Marlene

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5. Kapitel


Dumm gelaufen


Es gibt Tage, da sollte man lieber im Bett bleiben, vor allem, wenn man aus einem schönen Traum gerissen wird.

Eben noch hat Thorsten mit seiner Silvia einen Cocktail auf den Cayman Inseln genossen. Er hat sie einfach mitgenommen, soll sie doch mal sehen, wie Polizeiarbeit, wie seine Arbeit wirklich aussieht. Sie ist stolz auf ihn, stolz auf sich mit so einem Haudegen zusammen zu sein.

„Wir ermitteln im Geheimen. Wir sind überall und unsichtbar“, sagt er zu Silvia und prostet ihr mit einem knallroten Cocktail zu. Der grüne Inhalt ihres Glases schwingt wie in Zeitlupe hin und her.

Er jagt und stellt Steuersünder und hat schon so manches Mitglied eines Dax-Vorstandes zur Strecke gebracht. So hat er auch Silvia kennengelernt, die Teilhaberin eines exklusiven Klubs gewesen ist. Während einer Razzia hat er sie aus der Schusslinie genommen. Silvia ist eine ehrliche Haut, das hat er sofort gespürt. Auf seinen Instinkt kann er sich jeder Zeit verlassen. Nicht umsonst nennen ihn alle im Präsidium nur den Spürhund.

Gerade als er den Träger ihres weißen Abendkleides abstreifen will, piept es unverschämt. Ein Geräusch, das nicht auf die Caymans, nicht an den Strand mit dem romantischen Sonnenuntergang und der Bar passt. Der Barkeeper zuckt mit den Schultern und Silvia macht ein böses Gesicht, bevor alles vor seinen Augen in kleine Teile zerbricht und von einem kosmischen Staubsauger entsorgt wird.

Instinktiv streckt Thorsten seinen rechten Arm aus. Seine Finger tasten nach dem grünen Knopf des Weckers.

Geschafft!

Das Piepgeräusch bleibt und nervt weiter.

Der linke Arm fährt aus und sucht nach warmem Fleisch. Eine lauwarme Kuhle, mehr tastet seine Hand nicht ab.

Würde jetzt eine Drohne bis zur Decke aufsteigen und den Halbschlafenden von oben aus filmen, käme es einem vor, als würde Thorsten in seinem Bett im Delphinstil schwimmen.

Das Piepgeräusch bleibt stur, es scheint unter dem Bett herzukommen.

Mit blinzelnden Augen beugt er sich aus dem Bett und lugt darunter. Das Display seines Smartphones leuchtet. Das Piepgeräusch gibt nicht auf.

Jetzt, wo wieder Blut in seinen Kopf fließt, hat er das Gefühl, dass jedes Glas, das er gestern getrunken hat in seinem Inneren von einer Schrottpresse vernichtet wird.

„Ja“, haucht er auf das beleuchtete Display mit rauer Stimme.

„Wo bleibst du?“, fragt eine bekannte Stimme über den Lautsprecher.

Keine Ahnung, was Kommissar Schlegel meint.

„Wir rücken in fünf Minuten mit einer Hundertschaft auf einer der größten Baustellen Deutschlands aus. Soweit ich mich erinnern kann, ist das auf deinem Mist gewachsen!“

„Scheiße, scheiße, scheiße“, flucht Thorsten feuert das Smartphone in die Kissen und rollt sich aus dem Bett.

„In zehn Minuten bin ich auf der Baustelle!“, ruft er dem beleuchteten Display entgegen. Thorsten tapst ins Bad und wäre fast auf einem nassen Handtuch ausgerutscht.

Wäre er das bloß.

In einer Nebenstraße steht ein Möbelwagen von Schiesser & Söhne seit 1899. Davor und dahinter zwei schwarze Limousinen. Es gibt drei Möglichkeiten mit dem Auto auf die Baustelle zu gelangen, aber viele, um zu Fuß von ihr zu flüchten.

Die Ausfallstraßen sind alle besetzt, das hat Thorsten gesehen, als er sich im Schritttempo der Baustelle nähert. Alle Kollegen sind auf ihren Plätzen.

Er besteigt über eine unsichtbare Tür den Möbelwagen, der auf den ersten Blick aussieht, wie eine Einkaufsgasse in einem Elektronikmarkt. Wären da nicht die Kollegen, die hochkonzentriert vor den Bildschirmen sitzen.

„Sie sind spät dran“, begrüßt ihn der leitende Staatsanwalt, der nervös an seinen Fingernägeln knabbert.

Lautlos öffnet sich das Dach und drei Drohnen steigen auf, die alles dokumentieren sollen.

Thorsten hält nicht viel von dem ganzen technischen Schnickschnack. Letztendlich muss jeder Einzelne vor Ort die Arbeit leisten. Ausgestattet mit unzähligen Kunststoffbändern, die mit einem Ritsch zu Fesseln werden, marschieren die Beamten auf die Baustelle zu. Zehn Reisebusse stehen in Bereitschaft, um die Bauarbeiter aufzunehmen.

„Achtung, Achtung, hier spricht die Bundespolizei. Dies ist eine reguläre Überprüfung...“, sagt eine Megaphonstimme, die sich bemüht, nicht wie eine Kirmeslosverkäuferstimme zu klingen.

Thorsten streift sich die Schutzweste über. Man kann nie wissen, wie der Einzelne reagiert, der auf der Flucht ist. Er hasst diese Einsätze, obwohl alles nach seinem Plan abläuft. Aber die armen Schweine, die für ein paar Euro hier ihre Gesundheit riskieren, sind es nicht, die er hinter Schloss und Riegel bringen will. Es sind die, die glauben clever und smart zu sein, die glauben, dass die Republik ihnen gehört und alles für sie geleistet zu haben, um jetzt abkassieren zu können.

Die Leute, die er hinter Schloss und Riegel bringen möchte, wird er heute nicht auf der Baustelle antreffen, aber es wird sie ins Mark treffen, wenn hier für Wochen der Betrieb still steht. 

Sternenförmig laufen die Arbeiter auf der Baustelle auseinander. Die Drohnen liefern ein scharfgestochenes Bild.

Manche der gelben Helmträger springen von den Gerüsten, vereinzelt flüchten manche in die Rohbauten, die schon stehen. Ein besonders schlauer Zeitgenosse fasst den Plan, mit einem der Personentransporter zu fliehen, der jäh an der Polizeisperre endet.

Während die Hundertschaft den Kreis immer enger zieht, fahren die Busse an zwei Stellen die steile Rampe herunter.

Thorsten hat auf dem Bildschirm zwei Helmträger ausgemacht, die ins Innere eines der Rohbauten geflohen sind. 

Er springt aus dem Möbelwagen direkt in eine Pfütze. Besser kann ein Tag nicht anfangen. Silvia, die Drinks, die gesamten Cayman Inseln sind weg und jetzt auch noch nasse Füße.

Quietschenden Schrittes nimmt er die Verfolgung auf. Der Neubau ist feucht und riecht säuerlich. Thorsten nimmt die nackte Betontreppe ohne Geländer nach oben.

Alle Flüchtenden laufen nach oben, obwohl es eine Sackgasse ist. Es sei denn, man kann fliegen.

Leise ist Thorsten dabei nicht, sollen sie ruhig wissen, dass er kommt. Es gibt nichts lähmenderes für den Verfolgten, wenn er den heißen Atem seines Verfolgers im Nacken spürt.

Oben auf dem Dach weht ihm ein heftiger Wind entgegen. Das Wetter hat umgeschlagen. Erst jetzt bemerkt er, dass er in der Hektik am Morgen seine Waffe vergessen hat. Instinktiv greift er sich eine Dachlatte, obwohl er nicht glaubt, dass die beiden Helmträger bewaffnet sind. Aber sicher ist sicher.

Irgendwo vor ihm ist ein Eimer umgefallen. Von rechts glaubt er Schritte auf der rohen Betontreppe zu hören. Sie sind zu zweit. Er muss auf der Hut sein.

Von unten bellt ein Megafon und fordert alle auf, das Gebäude zu verlassen. Der weiße und der rote Helmträger werden mit Sicherheit dieser Aufforderung nicht nachkommen. Zudem einer der beiden mit einem Aluaktenkoffer geflohen ist.

Ein leises metallenes Klirren. Ein Furniereisen saust durch die Luft und verfehlt Thorstens Kopf nur knapp. Hätte er einen Helm aufgehabt, hätte ihn der Schlag weit in die Ecke geworfen. So aber hat er Zeit, sich auf den nächsten Angriff vorzubereiten.

Der Angreifer ist aus der Deckung getreten und holt zum zweiten Mal aus. Thorsten greift nach einem Verschalungsbrett und schmeißt es dem singenden Furniereisen entgegen. Er macht einen Ausfallschritt und rutscht mit seinen nassen Schuhen in einer Pfütze aus.

Der Angreifer steht mit breitem Schritt über ihm.

Siegessicher holt er mit dem Furniereisen ein drittel Mal

aus.

Auf dem Boden liegend rutscht Thorsten hilflos nach hinten und stößt gegen einen offenen Sack mit Mörtelpulver. Eine Handvoll reicht. Wieder verfehlt die Eisenstange sein Ziel. Orientierungslos taumelt der rote Helmträger durch den Neubau und reibt sich die Augen, das nichts besser macht.

Thorsten rafft sich auf, klopft sich den Staub von den Kleidern und zieht weiter. Irgendwo hat sich der weiße Helmträger mit dem Aluaktenkoffer verkrochen.

Von unten sind Martinshörner zu hören. Dss Megafon bellt

seinen Namen und verspricht Verstärkung.

Ein langgezogener Schrei verrät Thorsten, dass der rote Helmträger, nicht die Treppe, sondern den Aufzugsschacht genommen hat.

Vom Dach aus hat Thorsten einen wunderbaren Blick über die Stadt, aber keine Zeit ihn zu genießen. Der Wind, der hier oben herrscht, ist nicht ungefährlich. Überall liegt Baumaterial herum, die Stolperfallen bilden. Kisten, dicke Balken für den Dachstuhl, große Werkzeugmetallcontainer, hinter denen man in Deckung gehen kann, um sich von hinten heranzuschleichen.

Die nassen Schuhe quietschen wie eine Klingel aus Plastik an einem Kinderdreirad.

Thorsten spielt mit dem Gedanken Lalülala zu singen.

Schwere Stiefel erklimmen die rohen Betontreppen. Die Verstärkung ist im Anmarsch.

Immer wieder reißt der Film an derselben Stelle, dass auch ein Dritter die Geschichte nicht weitererzählen kann.









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