Marlene

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10. Kapitel


Haus am See


Jede Stadt hat Viertel, in die man selten hinkommt. In das eine, weil es zu gefährlich ist und man um sein Leben bangen muss. Andere wieder wirken wie aus einer anderen Welt. Wenn plötzlich das Vogelgezwitscher lauter ist als der rauschende Straßenverkehr und einen nicht nur Bäume umgeben, ist man in einem solchen angelangt.

Hohe Mauern, Hecken und Zäune, die manchmal so hoch sind, dass man nur die Zinnen der Dächer erkennen kann, prägen das Straßenbild. Der Bürgersteig, die Gosse und selbst die Straße sind so sauber, als würde eine Armee von Reinigungskräften hier dreimal am Tag kehren, saugen und putzen. Hinter jeder der Mauern, Hecken und Zäune lugen hohe Masten mit Kameras, die an Starenkästen erinnern. An den Eingangstoren, die Tresortüren gleichen, sind Klingelknöpfe angebracht, daneben ein Kameraobjektiv, das an ein Fischauge erinnert. Ein Namensschild sucht man hier vergebens.

Eine sechsköpfige Gruppe an Menschen folgt Albert durch die Straßen, die er von Berufswegen eigentlich nur nachts kennt. Mit großen Augen schauen Gabi, Markus, Günther, Ex97 und Marlene, die den Abenteurer im Rollstuhl schiebt, nach rechts und links. Sie staunen nicht schlecht über diese andere Welt. Nur Thorsten in seinem rollenden Stuhl lächelt vor sich hin, schielt ein wenig, als würde ein Schmetterling auf seiner Nasenspitze sitzen.

„Hier bleibt also die ganze Kohle hängen“, sagt Gabi und nimmt einen Schluck aus ihrer Tütenlimo, die nach Wacholder riecht.

„Ich glaube, hier habe ich mal gedreht“, fügt Günther hinzu, „irgendeine Simmel Verfilmung.“

Ex97 ist das egal. Ein paar Straßenseiten weiter ist sein mütterliches Zuhause. Er muss wachsam sein, bloss nicht seiner Mutter und den Großeltern zu begegnen, die sich hier eingemauert und ihn haben wegsperren lassen.

„Schei-schei-scheiße, ni-ni-nicht ei-ei-eine Kippe auf der Straße“, stammelt Markus und schnuppert wie ein Zollhund nach verstecktem Tabak.

„Das muss es sein“, murmelt Albert am Ende der Straße und schaut auf das mächtige Tor, das einen Blick auf das Anwesen verwehrt.

Albert drückt die namenlose Klingel neben dem Fischauge.

Nichts passiert.

„Kann mir einer mal sagen, was wir hier wollen?“, fragt Günther und muss an einen Fernsehkrimi denken, indem er mal eine Leiche gespielt hat. Eine schwierige Rolle, in der er in weniger als einer Minute alles hat hinlegen müssen, bevor der Leichensack sich für den Zuschauer für immer geschlossen hat.

Albert klingelt ein weiteres Mal. Diesmal in einer Art Morsetakt.

Nichts passiert.

„Leute, ihr wisst, dass ich mich unwohl fühle, wenn ein Weg nicht weiterführt. Lange kann ich hier nicht stehen“, gibt Ex97 zu bedenken und wippt mit dem einen Bein aufs andere.

Aus dem metallvergitterten Loch neben dem Fischauge krächzt eine Stimme:

„Schuldigung fürs Warten. Ich war kacken. Muss ja auch sein!“

Dann öffnet sich das riesige Flügeltor langsam wie von Geisterhand.

Ein großzügig angelegter Park mit einer Allee wird sichtbar. Am Ende eine stattliche Villa, deren drei Kamine an einen Ozeandampfer erinnern. Dahinter schimmert silbern ein kleiner See mit Steg und Bootshaus.

„Nicht schlecht Herr Specht, da muss ne Frau lange für ficken“, sagt Gabi und genehmigt sich einen kräftigen Schluck.

Beeindruckt betreten die sechs den knirschenden Kiesbelag und folgen Albert, der zügig voranschreitet als würde er jeden Tag hier ein- und ausgehen.

Das könnte alles mir gehören, denkt Günther und lässt seine verpassten Chancen im Leben Revue passieren.

Auf allen deutschen und österreichischen staatlichen Schauspielschulen hat er vorgesprochen und immer eine Nummer gezogen, die so hoch gewesen ist, dass die Dozenten im dunklen Zuschauerraum überhaupt nicht mehr aufnahmefähig gewesen sind. Dabei ist sein Wurm aus Kabale & Liebe eine Jahrhundertereignis gewesen. Eine Bekannte hat ihm nach seinen Plänen ein Kostüm genäht, das so noch keine Bühnenbretter gesehen hat. In einem roten Apfel aus Tüll hat er gesteckt und ist als Wurm in einem fleischfarbenen Kostüm durch eine Klappe geschnellt.

Meinerseits, meinerseits, Frau Base! Wo eine Cavaliersgnade einspricht, kommt mein bürgerliches Vergnügen in gar keine Rechnung, sind seine ersten Worte gewesen, die das fachkundige Publikum in keinster Weise honoriert hat.

Auch seinen Danton an der Otto Falckenberg Schule ist allein vom Kostüm und Maske her eine Sensation gewesen.

Ohne Kopf ist er in einem Rokokokostüm mit einem Kartoffelsack an der Hand auf die Bühne getreten. Statt einem sattem OHHH des Erstaunens, hat das fachkundige Publikum geschwätzt und sich nur mit sich selbst beschäftigt, als er seinen Kopf aus dem Sack gesteckt hat und mit Dantons Rede begonnen hat: Adieu, mein Freund! Die Guillotine ist der beste Arzt.

Erst in Berlin bei der Privatschule Schöller haben sie die Interpretation seiner Schauspielkunst verstanden. Ein gewisser Erwin von Lückow, der schon unter Murnau Filme gedreht und durch den Krieg leider sein Augenlicht und einen großen Teil des Gehörs verloren hat, ist es gewesen, der ihm eine große Zukunft beim Film vorausgesagt hat. Mit zitternden Händen hat er sein Gesicht abgetastet und ihm gesagt, dass Breker, der Staatsbildhauer des Führers, es nicht besser hätte formen können.

Ganz unten hat er beim Film angefangen. Die Komparserie ist  da schon ein Aufstieg gewesen. In den Nibelungen-Verfilmungen hat er an der Seite von Hagen von Tronje gekämpft und leider bei einer Probe erst den Regieassistenten und nach einer längeren Unterbrechung den Aufnahmeleiter getroffen. Während er dem Assistenten nur in den Fuß geschossen hat, ist der Aufnahmeleiter in Ohnmacht gefallen, als er den Pfeil in seiner durchbohrten Schulter gesehen hat.

Da er den Ausfall von mehreren Drehtagen nicht hat bezahlen können, hat ihn die Produktionsfirma mit Haut und Haaren übernommen und ihn zu einem Mädchen für alles benutzt. Erst ein paar Jahre später, nachdem er Toiletten geschrubbt, die Hinterlassenschaften von Raubtieren, Affen und anderen

Zirkustieren aufgekehrt, bei Wind und Wetter Kabel und Schienen verlegt hat, ist eine zweite Chance zum Greifen nah gewesen: einen Kavalleriesoldaten in Winnetou I.    

In Jugoslawien soll gedreht werden. Nach der letzten Klappe endlich schuldenfrei. Was sind das für Aussichten gewesen!

Die Reitproben in der Nachbarschaft eines Truppenübungsplatzes abzuhalten, ist vollkommen unverantwortlich gewesen.

„Die Pferde müssen sich an Schüsse gewöhnen“, hat der Aufnahmeleiter gesagt. Was für ein Unsinn. Als ob es im Wilden Westen Panzer gegeben hätte. Keine hundert Meter ist dieses gewaltige Geschoss eingeschlagen. Riesige Erdklumpen sind auf ihn und sein Pferd gerasselt. Der Braune hat sich nur kurz geschüttelt und sich gedacht, jetzt reite ich bis an das Ende der Welt, am besten auf dem schnellsten Weg. Über Stock und Stein, durchs Unterholz und Nadelwälder. Dem Gaul ist es vollkommen egal gewesen, dass auf seinem Rücken die Hoffnung des Deutschen Films gesessen hat.

Als er das Krankenhaus auf Krücken wieder verlassen hat, haben sich vor den Kinos riesige Schlangen gebildet, um Winnetou I. zu sehen.

„Mit dem Narbengesicht gehen Sie besser zum Fernsehen, die drehen noch schwarz-weiß!“

Er weiß nicht mehr, wer ihm das gesagt hat. Er weiß nur, dass es da mit dem Alkohol angefangen hat. Ist es fair gewesen, dass man ihm den durchgebrannten Gaul, der, als er völlig entkräftet an einem Bahndamm gegrast hat und sofort erschossen worden ist, in Rechnung gestellt hat?

Die Frage hat er sich tage-und  nächtelang gestellt.

Fast zwanzig Jahre hat er dann beim Kommissar gedient. Sich von der Wasserleiche, über den Tatortgaffer bis zum Hausmeister oder Gärtner hochgedient. Einmal hat er sogar unter Mordverdacht gestanden, für drei Minuten und siebzehn Sekunden. Er hat es später vor dem Fernseher gestoppt.      

Die Revue unterbricht ihr Programm, nur weil jemand ruft:

„Günther hier spielt die Musik!“

Es ist Albert, der an der Treppe zur Villa steht. Die anderen scheinen im Inneren verschwunden zu sein.

Wie ein Freund umarmt Günther eine Hecke, die stumm und ausdruckslos bleibt, als hätte sie gerade sein Schicksal berührt.

Wie gern hätte er im Kommissar den Assistenten gespielt.

Nachdem alle in der riesigen Wohnhalle Platz genommen haben, stellt Albert Eddie vor, ein alter Freund aus Café Viereck.

„Café Viereck?“, fragt Marlene neugierig.

„Schwedische Gardinen“, erwidert Eddie und kaut an einem Zahnstocher.

Marlene nickt als hätte sie verstanden, aber ihr Gesicht verrät genau das Gegenteil.

„Wir haben uns eine Zelle geteilt“, fügt Albert hinzu.

„Knastbrüder“, murmelt Günther, der sich beim besten Willen nicht vorstellen kann, hier glaubwürdig eine Detektei zu eröffnen. Wer hier wohnt, braucht nicht mehr arbeiten.

„Also, um gleich allen Missverständnissen vorzubeugen. Das ist nicht meine Hütte. Ich pass nur drauf auf, während die Herrschaften durch die Welt reisen, um auf abgelegenen Inseln ihr Geld zu parken. Ich furze in die Kissen, trinke die Bar und den Weinkeller leer, haue mir fast jeden Tag ein Kilo Steak in die Pfanne, gehe zehn Mal am Tag ums Haus, um zu sehen ob alles in Ordnung ist und bekomme dafür noch jede Menge Kohle.“

„Nehmen die auch Frauen?“, will Gabi wissen und lässt ihren

geschulten Blick nach der Bar schweifen.

„Wenn ihr mir bitte folgen wollt!“

Eddie hebt den Arm wie ein Reiseführer und führt die Gruppe über einen langen Gang, an dessen Wänden bis zur Decke Gemälde unterschiedlichster Stile und Epochen hängen.

Eddie schließt eine Tür auf und schaltet das Licht an. Was die achtköpfige Gruppe zu sehen bekommt, lässt alle laut raunen. Nur der Abenteurer in seinem Rollstuhl verdreht die Augen, als wäre der weiße Schmetterling auf seine Nase zurückgekehrt.

Bugatti, Ferrari, Rolls Royce, Pullmann, ein alter Benz 600 und ein gelbschwarzer Postbus aus den fünfziger Jahren, schmücken die Halle.

„Wir nehmen den Bus!“

Marlene könnte vor Glück in die Hose machen. Was aus einer kleinen Idee alles entstehen kann?

Vor Wochen noch ist die Zeit zäh wie Bastelknete gewesen, aber mit der Idee, den Täter dingfest zu machen, der verantwortlich für den Zustand des Abenteurers ist, hat sich das triste Klinikleben schlagartig verändert. Nach anfänglichen Schwierigkeiten sind sie jetzt eine eingeschworene Truppe, auch wenn sich hinten im Bus Günther und Gabi um den letzten Schluck Brandy streiten.

Die Siebte Hand - Ermittlungen aller Art - Termine nach Vereinbarung                

Marlene schließt die Augen und sieht das polierte Messingschild vor sich, das neben der Tür zur Detektei hängt. Haben sie erst den Täter, der dem Abenteurer in den

Kopf geschossen hat, werden die Menschen ihnen das Büro einrennen.

Beim letzten Arztgespräch, dass sie über die Lüftungsschlitze in der Abstellkammer belauscht hat, macht der Abenteurer Fortschritte.

„Ich denke, wir können im nächsten Monat operieren und endlich den Dachnagel aus dem Kopf entfernen“, hat Dr. Christiane Langbein angekündigt. Alles, was sie sagt, hat Hand und Fuß. Auch wenn Marlene zuerst Dachschaden anstatt Dachnagel verstanden hat, geschuldet dem großen Pappkarton mit der Aufschrift: 12 Eimer Bodenflocken, der die Stimmen dämpft.

Ob der Abenteurer tanzen kann?

Vielleicht sollte sie Christiane einfach fragen.

Unerwartet biegt der Bus so scharf in eine Seitenstraße ab, dass Marlene Mühe hat, den Abenteurer festzuhalten, der gefährlich neben ihr zur Seite gekippt ist und droht von der Sitzbank zu fallen. Zum Glück hat sie kräftige Oberarme und Hände, die so mancher Junge auf dem Schulhof in Form einer Backpfeife oder eines Schwitzkastens zu spüren bekommen hat.

„Mongo“, sagt man nur einmal zu ihr.

Der Planet ist in Bewegung geraten und muss die Zeitachse durchbrochen haben. Während er im Inneren seiner Raumschiffkapsel ein Schild mit der Aufschrift Österreichische Kraftpost gelesen hat, rauscht draußen ein Verkehr aus dem 21.Jahrhundert an ihm vorbei. Nur die Weißtöne sind Innen wie Außen gleich. Der Engel, der neben

ihm sitzt, ist nicht derselbe, der auf seinem Schoß gesessen hat. In seinem Bauch rumort es, als hätte sich dort ein Schwarm weißer Schmetterlinge breit gemacht. Sie werden mich von innen auffressen, ist seine Befürchtung. Er muss sie loswerden um jeden Preis.

„Ein weißer Strahl, zähflüssig wie Schleim, schießt aus dem weit aufgerissenen Mund des Abenteurers und landet im Nacken des Fahrers.

„Verdammte Scheiße“, flucht Eddie. Das hier ist ein Oldtimer und ich bin keine Pissrinne!“

Kotze und Scheiße wegwischen ist nicht Marlenes Sache. Aus diesem Grund hat sie auch keinen Pflegeberuf ergriffen, obwohl ihre Mutter schon in Kindertagen versucht hat, die Weichen zu stellen. Den ersten kleinen Arztkoffer mit Schwesternkostüm hat sie bereits zu ihrem dritten Geburtstag bekommen, den zweiten zur Einschulung und den dritten mit zwölf Jahren, als es um den Verbleib auf dem Gymnasium gegangen ist.

„Ihre Tochter ist ein Schläger“, hat der Klassenlehrer zu ihrer Mutter gesagt. Eine einseitige Betrachtung der Lage.

Erstens bin ich, wenn überhaupt, eine Schlägerin und zweitens wehre ich mich nur, hat sie trotzig gedacht. Mag sein, dass ich anders bin, aber ich bin nicht bekloppt und schon gar nicht eine Mongo.

„Wer nicht hören will, muss fühlen“, hat schon der Großvater gesagt. Idioten und vor allem die Wiederholungstäter verstehen keine andere Sprache.

„Wenn dir einer blöd kommt, tritt ihm in die Eier oder zieh an seinem Schwanz mit der Entschlossenheit im Blick, dass der andere glauben wird, dass du erst aufhörst, wenn du sein erbärmliches Würmchen in den Händen hältst!“

Die Ratschläge ihres Großvater hat sie immer beherzigt und sich nicht von einem fantasielosen Cordjackenträger im Lehrerzimmer ins Bockshorn jagen lassen.

An einer Tankstelle ist der alte Postkraftwagen zum Stehen gekommen.

„Ihr bleibt alle drin! Wer aussteigt, ist draußen!“, schnauzt Eddie und verlässt den Bus.

Staunend beobachten die Fahrgäste, wie sich ihr Fahrer unbekümmert auszieht und seinen nackten Körper mit einem Eimer Scheibenwischwasser überschüttet. Zweimal wiederholt er die Prozedur, bevor er sich mit grünen Papiertüchern aus dem Spender abtrocknet, sich anzieht und wieder einsteigt. Alles geht so schnell und wirkt natürlich, dass es an den Zapfsäulen nur am Rande wahrgenommen wird.

„Ich putze auch den Boden auf“, sagt Marlene in den Rücken des Fahrers.

„Wenn dein Freund das noch mal macht, nähe ich ihm eigenhändig den Mund zu“, bekommt sie vom Fahrer zur Antwort, der gleichzeitig den Anlasser betätigt.

Hat er gerade Freund gesagt?  

Natürlich hat er Freund gesagt. Alle im Bus haben es gehört. Er hat Freund gesagt!

Marlene strahlt über das ganze Gesicht und setzt dem Abenteurer, der eingeschlafen zu sein scheint, einen nassen Kuss auf die Wange.


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