen sie?

Marlene überlegt einen Moment.

Ja, natürlich! Einem Schatz sind sie auf der Spur. Dafür müssen sie die verborgene Stadt finden, die seit über tausend Jahren einem Dornröschenschlaf erlegen ist. Das Tropenhemd des Abenteurers weist überall dunkle Schweißflecken auf. Ab und an dreht er sich um. Seine stählernen blauen Augen dringen tief in Marlenes Seele. Sie könnte tanzen vor Freude, wäre da nicht der Tiger, der plötzlich aus dem Unterholz springt und sich zwischen sie stellt. Der Abenteurer hält den Zeigefinger vor den Mund. Marlene gehorcht, nimmt ihren ganzen Mut zusammen und bringt keinen Ton heraus. Langsam geht der Abenteurer auf das gewaltige Raubtier zu. Es ist der stählerne Blick, der den Tiger zu Boden zwingt. Er rollt sich demütig auf den Rücken und ergibt sich dem Abenteurer.

Marlene steigt in ihrem rosa Kleid tänzelnd über das Tier, das keinen Mucks von sich gibt und lässt sich in die starken Arme des Abenteurers fallen. Der melierte Bart gibt einen Mund frei, der zum Küssen bereit ist. Wie zwei Magnete kommen die Münder aufeinander zu. Was für ein...

„Schwimmgymnastik!“, ruft eine Stimme, die für den Bruchteil einer Sekunde, den Kopf in das Zimmer steckt.

Hoffentlich hat sie nicht gesehen, wo meine Hände waren, denkt Marlene und verzieht den Mund. 

„Wir bekommen einen Neuzugang“, sagt die Pflegerin mit den unzähligen Piercings im Gesicht und der seltsamen Frisur: auf der einen Seite Stoppelhaar, auf der anderen ein Zopf, zu der Kollegin, der Zweimeterfrau.

„Wird gerade unten untersucht. Das ganze Programm. Soll vom Dach gefallen sein, nachdem man ihm in den Kopf geschossen hat!“

„Seit wann sind wir für das Gemüse zuständig?“, fragt die Zweimeterfrau.

Marlene ist vor dem Schwesternzimmer mit ihren Badesachen stehengeblieben und lauscht. Ob die beiden von dem Abenteurer reden?

„Du weißt doch wie die Langbein ist, die will die ganze Welt retten!“

„Und wir haben die Arbeit!“

Es muss der Abenteurer sein, denkt Marlene trotzig, verlässt die Station und schreitet über die verglaste Brücke, die Haus IV mit dem Hauptgebäude verbindet, Richtung Schwimmbad.


Eins, zwei, drei,...Thorsten zählt die Leuchtstoffröhren an der Decke. Wenigstens der Kopf funktioniert noch. Er weiß nicht, wie lange er schon auf dem Rücken liegt, aber es muss eine Ewigkeit her sein. Neuer Planet, neue Chance, denkt er und versucht ein Lächeln. Keine Ahnung, ob sich in seinem Gesicht etwas bewegt. An der Geschwindigkeit, wie ihn die beiden Weißkittel durch die Gänge schieben, kann er erkennen, dass es nicht so schlimm um ihn bestellt sein kann.

Von weit her hört er Laute, die er nicht deuten kann. Etwas Warmes streichelt seinen Unterarm. Wieder ein Wort, dass durch den Briefschlitz in den Flur seines Inneren fällt.

Für einen kurzen Moment schwebt er, dann spürt er etwas Hartes unter sich. Dann geht es rückwärts, das durch ein lautes Hämmern begleitet wird. Er schließt die Augen. Dunkelheit. Nichts.


Mit vollem Anlauf springt Marlene in ihrem rosa Badeanzug in das warme Nass des Schwimmbeckens, dreht sich so, dass sie beobachten kann, wie das Wasser bis zur Decke spritzt.       

„Ach Marlene!“, hört sie die Physiotherapeutin klagen.

Dann taucht sie unter und wendet sich hin und her wie ein Delphin.

Delphine sind keine Fische, das weiß nicht jeder. Wenn Marlene sagt, dass Delphine Säugetiere sind, wird ihr oft ein Vogel gezeigt. Warum ist das so?

Bei jedem anderen würden sie zustimmend nicken.

Mongo hat mal einer auf dem Schulhof zu ihi gesagt und da hat sie zugeschlagen. Vier Tage lang hat ihr die Hand wehgetan und es hat mindestens eine Woche gedauert, bis der Abdruck des Schneidezahns des vorlauten Paul Schrader von der Handkuppe des Mittelfingers verschwunden gewesen ist.

Über zwei Minuten kann Marlene unter Wasser bleiben. Sie genießt die Stille und die Schwerelosigkeit. Kurz bevor sie auftaucht, öffnet sie weit den Mund und stößt einen stummen Schrei aus, den nur die Delphine hören können.

„Wo sind denn die anderen?“, fragt die Physiotherapeutin, als sie wieder auftaucht.

Marlene zuckt mit den Schultern und greift nach einer Schwimmwurst, wie sie die langen bunten Stangen getauft hat, die wie Knetgummi für Riesen aussehen. Fast zwanzig Kilo hat sie hier unten mit Wassergymnastik im warmen Pissbecken schon abgenommen. Der einzige Anker in der trostlosen Langeweile.

Während der Übungen hält Marlene die verglaste Brücke im Auge, die das Haupthaus, in dem in Parterre das Schwimmbad liegt, mit Haus IV verbindet.

Der Abenteurer wird sicherlich noch bei den Untersuchungen sein. Wenn er auf ihre Station kommen soll, dann muss er über diese Brücke.

„Das wäre es denn für heute“, sagt die Übungsleiterin.

Das kann nicht sein, denkt Marlene, ich bin doch höchstens erst fünf Minuten im Becken. Die große Uhr an der Wand zeigt etwas anderes an.

„Können wir heute nicht länger machen?“, quengelt sie.

„Tut mir leid Marlene, aber heute geht es wirklich nicht. In einer Stunde kommt die nächste Gruppe und ich muss noch einiges vorbereiten!“

Der Assistenzarzt aus Haus VII, Station 3c, ist ihre Vorbereitung. Einmal hat Marlene durch den Türspalt zum Übungsleiterzimmer alles sehen können. Da hätten selbst Karnickel etwas dazu lernen können.

„Wenn du willst, kannst du noch eine halbe Stunde bleiben. Du kennst ja die Übungen!“

Marlene nickt wie ein Kind und lässt sich nach hinten fallen. Schwerelos zu sein ist ein schönes Gefühl.    


Der Schmied hat seine Arbeit eingestellt. Sofort sind die weißen Schmetterlinge wieder da, die über seinen Kopf hinwegrauschen.

Die Augen blinzeln. Von beiden Seiten tauchen schwarze Schatten auf, die die weißen Schmetterlinge in Motten verwandeln. Zwei Sonnen steigen am Himmel auf und verwandeln alles in ein gleißendes Licht.

„Der Nagel ist zum Glück nicht gewandert“, sagt die Kollegin aus der Radiologie.

„Eine OP würde ich jetzt noch nicht vorschlagen. Die Schädelplatten sind zwar alle recht gut wieder zusammengewachsen, aber ein halbes Jahr würde ich noch warten“, erwidert die Oberärztin Christiane Langbein, die flüchtig das Dossier in ihren Händen überfliegt.

„Ein Wunder, dass er den Sturz aus dieser Höhe überhaupt überlebt hat. Allein der Schuss in den Kopf hätte tödlich sein können!“

Ein Rauschen im Kopf. Die Schallwellen, die durch sein Ohr dringen, kann er nicht deuten, ergeben keinen Sinn. Die beiden Sonnen sind verschwunden. Er hat es gar nicht bemerkt. Erst als der doppelte Schmetterling auf seiner Nase zu kitzeln begonnen hat.

„Bringen Sie ihn auf die Station. Ich schaue am Abend noch mal nach ihm“, sagt Dr. Langbein zu den beiden Pflegern und legt die Akte des Patienten auf seinen Schoß.

Sie hat schlimmere Fälle gehabt. Auch welche, denen sie jeden Tag begegnet. Wie Silvia, das siebzehnjährige Mädchen, dass sich vor zwei Jahren auf die Gleise gelegt hat, weil ihr erster Freund mit ihr Schluss gemacht hat. Wenn man die Liebe abschafft, wäre vielen geholfen, denkt sie manchmal verbittert. Meistens dann, wenn sie auf dem kleinen Balkon des Ärztezimmers steht und eine Zigarette raucht. Jedes Mal, wenn Silvia im Rollstuhl an ihr vorbei fährt, bis zu den Oberschenkeln amputiert, könnte sie kotzen. Keine Liebe ist das wert, schon gar nicht die zu einem Mann.

Alles ist in Bewegung, der Planet auf dem er lebt, dreht sich eben, mal schnell und mal langsamer. Unter ihm ruckelt es. Vielleicht ein Vulkan, der es satt hat, sein Unwesen unter der Erde zu treiben.

Vulkan, ein schönes Wort, das er direkt durch den Türschlitz in seinem Inneren fallen lässt.

Wo bin ich? Wer bin ich? Was macht mich aus?

Er stellt sich Fragen, was für ein tolles Gefühl. Nur wenn er die Augen schließt, bleibt Dunkelheit. Nichts.


Wie ein Buckelwal schießt Marlene aus der warmen Chlorbrühe nach oben. Unten auf dem Kachelboden hat sie durch ihre Schwimmbrille geblinzelt und eine Karawane auf der verglasten Brücke gesehen, die vom Haupthaus Richtung Haus IV zieht.

Der Abenteurer, schießt es ihr durch den Kopf. Sie schüttelt ihr Haar, reißt sich in der Luft die Schwimmbrille vom Kopf.

Tatsächlich, der Abenteurer wird von zwei Pflegern in einem Bett Richtung Haus IV geschoben. Sie reibt sich die Augen. Ja, das ist er! Dreht er nicht jetzt den Kopf zur Seite und schaut auf sie herunter?

Na klar macht er das.

Soll sie winken?

Unsinn! Ihr klarer Blick wird ihn treffen und tief in ihn eindringen.

Mit einer Leichtigkeit ist sie aus dem Wasser. In schnellen tapsigen Schritten hat sie die Umkleidekabine erreicht. Ohne sich abzutrocknen, zieht sie sich an. Wenn sie sich beeilt, ist sie vor ihm auf Station 2b.

Eine Frau um die dreißig versperrt ihr mit einem großen Rollkoffer und einer Reisetasche vor dem Aufzug den Weg.

1.KG leuchtet auf.

Warum geht es nicht weiter? Soviel ist da unten auch nicht los.

Warum schließen die Aufzugstüren nicht oder hat die Frau mit dem vielen Gepäck nicht gedrückt?

Marlene lugt an einem Designermantel vorbei, der nach Rosenwasser und Vanille stinkt. Der Pfeil, der nach oben zeigt, leuchtet grell.

Wahrscheinlich ist der linke Aufzug kaputt, aber warum kommt der rechte nicht, der immer so nach Pisse stinkt, weil zwei Bekloppte von 5b mindestens dreimal am Tag reinpinkeln.

Was wollen sie damit sagen? Was ist ihr Statement für die Welt?

Marlene weiß es nicht und will es auch gar nicht wissen.

Mag sein, dass sie etwas neugierig ist, aber alles will sie auch nicht aus dem Dunklen ins Licht führen. Die beiden Pinkler gehören mit Sicherheit dazu.

Zu ihrem Leidwesen muss sie jetzt die Treppe nehmen. Ihre Füße haben eine leichte Deformation. Früher nannten sie es Spitzfüße.

Dabei ist es nur eine Fehlstellung der Ferse. Gut, sie kann den Fuß nicht so richtig abrollen, aber auch andere Menschen haben irgendetwas, das ihnen an sich nicht gefällt. Gut, die Füße sind ihre Achillesferse. Bei dem Vergleich muss sie innerlich lachen, obwohl der Treppenaufstieg für sie mühselig ist. Im Grunde steigt sie mit den Armen nach oben, die sich am Geländer festklammern und nach oben ziehen.

Schnaufend erreicht sie nach einer gefühlten Unendlichkeit die zweite Etage.

Verdammt, wieder ist diese Frau, die überhaupt nicht hierher passt, vor ihr. Um das Unglück komplett zu machen, kommen ihr die beiden Pfleger, die das Krankenbett des Abenteurers geschoben haben, entgegen. Er ist also schon da.

2a oder 2b? Das ist die Frage.

Die Panzerglas gesicherte Doppeltür zur geschlossenen Station hat etwas bedrohliches. Sie erinnert Marlene an eine Verliestür in einer Burg, hinter der ein trauriger Drache sein Dasein fristet. Wenn sie beim Vorbeigehen mit den Augen blinzelt, glaubt sie große Spinnweben wabern zu sehen, als hätte man die Tür für immer verschlossen.

In der Teeküche der Station 2b ist eine Diskussion entbrannt. Die Frau mit dem großen Rollkoffer und der Reisetasche möchte einen Schlussstrich ziehen.

„Das nehme ich auf keinen Fall wieder mit. Ein Jahr ist wirklich genug. Mehr kann man von mir nicht verlangen. Das wird doch nichts mehr. Ich möchte gerne Kinder haben, eine Familie gründen!“

Marlene, die im Flur der offenen Station stehengeblieben ist, glaubt ihr kein Wort. Du mit deinem Rosenwasser und Vanilleduft warst niemals im Dschungel von Neuguinea, hast ihn immer allein gelassen, hast dir die Hände oder andere Körperteile niemals schmutzig gemacht.

„Wir können das nicht annehmen“, erwidert die Pflegerin mit den vielen Piercings.

„Warten Sie bis Frau Dr. Langbein auf die Station kommt“, erwidert Ruth, die Zweimeterfrau, die ursprünglich aus Schweden stammt.

„Hören Sie, ich habe nicht die Zeit, mich hier länger aufhalten zu können. Im Koffer und in der Tasche ist alles drin, was er braucht.“

Marlene formt die Hände zur Faust. Was für ein Arschloch. So eine hat der Abenteurer nicht verdient.

Mit der ist kein Staat zu machen, der Spruch ihres Großvaters fällt ihr ein, obwohl ihr die Sinnhaftigkeit fremd ist. Soll die Tussy doch verschwinden und alles dalassen. Die Alte braucht keiner, der Abenteurer am wenigsten. So eine legt den Hinterhalt mit dem niemand rechnet.

Marlene lehnt an der Flurwand der Station 2b und lauscht den keifenden Frauen. Sehsüchtig wartet sie auf Christiane, die Oberärztin, die ein großes Herz hat und alles regeln kann.

Stampfend verlässt die Tussy ohne Koffer die Teeküche und die offene Station.

„Ha-ha-haste mal ne Zigarette!“, stellt sich ihr Markus in den Weg.

„Verpiss dich du Wichser!“

In der Krise zeigt der Mensch sein wahres Gesicht, denkt Marlene und muss an die weisen Sprüche des Großvaters denken.

Nach dem Abendessen im Gruppenraum liegt Marlene auf dem Bett und wartet auf den Dienstwechsel des Pflegepersonals.

Otto, der Weißrusse, wird die Nachtschicht übernehmen, das kann Marlene auf ihrem Smartphone ablesen, denn sie hat den kompletten Dienstplan für den Monat abfotografiert.

Viele Schritte und Gemurmel auf dem Flur, die Raucher machen sich auf den Weg nach draußen.

Jetzt wäre es eine gute Möglichkeit, um unbemerkt in das Zimmer des Abenteurers zu gelangen. Außer ihr und Otto ist niemand mehr auf Station.

Sie lauscht an der Tür, nichts ist zu hören. Lautlos drückt sie den Hebel nach unten und schaut nach links und nach rechts. Die Luft scheint rein zu sein.

Die offene Station 2b hat einen Flur wie ein auf den Kopf gestelltes L. Marlene hat das strategisch beste Zimmer, wie sie findet. Es liegt genau in der Ecke. So kann sie beide Flure einsehen. Am Ende des Flurs, am unteren L liegt das Zimmer für die Neuankömmlinge, daneben befindet sich das Arztzimmer. Sie schaut nach rechts, niemand ist auf dem Flur zu sehen, der in die Freiheit führt. Barfuß tapst sie   das untere L entlang und öffnet am anderen Ende leise die Tür.


Schmetterlinge. Viele Schmetterlinge. Unzählige weiße Schmetterlinge fliegen durch eine unwirkliche Landschaft aus blassen Pastellfarben. Nichts ist so, wie er es einmal gekannt hat. Das Moos in dem er liegt, ist weiß und fühlt sich wie Watte an. Wer wird das Rennen gewinnen, die Wolken oder die Schmetterlinge?

Eine weiße Nacktschnecke streift seine Wange und fühlt sich gut an.

„Ich werde immer für dich dasein“, flüstert Marlene dem Mann ins Ohr, der lächelnd an die Decke starrt.

Mit großen Augen gibt sie ihm einen nassen Kuss auf Wange und Mund.


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