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Notausgang

 

Angesichts einer Zwangsräumung sprengt sich ein an den Rollstuhl gefesselter Journalist in seiner Penthousewohnung in die Luft. 

Dieser wahre Fall ist Hintergrund für die fiktive Handlung des Theaterstücks. 

Der  Journalist lebt allein und zurückgezogen mit einem riesigen Zeitungsarchiv, das zunehmend Besitz von ihm ergreift.

Immer wieder denkt er zurück an jenen Tag in Beirut, seit dem er gelähmt ist.  

Vergangenheit und Gegenwart vermischen sich zunehmend, so dass sogar Figuren aus seinem alten Leben bei ihm auftauchen und er selbst zu einem Bestandteil seines ständig wachsenden Archivs wird.


Alle Rechte  bei Johannes Wierz

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Aufführung durch

Berufs- und Laienbühnen, des öffentlichen Vortrags, der Verfilmung

und Übertragung durch Rundfunk, Fernsehen und andere Medien,

auch einzelner Abschnitte.

Das Recht der Aufführung oder Sendung ist nur von Johannes Wierz zu erwerben.

Den Bühnen und Vereinen gegenüber als Manuskript gedruckt.

Alle Namen und Charaktere in diesem Buch

sind erfunden, und jede Ähnlichkeit

mit lebenden oder verstorbenen Personen

ist rein zufällig.




Für Reiner Scheibe



PERSONEN:


LESSING, Journalist, an den Rollstuhl gefesselt


PFLEGER des Journalisten, Freund der JUNGEN FRAU


JUNGE FRAU, Freundin des PFLEGERS


MAKLER, vertritt den Hausbesitzer


sowie:


HANDWERKER, PIANIST, CONFERENCIER, WOHNUNGSSUCHENDE, GÄSTE, eine MUTTER mit ihrem KIND, ALTE FRAU, JOURNALISTEN, HUREN, BARMANN, eine STIMME



Erste Szene


Im Arbeits- und Wohnzimmer.

Auf der einen Seite die Wohnungstür und eine Wendeltreppe, die nach oben führt, auf der anderen ein großes Fenster mit Schiebetür und Balkon. In der ganzen Breite und bis zur Decke ein übervolles Bücherregal, davor ein großer Schreibtisch, dessen Füße Aktenstapel sind. Im ganzen Raum überall verteilt, kleine und große Papier– und Aktentürme.

Hinter dem Schreibtisch im Rollstuhl der Journalist LESSING, den man durch die hohen Aktenberge jedoch nur schwerlich erkennen kann.


Von der Tür her hört man lautes Stimmengewirr.


LESSING:

Wie soll sich einer

bei diesem Lärm

konzentrieren können

Ohrenbetäubender Lärm

Menschengeschwätz

Nichtigkeiten

Bis zur Straße

werden sie wieder stehen

Seit einem Monat

jeden Mittwoch

und jeden Samstag

stehen sie bis zur Straße

Nervenkrieg

Menschengeschwätz

Die Stimmen

hoffnungslos Wartender

Man will mich Kleinkriegen

mürbe machen

Taub müsste man sein

taub

Der Anblick

dieser wartenden Meute

ist erträglich

Jede Woche

sind es wieder ein paar mehr

Von Woche zu Woche aber

werden die Stimmen

unerträglicher

Gleich wird er wieder läuten

Ich werde nicht aufmachen

wie jeden Mittwoch

wie jeden Samstag

Jeden Mittwoch

und jeden Samstag

das gleiche Ritual

Fünf Minuten lang

in kurzen Abständen

wird er läuten

in immer kürzer werdenden Abständen

Ich werde mich nicht von der Stelle bewegen

Er wird nach mir rufen

und dann einfach aufschließen

obwohl es verboten ist

Obwohl es verboten ist

wird er einfach die Tür öffnen

das Schwein

Ich sollte ihn über den Haufen schießen

Mildernde Umstände

wird man mir geben

vielleicht sogar auf Notwahr erkennen

Alles nur eine Frage

der Auslegung


Er rollt vor den Schreibtisch und dann im Slalom um die Aktentürme herum zum Fenster. Um seinen Hals hängt ein Jagdglas.

Er schaut hindurch.


Bis zur nächsten Ecke stehen sie

die Hoffnungslosen

Mir scheint die Anzahl

an Frauen mit Kindern

hat zugenommen

Vielleicht

sollte ich eine Statistik aufstellen

Mich würde es nicht wundern

wenn er für die Besichtigung

Geld nehmen würde

Die gleichen Gesichter

die gleichen Schicksale

In allen Köpfen

der gleiche ungetrübte Optimismus

Gleich wird er läuten

Sturm wird er läuten

der Makler

das Schwein

Der Besitzer

ist ein feiger Hund

er schickt seinen Zuhälter


Er schaut auf die Uhr.


Jetzt kann es nicht mehr lange dauern

In der Einhaltung der Zeit

ist er korrekt

Ein korrekter Mensch

ein Geschäftsmann

vom Scheitel bis zur Sohle

Der größte Fehler meines Lebens

ist es gewesen

hierher zu ziehen


Er schaut wieder durch das Fernglas ( diesmal in die Wohnung ).


Manchmal habe ich das Gefühl

als ob mir jeden Moment

die Augen

aus dem Kopf fallen würden

einfach so

Ich kann nichts dagegen tun

Es kommt einfach über mich

und es bleibt mir nichts anderes übrig

als zu warten

Manchmal ist der Druck so stark

dass ich Tage nur mit Warten verbringe

in der Hoffnung

dass sie endlich herausfallen

Plop

plop

wie Tischtennisbälle

Zweimal ein kurzes Plop

und sie sind draußen


Er lacht.


Beim Lesen

beim Studieren der Zeitung

trage ich eine Brille

obwohl ich überhaupt keine Brille benötige

Ich bilde mir ein

durch das Tragen der Brille

könnte ich ein Herausfallen verhindern

dabei verstärkt die Brille

nur den Augendruck

Ein Wahnsinn das Ganze

ein absoluter Wahnsinn

Das Lesen

das Studieren der Zeitung

die immer kleiner werdenden Buchstaben

die von Ausgabe

zu Ausgabe

immer kleiner werdenden Buchstaben

haben schuld daran

Der Augendruck

der überhöhte Augendruck

ist eine fürchterliche Krankheit

Der Arzt spricht von einer Überfunktion

der Schilddrüse


Er rollt hinter seinen Schreibtisch und öffnet mehrere Schubladen.


Ein ganz normales Symptom

bei einer Überfunktion der Schilddrüse

sagt der Arzt

Wenn der Arzt ein Symptom

als normal bezeichnet

weiß er meist keinen Rat

Es ist nicht normal

ein Gefühl zu haben

dass einem die Augen herausfallen

Plop

Plop

wie Tischtennisbälle

In Hamburg

hatte ich keine Überfunktion der Schilddrüse

In Hamburg

bin ich kerngesund gewesen

Die jodhaltige Luft

sagt der Arzt

hat eine Überfunktion verhindert

oder war es da die Unterfunktion

dabei habe ich die Hamburger Luft

nie als besonders gut empfunden


Er bückt sich.


Irgendwo hier muss sie liegen

Ich bin mir sicher

dass ich sie in den Schreibtisch gelegt habe

Das Archiv

es wächst mir über den Kopf

es macht sich selbständig

Von Anfang an

hat es sich selbständig gemacht

Nur

ich habe es nicht bemerkt

zu spät

die Dimension erkannt

Da ist sie ja

meine kleine Freundin


Er kommt wieder hoch.

In der Hand hält er eine Pistole.


Ich werde diesen Pedanten

ein wenig in Aufregung versetzen


Er schaut abermals auf die Uhr, rollt nach vorne und entsichert die Pistole.


Meine kleine Freundin

enttäusche mich nicht

Vier

drei

zwei

eins


Es läutet.


Vier

drei

zwei

eins


Es läutet erneut.


Die Stimmen vor der Tür werden immer lauter.

Das Läuten wiederholt sich in kürzeren Abständen.


Aus dem OFF


MAKLER:

Herr Lessing

machen Sie bitte auf

Ich weiß

dass Sie da sind

Seien Sie vernünftig

Es hat doch keinen Sinn

Lassen Sie uns

wie zwei vernünftige


Unterdessen zielt LESSING auf die Tür und drückt ab.

Von draußen hört man Schreie.


MAKLER:

Meine Herrschaften

ich bitte Sie

bewahren Sie Ruhe

Nichts ist passiert

Alles nur ein Scherz

ein Spaß

Der gute Herr Doktor Lessing

hat einen Spaß gemacht


LESSING:

Ein guter Schuss

genau wo ich ihn hin haben wollte

Seit über einem Jahr

liege ich dem Vermieter in den Ohren

er soll mir einen Gucki einbauen

Alles muss man selber machen


Es klopft jemand zaghaft an die Tür.


MAKLER:

Herr Lessing

was ist jetzt?

Machen Sie auf oder nicht?


LESSING rollt zurück zu seinem Schreibtisch.


LESSING(murmelnd):

Was fragt er mich denn

wo er doch einen Schlüssel hat.


Der Makler öffnet langsam die Tür, die aber dann von unzähligen Menschen, zum Teil mit Kindern, weit aufgestoßen wird.


Die WOHNUNGSSUCHENDEN verteilen sich im Raum.


MAKLER:

Meine Herrschaften

bitte bleiben Sie zusammen

Ich darf Sie bitten

nichts anzufassen


Einige WOHNUNGSSUCHENDE gehen die Wendeltreppe nach oben hinauf.


MAKLER:

Halt

So geht das nicht

So nicht

meine Herrschaften

so nicht


Er geht auf die Wendeltreppe zu.


MAKLER:

Wenn Sie mich bitte vorbeilassen würden


Mühsam zwängt sich die Meute nach oben.


LESSING:

Nach oben wollen sie alle

Jeder möchte der erste sein

Vielleicht sollte ich die Treppe ansägen

die ich dann

mit einer Tafel versehen werde

mit der Aufschrift

Vorsicht

Treppe ist wegen Einsturzgefahr

nicht zu betreten

Wird das ein Spaß

auf Verbotsschilder

achtet sowieso niemand

wenn es um eine Wohnung

wenn es um die Existenz geht


von oben


MAKLER:

Bitte meine Herrschaften

Bitte fassen Sie nichts an


LESSING:

Wie viele Menschen

in einen Raum passen

ohne dass eine Panik entsteht

Interessant

interessant

Von Mal zu Mal werden es mehr

Möchte gerne wissen

wie es oben ausschaut

Seit zwei Monaten

bin ich nicht mehr oben gewesen


Er dreht sich um.


Was war das für ein Geräusch?

Da ist doch jemand

Da scharrt doch etwas

Hört sich an wie ein Hund

Jetzt bringen sie schon ihre Haustiere mit


Er rollt zu einem Aktenberg.


Ja was machst denn du hier?

Wo ist denn deine Mama?


Mit einer Hand zieht er ein Kind hervor und setzt es auf seinen Schoß.

Das Kind beginnt zu schreien.


LESSING:

Aber

aber

aus dem Alter sind wir doch raus


Er fährt mit dem Kind hin und her.


Was

Das macht Spaß


zu sich


Was für Zeiten

wo die Mutter ihr Kind leugnen muss

um eine Wohnung zu bekommen


Von oben eine hysterische Stimme


MUTTER:

Mein Kind

Wo ist mein Kind?

Hat jemand mein Kind gesehen?


MAKLER:

Sie haben also ein Kind

Sagten Sie nicht eben


MUTTER(unterbricht):

Mein Kind

Wo ist mein Kind?


MAKLER:

Unverheiratet und ein Kind

interessant

interessant



ein WOHNUNGSSUCHENDER:

Schreit unten nicht ein Kind?


Sofort erscheinen mehrere WOHNUNGSSUCHENDE an der Galerie.


mehrere WOHNUNGSSUCHENDE(im Chor):

Da ist das Kind

Er hat das Kind in seiner Gewalt


Die MUTTER und der MAKLER erscheinen auf der Treppe.


MUTTER:

Mein Gott

mein Kind in der Hand eines Verrückten

Warum tut denn niemand was?

Warum ruft niemand die Polizei?


mehrere WOHNUNGSSUCHENDE(im Chor):

Polizei

Polizei


LESSING schaut irritiert.


MUTTER:

Er wird es erschießen

er wird es erschießen


Die MUTTER möchte zu ihrem Kind, der MAKLER hält sie zurück.


MAKLER:

Keine Panik

keine Panik


Das Kind hat aufgehört zu schreien.


MAKLER:

So lassen Sie doch das Kind los

Herr Lessing

Ein unschuldiges Kind

Ist es das wert?

Wegen einer Wohnung

ein Menschenleben opfern

wollen Sie sich wirklich unglücklich machen?

Überlegen Sie doch


MUTTER:

Er wird es umbringen

Er wird es umbringen


DER MAKLER hält der MUTTER den Mund zu.


MAKLER:

Wir können über alles reden

Ich werde mit dem Vermieter sprechen

Noch ist die Wohnung nicht vergeben

vielleicht können Sie bleiben


Ein gefährliches Murren geht durch die Runde.


Ich bin mir sogar sicher

der Vermieter wird ein Einsehen haben

in Anbetracht Ihrer Situation

Ich verspreche

ich werde mich für Sie einsetzen


mehrere WOHNUNGSSUCHENDE(im Chor):

Schiebung

Betrug

Alles Schiebung


MAKLER:

So verschrecken Sie den armen Mann nicht

Sehen Sie nicht

dass er behindert ist


zur Mutter


Wenn Sie mir versprechen

nicht zu schreien

nehme ich meine Hand fort

Bedenken Sie

er ist zu allem fähig


Das KIND hat unterdessen die Pistole genommen und zielt damit auf die Treppe. Die WOHNUNGSSUCHENDEN flüchten wieder nach oben.

Der MAKLER versteckt sich hinter der MUTTER.


MAKLER(leise):

Gehen Sie langsam zu Ihrem Kind

haben sie keine Angst

Ich halte Ihnen den Rücken frei


Der MAKLER schiebt die MUTTER wie ein Schutzschild vor sich her.


MUTTER:

Hermännchen

Hermännchen


ein WOHNUNGSSUCHENDER:

Hermann?

Hermannstraße?


mehrere WOHNUNGSSUCHENDE:

Hermannstraße

Hermannstraße


Die WOHNUNGSSUCHENDEN stürzen die Treppe hinunter und verlassen die Wohnung.


LESSING wendet sich ab.


LESSlNG:

Feiglinge

allesamt Feiglinge


MUTTER:

Hermännchen

Hermännchen


Das KIND klettert vom Rollstuhl herunter und läuft der MUTTER in die Arme.


MAKLER:

Das wird Folgen für Sie haben

Anzeige werde ich erstatten

Geradezu gemeingefährlich sind Sie


zur MUTTER

Kommen Sie

Kommen Sie


Beide verlassen die Wohnung.

Eine JUNGE FRAU erscheint an der offenen Tür. Sie beobachtet LESSING der aus dem Fenster starrt.

Nach einer Weile schließt sie die Tür.

LESSING fährt mit dem Stuhl herum.


LESSING:

Was wollen Sie noch hier?

Die Besichtigung ist zu Ende

Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte


JUNGE FRAU:

Ich wollte zu Ihnen


LESSING:

Zu mir?

Schickt Sie der Besitzer?

Oder etwa das Amtsgericht?


JUNGE FRAU:

Ich komme wegen dem Buch


LESSING:

Was für ein Buch?


JUNGE FRAU:

Ich habe Ihr Buch gelesen

Das Beiruter Tagebuch


LESSING:

So so

mein Beiruter Tagebuch

Alle Welt sucht eine Wohnung

und Sie kommen wegen meinem Buch

Ihnen scheint es gut zu gehen

besser als den anderen


Er wendet sich ab, rollt zum Fenster und starrt durch sein Jagdglas.

Nach einer Weile


JUNGE FRAU(leise):

Wenn ich störe

komme ich ein anderes Mal


LESSING:

Da laufen sie wie die Ameisen

hetzen zum nächsten Termin

tragen dem Makler die Tasche bis zum Auto

küssen ihm die Füße

huldigen ihm

machen leere Versprechungen

Das ist das Zeitalter

der Makler und Zwischenverdiener

Der Bäcker erhöht die Brotpreise

nur um seinen Anlageberater bezahlen zu können

Was für Zeiten

Die Polizei

wird das Schwein nicht rufen

das traut er sich nicht

Die Polizei im Haus

bedeutet Imageverlust

Bei dem Mietwucher

kann er sich die Polizei nicht leisten


Die JUNGE FRAU steht unschlüssig im Raum, sie traut sich nicht auf LESSING zuzugehen.

Nach einer Weile verlässt sie den Raum.


LESSING:

Überall wo man hinschaut

herrscht Krieg

An den Krieg

können sich die Menschen gewöhnen

Ich weiß wovon ich rede

Seitdem ich denken kann

befinde ich mich mitten drin

in der Pufferzone

in der so genannten Pufferzone

An den Krieg

gewöhnen sich die Menschen

nur der Friede

ist ihnen unheimlich


Er rollt zu einem der Aktenstapel und zieht ein Dossier heraus.

Er liest laut die Überschrift


LESSING:

Beirut

Weihnachten


Er rollt hinter seinen Schreibtisch und holt eine Flasche Whisky hervor.


LESSING:

Volle Flaschen

haben so etwas Unschuldiges an sich


Bevor er sich ein Glas sucht und einschüttet, nimmt er schon einen kräftigen Schluck.


LESSING:

Beirut

Weihnachten

Mein Beiruter Tagebuch

es ist zum Lachen


Langsam verschwindet das Bücherregal und eine Beiruter Hotelbar wird sichtbar. In der Mitte der Bar steht ein Weihnachtsbaum mit bunten blinkenden Lampen, davor

JOURNALISTEN und HUREN. In französischer Sprache singen sie "Stille Nacht, Heilige Nacht".


LESSING:

Das ganze Buch

eine Lüge

eine so genannte Lebenslüge

Internationaler Flughafen

Taxi

Hotel

Zimmer

Bar

Immer nur in der Hotelbar gewesen

die ganze Zeit

Draußen haben sie geschossen

Die Botschaft längst geschlossen

da haben wir noch Karten gespielt

Nein nein

das war Hanoi

das muss Hanoi gewesen sein

Ich verwechsle es

mit Hanoi

In Beirut

haben wir nur Whisky getrunken

Galone um Galone

Der Barpianist hat durch uns

ein Vermögen verdient

in dieser Zeit

Jede Nacht ein endloses Warten

Draußen ratterten die Maschinengewehre

zischten die Katschukas

und der arme Teufel

von Pianospieler

musste spielen

anspielen

gegen die Welt da draußen

Wir haben ihn nicht weggelassen

spielen musste er die ganze Nacht

An manchen Abenden war das Eis

teurer als der Whisky

Na denn Prost


LESSING nimmt einen kräftigen Schluck. Der Pianospieler spielt einen Tusch. Die Anwesenden klatschen. Ein "Fröhliche Weihnacht’" in verschiedenen Sprachen macht die Runde.

Der BARPIANIST spielt wieder seine Musik.


LESSING:

Der Pianist spielte

was das Zeug hielt

Um seine Seele

hieß es damals

Mit dem Teufel

um die Wette

Wir haben gelacht

und ihn mit Münzen beworfen

Ich habe in der Bar geschlafen

wie fast alle

Die Berichte abgeschrieben

und keine Zeit gehabt

den Tripper zu kurieren


Er rollt mit der Whiskyflasche und einem Glas auf dem Schoß in die Bar. Die JOURNALISTEN und die HUREN sind so mit sich selbst beschäftigt, dass sie ihn nicht beachten. Von einem Kleiderständer nimmt LESSING eine weiße Smokingjacke und zieht sie über.


LESSING(laut):

Wir alle

haben die Berichte abgeschrieben

abgeschrieben

abgeschrieben


Niemand in der Bar beachtet LESSING.


LESSING:

Keinen von meinen Berichten

hat die Agentur haben wollen

da habe ich sie bedient

Die Wahrheit

kommt ins Tagebuch


Er lacht laut.


Wir alle haben die Weltöffentlichkeit

mit irgendeiner Scheiße bedient

Hört ihr

wir alle haben die Welt beschissen

Fröhliche Weihnachten

Hauptsache

es ist einfach und stimmig

Nur nicht die Wahrheit

bloß nicht die Wahrheit

Die Menschen wollen Information

und keinen Ekel

Quoten

Auflage machen

darum geht es

nicht wahr

meine Freunde


Er nimmt einen kräftigen Schluck.


Die Menschen bloß nicht anekeln

nicht schocken

Ein vietnamesisches Mädchen

nackt

auf einer Straße

Mit Angst im Gesicht

Ja

so ein Bild

geht um die Welt

weil es harmlos ist

So ein Bild

kann man sich zum Frühstück

beim Studieren der Zeitung

getrost antun

so ein Bild schon

Da schmecken Eier und Salzstangen immer noch

Ausstellungen

kann man mit solchen Bildern machen

Preise gewinnen

Die Agenturen lechzen

nach solchen Bildern


Er nimmt sein Glas und schmeißt es in den Weihnachtsbaum.


LESSING:

Ich habe andere Bilder gesehen

Wir alle haben andere Bilder gesehen

Wir müssen damit leben

Halb verweste Menschen

Körperfetzen

einzelne Köpfe

Prost und Fröhliche Weihnachten


Er nimmt einen kräftigen Schluck aus der Flasche.


Verklebte Leichen

wie wäre es damit

Bis zu vier Menschen habe ich gesehen

die ineinander verschmolzen waren

Ein Vater beugt sich zum Schutz

über seine Frau und seine beiden Kinder

Die glückliche Familie

die heilige Familie

Fröhliche Weihnachten


Er nimmt einen kräftigen Schluck.


LESSING:

Es wird Zeit

dass wir nach draußen gehen

Hört ihr

Wir dürfen die Wahrheit nicht länger

in unseren Köpfen behalten

Wir müssen sie hinausschreien

und nicht im Archiv ablegen

Lasst uns nach draußen gehen


Vergeblich versucht er sich im Rollstuhl aufzurichten.


ein JOURNALIST(ruft laut):

Vorsicht Heckenschützen


LESSING stürzt zu Boden und hält zum Schutz die Hände über den Kopf, dabei zerbricht die Whiskyflasche.

Die JOURNALISTEN und HUREN lachen. Der PIANOSPIELER spielt einen Tusch.




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