Marlene

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8. Kapitel


Würfelspiel


„Das Leben ist ein Würfelspiel“, sagt der Mann auf der braunen Lederbank, deren Farbe aussieht wie Kotze, nur ohne Stückchen.

Wer hat die Regeln erfunden?

Was ist das Ziel?

Wer oder was hat den Würfel erfunden?

Wer ihn geschnitzt?

Fragen über Fragen, die sich manchmal Dr. Christiane Langbein stellt, wenn sie unten ohne Arztkittel in der großen Empfangshalle sitzt und das hektische Treiben beobachtet.

Der designierte Kaiser von Deutschland, der sich perdu nur von seiner Heiligkeit in Rom krönen lassen will, nimmt jeden Tag fünfzig Kilometer Fahrt auf sich, um wieder hier zu sein. Ihr Vorgänger von 2b hat ihn seinerzeit in eine Wohngruppe weitab jeglicher Zivilisation gebracht. Zweimal am Tag hält der Überlandbus an einem Holzgestell für Milchkannen. Morgens fährt der designierte Kaiser von Deutschland damit in die Stadt und abends wieder zurück.

„Es tut mir wirklich schrecklich Leid, aber ich muss unsere Verlobung lösen“, hört Christiane ihn zu einer Frau sagen, die einen Stoffhasen fest in den Armen hält und nervös an einem der langen Ohren zupft.

„Ich habe auch einen anderen“, erwidert sie trotzig und drückt das Stofftier fest an sich.

Die junge hübsche Frau ohne Unterschenkel rollt vorbei und schaut durch alle hindurch. Vielleicht ist sie in Gedanken bei ihrem Vater, der seit einem Jahr rechtskräftig verurteilt eine lebenslange Gefängnisstrafe absitzt, weil er es nicht ertragen hat, dass der Freund seiner Tochter sie so unglücklich gemacht hat, dass sie sich auf die Schienen gelegt hat. 

Was sich genau an einem Herbstabend in der Wohnung des Freundes abgespielt hat, lässt sich nur erahnen, weil der beschuldigte Vater während der Vernehmungen und des ganzen Prozesses geschwiegen hat. Für die von den Nachbarn gerufenen Einsatzkräfte hat sich ein Bild des Grauens geboten. Schon im Hausflur muss der Beschuldigte die Kettensäge angeworfen haben. Anders lässt es sich nicht erklären, dass die Wohnungstür in der Mitte geteilt gewesen und wie eine Salontür hin und her geschwungen ist.

Das erste abgetrennte Körperteil haben die Einsatzkräfte im Flur zwischen Küchen- und Wohnzimmertür gefunden. Der Freund der Tochter hat den fatalen Fehler begangen, sich mit Armen und Händen einer Kettensäge in den Weg zu stellen. Kurz vor der offenen Balkontür muss der Vater die Beine des jungen Mannes erwischt haben. Überkreuz haben die abgetrennten Körperteile dort gelegen. Ein rosa flatternder Vorhang hat den Einsatzkräften den Weg gezeigt. Mit seinem übrig gebliebenen Arm muss er es noch geschafft haben, die Reling des Balkons zu erreichen, um sich hochzuziehen. Die schleifende Blutspur, die ein Maler nicht besser auf die Leinwand hätte bringen können, ist der letzte Hinweis. Dann verliert sich seine Spur.

Erst ein Beamter aus der zweiten Einsatzgruppe entdeckt den jungen Mann auf einem Nachbarbalkon, aufgespießt auf der Antenne eines Hobbyfunkers.

Christiane kennt unzählige solcher Geschichten.

Ein Schmetterling öffnet seine Flügel, ein Dominostein fällt um und reißt alle mit.

Die bildhübsche junge Frau ohne Unterschenkel rollt rastlos durch das Foyer. Sie kann nicht allein sein. Körperliche Nähe ist ihr unerträglich.

Wir sind alle Seiltänzer, wie gern würde sie das zu all ihren Patienten sagen. Ja, das ist die Wahrheit und mit ihr möchte sie Mut geben. Was für den einen ein unüberwindbarer riesiger Berg, ist für den anderen ein plattgewalzter Tennisplatz. Ein Rinnsal bedeutet für den einen, ein reißender Fluss, ein anderer geht barfuß über eine Sommerwiese und schreit voller Schmerz, denn jeder Grashalm ist eine Scherbe mehr im Geröll seiner Empfindung.

Ein Sonnenaufgang, der Beginn des Lebens, für andere die Erkenntnis, dass sie auch untergeht und sich alles in einem zeitlosen Nichts verliert. Aus Babys werden Zombies, die mit ihren gierigen Mündern, Seelen aussaugen. Eine Musikbox  spielt Peter Alexander Der letzte Walzer mit dir. Relaisstation einer außerirdischen Macht, die den Auserwählten eine Nachricht hinterlassen möchte. Diedietie, Diedietie... Über all diesen Liedern werden Nachrichten übermittelt, warum hört und sieht das niemand.

Der Taxifahrer vor der Tür, auch nur ein Botschafter einer fernen Galaxy.

Vor dem Aquarium sitzt die dicke Kitty und zählt die Fische.

Christiane macht sich ein paar Notizen in ihrem Smartphone:

Die dicke Kitty zählt die Fische im Aquarium.

Mit einem gescheiterten Suizid ist sie vor drei Monaten hier eingeliefert worden.

Jahrelang hat die dicke Kitty in einem Supermarkt an der

Kasse gesessen, bis an einem Samstagvormittag der Drehstuhl

unter ihr auseinander gebrochen ist.

„Du bist fristlos gekündigt“, hat der Filialleiter zu ihr gesagt. Ein schmieriger Typ, der den Mädchen beim Einräumen der unteren Regale auf den Po geglotzt hat.

Hat er ein Mädchen beim Ladendiebstahl erwischt, ist es nicht selten vorgekommen, dass er sich mit der vermeintlichen Täterin in seinem Büro eingeschlossen hat.

Die dicke Kitty hätte es nicht gewundert, wenn der Schmierlappen das Diebesgut heimlich den Mädchen zugesteckt hat.

Eine ganze Woche ist die dicke Kitty weiter zur Arbeit gegangen, so als ob nichts gewesen wäre. Natürlich sind die Personalräume hinter der Käsetheke und der Kassenbereich für sie tabu gewesen. So hat sie sich einen Wagen geschnappt und damit ihre Runden zwischen den Regalen gedreht. Natürlich ist ihr bewusst gewesen, dass sie unter der ständigen Kontrolle des Filialleiters steht. Mehr als dreißig installierte Kameras sorgen für eine lückenlose Überwachung des Supermarkts.

Eine Stunde kann unendlich lang sein, besonders wenn man überhaupt nichts kaufen möchte. Zudem ist die dicke Kitty Gehen überhaupt nicht gewohnt. Schon nach zwei Minuten hat ihr der Schweiß auf der Stirn gestanden. Fünf Minuten später hat sie geglaubt, dass ihr das Herz in die Speiseröhre geschossen ist, vor all der großen Anstrengung.  Von dem Plan acht Stunden einen Einkaufswagen durch ihre alte Arbeitsstätte zu rollen, ist sie nach einer Viertelstunde schon wieder abgerückt. Stattdessen hat sie den Supermarkt verlassen, um auf der gegenüberliegenden Seite einen Imbiss zu betreten. Von dort hat sie von einem Barhocker aus, einen guten Blick auf ihre alte

Arbeitsstätte.

Wie viel Schälchen Pommes kann man in einer Stunde essen? Die dicke Kitty hat es nicht gewusst, ist aber mehr als verwundert, als ihr der Imbisspächter die Rechnung präsentiert, einen Magenbitter spendiert und einen Mengenrabat einräumt.

Den Tag herum zu bekommen, ist für die dicke Kitty eine Qual. Die Zeit scheint stehengeblieben zu sein.

Siebzehn Mal ist sie im Supermarkt gewesen und es ist noch nicht einmal Mittag. Sie hat das Gefühl, dass sich die Luft in durchsichtige Götterspeise verwandelt hat. Jeder Schritt, jede Bewegung durch diese zähe Masse kostet Kraft.

Nach einer Woche und einer Unterlassungserklärung, dass sie den Supermarkt nicht mehr betreten darf, gibt die dicke Kitty auf. Nach einem Hamsterkauf in einem Discounter verlässt sie die Wohnung für zwei Wochen nicht.

Als sie eines nachts frierend vor der offenen Kühlschranktür wach wird, steht ihr Entschluss fest: Sie wird diesen Planeten verlassen und alles dafür tun, um keine Spuren zu hinterlassen.

Fernseher, Kühlschrank und Waschmaschine sind schnell verschenkt. In der Hochhaussiedlung, in der sie wohnt, braucht immer einer etwas. Gläser bringt sie zum Altglas und stellt dort auch drei Kisten mit Geschirr, Töpfen, Pfannen und Besteck hin. Zuhause hat sie jetzt noch eine Blechtasse, einen tiefen Teller, einen Löffel, ein Messer und eine Gabel. Zum Glück muss sie die kleine Einbauküche nicht entsorgen.

Zwischen Hundekackwiese und Kinderspielplatz experimentieren die Jugendlichen mit ihrem bereits

verpfuschten Leben. Hier bekommt man alles, um benebelt durch den Tag zu gehen. Als würden Tabletten, Gras, Crack und Alkohol nicht reichen, brennt immer ein großes Feuer, das niemanden wärmt, nur stinkt und viel Qualm erzeugt.

Der Platz zwischen Hundekackwiese und Kinderspielplatz ist mit Abstand der gefährlichste Ort in der Hochhauswüstenlandschaft, aber die dicke Kitty hat keine Angst. Mit einem der Einkaufswagen, die unten immer den Eingang versperren, rollt sie ihr auseinandergesschraubtes Schlafzimmer über die Wiese bis zur Feuerstelle.

Den Qualm, den allein die Matratze verursacht, kann sie vom Küchenfenster ihrer Wohnung aus sehen.

Ihr Leben, das in zwei Aktenordnern behördlich dokumentiert ist, zerreisst sie in kleine Stücke und verbrennt alles in der Kloschüssel. Die Plastikhülle des Personalausweises kringelt sich zu einem Schneckenhaus, bevor es sich in Einzelteile auflöst. Mehrmals die Spülung gedrückt und ein amtlich dokumentiertes Leben ist verschwunden.

Jetzt gibt es sie nicht mehr. Die dicke Kitty spürt Erleichterung und ist bereit für den letzten Akt.

In einem Baumarkt gibt sie vor Steinplatten reinigen zu wollen. Mit einem Einkaufswagen voller Kanister rollt sie zurück in die Betonwüste.

Die zwei Zimmer sind leer geräumt. Zahnbürste und andere Toilettenartikel packt sie zusammen mit den letzten Küchenutensilien in einen großen Müllsack. Ein letztes Mal fegt sie die Wohnung aus und steckt Besen und Schaufel mit in das blaue Plastik. Dann entleert sie die Kanister in der

Badewanne, dessen Abflussloch sie mit Drahtwolle, Alufolie zugestopft hat.

Der Gestank der Salzsäure ist unerträglich.

Ein letzter Gang nach unten. Der blaue Müllsack ist entsorgt. Sie zündet sich eine Zigarette an und wirft die fast volle Packung mit in den Container. In der Ferne sieht sie ihre Wohnzimmereinrichtung in Rauch aufsteigen.

Als sie die Wohnung wieder betritt, empfängt sie ein ätzender Geruch, der sie zum Weinen und Husten bringt.

Gleich ist es vorbei, denkt die dicke Kitty und steigt mit ihren Kleidern in die mit Salzsäure gefüllte Badewanne.

Ein nie zuvor empfundener und nicht beschreibbarer Schmerz lässt sie aus der Wanne hüpfen und auf den Steinfließen ausrutschen.

Drei Tage später hat die Feuerwehr die Wohnung aufgebrochen und im Bad eine bewusstlose und entstellte Frau vorgefunden, die die ermittelnden Beamten erst einmal vor ein Rätsel gestellt hat.

Nach einem dreimonatigen Klinikaufenthalt und der vernichtenden Diagnose, dass die Lunge nicht mehr zu retten ist und auch die Narben im Gesicht bleiben werden, ist sie ins Haus IV Abteilung 2b gekommen.

Wer legt die Gleise?

Wer stellt die Weichen?

Christiane weiß es nicht. Aber um so länger sie auf 2b arbeitet und sich eindringlich mit den Schicksalen ihrer Patienten beschäftigt hat, bleiben mehr Zweifel und Fragen.

Ohne Frage, sie hat Glück in ihrem Leben gehabt, ist auf der Sonnenseite des Lebens aufgewachsen und kennt in ihrem persönlichen Umfeld nur nette ausgeglichene Menschen.

Wenn sie ehrlich zu sich wäre, müsste sie hätte gekannt sagen.

Angefangen hat es ja schon mit der Auswahl ihres Studiums.

Der Vater, Jurist mit eigener Kanzlei, die Mutter Architektin, beide sind sie enttäuscht gewesen, hatten sie gehofft, ihre Schneeprinzessin würde einmal die Kanzlei oder das Büro übernehmen.

„Das willst du studieren?“, haben die besten Freunde entsetzt gefragt, „das machen doch nur welche, die selbst einen Schaden haben.“

Sie hatte gerade ein Buch über einen Schüler Freuds gelesen, der zum Antritt seines Amtes als Direktor der städtischen Irrenanstalt der Triester Bevölkerung angekündigt hatte, alle Patienten seiner Anstalt zu entlassen und sie in Familien unterzubringen. Die Triester Klinik ist seinerzeit eine der größten Irrenanstalten Europas gewesen. Die Erinnerungen sind so verblasst, dass sie heute nicht mehr weiß, ob die Geschichte Tatsachen entspricht oder reine Fiktion eines Schriftstellers ist, denn keiner ihrer Kollegen kennt diese Geschichte.

Christiane macht einen Rundweg um das Hauptgebäude und raucht eine Zigarette. Sie muss an ein Bild denken, dass sie am Wochenende im Kunstmuseum gesehen hat. Golgatha, die beiden römischen Söldner, die unter dem Kreuz des sterbenden Jesus die Kleider auswürfeln.

Mag sein, dass sich gesellschaftlich, technisch und politisch die Welt immer wieder neu erfindet, weiterzieht.

Das Elend und der Schmerz bleiben.

Alles nur ein Würfelspiel?






9. Kapitel lesen

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