Marlene

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4. Kapitel


Landesklinik


Mitten in der Stadt liegt zwischen drei Ausfallstraßen das Klinikgelände. An zwei Seiten bietet ein Park Schutz vor Lärm und der geschäftlichen Hektik einer mittelgroßen Metropole. Die große Einfahrt befindet sich an einer vierspurigen Straße, die durch Straßenbahnschienen in der Mitte durchschnitten wird. Würden nicht ständig Rettungswagen in die große Einfahrt abbiegen und sie wieder verlassen, käme niemand auf den Gedanken, dass sich hinter den alten Bäumen eine Klinik befindet. Nach ein paar Metern  liegt auf der rechten Seite ein riesiges Gebäude im wilhelminischen Stil. Hier ist vor mehr als hundert Jahren der Grundstein für die Heil-und Pflegeanstalt gelegt worden.

Marlene hat sich entschieden mit dem Abenteurer die große Runde zu drehen.

Vor Haus IV schlägt sie mit dem Rollstuhl den rechten Weg ein, obwohl der Park auf der linken Seite liegt. Sie kommen an Haus III vorbei, wo selbst in Parterre alle Fenster vergittert sind. Ihre Mutter würde jetzt sagen: „Damit keine Mäuse hereinkommen!“

Es folgt eine Treppe, die man zwischen zwei Sträuchern umgehen kann. Zwar peitschen dem Abenteurer kleine Äste ins Gesicht, aber das wird er aus dem Dschungel gewohnt sein. Es folgt Haus IX und auf der rechten Seite ein Altbau, der in seiner Architektur einem kleinen Leuchtturm gleicht, Haus XII. Hier sind die Kinder untergebracht. Die Fensterscheiben in Parterre sind mit Fingerfarben bemalt.

„Das war früher mal der Narrenturm“, hat eine Frau zu Marlene gesagt und einen Tritt gegen das Schienbein geerntet.

Auf der großen Straße, die sie jetzt erreicht haben, herrscht reger Verkehr. Geschickt lanciert sie den Rollstuhl zwischen zwei rot-weißen Pöllern hindurch.

Links bis zur Ampel und der großen Kreuzung, die für Rollstuhlfahrer eine Falle bedeutet, wenn sie sie überqueren wollen. Einmal in den Vertiefungen der Straßenbahnschienen gelandet, die sich hier mehrfach kreuzen, kommt man ohne fremde Hilfe nicht mehr raus.

Marlene ist eine gute Fremdenführerin. Dem Abenteurer scheint es zu gefallen, denn er lächelt sanft vor sich hin.

Auf der gegenüberliegenden Seite gibt es einen Supermarkt, einen Ein-Euro-Laden, einen gemeinnützigen Secondhandshop und viele Lokale, in denen man seine Seele verlieren kann.

Marlene bleibt auf ihrer Seite und schiebt den Rollstuhl nach links, bis sie auf die große Auffahrt stoßen, die gerade ein Rettungswagen mit Blaulicht und Rettungshorn benutzt.

Sicherheitshalber nimmt sie den schmalen Fußweg, der die Breite eines Rollstuhls hat.

Vor ihnen liegt das alte imposante Hauptgebäude im wilhelminischen Stil. In den Krankenzimmern sollen bis zu zwölf Personen gelegen haben. Marlene hat die Fenster gezählt, zweihundertzweiunddreißig Fenster an der Zahl. Das macht 2784 Patienten in einem Haus. Jetzt sind auf dem ganzen Gelände vielleicht ein Viertel davon in über dreißig Häusern untergebracht.

Während des 2. Weltkriegs hat das Haus als Lazarett gedient.

Was aus den Patienten geworden ist?

Marlene kennt die Geschichte, die sie erschaudern lässt. Im großen Park zeigt sie dem Abenteurer den kleinen Birkenhain, dessen Bäume kreisförmig gepflanzt sind.

Ein zu friedlicher Ort für ein Denkmal, das auf Euthanasie, den Massenmord an schutzlosen Patienten hinweist.    

Ein Eichhörnchen huscht über die Wiese und erklimmt einen Baum. Die Bänke sind besetzt mit Rollatorenfahrern,

älteren Menschen und Patienten. Lächelnd wird gegrüßt.

Sollen ruhig alle wissen, dass sie mit dem Abenteurer zusammen ist, denkt Marlene und lächelt zurück.

Thorsten ist das egal. Er ist froh, wieder menschliche Stimmen zu hören. Seit dem der Engel urplötzlich auf seinem Schoß gelandet ist, kann er wieder Geräusche deuten und Stimmen erkennen. Der riesige Schwarm an Schmetterlingen begleitet ihn zwar immer noch. Nur das laute Getöse, das ihre Flügel verursacht haben, ist zum Glück verstummt.

Von weitem hört er den Autoverkehr rauschen. Ein Flugzeug hat wohl die Wolkenbank durchbrochen. Das Dröhnen der Turbinen ist für ihn wie Musik in den Ohren. Auch wenn er noch nicht weiß, wo er ist, scheint die menschliche Zivilisation nicht weit.

Zielsicher steuert Marlene den Rollstuhl auf die Terrasse der Cafeteria.

„Hast du einen neuen Freund?“, will die ehrenamtliche Bedienung von Marlene wissen.

„Das ist der Abenteurer“, sagt sie voller Stolz und zeigt auf den Mann im Rollstuhl, der einen blauen Turban aus Verbandsmull trägt. Sein Gesicht ist voller kleiner Schrammen. Sein Mund ein wenig schief und die Augen starren in eine Ferne, die unerreichbar zu sein scheint.

Marlene bestellt zwei Cappuccino mit ganz viel Sahne und einem langen Löffel. Sie wird den Abenteurer füttern müssen, denn seine Finger haben sich übereinander verkeilt und sehen aus wie die Typenhebel einer Schreibmaschine, wenn man gleichzeitig auf alle Tasten schlägt.

„Das wird schon wieder“, sagt sie tröstend und tätschelt die verkrampfte Hand des Rollstuhlfahrers.

Von allen Seiten Stimmen, die Thorsten nicht zuordnen kann.  Wie gern würde er auch etwas beisteuern, aber nichts in seinem Mund gehorcht ihm. Zwischen Dunkelheit und gleißendem Licht muss im Mund- und Rachenbereich eine Revolution stattgefunden haben.

„Wasser, bitte!“, will er sagen und bringt nur ein „Waha, haha“, heraus. Dabei ist er voller Sätze, die herausmüssen, bevor etwas in ihm platzt.

Er spürt Veränderung. Wenn er sonst die Augen geschlossen hat, ist alles feuerrot oder schwarz gewesen. Ein erschreckender, toter Zustand. Nur sein Atem, der Anwalt seines Daseins, hat ihm Trost zugesprochen: So lange du atmest, lebst du noch.

Jetzt, wenn er die Augen schließt, hat er immer denselben Traum. Er ist in Farbe und in HD. So wirklich, dass er versucht ist, mit seinen Händen in die Szenerie einzugreifen.

Thorsten spürt etwas kaltes Süßes in seinem Mund, gleich darauf folgt Heißes, das seiner Zunge einen spitzen Schmerz zufügt.

Dann muss eben ein anderer den Film erzählen, den er jetzt schon mehrere Male gesehen hat.

  








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