Marlene

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6. Kapitel


Verfolgungswahn


Seit geraumer Zeit hat sie das Gefühl, dass ihr jemand folgt. Erklären kann sie das nicht, aber es passieren seltsame Dinge. Geht sie beispielsweise in einem Café auf Toilette und schließt sich in eine der Kabinen ein, folgt ihr jemand im Abstand unter einer Minute. Mehrmals schon hat sie die Zeit gestoppt. Gerade erst sitzt sie auf dem heruntergeklappten Klodeckel, da hört sie schon die knarrende Tür, die durch den Schließer hart ins Schloss fällt. Klackende Schritte, die sich langsam nähern, manchmal sind es auch Turnschuhe, die leise quietschen. Durch die Kabinentür kann sie den Atem ihres Verfolgers hören, manchmal sein Parfüm riechen.

„Das bildest du dir alles nur ein“, würde ihr Mann sagen, dem sie von der ganzen Sache nichts erzählt hat. Er ist zu allem fähig und lässt sie gar für verrückt erklären.

Jedes Mal ist sie erleichtert, wenn die Schritte sich entfernen und die Tür ins Schloss fällt.

Wenn sie von der Toilette zurückkommt und sich an ihren Tisch setzt, schweifen ihre Blicke über jeden Gast und sie stellt Mutmassungen an, wer von ihnen ihr auf Schritt und Tritt folgt. Nichts, aber auch gar nichts, kann sie in den Gesichtern der anderen Gäste erkennen. Umso mehr brennt sich eine Frage in ihr ein:

Warum werde ich verfolgt?

Denn das ist sicher. Jedes Mal, wenn sie von der Toilette kommt, haben an ihrem Tisch Veränderungen stattgefunden. Mal liegt ein Buch auf ihrem Tisch, mal eine Zeitschrift, die eines gemeinsam haben: dunkle Themen.

In ihrem ganzen Leben hat sie noch nie Gedichte über den Tod gelesen. Ganz im Gegenteil. Sie hält es für überflüssig, sich zu Lebzeiten mit etwas zu beschäftigen, was ja sowieso kommt.

Anfangs hat sie die Zeitschriften und Bücher einfach ignoriert und liegen gelassen. Aber, nachdem zum dritten Mal ein Kellner ihr die Sachen nachgetragen hat, unter anderem auch eine schwarze Rose, packt sie jetzt die Fundstücke in eine Tüte und wirft sie draußen in eine Mülltonne.

Beim letzten Mal hat sie eine Ahnung beschlichen. Unruhig ist sie durch die Straße gelaufen, nachdem sie ein Nachrichtenmagazin in den Papierkorb geschmissen hat.

Sind wir ein Land voller Selbstmörder? stand in großen Lettern auf dem Titelblatt. Im Hintergrund dreizehn Gartenzwerge, die sich auf die unterschiedlichste Weise ihr  Kautschukleben genommen haben.

Natürlich hat sie sich bei dem Weg durch die Stadt nicht umgedreht. Ab und an ist sie an Schaufenstern stehengeblieben. Aber sie hat in der Spiegelung nichts Verdächtiges erkennen können.

Liegt das Nachrichtenmagazin noch im Papierkorb?

Diese Frage hat sie nicht mehr losgelassen und so ist sie, nach gut einer Stunde, wieder vor dem Café gestanden. Alles mögliche hat im Papierkorb gelegen, aber keine Hochglanzpostille mit dreizehn toten Gartenzwergen auf dem Titel.  

Für sie ist das die Bestätigung gewesen, dass ihr jemand folgt. Aber warum vernichtet ihr Verfolger die Spuren, die er selbst gelegt hat?

Sie betritt das Café, setzt sich an die Theke und bestellt einen doppelten Brandy, obwohl sie das Trinken vor Jahren aufgegeben hat.

Im Barspiegel nur Gäste, die ihr nichts sagen und einen normalen Eindruck machen.   

„Noch mal das Gleiche!“

Sie erinnert sich an den Skizzenblock, der hier auf ihrem Tisch gelegen und die Angst nur bestätigt hat, weil daneben ihr Lieblingsstift platziert gewesen ist, der eigentlich seinen festen Platz auf ihrem Schreibtisch zu Hause hat.

Beim Durchblättern der einzelnen Seiten ist mehr als ein Schreck durch ihre Glieder gefahren.

Wer hat die Skizzen gezeichnet?

War sie es am Ende selber?

Sie muss ein Stundenprotokoll führen, um ihren Tag zu dokumentieren. Vielleicht kommt damit die Sicherheit zurück.

Bloss keine Lücken haben, bloss keine Lücken haben,..., denkt sie in der Gedankenendlosschleife.

„Noch mal das Gleiche!“

Warum kann sie sich nicht daran erinnern?

Nicht nur die Skizzen, sondern auch die beigefügten Bemerkungen tragen zweifelsfrei ihre Handschrift.

Wer der Zeit entrückt, ist verrückt.

Mit Sicherheit ein Zitat ihres Mannes.

Mit seinen Wortspielen bekommt er sie alle. Komplexe Themen einfach zu erklären, darin liegt sein Erfolg.

Kamingespräche in großer Runde, dann haut er seine geistigen Zoten raus, reiht Anekdoten an Anekdoten.

Dabei ist nichts von ihm. Alles nur aus alten Biographien von Künstlern, Philosophen und anderen Wichtigtuern geklaut.

„Noch mal das Gleiche!“

Danach irrt sie durch die Straßen der Stadt, wechselt mehrfach das Taxi und ist froh, wohlbehalten Zuhause anzukommen.

Wenn sie auf ihr Leben zurückblickt, kann sie nichts finden, dass einen anderen dazu veranlassen könnte, sie zu beschatten und zu verfolgen.

Vor allem aus welchem Grund?

Den Verdacht, ihr Mann habe einen Privatdetektiv auf sie angesetzt, hat sie schnell verworfen. Erstens ist er nicht der Typ dafür, sich Dritten zu offenbaren, zweitens

leben sie schon seit Jahren so nebenher.

Eifersucht ist das Eingeständnis eigener Geringschätzigkeit, so ihr Mann, für den Minderwertigkeit oder ähnliche Charakterschwächen Fremdwörter sind. 

Zudem kommt sie aus gutem Hause, was für seine Karriere mehr als förderlich gewesen ist. Jetzt, wo er einen neuen Posten anstrebt, kann er sie noch nicht wegwerfen wie ein altes Pausenbrot.

Wenn ihre Mutter noch leben würde, ihr hätte sie sich anvertraut. In ihrem Umfeld ist niemand, mit dem man über so eine Sache sprechen könnte, ohne für verrückt erklärt zu werden. Das ist allein dem Beruf ihres Mannes geschuldet.

Schweißausbrüche, Schlaflosigkeit, Schreckhaftigkeit. In den letzten Wochen hat sich ihr Leben vollkommen gedreht. Selbst auf dem Golfplatz ist ihr Abschlag eine einzige Katastrophe. 

„Meine Liebe, was ist los mit dir?“

„Du hast doch was?“

„Erhole dich erstmal!“

Schon nach einer Woche hat sich niemand mehr zu ihr in die Liste eingetragen. Allein über den Platz zu gehen, nein, auch sie hat ihren Stolz.

„Was ist mit ihren Haaren los?“, fragt der Friseur.

Sie hat Mühe nicht rot zu werden. Zum Glück schaut sie in einen Spiegel und kann sich so besser unter Kontrolle halten.

Nachts schreckt sie auf, weil sie Geräusche hört. Mal ein leises Klirren, Schritte, gedämpfte Musik oder Stimmen.

Schweißgebadet schreckt sie hoch und denkt darüber nach, sich einen Hund zuzulegen.

Und wenn sie den Spieß herumdreht?

Was spricht dagegen, einen Privatdetektiv zu kontaktieren?




7. Kapitel lesen

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