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Stefan & Harry

 

    Derrick:

   Stefan und Harry sind ein Paar, unschlagbar.   Genauso fühlen sich der Protagonist, der mittellose Stadtzeitungsschreiber und sein Freund, der überbezahlte erste Schauspieler eines Stadttheaters, als sie sich nach München aufmachen, um ihr erstes gemeinsames Drehbuch zu verkaufen. Während sie von einem Termin zum nächsten hetzen, beginnt der Protagonist zu reflektieren.

  Am Ende ist die Seifenblase einer großen Freundschaft zerplatzt.

Alle Namen und Charaktere in diesem Buch

sind erfunden, und jede Ähnlichkeit

mit lebenden oder verstorbenen Personen

ist rein zufällig.

Alle Rechte bei Johannes Wierz







( 1 ) VOR DEN TOREN DES FILMSTUDIOS AUSSEN/TAG


Der Himmel ist wie immer in diesem Landstrich: weiß-blau. Stefan und Harry gehen in ihren eleganten weißen Anzügen am Pförtnerhäuschen der Filmstudios vorbei und heben ihre weißen Hüte zum Gruß. Auf dem großen Filmgelände kommt ihnen eine Besuchergruppe entgegen. Photoapparate klicken. Vereinzelt zeigen Männer und Kinder mit Fingern auf Stefan und Harry. Frauen kreischen hysterisch. Stefan und Harry schauen sich kurz an. Mit eleganter, leicht lässiger Handbewegung werden von beiden die Sonnenbrillen hervorgeholt und aufgesetzt. Stefan und Harry sind ein eingespieltes Team. Aus dem anfangs forschen Gang wird ein leicht tänzelnder. Die Besuchergruppe löst sich auf. Aus der Traube wird ein Pfeil, der nur ein Ziel hat: Stefan und Harry.

Aus dem OFF eine energische Stimme: Halt!!! Halt!!!

Es ist nicht der Regisseur der hier die Szene unterbricht, um sie dann gleich zum x-ten Male wiederholen zu lassen. Nein, es ist der Pförtner, der unsere Ausweise sehen möchte.

Die Vorhut der anstürmenden Besuchergruppe kann in unseren Gesichtern nichts Bekanntes erkennen und ruft" das sind sie nicht" nach hinten, worauf die Besuchergruppe erst einmal ins Stocken gerät.

"Kommens mit ins Häusel", sagt unwirsch der Pförtner und ist sogar versucht, uns an unseren blassen ausgefransten Jacketts in sein Reich zu ziehen.

Der Traum scheint zerplatzt.

Jetzt, wo Stefan und ich in brütender Hitze den Pförtner beobachten, wie er unsere Namen mit denen seiner Liste vergleicht, habe ich Zeit, die ganze Geschichte von Anfang an zu erzählen.

Beginnen wir da, als sich die Wege von Stefan und Harry zum ersten Mal kreuzten.


Der Intendant eines größeren Stadttheaters, ich habe Stefan hoch und heilig versprechen müssen, keine Namen zu nennen, lud nach einer mittelmäßigen Aufführung zur Premierenfeier ein. Ich selbst, freier Mitarbeiter einer alternativen und folglich schlecht bezahlenden Stadtzeitung, hatte die undankbare Aufgabe, eine Kritik schreiben zu müssen. Der Intendant hatte selbst inszeniert, ein Erfolgsstück aus der vergangenen Theatersaison. Dieser Herr hatte eine ganz besondere Art der Regieführung. Heimlich fuhr er in regelmäßigen Abständen mit seiner Sekretärin in die nahe liegende Großstadt und besuchte dort jene Aufführungen, die in den Feuilletons der überregionalen Tageszeitungen am meisten für Furore gesorgt hatten. Die Sekretärin mit einem dicken Schreibblock bewaffnet, hatte die Aufgabe jede noch so kleine Regieanweisung mitzuschreiben. Ein Jahr später dann brachte der Intendant unter Zuhilfenahme der handschriftlichen Notizen seiner Sekretärin das "Erfolgsstück" auf die Bühne. Das Ergebnis kann man sich vorstellen oder wie sagte einst unser Fußhallbundestrainer: "Ein guter Mittelstürmer macht noch lange keine Weltklassemannschaft aus".

   Nun, über die soeben "geklaute" Inszenierung hätte ich höchstens zwei Zeilen schreiben können. Es sei denn, ich würde es wie die Kollegen von den hiesigen Blättern machen, die einfach die glänzenden Kritiken aus den überregionalen Zeitungen des vergangenen Jahres abkupferten. Heute bin ich der felsenfesten Überzeugung, dass diese Herren mit dem Intendanten unter einer Decke steckten. Da ein freier Mitarbeiter nach Zeilen bezahlt wird, brauchte ich unbedingt Hintergrundinformationen. Ein Interview mit dem Hauptdarsteller oder der Hauptdarstellerin und ich könnte die ganze Sache auf eine Seite aufblasen. Auf Premierenfeiern heißt es erst einmal warten. Wie ja allgemein bekannt ist, kommen die Akteure erst dann, wenn das Büffet bis auf den letzten Happen leergeräumt ist. So beobachtete ich die kleine und große Stadtprominenz, selbsternannte Künstler und Künstlerinnen, Dichter mit dem Hang zur Betroffenheits- und Gebrauchslyrik und die eben erwähnten Kritiker mit dem Charme von Straßenbahnkontrolleuren. Drei bis vier Bisse und von der großen Hähnchenkeule bleiben nur die Knochen und ein fettiger Mund zurück. Als erster betrat der Dramaturg die Szenerie, grüßte nach allen Seiten und erntete von den Gästen ein mit vollen Backen eingeübtes Kopfnicken. Wahrscheinlich hatte man ihn aus den Garderoben hinausgeworfen. Dramaturgen sind ja für ihre triebhafte Spannerei bekannt. Jeder weiß, dass es im Zirkus verschiedene Arten von Clowns gibt, zum Beispiel: der Dumme August oder der Weißclown. Da Dramaturgen in der Regel von niemandem ernst genommen werden, spielen sie im Theaterbetrieb die Rolle des Clowns. Folglich haben auch sie sich eine immer gleich bleibende Maske sowie Kostüm zugelegt. Die am häufigsten auftretende Gattung ist der Schwarze Dramaturg. Seine Kleidung und seine Requisiten sind ausnahmslos schwarz. Selbst im Hochsommer tragen sie ihr schwarzes Seidenhemd mit schwarzem Anzug. Zu jener Zeit, als der Schwarze Dramaturg die Szenerie betrat und sich mit seinem schwarzen Taschentuch die perlnasse Stirn tupfte, war ich felsenfest davon überzeugt, kurz vor dem Durchbruch als Theaterdramatiker zu stehen und betrachtete meine Tätigkeit als freier Mitarbeiter einer alternativen Stadtzeitung nur als vorübergehend.

    Fünfzehn verschiedene Stücke lagen bei dreimal so vielen Verlagen und ebenso vielen Theatern. Die meisten Manuskripte kamen jungfräulich also ungelesen zurück. So wechselte ich nur die Umschläge und ab ging die Post.

    Ungeheure Summen gab ich damals für Kopien, Umschläge und Porto aus.

    Nachdem ich die Achtung vor ihnen verloren hatte, ging ich bei den Dramaturgen, vor allem beim Schwarzen Dramaturg, anders vor. Ich lauerte ihnen in ihren Stammkneipen auf, überredete sie zur morgendlichen Stunde, so zwischen zwei und drei Uhr, meine Manuskripte doch wenigstens mal in die Hand zu nehmen und musste mir als Gegenleistung dafür ihre unglücklichen Liebesgeschichten anhören. Ausgerechnet die dicken, durch Alkohol aufgeschwemmten, immer nach Schweiß stinkenden Dramaturgen, die mir immer wie eine schlechte Karikatur von Rainer Werner Fassbinder vorkamen, verliebten sich in die jungen zarten Schauspielerinnen, die gerade frisch von den Schauspielschulen eingetroffen waren. Dabei sind die längst an den jugendlichen Liebhaber, den mit dem schmalen Oberlippenbart, der sich heimlich die Haare nachfärbt und dessen Jacketkronen so herrlich glänzen, dass man sich drin spiegeln kann, vergeben. Naturgemäß gibt es, wie im Zirkus der Dumme August und der Weißclown, im Theater noch eine zweite Gattung: Der Dynamische Dramaturg. Er kleidet sich meist im edlen Zwirn und ist der aktuellen Mode nicht abgeneigt. Obwohl er jedes Feinschmeckerlokal in der Umgebung von hundert Kilometern kennt, sind seine Bauchmuskeln fest und kein Gramm zu viel belastet seinen Körper. Jeder Dramatiker oder der, der es werden möchte, sollte sich vor dieser Gattung in Acht nehmen. Diese dynamischen Herren nämlich wechseln schneller das Theater, als dass ein Manuskript seinen Weg findet. Folgendes Telefongespräch, obwohl Jahre her, ist mir noch gut in Erinnerung:

    "Gut, dass Sie anrufen. Ihr Manuskript? Ja, habe ich, liegt noch in einem der Umzugskartons. Sie können sich ja gar nicht vorstellen, wie schwierig es war, eine adäquate Wohnung zu finden. Es wird Wochen dauern bis ich alle Kartons ausgepackt habe und alles an seinem Platz ist. Was? Sie haben das Manuskript auch hierher geschickt. Nun gut. Sicher werde ich hineinschauen. Aber, es wird eine Zeitlang dauern. Ja, ja, es fehlt an guten neuen jungen Dramatikern. Sie wissen ja gar nicht, was ich alles lesen muss. . . . "

Ein halbes Jahr, schon etwas unruhig geworden, rief ich unter derselben Telefonnummer an und lernte so seinen verständnisvollen Nachmieter kennen, der mir, mit dem Ausdruck des Bedauerns, den neuen Aufenthaltsort des Dramaturgen nicht sagen konnte.

    Der Intendant und Regisseur betrat, nachdem nur noch verwelkte Petersiliensträußchen auf den Silbertabletts lagen, mit seinem Hofstaat die Szenerie. Er breitete die Arme aus, als wollte er sein Publikum segnen. Dieser kleine Regiestreich schien sogar zu funktionieren. Ein paar Gäste, die rechtzeitig einen Abstellplatz für ihre Teller und Gläser gefunden hatten, applaudierten. Die, die ihre Hände nicht rechtzeitig frei bekamen, nahmen noch einen kräftigen Schluck um die letzten Happen schnell hinunterzuspülen und schrieen: "Bravo, Bravo!"

Um mit dem Intendanten ein Interview zu machen, bräuchte ich mindestens zwei Stunden oder stärkere Ellenbogen. Denn schon war der Hausherr von einer Traube gutgenährter Premierengäste umlagert, selbst der Bürgermeister ließ es sich nicht nehmen, ihm persönlich die Hand zu schütteln.

    Zufällig bemerkte ich, dass man das Fässchen Bier schon schräg hielt, um ihm die letzten Tropfen zu entlocken.

    Vereinzelt kamen jetzt auch die Schauspieler hinzu. Zuerst die Männer, die meisten davon mit gerötetem glänzenden Gesicht und nassen Haaren, die nach hinten gekämmt waren. Vielleicht eine halbe Stunde später, tauchten die Schauspielerinnen auf, mit Blumen und kleinen Geschenken in ihren Händen.

Unauffällig bewegte ich mich am Rande des Geschehens vorbei und bemerkte einen der Hauptdarsteller, der gerade dabei war, unangetastete Essensreste von den weggestellten Tellern seinem wohl ausgehungerten Körper zuzuführen.

    Es hatte schon etwas Rührendes an sich, wie der Mime Salatblätter, Oliven und nicht abgenagte Unterschenkel liegen gebliebener Hähnchenbeine verspeiste.

Wie das Eichhörnchen im hiesigen Stadtpark, dachte ich.

    Ich hatte mein Opfer gefunden. Jetzt musste ich ihn nur noch in ein Gespräch verwickeln und meine Seite in der alternativen Stadtzeitung wäre gesichert.

    Ich beging den größten Fehler, den man im Umgang mit Schauspielern nur machen kann. Ich lud ihn auf ein Bier ein. Dieser Fehler kostete mich mehr als ich an Honorar von der alternativen Stadtzeitung für meinen einseitigen Artikel bekommen sollte. Nun, ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass es sich bei dem Schauspieler, den ich auf der Premierenfeier ansprach, um Stefan handelte. Stefan und ich gingen in die gegenüberliegende kleine Osteria, die den Theaterleuten nach Proben und Aufführungen eine zweite Bühne, wenn auch nur an der Theke, bot. Überall hingen an den Wänden Schwarzweißphotographien der hiesigen Theaterschauspieler, zwischendrin kleine farbige Autogrammkarten von Schlagersängern.

    Stefan hatte nicht nur großen Durst sondern auch einen unbändigen Appetit.

    "Drei Kilogramm nehme ich, bei jeder Vorstellung ab, sagte Stefan, "und bei Premieren sogar fünf Kilo."

Stefan trank und trank, verzehrte sein Selbstzusammengestelltes Fünf Gängemenü und ließ mich, den freischaffenden Journalisten und Interviewer erzählen. Naturgemäß entschuldigte ich mich zuallererst für meinen unfreiwillig gewählten Beruf.

    "Eigentlich bin ich Dramatiker, sagte ich, "über fünfzehn Stücke habe ich schon geschrieben. Zwei davon sind sogar schon zur Aufführung gebracht worden.“

    "Sehr interessant", murmelte Stefan und stopfte eine überladene Gabel glänzender Fettuccine in sich hinein.

Ich erzählte über meine Pläne, meine zerplatzten Hoffnungen, dem starren nicht zu durchdringenden Apparat des Theaters, so wie er sich mir bot und wurde erst, nachdem Stefan seinen dritten Grappa ex gekippt hatte, von ihm unterbrochen.

   "Sie wollten mir doch Fragen stellen", konstatierte mein Gegenüber, wobei er sich seinen prallen Bauch hielt.

"Mein Gott ich bin voll wie eine gefüllte Gans!"

   Dann ein lauter markdurchdringender Rülpser, der den Wirt der kleinen Osteria dazu veranlasste, uns beiden einen Grappa auf Kosten des Hauses auszugeben.

   "Unter uns", sagte Stefan, "die Inszenierung war eine absolute Katastrophe. Der Intendant ist ein selbstverliebter Trottel und ein Angsthase dazu. Mein Gott, was habe ich Schlimmes getan, dass es mich in dieses Kaff verschlagen hat. Trinken wir noch einen?"

    "Warum nicht", erwidere ich, in der Hoffnung intime Details aus dem Innenleben des hiesigen Theaters zu erfahren.

    Stefan hätte das Kind von Oliver Hardy und Stan Laurel sein können. Der Körper von Hardy, die Gesichtszüge von Laurel. Während des ganzen Essens hatte ich darüber nachgedacht und Ähnlichkeiten mit berühmten Persönlichkeiten gesucht, bis ich endlich auf die beiden gekommen war. Stefan war für mich der geborene Komiker, spielte aber leider am hiesigen Theater nur ernste Rollen.

    "Wäre ich bloß in Hamburg geblieben", sagte Stefan und bestellte mit einem Fingerschnippen noch einen Liter Rotwein.

    "Vier Jahre war ich am Hamburger Schauspielhaus. Aber ich musste mich ausgerechnet in eine Maskenbildassistentin verlieben. Verlieben Sie sich nie in ein uneheliches Mädchen, das bringt nur Ärger!"

So erfuhr ich aus erster Hand, warum es ihn in diese Stadt verschlagen hatte und wie sehr er unter diesem Missstand litt.

    "Der hiesige Intendant ist ihr Vater, aber nicht offiziell. Seine Frau weiß bis heute nichts davon. Meine Ex-Frau hat so lange Druck gemacht, bis mich der alte Herr mit einem nicht auszuschlagenden Vertrag geködert hatte. Meine Ex-Frau ist, glaube ich, jetzt in Zürich. Kein Jahr hat sie es hier unter ihrem Vater ausgehalten. Und ich Trottel musste einen Fünfjahresvertrag unterschreiben. Nur eines tröstet mich ein wenig: Der alte Herr hat eine höllische Angst vor mir. Auf der einen Seite zahlt er mir eine für dieses Theater viel zu hohe Gage. Wenn das der Stadtkämmerer herausbekommt, sind seine Tage hier gezählt. Auf der anderen Seite hat er Angst, dass ich seine abgekupferten Regieeinfälle durchschaue und alles an die große Glocke hängen könnte. Wussten Sie eigentlich, dass der große Meister Grundschullehrer ist. Ja, das wissen die wenigsten. Religion und Deutsch hat er studiert. Gott sei Dank hat er als Pädagoge nie gearbeitet. Ja, schreiben Sie das. Mir kann nichts passieren. In der nächsten Saison gehe ich zurück nach Hamburg. Warten Sie, warten Sie. Genau, schreiben Sie: Grundschullehrer mit unehelicher Tochter kupferte Erfolgsinszenierung von. Ach, lassen wir das. Trinken wir lieber. Prost!"

    Ich kann heute nicht mehr mit Bestimmtheit sagen, ob ich in meiner, wir beide in meiner oder ich in seiner Wohnung aufgewacht bin.

    An eine Sache kann ich mich noch genau erinnern, dass ich mich nämlich in der Eingangstür der kleinen Osteria vis-à-vis dem Theater übergeben hatte, worauf mir Stefan sofort das Du angeboten hatte.

Zwar hatte mich dieser Abend ein Vermögen gekostet und eine Woche später war mir immer noch schlecht, der Grappa-Geschmack im Mund verschwand erst nach einem Monat, aber ich hatte einen Freund gefunden, mit dem man über alles und jeden reden konnte.

    Im Grunde lebte ich in dieser Zeit sehr isoliert. Die Stadt hatte zwar schon Könige, Prinzen, Kanzler und Präsidenten gesehen, Künstler hingegen waren die Ausnahme. Die Häuser in der historischen Innenstadt waren vollgepflastert mit Messingschildern, die auf das Geburtshaus eines bedeutenden Künstlers hinwiesen. Doch betrachtete man die Sache genauer, so stellte man fest, dass alle diese berühmten Menschen, ohne Ausnahme, noch vor ihrem zwanzigsten Lebensjahr die Stadt fluchtartig verlassen hatten.

    Ich lebte sehr gern in dieser Stadt. Sie war überschaubar, und man ließ mich in Ruhe, vielleicht zu sehr.

Die meisten meiner Kontakte ergaben sich in Cafés und Kneipen, wo ich mich am liebsten aufhielt und in dicke Kladden meine Geschichten sowie Theaterstücke schrieb. Ein gutaussehender junger Mann, der ich ja damals noch war -mein Äußeres entsprach vielmehr dem eines Schlagersängers, als dem eines so genannten Intellektuellen - saß allein am Tisch und schrieb. Das fiel natürlich auf. Nicht selten wurde ich auf meine Tätigkeit hin angesprochen, worauf ich, bedingt durch meine gute Erziehung, immer ehrlich antwortete.

    Erst viel später kam ich darauf, dass die an meinen Tisch getretenen, es so genau gar nicht wissen wollten.

Die zweite Frage, die mir gestellt wurde, war immer die gleiche: Können Sie davon leben? Kann man davon leben?

    Eine Frage, die ich bis heute nicht zur Zufriedenheit aller beantworten kann. Die Stadt beherbergte sogar eine Sektion des Schriftstellerverbandes, an deren regelmäßig stattfindenden Sitzungen ich einmal teilgenommen hatte.

    In einem Fachwerkhaus aus dem fünfzehnten Jahrhundert, in dem sich ein kleines Weinlokal befand, trafen sich die Schreiberlinge der Stadt ausgerechnet mittwochs. Wo doch jeder Mann weiß, dass an diesen Tagen die meisten Fußballländerspiele und Europacupspiele im Fernsehen live übertragen werden.

    An einem spielfreien Mittwoch war ich aus purer Neugier hingegangen. Da saß ich denn, eingezwängt zwischen Bibliothekarinnen, Kindergärtnerinnen, Grundschullehrern, Hauptschullehrern, Gymnasiallehrern und einer Buchfachverkäuferin und musste mir Stunde um Stunde Geschichtchen und Gedichtchen anhören.

Irgendwann an diesem Abend war ich zu meiner Überraschung selbst an der Reihe. Ich hatte naturgemäß nichts dabei.

    Die penetrant aufdringliche Moderatorin und Leiterin des Schriftstellerverbandes bat mich, ich sollte mich der Runde doch erst einmal vorstellen.

    Wie das nun mal so ist, wenn man irgendwo neu ist und man hundert Prozent weiß, dass man diese Menschen im Leben nicht wieder sehen will und wird, bröselt man die Rosinen aus dem Kuchen des eigenen Lebenslaufes und schmeißt sie in die verblüffte und vom Leben ausgehungerte Menge.

So tat ich es auch und reihte einen Erfolg an den anderen.

    Nach meiner Vorstellung stand an diesem Abend nur noch gemütliches Beisammensein auf dem Programm.

Mehrere Teilnehmer zogen mich nacheinander in verschwiegene Ecken und fragten mich aus. Es schien sie überhaupt nicht zu interessieren was und wie ich schrieb. Ihr Interesse galt ganz allein meinen Kontakten.

Naturgemäß hatte ich bei meiner Vorstellung nur so mit berühmten Namen umher geworfen. Nun wollten sie alles wissen, Telefonnummern, forderten Empfehlungsschreiben von mir ein und boten mir, da ich keine Namen beziehungsweise Adressen preisgab, sogar Geld an.

    Mit Hilfe einer der billigsten Ausreden, dem Ich-muß-mal-auf-die-Toilette-Trick, entfloh ich aus der illustren Gesellschaft, und schwor, die enge Gasse, in der sich das kleine Weinlokal befand, nie mehr zu betreten.


"Nix für ungut, aber eine Ordnung muss sein!"

Der Pförtner der Filmstudios gibt Stefan und mir unsere Ausweise zurück, tritt mit uns aus seinem Häuschen und beschreibt uns den Weg zu jenem Gebäude, in dem unser Produzent sein Büro hat.

"Gehens an der Halle l vorbei, dann links an Halle 7 und wenn Sie sich dann etwas schräg rechts halten, dann stossens direkt drauf. Also, nochmals, nix für ungut".

So betreten Stefan und ich den heiligen Boden des Studiogeländes.


(2) AUF DEM STUDIOGELÄNDE AUSSEN/TAG


Im Rotlichtbezirk.

Stefan und Harry verlassen ein einschlägiges Lokal. Die Neonreklame mit der Aufschrift "KOLIBRI" ist ausgeschaltet. In einem Schaukasten hängen Bilder von nackten Tänzerinnen, nur mit einer Federboa bekleidet.

Den Hintergrund bildet eine Straße, die vor Jahren extra für Rainer Werner Fassbinders Filmepos "Berlin-Alexanderplatz" gebaut wurde.

Lässig setzen Stefan und Harry sich ihre Sonnenbrillen auf.


Stefan: Manchmal kotzt mich der Beruf schon an, Harry.

Harry: Ich weiß, Stefan. Ich weiß.

Stefan: Wie lange arbeiten wir jetzt schon zusammen, Harry?

Harry: Über zwanzig Jahre, Stefan.

Stefan: Verdammt lange Zeit, Harry.

Harry: Ich weiß, Stefan. Ich weiß.

Stefan: Wir dürfen uns nicht von der Routine auffressen lassen, Harry.

Harry: Nein, das dürfen wir nicht, Stefan.

Stefan: Wenn du willst, darfst du heute den Wagen zurückfahren, Harry.

Harry: Danke, Stefan. Danke.


Stefan und Harry schlendern die "Berliner Straße" entlang.

"AUS", brüllt eine Megaphonstimme," wo kommen denn plötzlich diese beiden Trottel her?"

Lässig liften Stefan und ich unsere Sonnenbrillen und blinzeln in gleißendes Scheinwerferlicht. Eine junge Frau, in schwarzer Lederhose und Sportfischerweste mit tausend Taschen - die meisten davon viel zu klein -, kommt auf uns zugelaufen.

"Was machen Sie hier?"

Völlig außer Atem ist sie vor uns zum Stehen gekommen.

"Ihre Stoppuhr, Sie müssen Ihre Stoppuhr drücken", sagt Stefan und weist auf den Zeitmesser, der um ihren Hals hängt.

"Leckt mich doch", faucht uns die junge Frau an und hält mich am Arm fest, da ich weiter gehen will.

"Wir haben einen wichtigen Termin", sage ich.

"Weg mit ihnen", brüllt die Megaphonstimme.

"Verdammt viele Leute hier", flüstert Stefan und spürt, wie ich, dass hunderte von Augen auf uns gerichtet sind.

"Bringt mir ein Gewehr. Ich will auf der Stelle einen Schießprügel. Ich erledige das auf meine Art".

Ein lang gezogener Pfeifton, dann ist die Megaphonstimme verstummt.

"Schön, dass wir uns mal kennen gelernt haben. Vielleicht sieht man sich ja mal wieder."

Geschickt löse ich ihre Hand von meinem Jackett und gebe Stefan durch einen Schlag in die Seite zu verstehen, dass er mir unauffällig folgen soll.


    Mit Frauen hatte ich eigentlich nie größere Probleme, auch damals nicht in dieser Stadt, wo ich Stefan kennen lernte. Der Schriftsteller hat zwar nicht die erotische Ausstrahlungskraft eines Malers, aber mit Hilfe der Phantasie kann aus einem kleinen harmlosen Flirt, die größte Liebesgeschichte aller Zeiten werden, und Mauerblümchen verwandeln sich in Lotosblumen oder Baccararosen, je nach Geschmack und Stimmung.

Stefan war in dieser Hinsicht eher ein monogamer Typ. Ihm reichte es, wenn er eine Frau hatte, die gut kochen konnte und ihn ansonsten nicht zu sehr beanspruchte.

    Bei mir sah die Sache schon ganz anders aus. Ein Schriftsteller, auch wenn ihn noch keiner kennt, muss ja schließlich Erfahrungen sammeln.

    Die anfängliche Euphorie, die Frauen mir entgegenbrachten, verblasste bald, spätestens dann, wenn ihnen meine finanzielle Situation zur Gänze klar wurde. Da war aber noch eine zweite Sache, die Frauen immer wieder zur Weißglut brachte, ich konnte mich nicht mit ihnen streiten. Nein, ein Streit war mit mir unmöglich. Ich war damals einfach der Meinung, ein Drama gehört auf die Bühne oder die Leinwand, aber nicht ins richtige Leben. Da flogen Tassen und Teller, Schallplatten wurden zerbrochen, aber ich blieb ruhig.

Wie ein Außenstehender verfolgte ich das ganze Geschehen, nur bei Handgreiflichkeiten hielt ich meine Hände schützend vor das Gesicht.

   Da mein Bankkonto, soweit ich mich zurückerinnern kann, fast immer im Minus gewesen war, kam mir eine Frau, eine neue Liebe naturgemäß immer gut gelegen. Wobei, und das möchte ich hier ausdrücklich betonen, ich nie wegen des Geldes mit einer Frau ins Bett gegangen bin. Aber es war angenehm in frischer Bettwäsche zu schlafen und zu Weihnachten oder an Geburtstagen neue Unterwäsche und Strümpfe geschenkt zu bekommen. Für einen selbst gestrickten Pullover reichte die Zeit nicht. Nein, ich will mich wirklich nicht beklagen. Die Frauen waren immer sehr großzügig zu mir, selbst die Miete für mein kärgliches Zimmer, das ich immer liebevoll "mein Büro" nannte, wurde von ihnen ab und zu auf das Konto meines besorgten Vermieters überwiesen. Bei Stefan sah das leider alles ganz anders aus. Er hatte zwar nicht mit vielen Frauen in seinem Leben etwas angefangen, dafür hatten alle etwas gemeinsam: Den unbändigen Drang zum Standesamt. Vier Ehen hatte Stefan bereits hinter sich und das bedeutete für ihn: zahlen, zahlen, zahlen.

   Mich brauchte im Grunde nur ein Körperteil, ein charakteristisches Merkmal zu faszinieren, schon schwebte ich in höheren Sphären. Vor allem von der Stimme, der weiblichen Stimme war ich sehr angetan. Stundenlang konnte ich ohne zu unterbrechen, zuhören. Unzählige Gedichte, Lieder, Kurzgeschichten habe ich im Laufe meines Lebens für Frauen geschrieben und ich bin mir sicher, dass sie sie aufbewahrt haben, in einem Schuhkarton oder festgeschnürt mit einer Seidenschleife, versteckt ganz hinten im Kleiderschrank. So bleibt wenigstens der Funke eines Hoffnungsschimmers in Bezug auf die Unsterblichkeit meiner Arbeiten. Die meisten meiner Partnerinnen haben kurz nach unserer Trennung geheiratet. Zahnärzte, Steuerberater, Anwälte oder Betriebswirte, fast alle Frauen haben in puncto ihrer sozialen Absicherung eine gute Wahl getroffen. Vielleicht diente ich ihnen ja zur Selbstfindung, war ihr letzter Spaß vor dem großen Ernst des Lebens. Ich hoffe nur, alle haben die richtige Wahl getroffen. Bei Stefans Ex-Frauen sah das entscheidend anders aus. Keine von ihnen dachte nur im Traum daran, wieder zu heiraten. Sie schickten ihm zwar regelmäßig Ansichtskarten aus dem Urlaub, auf denen auch immer ein Freund mit unterschrieb, ansonsten aber lebten sie offiziell allein und warteten auf den monatlichen Scheck von Stefan.

    "Über hunderttausend Mark habe ich dieses Jahr schon verdient und mir bleibt nichts", klagte Stefan irgendwann eines Nachts, als wir uns schon einen Monat kannten.

    Nach fast jeder Vorstellung hockten wir in der kleinen Osteria vis-à-vis dem Theater zusammen und diskutierten mit anderen Theaterschaffenden bis in den Morgen hinein über neue Formen der Ausdruckskunst oder schweiften in die ach so goldene Vergangenheit.

    Wenn in fünfzig Kilometer Entfernung nicht der großzügig zahlende Rundfunksender gewesen wäre, ich glaube Stefan wäre an seinen Schulden erstickt. So fuhr er jeden Morgen, immer dann wenn er keine Proben hatte, in die nahe liegende Stadt, um dort in Hörspielen mitzuwirken, Kommentare zu sprechen oder Dichtkunst vorzutragen. Sein Hauptbetätigungsfeld aber war der Schulfunk. Im Rundfunkhaus wurde er vom Pförtner sogar schon als "Mister Schulfunk" begrüßt.

    Selbst für Radio und Kino-Dia-Werbung war er sich nicht zu schade. Hauptsache es reichte immer für die fälligen Schecks am Anfang jeden Monats. Sicherlich gab es Abende, an denen Stefan das andere Geschlecht und alles was damit zusammenhing, verfluchte. Aber die drei Kinder, die er bis dato gezeugt hatte, ließen ihn schnell wieder vom Napf der Melancholie loskommen. Er öffnete dann einfach seine dicke Brieftasche und ließ unzählige Kinderbilder in der Runde seiner Zuhörer kreisen. Auch Stefan hatte anfangs eine bürgerliche Existenz erstrebt. Nach dem Abitur hatte er zu studieren begonnen. Dann kam die Studentenbewegung, das Studententheater, die Schauspielschule und dann eben das Theater. Das Theater lässt niemanden mehr los. Einmal in seinen Fängen und man ist verloren, ein Leben lang. Aber wo findet man sich, wenn nicht im Verlieren, im Loslassen. Wenn ich daran denke, wie Stefan seine Kollegen an die Rampe geführt hatte, um den Applaus entgegenzunehmen, treibt es mir noch heute vor Rührung die Tränen ins Gesicht. Allein wie Stefan sich verbeugte, immer mit einem Lächeln auf den Lippen, um seinen Lohn für die getane Arbeit in Empfang zu nehmen, das hatte was. Wie ein souveräner Gastgeber stand er da oben, zeigte mal nach rechts, mal nach links, um seine Kollegen hervorzuheben. Selbst beim Gemeinschaftsapplaus war Stefan immer Mittelpunkt, auch wenn er ganz am Rand stand. Den Kopf leicht nach vorne gebeugt und ein leicht angedeutetes Kopfnicken, so als ob er, im dunklen Zuschauerraum, jeden einzelnen grüßen wollte, diese Kunst beherrschte er wie kein anderer. Beim dritten Vorhang, wo die Schauspieler einzeln vortraten, die meisten von ihnen hetzten wie aufgeschreckte Hühner über die Bühne, schritt Stefan über die Bretter, die die Welt bedeuten, und erntete somit den größten Applaus. Ja, er war ein Liebling der Zuschauer und sogar des städtischen Feuilletons. Schon nach einer Woche durchzechter, durchdiskutierter Nächte wusste ich mit Bestimmtheit, ich würde ein Stück für Stefan schreiben.

Ja, Stefan bekommt ein Einpersonenstück von mir geschenkt. Das Thema schwirrte mir auch schon im Kopf herum. Zu dieser Zeit wurde gerade ein Bestechungsskandal von den Medien ausgeschlachtet. Nicht die Tatsache, dass ein Wirtschaftsunternehmer Steuerhinterziehung begangen, Bilanzen gefälscht und Politiker bestochen hatte, interessierte mich. Nein, seine Darstellung im Fernsehen faszinierte mich. Da wurde ein braungebrannter Mann naturgemäß mit graumelierten Haaren an den Schläfen, eskortiert von zwei lächelnden Anwälten gezeigt, wie er zur Urteilsverkündung wie Churchill mit dem Finger in Richtung Kamera und Blitzlichtgewitter sein V machte und siegeslächelnd den Gerichtssaal betrat. Im Gericht, nach der Urteilsverkündung wurde der Industrielle zur Überraschung aller, mit der Begründung auf Fluchtgefahr, sofort verhaftet und in den nahe liegenden Hochsicherheitstrakt gebracht, der in den siebziger Jahren für die RAF gebaut wurde. Der gerade Verhaftete war als Bauherr damals federführend in der Herstellung des Stahlbetonbaus gewesen. So entstand in nur wenigen Wochen dieses Einpersonenstück für Stefan, das Folgen haben sollte.

    Zur selben Zeit entdeckten Stefan und ich eine Gemeinsamkeit in unseren Lebensläufen, die gleichzeitig Fundus für unzählige lustige Geschichten war:

Das Tourneetheater.

   Ja, ich muss zu meiner Schande gestehen, auch ich war Mitglied, Mitstreiter in einer solchen Unternehmung. Durch Zufall erfuhr ich, dass ein alter Regiehase, wie er sich selbst gern nannte, für ein Boulevardstück einen Regieassistenten suchte. Ich wollte Erfahrungen sammeln, also bewarb ich mich um den Job.

In einem Nobelhotel traf ich den großen alten Meister höchstpersönlich, im extra für diesen Abend angemieteten Kaminzimmer.

   "Ich will ehrlich sein", sagte der große alte Mann, "im Grunde suche ich nur etwas fürs Bett. Wobei es mir egal ist, ob Männlein oder Weiblein. Sie verstehen? Ich bin alt und mir ist es egal. Warum also sollte ich wählerisch sein?"

   "Na dann werden wir wohl nicht zusammenkommen".

Ich machte Anstalten mich von meinem Platz zu erheben.

   "Warten Sie, warten Sie! Ihr Gesicht gefällt mir. Da ist auch noch eine Rolle zu besetzen. Nichts großes, aber ich will Ihnen eine Chance geben. Sie scheinen Charakter zu haben".

   Vielleicht lag es an der unbändigen Hitze oder dem fehlenden Sauerstoff, hervorgerufen durch den brennenden offenen Kamin, dass für einen Moment mein Verstand aussetzte und ich den Pakt mit dem Teufel schloss.

   Das Stück war naturgemäß beschissen. Alles war an den Haaren herbeigezogen.

Ich hatte einen stotternden Fernmeldetechniker zu spielen und mein Kostüm glich dem eines Postboten aus einem Tati-Film. Fünfzehn Sätze hatte ich zu sagen. Einen Auftritt von links und einen von rechts. Beim zweiten Auftritt komme ich mit einem Mal aus der Küche in das Wohnzimmer. Selbst der Regisseur konnte mir nicht plausibel erklären, wie ich in die Küche gelangt war.

    "Hintenherum, Sie Idiot."

    Den Hauptdarsteller ein bekannter ewig junggebliebener Fernsehliebling, er war damals, glaube ich, Mitte vierzig, sahen wir auf den Proben nie.

    "Er hat das Stück schon über dreihundert Mal gespielt", fauchte uns die Regieassistentin mit dem strengen Zopf und den dicken Brillengläsern an, als das zusammengewürfelte Ensemble nach ihm fragte.

Die Regieassistentin war ein Grund dafür, dass die Proben aggressiv abliefen. Keiner im Ensemble glaubte daran, dass der alte Regisseur, schon seine erfahrene Hand an sie gelegt hatte.

     "Des is a trocknes Ungustl", sagte mein Wiener Kollege, den nichts aus der Ruhe zu bringen schien. Im Stück spielte er einen Hund, der sprechen konnte.

     "A Hund, des muss a Wiener sein", pflegte er zu sagen und fügte hinzu, dass so etwas nur einem Piefke hätte einfallen können.

    Ansonsten verliefen die Proben immer gleich. Die Regieassistentin malte mit Kreide Striche auf die Probebühne, denen wir zu folgen hatten. Die Akteure mussten andauernd hin und her laufen. Türen gingen auf und zu. Das war’s auch schon.

    Das ganze Spektakel sollte während der Seefestspiele im Sommer an einem bekannten österreichischen Badeort auf einem schwimmenden Plateau über die Bühne gehen.

Die schwimmende Bühne hatte man so weit auf den See hinausgefahren und dort verankert, dass die Zuschauer vom Ufer aus nur mit dem Fernglas, das man naturgemäß an der Kasse neben einem Hochglanzprospekt und der Biographie des bekannten Fernsehlieblings zu Wucherpreisen erwerben konnte, etwas sehen konnten.

Auf der Generalprobe erschien er dann endlich, der große Star. Er sah aus wie fünfzig, bewegte sich wie ein sechzigjähriger und spielte einen dreißig Jahre alten Sonnyboy, dem alle Frauen zu Füßen lagen. Worüber sich sein griechischer Freund aus Mykonos, der kein Wort deutsch sprach, köstlich amüsierte.

     "Wenn di Schwuchtel mi anpackt, tret i ihm eini", flüsterte mir der Wiener zu, als der Fernsehliebling zu uns herüber schaute und einem von uns beiden zublinzelte. Naturgemäß setzte sich der ewig blonde Star sofort in Szene.

     "Kinder, wieso muss ich mit einem Mal wieder rauchen. Das haben wir doch schon im letzten Jahr geklärt. Außerdem gibt das überhaupt keinen Sinn. Kinder, bitte, denkt an meinen Teint. "

War die Zigarettenfrage geklärt, kam auch schon die nächste Unterbrechung.

     "Und ihr habt wirklich dafür gesorgt, dass gespritzt wurde. Ich möchte heute Abend keine einzige Schnacke auf dem Wasser sehen. Ich breche sofort ab. Kinder, ihr wisst doch, ein Stich und mein Gesicht verwandelt sich in eine Tomate."

     Am Tag der Premiere wurden wir mit Ausnahme des Fernsehlieblings so gegen acht Uhr abends auf die schwimmende Bühne gebracht, obwohl die Vorstellung erst um halb zehn abends, mit Einbruch der Dunkelheit, beginnen sollte.

    Mit großen Reisebussen wurden die Besucher an das Seeufer gekarrt und mit volkstümlicher Musik bis zum Beginn der Vorstellung bei Laune gehalten. Männer und Frauen in weißen Kitteln gingen durch die Reihen und verkauften Eis, Getränke und heiße Würstchen. Als es langsam zu dämmern begann, verstummte die Musik. Worauf die Zuschauer am Ufer mit einem lang gezogenen "OH" antworteten. Nach zehn Minuten etwa schaltete man vom Ufer aus einen Flakscheinwerfer an, der in langsamen Kreisbewegungen über das dunkle Wasser fuhr. Dann das Tuckern eines Motorbootes, was von den Zuschauern am Ufer wieder mit einem lang gezogenen "OH" quittiert wurde. Eine kleine weiße Jacht wurde vom Verfolger eingefangen. Auf dem Oberdeck stand im weißen Anzug der Fernsehliebling, der unter den Zuschauern am Ufer geradezu eine Hysterie auslöste. Zwei Runden fuhr das Boot um die schwimmende Bühne, bevor zwei starke Männer in weißen engsitzenden T-Shirts und Hosen den ewig blonden Star von der Jacht auf das Plateau hoben. In der Lichtpause die danach folgte, schoss der Fernsehliebling auf die Regieassistentin zu und brüllte sie an:

     "Ich werde euch verklagen. Wenn ich fertig mit euch bin, werdet ihr euch wünschen, nie geboren worden zu sein. Mindestens drei Stiche auf der Fahrt hierher. Mein Gott, ich sehe bestimmt fürchterlich aus. Maske, wo ist die Maske!"

    "Achtung, meine Damen und Herren, es ist jetzt einundzwanzig Uhr und sechsundzwanzig Minuten. In zwei Minuten werden die Mikrophone eingeschaltet."

    So blieb auch dem Fernsehliebling nichts anderes übrig, als zu verstummen. Über die Premierenvorstellung gab es eigentlich nicht viel zu sagen. Alle Pointen waren auf ihn zugeschnitten. Naturgemäß bekam der ewig blonde Star bei jedem Auftritt Szenenapplaus. Selbst in Szenen, in denen er, nach Regieanweisung und Buch gar nicht vorkam, tauchte er dennoch immer wieder auf. Mal erschien er am Fenster, öffnete eine der vielen Türen oder trat urplötzlich von der Seite an der Kulissenbegrenzung auf die Bühne, machte ein paar Faxen und ging dann durch eine der Türen wieder ab. Ihm voraus ging eine Alkoholfahne, die es in sich hatte. Wir, die auf der Bühne standen, schwitzten und unser Bestes gaben, konnten ihn nicht immer sehen, wussten aber sofort wenn die Zuschauer vom Ufer her frenetisch klatschten, er ist wieder irgendwo auf der Bühne. Der sprechende Hund beispielsweise, die eigentliche Hauptrolle, die von meinem Wiener Kollegen gespielt wurde, ging völlig unter. Nur wenn der Fernsehliebling ihn in den Hintern trat, gab es große Lacher aus dem Publikum. Dass der ewig blonde Star beim Schlussapplaus der letzten Vorstellung unglücklich den Halt verloren hatte und ins Wasser fiel, war Pech und eben nur ein Unfall. Auf keinen Fall hatte mein Wiener Kollege seine Finger beziehungsweise Pfoten im Spiel, so wie es der Fernsehliebling behauptete. Auch Stefan konnte so einiges berichten. Vor allem die Schilderungen der Bühnenunfälle, die bei Theatertourneen wohl auf der Tagesordnung stehen, strapazierten meine Bauchmuskeln so sehr, dass ich nicht selten mit einem Bauchmuskelkater mittags aufwachte. Proben und Routine sind ja ganz gut und schön, können aber zu einer tödlichen Falle werden. Da spielt man ein Stück fünfzig Mal, geht immer vierzehn Schritte nach vorne, um an der Rampe seinen Monolog zu halten, und ausgerechnet in Bad Zwischenahn passiert es dann: Man geht Schritt für Schritt und ehe man innerlich bis zehn gezählt hat, liegt man auch schon den Zuschauern zu Füßen und krümmt sich vor Schmerzen.

Fünfzig Mal geht man wie selbstverständlich während des l. Aktes links ab, muss aber in Hof, was man in der Hektik vergessen hat, rechts abgehen. Man tritt durch eine Tür und weiß sofort, hier war ich noch nie. Man tastet sich langsam die dunklen Stufen hinunter, geht einen langen Gang entlang bis man in der vollkommenen Dunkelheit mit der Stirn gegen eine Eisentür knallt. Längst sind von der Bühne her keine Stimmen mehr zu hören. Man öffnet die schwere Eisentür und steht plötzlich im hellerleuchteten Heizkesselraum. Endlich Licht, denkt man, freut sich für einen Moment, bis hinter einem besagte Eisentür ins Schloss fällt. Man dreht sich um und sucht vergebens nach einer Türklinke. Die Vorstellung ist gelaufen.

     "Was nicht immer negativ ist", sagte Stefan. "Es gab Hamlet Aufführungen, die hervorragend von den örtlichen Kritikern besprochen wurden, obwohl Hamlet kein einziges Mal die Bühne betreten hatte. Er hatte die Bühne einfach nicht gefunden. Während einer Theatertournee ist die Improvisation der einzige Rettungsanker. Hier zeigt sich die wahre Stärke, die große Begabung des Künstlers.“

Stefan erzählte von betrunkenen Schauspielern, denen es im 2. Akt unmöglich gewesen war, auch nur einen Satz herauszubringen.

     "Kein Problem", sagte Stefan, "du nimmst den Satz deines Partners und formulierst in zu einer Frage um. Das merkt kein Schwein."

     Nächtelang amüsierten Stefan und ich uns köstlich in seiner, von seiner letzten Ex-Frau heimlich leergeräumten Wohnung, bis ich auf die Idee kam, daraus ein Drehbuch zu machen.

"Lass uns ein Drehbuch schreiben, am besten einen Mehrteiler, die Leute werden sich vor Lachen nicht mehr einkriegen."

     Im Geiste sah ich schon wie man Stefan und mir in Marl den Adolf-Grimme-Preis überreichte.

     "Ich weiß nicht", sagte Stefan skeptisch, "ich bin Schauspieler, kein Schriftsteller. Ich habe noch nie etwas geschrieben."

    "Lass mich nur machen. Bei meiner Erfahrung und Deinem guten Willen kann doch überhaupt nichts schief gehen."


   Stefan nimmt die Sonnenbrille ab.

   "Ich glaube da drüben ist es", dabei zeigt er auf ein zweistöckiges Gebäude, an deren Eingangshalle eine große verchromte Metallsäule steht.

    Als wir näher herantreten, sehen wir, dass die Säule aus unzähligen und unterschiedlich großen Geschäftsschildern besteht. Ein Mann im grauen Kittel ist gerade dabei, eines der Schilder gegen ein anderes auszutauschen.

   "Früher war halt alles aus Holz“, murmelt der Mann, "erst heißens Alpha-Film, dann Beta-Film und jetzt auf ein Mal Gamma-Film. Wer soll sich da bittschön auskennen."

Unsere Augen schweifen über die verschiedenen Firmenschilder: Casablanca-Film, Rio-Film, Venezia-Produktion, Karthago-Film, Hollywood-Cooperation.

   Stefan und ich atmen tief durch. Noch ein paar Schritte und wir betreten die große weite Welt.

   "Scheiße, verdammte", brüllt der Mann hinter uns und lässt etwas Schweres fallen.




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