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Opernball

 

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PERSONEN:

HANS Fenkart, Jungunternehmer


SONJA Fenkart, dessen Schwester


PETRA, Verlobte von Hans


WOLFGANG, Freund von Sonja



PROLOG:


ERSTER TEIL


Wolfgang sitzt vor einer Schreibmaschine und tippt.

Neben sich mehrere beschriebene Bl‰Äter Papier.

Nach einer Weile zieht er das Blatt heraus, legt es zu den anderen und steht auf.

Er liest laut aus seinen Aufzeichnungen vor.


WOLFGANG:

Erschrocken sein

über etwas

Was kann einen heute noch erschrecken

Die Medien filtern

die Erzählungen schwächen ab

Tote im Überfluss

kommen an das Innere

nicht mehr heran

Das wirklich große Ereignis

beispielsweise ein Flugzeugunglück

oder eine Dürrekatastrophe

h‰lt bis zum nächsten Termin

der Tagesschau

oder gar nur bis zum Frühstück

Nein

das alles meine ich nicht

Es berührt mich nur soweit

dass eckige Kanten abgerundet

stumpf werden

Das Ergebnis macht erschrocken

Das Ergebnis

die Stumpfheit

die Regelmäßigkeit der Geschichte

macht Angst

Rudi Dutschkes Hoffnung

auf Veränderbarkeit

der Regelmäßigkeiten der Geschichte

hat sich nicht bewahrheitet

Der Tod Ulrike Meinhofs und ihrer Mitstreiter

wird zur Blasphemie

in Anbetracht der heutigen Lage

Das Wort umsonst

macht die Runde

umkreist Tod

Kampf und Leben

Das Wort umsonst

taucht auf

wenn das Fernsehen

den Opernball überträgt

Bei über zwei Millionen Arbeitslosen

könnte das leicht zu einem

Tanz auf dem Vulkan werden

Aber weit gefehlt

Nichts rührt sich

die Einschaltquoten sprechen eher

für das Gegenteil

Die Mächtigen des Landes

sprechen von Interessenlosigkeit

Politik

dieses sensible Feld

wird freiwillig geräumt

Warum denn auch?

Sollen sich doch

andere darum kümmern

Warum sich engagieren?

Wenn doch alles umsonst ist

Um auf Nummer sicher zu gehen

werden die letzten Beweismittel

deutscher Gründlichkeit

aus dem Dokumentationszentrum in Berlin gestohlen

Jetzt können auch die wieder ruhig schlafen

die nur für das Wohl

des deutschen Vaterlandes handeln

und gehandelt haben

Doch zurück zum Opernball

dem eigentlichen Anlass

Ist es nicht so

dass gesellschaftliche Ereignisse

auch Gesellschaft widerspiegeln

Nicht die Alten

sind die Attraktion des Abends

halten ihn zusammen

Nein nein

die Jungen sind es

Es sind die Jungen

die sich in Frack und Seide präsentieren

Yuppies

ein schönes harmloses Wort

für eine alte Gattung von Mensch

Schön sein

immer wissen was man will

und vor allem geradlinig

kostet es auch jeden Preis

Und dies ist heute wirklich

kein Problem mehr

Die Banken finanzieren den ersten Wagen

die Kleider

die schöne Wohnung

Und von den Dividenden

aus diversen Aktiengeschäften

wird die Freundin unterhalten

Das Bundesdeutsche Bruttosozialprodukt steigt

Die Tänzer auf dem Parkett

beweisen es

Berechnend jeder Schritt

geplant gut vorbereitet

Ein anderer Einsatz

gar an einem Bauzaun deutscher Gerechtigkeit

wäre doch umsonst

Charleston Musik ertönt

zu später Stunde

auf dem Ball

Alles schon einmal da gewesen

Die Zeichen an den Wänden stehen

noch sind sie feucht

noch kann man sie wegwischen


Er wiederholt


Die Zeichen an den Wänden stehen

noch sind sie feucht

Kann man sie wegwischen?


BÜHNE DUNKEL


ZWEITER TEIL

In einem modern eingerichteten Wohnzimmer. Aus den Boxen ertönt Walzermusik.

Im Takt dazu tanzt HANS Fenkart, nur mit einer Duschhaube bekleidet, durch die Wohnung, dabei geht es "über Tisch und Bänke" . Die ganze Zeit seift er sich ein und summt mit.


BÜHNE DUNKEL


1.


In einem modern eingerichteten Wohnzimmer. PETRA und SONJA sitzen auf dem Sofa. PETRA lackiert sich die Nägel,sie trägt ein kostbares Ballkleid. SONJA liest in einer alternativen Zeitung.

Aus dem Badezimmer: HANS Stimme


HANS:

Scheiße

verdammte Scheiße

Warum muss das Hemd

am Hals so eng sein?

Petra

jetzt komm doch mal

Warum kommst du nicht?

Petra

Scheiße


PETRA:

Ich kann nicht

meine Nägel

sind noch nicht trocken

Außerdem wirst du wohl in der Lage sein

dir selbständig

ein Hemd anzuziehen

Der erfolgreiche Geschäftsmann Hans Fenkart

mit dem Geschick für große Geschäfte

hat Probleme

mit einem kleinen weißen Knopf


HANS:

Halt den Mund

Sonst gehe ich allein

Wie ich dich kenne

muss ich sowieso wieder auf dich warten

Sonja

hättest du vielleicht die Güte

mir zu helfen


SONJA:

Bruderherz

Ich fliege

Ich kann dich ja so nicht gehen lassen

wo doch das Fernsehen da ist


HANS:

Deine dummen Bemerkungen

kannst du dir sparen

Jetzt komm endlich


Sie steht auf und geht nach nebenan.


HANS:

Au

du tust mir weh

Merkst du das denn nicht

Es ist zu eng

Au

Es ist zu eng

zu eng

So

als hätte ich es geahnt

Jetzt ist er ab

Der Abend ist gelaufen

Der Opernball gestorben

Danke Sonja

Wirklich

vielen Dank


SONJA:

Jetzt stell dich

nicht so an

Wenn du die Fliege anhast

wird es kein Mensch mehr sehen


HANS kommt ins Wohnzimmer. SONJA folgt ihm.

Er geht zu PETRA.


HANS:

Schau

Er ist ab

Ich frage dich

wo bekomme ich um diese Uhrzeit

ein gleichwertiges qualitatives Frackhemd her



PETRA:

Ist so viel bequemer

Die Fliege darüber

und du bist der schönste Mann des Abends


HANS:

Meine Liebe

Du hast wohl vergessen

dass wir nicht zum Spaß


SONJA (unterbricht):

Echauffier dich doch nicht so

wegen so einer Kleinigkeit


HANS:

Die Kleinigkeiten

im Leben

sind die Wesentlichen

Auf die Kleinigkeiten

kommt es an

Auf den Stil

Im Detail liegt der Erfolg

Wir werden zugrunde gehen

an der Schlampigkeit

Sie nennen es Mentalität

Charme

Sie bauen auf die Zufälle im Leben

Aber es gibt sie nicht

die Zufälle

Ich nenne es Schlampigkeit

Bitte beeile dich

Die Nägel können auch noch im Taxi trocknen

Wir müssen genau um 20:45 Uhr

vor der Oper sein


SONJA:

Alter Pedant


HANS:

Berechnung

Aus seriöser Quelle

die mich immer wieder

eine Menge Geld kostet

weiß ich

das genau um 20:45 Uhr

der Innenminister

die Oper betreten wird

Das heiflt

alle Kameras

werden in diesem Augenblick

auf die Freitreppe gerichtet sein

Und wir sind dabei

Mit dem Innenminister

werden wir die Freitreppe betreten

ist das nichts


PETRA:

Nicht mein Typ

der Innenminister

Du weißt ja Sonja

dass ich älteren Herren

nie abgeneigt war

Hans ist wirklich eine Ausnahme

mit seinen dreißig Jahren

Aber der Innenminister er transpiriert so stark

vermischt mit seinem süßlichen Deo

ergibt das einen unerträglichen Geruch

Und erst seine Frau

wenn ich in dem Alter

so ausschaue

erschieße ich mich


HANS:

Sonja

hast du meinen Malteserorden gesehen?

Alles muss ich hier selber machen

Wenn du dich schon nicht für den Betrieb interessierst

den Haushalt könntest du wenigstens

in Ordnung halten

Ein gut geführter Haushalt

ist die Heimstatt

für den geschäftlichen Erfolg


SONJA:

Wusstest du eigentlich

dass zwei Drittel der Orden auf dem Opernball

Imitationen sind

Ein Ball der Fälschungen

und du mitten drin

Ich glaube

das ist sogar strafbar


HANS:

Hast du das wieder aus

deiner linken Emanzenkampfpresse

Oder kommt diese Information

von deinem reaktionären Freund


Sonja:

Pass bloß auf

dass dich mein reaktionärer Freund

nicht gleich am Eingang der Oper

mit Farbbeuteln beschmeißt


HANS:

Anzeigen sollte man die ganze Meute

Sie bringen das Land in Verruf

Die Tradition

ist die wahre Hüterin des Landes

eines Systems

das wohl ohne Zweifel


SONJA (unterbricht):

Du solltest in die Politik gehen


PETRA:

Ich bin so weit

Hast du ein Taxi bestellt?


HANS:

Wieso ich?

Wieso soll ich immer alles machen

Du hast also vergessen

uns ein Taxi zu bestellen


PETRA:

Dann fahren wir halt mit der U-Bahn

Es sind ja nur drei Stationen


HANS:

Nur über meine Leiche

Mit der U-Bahn

und anschließend mit dem Minister

auf der Freitreppe

Dann fahre ich schon lieber selber


PETRA:

Und wo willst du parken?


HANS:

Sonja

Uhrenvergleich

Wir haben jetzt genau 20:15 Uhr

Sonja hörst du mir zu

Also um genau 20: 40 Uhr

Drückst du auf Aufnahme

Den Rest habe ich schon eingestellt

Hast du verstanden

20:40 Uhr

Jetzt komm schon

immer muss ich warten


HANS und PETRA verlassen die Wohnung.

Nach einer Weile


SONJA schaut auf ihre Uhr.


SONJA:

Zwanzig Uhr vierzig

Soll ich ihn nun anmachen

oder nicht

Meinen Bruder könnte ich sehen

wie er die Freitreppe betritt

wie er sie mit dem Minister empor schreitet

Vielleicht sehe ich auch Wolfgang

wie er mit Gummiknüppeln bearbeitet wird

Oder den Präsidenten

grinsend beim Anblick der übermächtigen Polizeipräsens

Angst habe ich um beide

Hans mit seiner Hochstapelei

die er als Strategie bezeichnet

Seine Eitelkeiten werden ihm eines Tages

noch die Firma kosten

Und Wolfgang

immer in der ersten Reihe

das lässt er sich nicht nehmen

Den Arm wird man ihm auskugeln

das Nasenbein zerschmettern

Im Hintergrund die altwürdige

hellerleuchtende strahlende Oper

Nein

das will ich nicht sehen


Sie macht das Radio an. Es ertönt leise Walzermusik.


Früher

da habe ich gerne getanzt

da war noch Zeit dazu

Da hatte Hans noch Zeit

Er hat es mir beigebracht

Die Eltern haben noch gelebt

Als Kind

habe ich immer davon geträumt

auch einmal den Ball zu eröffnen

Im weißen Ballkleid

neben mir ein stolzer

hochgewachsener Offizier

wie heiflt es da so schön

Die Einführung in die Gesellschaft

Das klingt heute für mich wie Entjungferung

Wie schnell sich alles ändern kann

Wenn man größer wird

ändern sich die Blickwinkel

Alles wird durchschaubar

betrachtet es man nur vom richtigen Blickwinkel

Orden sind gefälscht

Busen künstlich

Toupet und Perückenmacher haben Hochkonjunktur

Kleider werden geliehen

Ein Jahr lang wird gespart

für ein paar Stunden Illusion

Schulden werden gemacht

und zu Hause sitzen die alten Damen

Wasser in den Beinen

und Tränen im Gesicht

beim Einmarsch der jungen Herrschaften

Ich habe in der Zeitung gelesen

dass Eltern ihre Neugeborenen

für den Opernball anmelden

um ja dabei zu sein

Nichts wird sich ändern

aufler die Eintrittspreise


Alle Rechte  bei Johannes Wierz

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Aufführung durch

Berufs- und Laienbühnen, des öffentlichen Vortrags, der Verfilmung

und Übertragung durch Rundfunk, Fernsehen und andere Medien,

auch einzelner Abschnitte.

Das Recht der Aufführung oder Sendung ist nur von Johannes Wierz zu erwerben.

Den Bühnen und Vereinen gegenüber als Manuskript gedruckt.

Alle Namen und Charaktere in diesem Buch

sind erfunden, und jede Ähnlichkeit

mit lebenden oder verstorbenen Personen

ist rein zufällig.

Aus urheberrechtlichen Gründen gibt es an dieser Stelle kein Kurzexposé. Interessenten können es aber anfordern.

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