Marlene

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3. Kapitel

Die Feier


Alle sind sie da. Die Herren und Damen in ihren langen Weißkitteln.

Dr. Christiane Langbein hasst diese Art von Veranstaltungen. Deshalb hat sie sich hinten zu den Sekretärinnen und Verwaltungsangestellten gesellt.

Links das große Buffet, in der Mitte ein Tisch mit Büchern, die alle gleich aussehen und rechts die Getränke. Einmal im Jahr bittet der Chef des Hauses zu so einem Empfang, um sein neuestes Buch vorzustellen. Diesmal ist alles größer und heller. Die Presse ist zahlreich vertreten. Blitzlichtgewitter, obwohl der Herr des Hauses noch gar nicht da ist.

Oben auf dem höchsten Berg der Stadt entsteht gerade ein psychiatrisches, neurologisches Zentrum. Das größte seiner Art. Da möchte der Hausherr hin, dessen ist sich Christiane sicher. Nicht umsonst sitzt er seit Wochen in jeder Talkshow, hält sein neuestes Buch mit seinem Kopf vorne drauf in die Kamera.

Werden wir alle verrückt oder sind wir noch zu retten? ist der Titel, darunter sein Foto.

Anfangs hat Christiane gelacht, als sie seine Vorstellung im Frühstücksfernsehen gesehen hat. Keine Satiresendung, kein Kabarettist hat den Handschuh aufgenommen. Das hat ihr dann zu denken gegeben. Jetzt steht sie da zwischen Sekretärinnen und Verwaltungsangestellten, die Sekt trinken, und nippt selbst an einem Glas Wasser.

Kollegen haben sie in der Mittagspause mal gefragt, ob sie sich auch um den Chefposten bewerben würde. Immerhin veröffentliche sie ja auch viel.

Christiane hat versucht, ein gleichgültiges Gesicht zu machen. Als Fachfrau weiß sie, dass ihr das nicht gelungen ist. Nur, die Kollegen schließen andere Schlüsse daraus. Sie weiß, wo sie arbeitet und wie ihre Station bezeichnet wird.

Die 2b im Haus IV ist die Resterampe. Austherapierte Fälle, die Geld ins Haus spülen, aber für das Renommee der Klinik keine Rolle spielen.

Das ganze Haus IV eine Sackgasse, Sackbahnhof, Endstation. So scheint es für viele. So lange es keinen Ärger gibt, lässt die Klinikleitung sie gewähren.

Sie hat nicht studiert, um aufzugeben, Meldebögen auszufüllen und Statistiken zu erheben, sondern Menschen zu helfen.

Eine kleine Gruppe auf 2b hat sich gebildet, deren Entwicklung sie aufmerksam verfolgt. Sieben Patienten, die unterschiedlicher nicht sein können, haben sich zusammengefunden und unternehmen jeden Tag etwas. Noch vor dem Mittagessen hocken sie zusammen, reden wild durcheinander und verstummen, wenn Klinikpersonal den Raum betritt.   

Vorne an der kleinen Bühne wird es unruhig. Der Heilsbringer scheint den Saal betreten zu haben. Wie ein Popstar lässt er sich feiern und genießt das Blitzlichtgewitter der Presse. Braungebrannt, so als ob er gerade von einem Golfplatz in Florida kommen würde. Eingeübte Beschwichtigungsgesten mit den Händen.

Christiane könnte Kotzen bei soviel Bühnenschmiere. Wenn sie jetzt keinen Dienst hätte, würde sie sich sinnlos besaufen und diesem eitlen Blender das letzte Glas ins Gesicht schütten.

Christiane schaut sich unter den Gästen um. Dabei macht sie ihr Therapeutengesicht, nicht Fisch, nicht Fleisch.

„Liebe Freunde, liebe Kollegen, die Damen und Herren von der Presse, ich freue mich sehr Sie heute hier in der guten Stube unserer Klinik begrüßen zu dürfen. Dass Sie freiwillig unser Haus beehren, mildert jetzt schon den provokanten Titel meines neuen Buches: Werden wir alle verrückt oder sind wir noch zu retten? Aber Sie wissen ja selbst, wie Verlage und Lektoren ticken.“

Demonstrativ zieht er eine Stoppuhr aus dem italienischen Designersakko und hält sie an das Mikrophon.

„Die Uhr läuft, hat mein alter Herr immer gesagt. Hören Sie es ticken, den Atem der Zeit? Ihre Zeit, Ihre Lebenszeit, die seit Ihrer Geburt herunterläuft. In Zeiten der digitalen Unsterblichkeit ein Fehler der Natur...“

Rückwärts schleicht sich Christiane zum Notausgang. Endlich wieder Luft, die man atmen kann. Sie fischt sich eine Zigarette aus ihrem Kittel und genießt den grauen Rauch, den sie gegen die verglaste Notausgangstür bläst, um den Narren am Pult hinter Nebel verschwinden zu lassen.

„Sie machen große Fortschritte“, ruft sie dem Mann im Rollstuhl entgegen, der mit hoher Geschwindigkeit auf sie zugerast kommt.

Ein Schwarm von weißen Schmetterlingen begleiten Thorsten auf seiner Abfahrt, an dessen Ende ein Engel zu schweben scheint. Eine weiße Sonne, vervielfacht in Scheiben, blendet seine Augen. Ein seltsamer, unwirklicher Planet, auf dem er gerade lebt.

Ein Rucken geht durch sein Fahrzeug und wie durch einen Zauber sitzt der weiße Engel auf seinem Schoß.

„Das mit dem Bremsen üben wir noch“, kommentiert Christiane lachend den kleinen Unfall.

Ein Wunder, mehr als ein Wunder, er hat eine menschliche

Stimme gehört. Er ist also nicht der einzige Mensch auf diesem Planeten.

Oben im zweiten Stock von Haus IV steht Marlene am Fenster und beäugt misstrauisch die Szene. Was macht Doktor Christiane auf dem Schoß des Abenteurers?

Habe ich da was verpasst?

„Ich muss leider wieder rein“, entschuldigt sich Christiane  und befreit sich aus dem Rollstuhl, in dem blinzelnd Thorsten sitzt und vor sich hin grinst.

„...in diesen Zeiten von Hysterie, Beschleunigung und großen Umwälzungen glaube ich dennoch daran, dass wir noch zu retten sind! Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!“

Die Gäste im Saal applaudieren und halten inne, als der Hausherr gegen das Mikrophon klopft.

„Hinzufügen möchte ich, dass wohl nicht alle gerettet werden können. Also passen Sie gut auf sich auf!“

Wieder Applaus, der durch Lachen untermalt wird.

Christiane irrt durch den Saal, grüßt mal links, mal rechts. Niemand da, mit dem sich eine Unterhaltung lohnen würde.

„Frau Kollegin, Sie auch da?“

Gutgemachte Jackettkronen grinsen Christiane an.

„Darf ich Ihnen meine Frau vorstellen?“, fragt der Hausherr prophylaktisch.

Eine kleine zierliche, attraktive Frau gesellt sich zu ihm.

Ob sie weiß, wer ich bin, fragt sich Christiane und gibt

ihr lächelnd die Hand.

Gnädige Frau, ich bin die Kollegin Ihres Mannes, die mal zu seinem engsten Kreis gehört hat. Für die Leitung von Haus I bin ich im Gespräch gewesen. Hochgehandelt von allen Kollegen. Bis zu dem Abend, als Ihr Mann mit mir schlafen wollte. Tja, ich habe Nein gesagt und bin ins Haus IV versetzt worden. Wissen Sie, wie man hier zu Haus IV sagt? Sibirien! Haus IV ist die Verbannung, aus der man nicht mehr herauskommt. Resterampe und Endstation. Gnädige Frau, glauben Sie mir, mir gefällt Haus IV und meine Station die 2b. Ihr Mann hätte mir überhaupt keinen besseren Gefallen tun können.

Natürlich sagt Christiane das nicht, sondern begnügt sich mit ein paar Floskeln.

Der Hausherr nimmt sie zur Seite.

„Ich habe Ihnen meine Frau nicht umsonst vorgestellt. In letzter Zeit ist sehr angespannt. Sie wirkt gehetzt, als würde ein Dämon sie verfolgen. Vielleicht könnte sie mal bei Ihnen in der Sprechstunde vorbeischauen.“

„Kein Problem. Was halten Sie vom nächsten Dienstag um 18.00 Uhr?“

Christiane setzt ihr Therapeutengesicht auf und denkt, wenn das eine Falle ist, dann hat er sich gerade selbst eine Grube gebuddelt, aus der er schwer herauskommen wird.






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