Marlene

Newsletter       Über mich       Romane       Theaterstücke       Lyrik       Film       Kontakt       Impressum

 

9. Kapitel


Jetzt


Seit Stunden sitzt Ex97 vor dem Laptop und starrt auf den blauleuchtenden Bildschirm.

Ihm fällt einfach nichts ein. Der erste Gedanke, die Fantasie fehlt, als ob jemand einen Teil seiner Festplatte gelöscht hätte. Naturgemäß hat er sich die anderen Seiten der Mitbewerber angesehen, die allesamt langweilig und spießig gewesen sind.

Aber wie soll man eine Seite für eine Detektei anlegen?

Geheimnisvoll?

Seriös?

Locker, damit der Besucher seine Hemmungen ablegt, um anzurufen oder den ersten Kontakt per Mail zu suchen.

Die Geschichte der Firma, die Lebensläufe der Mitarbeiter kann man erfinden. Einen Comic entwerfen, der eine neue Wirklichkeit abbildet. Fotos gibt es genug im Netz, um selbst einen neuen Planeten zu erfinden.

Lügen hat er von der Pike auf gelernt. Seine Mutter ist ihm von Anfang an eine große Lehrmeisterin gewesen. 

„Der ist nicht da, ist bei einer Freundin in London!“

Er hat nebenan im Bett gelegen, alles mit angehört und auf die verschlossene Tür gestarrt.

Ex97 schließt das Fenster des Homepageprogramms und öffnet ein anderes Fenster.

Jetzt von Ex97 steht da in großer Schrift. Weiter ist er nicht gekommen. Die Frage, zu was es sich entwickeln wird, das, was er schreiben wird, kann er sich nicht beantworten. Wird es ein Roman, ein Aufsatz, ein Essay oder eine wissenschaftliche Abhandlung? Er weiß es nicht.

Ein Buch über das Jetzt zu schreiben, ist ohnehin eine heikle Aufgabe. In dem Moment, wo man das Wort Jetzt schreibt, ist der Gedanke es zu tun Vergangenheit. Hat man das Wort Jetzt aber noch nicht geschrieben, der Vorsatz aber in einem gereift, es zu tun, liegt alles in der Zukunft. Denn es ist ja nicht sicher, dass man es auch tut. Die Zukunft ist immer wage. Während die Vergangenheit eher an eine Ansichtskarte erinnert, auf der mal die Sonne scheint, mal Regenpfützen das Bild prägen.

Aber das Jetzt?

Ist es die Tausendstelsekunde bei denen die Augen geschlossen oder offen sind?

Jetzt von Ex97 steht da in großer Schrift.

Mehr hat er nicht geschafft, weil ihn die Gedanken seit drei Jahren so durcheinander machen.

Wo fängt das Jetzt an und wo hört das Jetzt auf?

Ist der Gedanke daran nicht schon Vergangenheit?

Und die Antwort darauf die Zukunft?

Wenn aber die Zukunft wage ist, gibt es vielleicht überhaupt keine Antwort.

Wie gerne würde Ex97 jetzt eine rauchen. Aber die

Stationstür ist längst abgeschlossen. Sicher, er könnte Otto fragen, der einen ab und an auf den kleinen Balkon des Pflegepersonalzimmers lässt.

Dabei ist heute alles super gelaufen.

Gut, sie haben drei Tage intensiv trainiert. Aber dennoch kann immer etwas schief gehen.

Die Zukunft ist wage.

Dass er für das digitale Equipment zuständig sein würde, ist klar gewesen.

Eine vernünftig geführte Detektei braucht eine Ausrüstung, die der Zeit entspricht. Laptops, Tablets, Drucker, Smartphones, Wanzen, Ferngläser, Richtmikrofone und, und, und. Ohne Geld eine fast unüberwindbare Hürde.

Zum Glück hat Albert Erfahrung und Fantasie und er das nötige technische Wissen, die Dinge auch umzusetzen.

Das Gerät, das Magnetkarten kopiert, ist drei Tage nach der Bestellung im Internet auf der Station 2b angekommen. Zum Glück sind auf dem Karton des Bausatzes nur chinesische Schriftzeichen gewesen, sodass das Pflegepersonal keinen Verdacht geschöpft hat.

Zu viert haben sie drei Tage geübt und zu viert sind sie in den großen Elektromarkt gegangen.

Mit einem Laptop haben sie angefangen.

„Du machst den Schirm“, hat Albert zu Günther gesagt.

Seine einzige Aufgabe hat darin bestanden, die anderen drei vor dem vermeintlichen Opfer abzuschirmen.

Der Herr im grauen Anzug ist schnell ausgemacht gewesen. Zielstrebig ist er auf das Sonderangebot eines Laptops zugesteuert und hat sich einen Karton geschnappt.

Marlene hat es ihm gleich getan und ihren Karton Ex97

übergeben. In der Schlange an der Kasse muss er direkt hinter ihm sein. Dafür sorgt der Schirm, der andere Kunden abbremst und sich dann in der Kassenschlange zwischen Opfer und ihn schiebt.

Alle vier halten den Atem an, als der Mann im grauen Anzug die Brieftasche zückt.

Zahlt er in bar oder mit Karte?

Er zückt die Karte. Jetzt muss alles sehr schnell gehen.

Ex97 hält das kleine Kartenkopiergerät in seiner Jackentasche fest umschlossen.

In dem Moment, wo der Herr im grauen Anzug die Kreditkarte  einschieben will, passiert das Missgeschick. Günther, der Schirm, stößt ihn ungeschickt an, entschuldigt sich höflich, weil die Karte heruntergefallen ist und mit einem geschickten Rückpass in die Hände von Ex97 gelandet ist.

„Ich mach das schon“, beruhigt Ex97 den grauen Anzugträger und geht auf die Knie. Längst ist die Kreditkarte in seiner Tasche, wo ein rotblinkendes Lämpchen verrät, dass der Kopiervorgang läuft.

„Es tut mir so Leid“, sagt der Schirm und dem vierten Mann, Albert, neben Marlene, steht der Schweiß auf der Stirn, weil ihm aufgefallen ist, das Günther vergessen hat, sich die Batterien für 1,99 € vom Wühltisch zu nehmen und jetzt ohne Ware in der Schlange an der Kasse steht. Albert hofft auf die Unschärfe der Überwachungskameras.

„Hier Ihre Karte“, sagt Ex97 und wird mit einem sehr freundlich und einem Danke belohnt.

Der Anzugträger hält seine Karte an den kleinen Bildschirm des Kassencomputers. Es rattert und ein paar Sekunden später ist der Kassenbeleg unterschrieben und der Anzugträger verschwunden.

Jetzt ist Ex97 an der Reihe. Er legt den gleichen Laptop auf das Band, drückt die Kopie der Bankcard auf den kleinen Bildschirm. Für den Bruchteil von Sekunden halten alle vier den Atem an. Dann beginnt der Drucker zu rattern und wirft einen Kassenbon aus. Unleserlich kritzelt Ex97 einen Namen darauf und der Einkauf ist erledigt.

„Wir haben einen Laptop, einen Laptop, wie geil ist das denn“, jubelt Marlene und gibt Ex97 einen nassen Kuss.

Albert gähnt und fühlt sich hundemüde.

„Wie war ich als Schirm?“, will Günther wissen und fügt hinzu, dass er in Kabale und Liebe von Friedrich Schiller den Wurm gespielt hat.

Albert drängt alle dazu, aus den Blickwinkeln der Kameras sternenförmig zu verschwinden.

An der Hauptpost treffen sie sich wieder und beschließen einen Kaffee trinken zu gehen, wo sie den Laptop von seiner Verpackung befreien und in einen unauffälligen Rucksack umbetten wollen.

Eine Stunde später betreten die vier einen anderen Elektrodiscounter und gelangen nach der alten Vorgehensweise an zwei neue Smartphones.

Im Hauptgebäude der Landesklinik gibt es im Foyer zum Glück Schließfächer. Zwar wird auf 2b nicht so genau kontrolliert, aber man kann nie wissen.

Die Zukunft ist wage oder heißt es, die Zukunft wird wage sein? 

Jetzt von Ex97 steht auf dem Bildschirm. Der vermeintliche Autor, bedingt durch den ereignisreichen Tag, weiß nicht wie er anfangen soll. Ein erstes Wort wäre ein Erfolg.

Mit einem Finger setzt Ex97 eine 1 und einen Punkt.

Zwei Zeilen darunter tippt er ein J, ein e, ein t, ein z und ein t, setzt ein Komma und lehnt sich zufrieden zurück.

Ein Anfang ist gemacht. 






10. Kapitel lesen

_____________________________________________________________________________________________________________________________

Webdesign & Copyright

2018

by Johannes Wierz

Kontakt  Kontakt.htmlKontakt.htmlshapeimage_1_link_0
     Impressumfttp://johanneswierz.homepage.t-online.de/home/Impressum2017.htmlImpressum.htmlshapeimage_2_link_0