Marlene

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7. Kapitel


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„Hat einer von euch Geburtstag?“, will die ehrenamtliche Kellnerin auf der Terrasse der Teestube wissen, die mitten im Anstaltspark liegt.

Sofort verstummen die Stimmen der illustren Gruppe, die sich sofort nach dem Mittagessen hier eingefunden hat. Vier Tische haben sie zusammengestellt und fast alle Plastikstühle in Beschlag genommen.

„Apfelsaftschorle für alle“, bestellt Marlene mit strahlendem Gesicht und tätschelt die Hand ihres Nebenmannes - der Einzige, der keinen Stuhl braucht, weil er im Rollstuhl sitzt. Sie findet, dass der Abenteurer mit seinem rosa Turban aus Verbandsstoff und der Sonnenbrille besonders verwegen ausschaut.

„Wir hätten uns woanders treffen sollen“, flüstert Albert, „hier haben selbst die Bäume und Sträucher Ohren.“

„Nicht zu vergessen die Insekten“, wendet Ex97 ein, „habt ihr schon vergessen, wie die Amerikaner Bin Laden überrumpelt haben. Mit kleinen ferngesteuerten Drohnenfliegen haben sie seinen Unterschlupf ausgekundschaftet, bevor sie zugeschlagen haben.“

Ex97, eine blasse Person mit androgynen Zügen und Kapuzenpullover, heißt so, weil 1997 sein Erzeuger seine Mutter verlassen hat. Niemand weiß, wie seine Mutter es geschafft hat, dass der Standesbeamte Ex97 ins Geburtsregister eingetragen hat.

„Wissen wir“, singen Gabi, Günther und Alois im Chor.

„Wa-wa-warum si-si-sind wir hier?“ will Markus wissen, der sein Jurastudium aus den verschiedensten Gründen hat abbrechen müssen. Markus liebt Rundwege. An einer Kreuzung kommt es in seinem Kopf zu einem Supergau. Er kann sich einfach nicht entscheiden, welche Richtung er einschlagen soll. Alles hat zwei Seiten und manche Dinge noch mehr. Warum kann die Welt nicht eindimensional sein oder zumindest rund. Das Runde kennt kein Ende, was für eine beruhigende Vorstellung.

„Wa-wa-warum si-si-sind wir hier?“ wiederholt Markus seine Frage.

„Eine berechtigte Frage“, erwidert Marlene, „es gibt eins, was uns alle verbindet.“

„Und was soll das sein?“, unterbricht Günther.

„Die Langeweile am Nachmittag!“

Erwartungsvoll schaut Marlene in die Runde.

Erkenntnis und Neugier sehen anders aus.

„Ich möchte euch heute unseren neuen Mitbewohner Thorsten

vorstellen. Hauptkommissar der Kriminalpolizei!“

„Ach du Scheiße!“

„Sieht aus wie ein indischer Bulle!“

Energisch klopft Marlene auf den Tisch, um sich Ruhe zu verschaffen.

„Thorsten hat einen Nagel im Kopf. Den hat ihm jemand in den Schädel geschossen. Dieser Jemand ist flüchtig. Und wir werden ihn suchen!“

„Wieso?“

„Warum?“

„Häh?“

„Und woher weißt du das?“

Zum Glück kommen die Getränke und lenken davon ab, dass Marlene einerseits enttäuscht ist und auf der anderen Seite mit sich kämpft, ihre Quelle nicht preiszugeben.

Der Abstellraum mit den Luftgittern zu den Ärztezimmern ist ihr Geheimnis und soll es auch bleiben.   

„Äh isch noch ba“, meldet sich das erste Mal der Abenteurer zu Wort, den alle am Tisch, mit Ausnahme von Marlene, für stumm gehalten haben.

„Na, denn Prost!“

Marlene hebt ihr Apfelschorleglas, lächelt in die Runde und nimmt einen kräftigen Schluck.

„Und wie hast du dir das vorgestellt?“, will Albert wissen.

„Also, ich habe da mal etwas vorbereitet“, erwidert Marlene und holt aus ihrem Rucksack ein kleines Päckchen, das wie ein kleines Kartenspiel aussieht. Sie löst das Gummi und legt die einzelnen Karten auf den Tisch.

Neugierig nimmt jeder aus der illustren Runde, mit Ausnahme

von Marlene und Thorsten, ein Kärtchen in die Hand.

Privatdetektei Die Siebte Hand steht auf dem Papierkarton, neben der Schrift die Verkleinerung eines farbigen Händeabdrucks mit einem Punkt.

„Ich zähle nur fünf Finger“, kommentiert Ex97 die Visitenkarte.

„Idiot! Es geht doch nicht um die Finger, sonst müsste es ja Die Sieben Finger heißen“, wendet Gabi ein.

„Ich kenne nur die sieben Zwerge, die sieben Geisslein, Sieben auf einen Streich und Siebenbürgen“, präsentiert Alois stolz sein Wissen.

„Die Siebte Hand, ich finde das hört sich geheimnisvoll an“, fügt Günther hinzu. „Nur, wer ist diese Detektei und was haben wir damit zu tun?“

„Wir sind die Detektei!“

Voller Stolz schaut Marlene in die Runde und blickt in eine  menschliche Kette aus stummen Fragezeichen.

Die Stimmung scheint auf dem Nullpunkt. Da nimmt Thorsten mit seiner verkeilten Schreibmaschinentypenhebelhand eine Karte und hält sie dicht vor die Augen.

Gebannt schaut die ganze Runde auf den Polizisten mit dem rosa Turban.

Die Augen blinzeln, der Mund bibbert, die linke Gesichtshälfte zuckt, dafür schlägt die rechte Hand wie ein Tischtennisball auf den Tisch.

Es kann sein, dass in dem Moment, als Thorsten seine Augen

aufreisst, die Sonne gerade so steht, dass sie sich in seinen Pupillen spiegelt. Zumindest haben sie so ein Glitzern, dass ein Raunen durch die illustre Runde geht. Das strahlende Lächeln, was folgt, ändert schlagartig die Stimmung in der bunten Gruppe.

Ist gerade ein Wunder geschehen?

Wie ein Scheinwerfer bündelt die Sonne ihre Strahlen und wirft sie nun auf die illustre Runde.

„Ich bin dabei!“

Günther ist der Erste, der sein Ja-Wort gibt. Als Schauspieler drittklassiger Bühnen hätte er zu seiner aktiven Zeit liebend gern mal einen Fernsehkommissar gespielt.

„Dann mach ich auch mit“, erklärt sich Gabi bereit.

„Wenn es denn sein muss“, kommentiert Albert seine Zustimmung.

„Warum sind hier keine Fliegen?“

„Jetzt sag schon ja, Alois“, fordert EX97 seinen Nachbarn auf und gibt mit einem Zweifingerzeichen sein Ok.

„Wenn es so ist!“

„Si-si-sind wir jetzt De-de-tektive?“

Markus schaut fragend in die Runde und erbettelt sich anschließend bei Gabi eine Zigarette.  

„Ich bastele uns eine Seite im Netz mit allem drum und dran“

EX97 ist guter Dinge. Niemand am Tisch hat ihn zuvor lächeln gesehen.

„Wir brauchen ein Büro, hier können wir unsere Klienten schlecht empfangen.“

Günther ist sich noch nicht sicher, wie er den Detektiv anlegen soll, schusselig wie Peter Falk, verwegen wie John Wayne oder eiskalt wie Alain Delon.

„Ich besorge uns was“, verspricht Albert, „da werdet ihr staunen!“

„Wenn wir inkognito ermitteln und observieren, brauchen wir Maske und Perücken. Wäre doch gelacht, wenn ich das als gelernte Friseuse nicht hinkriegen würde“, erwidert Gabi und zieht an einem Strohhalm, der in einer kleinen Milchtüte steckt und verdächtig nach Alkohol riecht. Was gibt es Schöneres als ein Brandy an einem sonnigen Nachmittag?

„So können wir alle Fliegen mit einer Klappe schlagen!“

Mit geschlossenen Augen sieht Alois seine Maria auf einer Wolke vorbeiziehen. Ganz in weiß hält sie wie eine Demonstrantin zwei Schilder hoch. Auf dem einen: Essen steht auf dem Herd!, auf dem anderen: Lange Unterhose nicht vergessen! 

Vielleicht wird noch etwas aus mir und ihm, denkt Gabi und träumt sich mit Günther in eine Soap. Er rezitiert irgendwelche Dichter, die sie nicht versteht, und sie macht den Kundinnen, die in Scharen den Friseursalon stürmen werden, um in der Nähe dieses gutaussehenden Mannes mit der warmen Stimme zu sein. Er gehört mir, dieses Lächeln wird ihr gut im Frisierspiegel zu Gesicht stehen.

„Eddie, ich bin‘s“, flüstert Albert in das Handy, „machst du immer noch diesen komischen Job? - Alles klar, dann kommen wir morgen vorbei. - Wieso wir? Habe gerade mit Freunden eine neue Firma gegründet. Du wirst staunen. Auf meine alten Tage habe ich mich auf die andere Seite geschlagen. - Dann bis morgen!“

Siegessicher strahlt Albert, der Berufsganove, für ein paar

Sekunden in die Runde, bevor er in einen tiefen Schlaf fällt.

„Noch einmal Apfelschorle für alle!“

Marlene strahlt über das ganze Gesicht. Was für ein Erfolg!

Selbst ihr Nachbar im Rollstuhl scheint guter Dinge zu sein. Sein sanftes Lächeln verspricht Bände oder so ähnlich.

Eben noch hat Thorsten mit seiner Silvia einen Cocktail auf den Cayman Inseln genossen. Er hat sie einfach mitgenommen, soll sie doch mal sehen, wie Polizeiarbeit, wie seine Arbeit wirklich aussieht. Sie ist stolz auf ihn, stolz auf sich mit so einem Haudegen zusammen zu sein.

„Wir ermitteln im Geheimen. Wir sind überall und unsichtbar“, sagt er zu Silvia und prostet ihr mit einem knallroten Cocktail zu. Der grüne Inhalt ihres Glases schwingt wie in Zeitlupe hin und her...






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