Marlene

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2. Kapitel


Station 2b


Bevor man durch die offene Tür der Station 2b geht, die erst um 20.00 Uhr geschlossen wird, muss man an Station 2a vorbei. Die doppelt verstärkte Tür mit dem Panzerglasfenster soll den Patienten von 2b deutlich machen, wo man endet, wenn Regeln und Absprachen nicht eingehalten werden. Ab und an dringen Schreie durch die schallgeschützte Tür. Aber seit Toni Berger, ein Boxer im Mittelgewicht, in eine Forensische Klinik überwiesen worden ist, ist es deutlich ruhiger geworden.

Nein, Toni Berger ist nicht Landesmeister in seiner Gewichtsklasse geworden. Ein klarer Betrug durch den Ringrichter, der es nach dem Abbruch auch sofort zu spüren bekommen hat. Da hat es ihm überhaupt nichts genutzt, dass sein Gegner, dieser zugewanderte Iwan, ihm zu Hilfe kommen wollte. Beiden hat der Toni eine auf die Zwölf gegeben. Auch die Sicherheitskräfte hat er aus dem Ring geprügelt, dass es Zähne geregnet hat. Erst als er einen Stich im Hals und die eintretende Wärme gespürt hat, ist er ruhiger geworden, bis ihm vor Augen schwarz geworden ist. Der Ringarzt hat ihm eine Spritze versetzt, deren Inhalt selbst einen Elefanten zu Boden gebracht hätte.

So ist Toni Berger erst wieder in Station 2a aufgewacht, auf dem Rücken liegend, an Händen und Füßen fixiert. Dennoch muss er es irgendwie geschafft haben, zusammen mit dem Bett in die Horizontale zu gelangen, dabei hat er wie am Spieß geschrien.

Alle Neuankömmlinge auf Station 2a kommen in das erste Zimmer. Es liegt auf der rechten Seite direkt neben der Tür, die ein großes Panzerglasfenster hat. Gegenüber das Pflegerzimmer, dessen Tür immer offen steht. Es sei denn die kleine Ärztin aus Station 2d stattet dem Nachtpfleger, einem Hünen von Mann, einen Besuch ab. Dann wird die Tür für eine Viertelstunde geschlossen und es dringen seltsame Geräusche auf den Flur, der die Fantasie aller Patienten der 2a anregt.   

Betritt man hingegen die 2b, sieht alles offener und heller aus. An der Wand hängen selbstgemalte Bilder, deren häufigste Motive die Sonne, der Regenbogen und Blumenwiesen sind. Auf 2a hängen nur im Raucherzimmer, wo auch ein Kicker steht, düstere Bilder. Hier ist der schwarze Wachsmalstift das beliebteste Zeichenutensil. Grabkreuze, Totenköpfe, Galgen und der Sensenmann fehlen auf keinem der Kunstwerke.

Auf der linken Seite in 2b, befindet sich neben der Tür ein Stehpult mit einem Buch, in das sich die Patienten mit Name und Uhrzeit eintragen müssen, wenn sie das Gelände verlassen wollen. Auf der rechten Seite, eine Gästetoilette, die aussieht als wäre sie noch nie benutzt worden. Geht man den Flur entlang, befinden sich auf der linken Seite, die ersten Patientenzimmer. Auf der rechten Seite folgt die Gemeinschaftsküche, das Pflegerzimmer und der Bereitschaftsraum für den Nachtdienst. Am Ende des Flures gelangt man in einen Raum, in dem die Essenwagen stehen. Dann betritt man den größten Raum der Station. Der Ess- und Aufenthaltsraum, der Platz für dreißig Personen hat. Dahinter folgt ein zweiter Flur in L-Form, von dem weitere Patientenzimmer abgehen. In den Räumen stehen mindestens zwei Betten. Im größten sind es sogar vier.

Zurück auf den ersten Flur, der die Form eines auf dem Kopf stehenden L hat, geht es rechts weiter. Links Patientenzimmer, rechts vier Ärztezimmer, die stets verschlossen sind. In der Mitte von ihnen ein Abstellraum, zu dem nur die Pfleger und Marlene einen Schlüssel haben.

Am Kopfende das Aufnahmezimmer, in dem der Abenteurer liegt.

Seit der Ankunft des Abenteurers ist Marlene des öfteren nicht auffindbar. Noch macht sich kein Pfleger oder Arzt Sorgen um sie. Sie halten es noch nicht einmal für nötig, es im Journal festzuhalten, einem dicken Buch, indem alle Auffälligkeiten, Überschreitungen, selbst kleine Sünden wie  Nachtischklau dokumentiert werden.

Marlene hat sich unsichtbar gemacht, denn sie will unbedingt wissen, was dem Abenteurer fehlt. Selbst ein geübtes Auge mit Spürnase würde sie so leicht nicht finden.

Im Abstellraum zwischen den Arztzimmern stehen in einem Metallregal Kisten und Eimer. Im großen Karton auf dem Boden mit Aufschrift 12 Eimer Bodenflocken sitzt Marlene und lauscht durch die Griffritze, was in den Ärztezimmern gesprochen wird. Die Verbindung funktioniert über die Lüftungsschlitze auf beiden Wandseiten. Manchmal kann Marlene Füße sehen, die hin und her gehen. Drei Tage sind bereits vergangen und sie hat noch nichts über das Krankheitsbild und den Gesundheitszustand des Abenteurers erfahren. Es ist zum aus der Haut fahren. Nägelkauenzeit. Die leeren Schokopuddingplastikschalen sind Zeugnis ihrer Ausdauer. Warum spricht Dr. Christiane Langbein nicht mit einem Kollegen über den Fall des Abenteurers?

Leise steigt Marlene aus dem großen Karton. Lautloses Anschleichen, keinen Mucks machen, sich der Umgebung anpassen und sich dadurch unsichtbar machen, hat sie in den letzten Jahren perfektioniert. Sie lauscht an der Tür, die Luft scheint rein zu sein. So schlendert Marlene als wäre nichts gewesen. Ihr Ziel ist der Aufenthaltsraum, der für die Zeit gut besucht ist.

Am ersten Tisch sitzt der alte Alois, der fast zehn Jahre mit seiner toten Frau das Bett geteilt hat. Ein einsamer kleiner Hof ist sein Zuhause gewesen. Den ganzen Tag schlägt er mit der flachen Hand auf den Tisch. Die Zeit totschlagen, nennt er das. In seinem Zuhause sind es Fliegen gewesen, die er mit der flachen Hand erlegt hat. Hier auf Station 2b gibt es keine fliegenden Insekten. An seinem Geburtstag macht ihm der Stumme, von dem keiner weiß, wie er heißt, die Freude, eine Magnetfliege auf den Tisch zu legen. Während der Stumme unter dem Tisch sitzt und mit seinem Magneten schnelle Achten zieht, versucht Alois mit seiner flachen Hand vergebens die Plastikfliege mit dem Eisenkern zu erlegen. Auch wenn er keinen Erfolg hat, zeigt das Lächeln in seinem Gesicht, dass es ihm große Freude bereitet. Er ist dann in seiner eigenen Welt, und Marlene hat den Eindruck, dass vor seinem inneren Auge sein Leben in farbigen Bildern vorbeizieht.

Am zweiten Tisch sitzt Albert und schnarcht. Vor sich eine Mappe mit ausgeschnittenen Zeitungsartikeln, die ihn zum Thema haben. Die Bezeichnung Berufsganove hört er gerne, dabei hat er die meiste Zeit seines Lebens im Gefängnis verbracht. Jetzt können sie ihn mit seinen fünfundsiebzig Jahren dort nicht mehr gebrauchen und haben ihn hierher abgeschoben. Undankbares Pack. Sie werden sehen, was sie davon haben. Hat er in seinem Zellenblock je für Ärger gesorgt? Nein, er ist stets ein Mustergefangener und der Erste gewesen, der von fünfundzwanzig JVAs die Hausregeln auswendig gekonnt hat. Viermal haben sie ihn bei Wetten das abgelehnt. Beim fünften Mal haben sie zugesagt, aber er hat keinen Freigang erhalten, weil Landtagswahlen gewesen sind und der Innen- und Justizminister kalte Füße bekommen haben.

Für einen Moment setzt sich Marlene zu Albert, der sie an Jean Gabin erinnert, der großen Liebe der Dietrich. Marlene mag graumelierte Männer, aber fünfundsiebzig Jahre sind ihr dann doch ein bißchen alt. Gern lauscht sie seinen Geschichten, von den perfekten Plänen, die er wochenlang ausgearbeitet hat, um letztendlich an einem zu scheitern: dem Sekundenschlaf. Jedes Mal ist Albert, nachdem er erfolgreich ein Ding gedreht hat, noch an Ort und Stelle eingeschlafen, von einer Sekunde auf die andere. Ihn stört es nicht, wenn ihn die Presse als dümmsten Verbrecher des Landes feiert. Sie haben keine Ahnung von seinen Begabungen und von seinem Handykap.

„Na Schätzchen, wieder auf Freiersuche?“, haut eine grellgeschminkte Frau Marlene an. Ihre Alkoholfahne ist gewaltig.

„Guck nicht so, ich hab‘ nur Pralinen gegessen, wie dieser Schauspieler, dieser lange Schnösel aus der Werbung“, fügt  Gabi hinzu.

„Du Mont, Gnädigste, der Schauspieler heißt Sky du Mont“, mischt sich Günther ein, der durch seine elegante Erscheinung, von Erstbesuchern oft für den Arzt gehalten wird und wild durcheinander Karten legt.

„Ha-ha-haste mal ne Zigarette!“

Markus, die Vorhut der Raucher hat die Station erreicht.

Zeit, sich zurückzuziehen oder dem Abenteurer seinen neuen Kontinent zu zeigen.


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