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Tatarmandl

 

Von Berlin über Hamburg nach München bis nach Kärnten führt dieses poetische Roadmovie den Erzähler und seine viel zu junge Begleiterin, Fritzi, in das Heimatdorf des Erzählers in Kärnten und damit auch weit in seine Vergangenheit. „So als hätte sich die Sternwarte um mindestens 180 Grad gedreht“, sagt Fritzi einmal am Ende des München Aufenthaltes, bevor sie nach Kärnten aufbrechen und den Bruder suchen, der laut nicht brennendem Hochglanzpapier aus Weißberg ein internationales Künstlerdorf machen möchte. Aber dort kommt alles anders, als das Hochglanzportrait des Bruders es verspricht.

Alle Namen und Charaktere in diesem Buch

sind erfunden, und jede Ähnlichkeit

mit lebenden oder verstorbenen Personen

ist rein zufällig.

Alle Rechte bei Johannes Wierz




Das Leben bleibt auf der Strecke und darüber saust der Zug, der dir die Blumen bringt.


1.


»Ist das Gerechtigkeit? Ihr Schweine! Ihre Schweine!«

Ich klappe den Laptop zu und verlasse den Gerichtssaal.

»Zwei Jahre nur wegen Schwarzfahren, die spinnen doch«, sagt eine ältere Dame und eine

größere Rentnergruppe pflichtet ihr bei.

»Das ist Siegerjustiz! Willkür!«

Über das große Treppenhaus verl1.

»Ist das Gerechtigkeit? Ihr Schweine! Ihre Schweine!«

Ich klappe den Laptop zu und verlasse den Gerichtssaal.

»Zwei Jahre nur wegen Schwarzfahren, die spinnen doch«, sagt eine ältere Dame und eine größere Rentnergruppe pflichtet ihr bei.

»Das ist Siegerjustiz! Willkür!«

Über das große Treppenhaus verlasse ich die Kathedrale der Justiz.

»Und? Was wirst du schreiben?«, fragt Fritzi, die Tochter meiner Nachbarin, die bei mir ein Praktikum macht, damit das Kindergeld nicht gestrichen wird. Fritzi hat mit 1,2 das Abitur bestanden.

»In Berlin«, wie sie sagt, »in Berlin ist es eine eins. In Bayern aber höchstens eine drei.«

»Scheiß auf die Bayern«, sage ich beim Hinausgehen.

»Aber du kommst doch daher«, fragend schaut mich Fritzi mit großen Augen an. Während sie weitergeht, blendet mich die Sonne, die durch das große Fenster des Justizgebäudes scheint.

»Ich will auf die Filmhochschule nach München und Mama sagt, dass dein Bruder...«

»Ja«, unterbreche ich sie, »ich habe schon verstanden. Aber ich habe seit Jahren keinen Kontakt zu diesem Geiergesicht.«

Was so nicht stimmt. Aber manchmal bedarf es einfach einer Notlüge.

Keine zwei Wochen ist es her, da hat ein großer orangefarbener Umschlag in meinem Briefkasten gesteckt. Anhand der Farbe habe ich sofort gewusst, dass dieser, einem Päckchen ähnliche Brief, nichts Gutes bedeuten würde. 

Von Hamburg über Bonn bin ich vor Jahren in Berlin gelandet. Bis vor zwei Wochen habe ich tatsächlich geglaubt, alle Spuren verwischt zu haben.

»Verstehe ich nicht, wie man zu seinem eigenen Bruder keinen Kontakt haben kann«, Fritzi macht ein mitleidiges Gesicht, so als hätte sie am Straßenrand einen fast verhungerten Igel gefunden. Dabei kennt sie noch nicht einmal ihren leiblichen Vater, sondern nur Kerle, die halbjährlich bei ihrer Mutter ein und wieder ausziehen. Ich bin wahrscheinlich, der erste konstante Mann in ihrem Leben. Darum hängt sie so an mir, wie ein Kaugummi an der Sohle.

»Mein Bruder ist zurzeit nicht in München«, sage ich und überspringe einen dampfenden Hundehaufen.

»Ich dachte, du hättest keinen Kontakt«, Fritzi lässt einfach nicht locker.

»In irgendeiner Illustrierten stand was«, lüge ich schon zum zweiten Mal. Das Gerichtsgebäude hat keinen guten Einfluss auf mich, scheint mir.

Warum dieses wirklich liebe Mädchen zum Film will, ist mir vollkommen schleierhaft. Warum will sie nicht Tierärztin oder Meeresforscherin werden?

Vielleicht ist ja der leibliche Vater ein Schauspieler oder Regisseur gewesen.

»Hier in Berlin wimmelt es doch von Kreativen und Filmleuten«, sage ich und bin stolz darauf, dass auch mein Unterbewusstsein beides voneinander trennen kann.

»Hier laufen doch nur selbstverliebte Arschlöcher herum«, erwidert Fritzi und stampft fest mit einem Stiefel auf, dass die Hundescheiße bis auf die Straße spritzt.

Fritzi will weg. Ich kann sie ja verstehen. Aber warum ausgerechnet nach München, und dann auch noch zu meinem Bruder. Das erste, was mein Bruder mit ihr machen wird, ist das, was er mit allen das erste Mal macht. Er vergewaltigt sie. Er vergewaltigt sie mit seinen Geschichten, seinen Anekdoten über das Filmgeschäft. Er schmeißt nur so um sich mit seinen Geschichtchen und Namen. Natürlich sind es die Bundesfilmpreisträger, die Oscargewinner und die Lolaabräumer, die seinen erstunkenen und erlogenen Geschichten Glanz verleihen sollen. Nein, mein Bruder kann keine Geschichten erzählen, nein das kann er nicht. Das wissen auch die Frauen, seine Opfer und geben sich bereitwillig hin, bloß um keine Geschichten mehr hören zu müssen.

»Ich lade dich auf einen Kaffee ein«, höre ich mich sagen und wünsche mir, dass es mir gelingt, sie wieder auf den rechten Weg zu bringen.

»Aber nur, wenn ich aussuchen darf wo!«

Manchmal ist Fritzi wirklich noch ein Kind.

Wir überqueren die Straße wie die Hasen und müssen lachen. Warum will dieses hübsche und nette Mädchen ausgerechnet zum Film?

Zwei Tage hat der orangefarbene Umschlag auf meinem Küchentisch gelegen, der auch gleichzeitig als mein Schreibtisch, meine Zeitungsablage, mein Archiv und meine Müllvorsortierung dient.

Ein in Österreich abgestempelter Brief mit dem Absender meines Bruders beziehungsweise der Filmfirma seiner Frau aus München, muss doch jeden intelligenten Menschen misstrauisch machen.

Zehn Jahre, ach was, mehr als zwanzig Jahre habe ich von meinem Bruder nichts mehr gehört. Und dann dieser Umschlag. Dick und prall hat er auf meinem Tisch zwischen leeren Fischdosen, Tellern, Kaffeetassen, Joghurtbechern und anderem Unrat gelegen.

Mein Bruder schreibt mir einen Brief, da kann nichts Gutes drin stehen. Mein Bruder hat mir noch nie einen Brief geschrieben. Das Leben neigt sich dem Ende zu und die Bilanz ist, dass mein Bruder es nicht geschafft hat, sich mir schriftlich mitzuteilen.

Meinem Zahnarzt ist es letztendlich zu verdanken, dass ich überhaupt weiß, was mein Bruder so treibt. Im Wartezimmer liegen die bunten Blätter eingepackt in trister Pappe eines Lesezirkels. Zwar hat es mein Bruder bisher nicht auf die Titelseiten eines dieser bunten Blätter geschafft, aber unter Vermischtes oder der Party der Woche ist er immer anzutreffen. Manchmal ist er gleichzeitig auf mehreren Veranstaltungen, die angeblich am gleichen Tag, aber auf verschiedenen Kontinenten stattgefunden haben, zu sehen. Immer ein Glas und eine Zigarette in der Hand. Natürlich dürfen der weiße Anzug und der Panamahut nicht fehlen, sind sie doch letztendlich sein Markenzeichen. Beim Betrachten der Bilder meines Bruders, die ihn immer heiter zeigen, obwohl er als Kind ein ernster, fast bigotter Mensch gewesen ist, überkommt mich ein schrecklicher Verdacht. Er hat sich verkauft. Nicht an die Film- oder Fernsehindustrie, nein an Photoshop oder ein anderes Computerprogramm. Will man auf einem Bild etwas retuschieren oder Farbe ins Spiel bringen, drückt man einfach eine Tastenkombination und mein Bruder erscheint, samt Zigarette und Cocktailglas.

Durch meinen Zahnarzt bin ich im Bilde: Mein Bruder ist immer noch verheiratet, kocht im Promilokal gegen den Hunger der Welt, fährt die Streif ohne Stöcke herunter und spendet den Erlös der Gaudi für einen Verein für Hirngeschädigte. Letzte Weihnachten hat er in einem Bordell Baudelaire gelesen. Die Einnahmen sind an einen Verein zur Verhütung von Gebärmutterkrebs gegangen. Na wunderbar. Mein Bruder, der mit mindestens tausend Frauen ungeschützt Verkehr gehabt hat.

Fritzi hat ausgerechnet den Hungerkünstler ausgesucht, um mit mir einen Kaffee zu trinken.

Ausgerechnet zum Hungerkünstler, der einem umtriebigen Wiener gehört, muss mich Fritzi entführen.

Mein Gott, wie umtriebig alle sind. Mit nichts, außer ein paar Rezepten, ist der Kellner eines Hütteldorfer Beisls nach Berlin gekommen und hat seine Millionen gemacht. Der Wiener Dialekt und die österreichische Sprache sind es, die alle blind gemacht haben, erinnert doch die Sprache, die Melodie der Sprache, an den letzten Skiurlaub oder den ersten Sex in einer Scheune.

Im Hungerkünstler tragen sie alle Uniform und geben den Österreicher. Den unterwürfigen, demütigen Österreicher. Dabei ist es der Österreicher, der längst die Oberhand hat. Ein paar wenige von ihnen haben ausgereicht, die einst so mächtige Bayerische Landesbank nicht nur ins Schwanken zu bringen, sondern zu vernichten.

Zur gleichen Zeit, als ein bayerischer Finanzminister in einem Bierzelt seine Wahrheit ans Wahlvolk herausgeschrieen hat, dass die Sozis nicht mit Geld umgehen können, haben sich ganze Armadas an Luxusjachten an der Dalmatinischen Küste in Luft aufgelöst. Dafür hat jeder achtzehnjährige Kärntner von seiner Landesregierung einen Tausender zur Begrüßung bekommen, - bezahlt aus den Töpfen der Bayerischen Landesbank.

Hungerkünstler, der Österreicher kann wenigstens mit der deutschen Sprache umgehen. Spielerisch bedient er sich der Ironie. Während auf Berliner Kleinkunstbühnen der Prolet kabarettistische Erfolge feiert, ist es in Wien ein Kaiser mit Hofmarschall und Gefolge, der für Furore sorgt.

Lustlos rühre ich in einer Melange, die in Wirklichkeit ein Milchkaffee ist, herum und starre auf die farbigen Kellner in ihren K. und K. Phantasieuniformen. Für einen kurzen Moment denke ich darüber nach, ob Österreich Kolonien gehabt hat.

»Weißt du, in München hätte ich einfach mehr Möglichkeiten«, sagt Fritzi und holt mich zurück in die Wirklichkeit. »Vielleicht kann ich ja bei deinem Bruder wohnen. Siebzehn Zimmer soll seine Stadtvilla haben.«

»Noch einmal zum Mitschreiben. Ich habe keinen Kontakt zu meinem Bruder, seit Jahren nicht, ach was sage ich, seit Jahrzehnten nicht!«

Ich schlage so laut mit der flachen Hand auf den Tisch, dass augenblicklich alle Gäste des Hungerkünstlers verstummen. Denn naturgemäß gibt es im Hungerkünstler keine Musik, wegen der Authentizität.

»Und der Brief? Der riesige Umschlag, der fast eine Woche in deinem Briefkasten gesteckt hat?« Fritzi macht nicht den Eindruck, aufgeben zu wollen.

Was bereue ich es, ihn doch aufgemacht zu haben.

Schon beim Öffnen des Umschlags habe ich den Piepton gehört. Dieses elektronisches Geräusch, der Auslöser einer Zeitbombe, die letztendlich immer getickt hat.

»Denk an den Artikel«, sage ich in Funktion des Mentors zu meiner Volontärin.

»Habe ich längst fertig. War doch klar, dass bei dem Richter die Sache so ausgeht. Wusstest du eigentlich, dass die Tochter des Staatsanwalts drogensüchtig ist und die Frau des Richters mit einer Frau ihr Glück versucht.«

Nein, das habe ich nicht gewusst. Aber es ist mir im Grunde auch egal. Wenn ich Tag für Tag in der Kathedrale der Gerechtigkeit die glatten Stufen emporsteigen muss, ist das Verzweiflung genug. So weit habe ich es also gebracht. Die Fünfzig gerade erreicht, sitze ich in den Reihen der Volontäre und Studenten, was den anderen Zeitungsredaktionen gar nicht recht ist. Raube ich doch allein durch meine physische Anwesenheit einer kostenlos arbeitenden Generation die letzte Illusion.

»Also, was ist jetzt mit deinem Bruder?«, bohrt Fritzi weiter. Sie wird es mal weit bringen.

Vielleicht sollte ich meinen Bruder doch anrufen. Aber dann müsste ich ihm ja auch gratulieren, weil er aus dem so genannten Drecksnest wie er unser Heimatdorf immer bezeichnet, eine international anerkannte Künstlerkolonie gemacht hat.

Mein Bruder, der in der Lage ist selbst aus Kuhscheiße, Gold zu machen.

Ja, als ich den orange leuchtenden Umschlag, den es so nur in Österreich zu kaufen gibt, geöffnet habe, ist ein Rauschen in meine Ohren gestiegen. Ein Rauschen und ein Toben haben in meinem Kopf geherrscht, dass mir regelrecht schwindelig geworden ist. Hochglanzprospekte, kleine wie große sind auf den Küchenboden gepurzelt und mit ihnen die Menschen, die das kleine Dorf in Kärnten einmal ausgemacht haben.

Jetzt im Nachhinein kommt es mir vor, als ob ich beim Öffnen des Umschlags ein leises Zischen vernommen habe, wie wenn man eine Kaffeetüte öffnet, die vakuum- verschlossen ist.

Beim Herausfallen der Hochglanzprospekte habe ich die Gesichter gesehen, habe Musik gehört, das Lied vom Schönen Wald, ein Lachen und ein Weinen. Und dann hat ein Rauschen und Toben von mir Besitz ergriffen.

Als ich wieder zu mir gekommen bin, habe ich auf dem Küchenboden gelegen und mir die Augen gerieben. Da wo einst der stattliche Stettner Hof gestanden, signalisiert eine kindlich gemalte Sonne auf einem ausgeblichenen Bretterzaun den Sonnenhof. Das große Wallener Anwesen schmückt ein Regenbogen. Beim Harather ist es ein Schmetterling und beim Lachner die Picasso Möwe. Das ganze Dorf im Besitz von Außerirdischen.

Auf allen Vieren bin ich zum Küchenfenster gekrabbelt. Luft, Luft, Luft.

Ein Presslufthammer, der vor dem Haus die Straße aufreißt, hat mich zurück in die Gegenwart geholt und mich in die Verfassung versetzt, den Begleitbrief zu lesen.

Im Briefkopf schon das Konterfei meines Bruders. Einem Foto, das bei einem seiner letzten Erfolge entstanden sein muss. Eine internationale Produktion, die auch schon wieder über fünfzehn Jahre her ist. Hat er danach überhaupt noch einen Film gedreht? Und was ist mit dieser russischen Balletttänzerin, die er mit Kokain versorgt haben soll?

Nein, ich mische mich nicht in ein in das Leben meines

Bruders. Es ist mir egal wie er lebt. Aber warum lässt er mich nicht in Ruhe?


Ich bestelle im Hungerkünstler einen Schnaps. Seit meiner Ankunft in Berlin, die ja auch schon wieder mehr als fünfzehn Jahre zurück liegt, habe ich keinen Schnaps getrunken. Im Grunde habe ich immer einen großen Bogen um harte Drogen gemacht. Während mein Bruder sein ganzes Erbe in harte Drogen wie Tequila und Kokain umgesetzt hat, bin ich brav ins Wirtshaus geschlichen und habe Bier getrunken und vielleicht mal etwas Gras geraucht.

Nein, mit der Phantasie habe ich keine Probleme, ganz im Gegenteil. Die sprudelt aus mir heraus, immer noch, trotz oder wegen meines hohen Alters.

»Den Drachen in mir, den gibt es immer noch, er schlängelt sich durch Klagenfurt und kommt nicht zur Ruhe«, so mein Bruder in einer der Hochglanzbroschüren.

Nichts erinnert mehr an mein Dorf. Nein, der Hochglanz strahlt Optimismus aus.

Hochglanz, die Patina der Banken und Versicherungen. Der Rahmen meines Bruders.

»Mein lieber Bruder«, so beginnt der zweite Brief , den ich erst einmal weggelegt habe.

Mein lieber Bruder, mein lieber Bruder, was soll das denn heißen?

»Nein, auf so etwas habe ich überhaupt keine Böcke.«

»Was ist?«, fragt Fritzi.

Verdammt, ich habe mal wieder laut gedacht.

»Warum ich? Warum Film? Warum mein Bruder? Warum München?«, ich bin laut geworden.

Das Besteck wird beiseite gelegt und das Mündchen abgeputzt. Die Gäste des Hungerkünstlers sind zu einem sensationslüsternen Publikum mutiert.

»Weil dein Bruder Bundesfilmpreisträger ist«, zischt Fritzi und fügt leise hinzu, dass seine Frau oder Freundin Filmproduzentin sei.

»Meinetwegen kann er mit der Bundeskanzlerin verheiratet sein. So eine Null nimmt doch niemand ernst!« Warum soll ich leise sein? In dieser Lokalität kennt mich ohnehin niemand.

»Dann gib mir wenigstens seine Handynummer«, Fritzis Augen verwandeln sich zu gefährlichen Schlitzen.

»Handy, dass ich nicht lache. Mein Bruder hat nicht einmal einen Computer. Für ihn ist das Teufelszeug. So zumindest Gala oder Bunte!«

Bis in die Küche wird man mich nicht nur gehört, sondern auch verstanden haben. Jetzt wird für die Galerie gespielt. Vielleicht bringt ja die schmatzende Masse ein Mädchen zur Vernunft, das am Anfang seines Lebens steht.

»Natürlich hat dein Bruder ein Handy. Jeder Mensch, ach was, jedes Lebewesen hat ein Handy.«

Niemand kann sich so schön auf die Lippen beißen wie Fritzi.

»Entschuldigen Sie bitte. Könnte ich vielleicht ein Autogramm von ihrem Bruder haben?«, eine ältere Dame, deren Hut mit einem ganzen Büschel an Fasanenfedern, sie als Nichtberlinerin ausweist, hat sich einfach an unseren Tisch gesetzt.

»Wie bitte?«, frage ich entgeistert zurück. Denn ich sehe meinem Bruder auch nicht im Entferntesten ähnlich. Alle in unserer Familie haben blaue Augen. Mit Ausnahme meines Bruders, der mit braunen Augen und wie ein Affe behaart auf

die Welt gekommen ist.

»Den hat uns einer ins Nest gelegt«, soll anfangs der Großvater beim Anblick des Säuglings gesagt haben. Auch soll er bereit gewesen sein, so mein betrunkener Vater, bei einem der unsäglichen Familienfeste, die immer in einem Besäufnis geendet sind, den Neugeborenen in einem Kartoffelsack in der Gurk zu entsorgen. So wie er es immer mit den neugeborenen Katzen getan hat. Erst als ich Jahre später auf die Welt gekommen bin, hat sich der Großvater meines Bruders angenommen. Mein Anblick soll ihn zuerst stumm und dann unheimlich wütend gemacht haben. Böse Zungen im Dorf haben eine zeitlang behauptet, dass er den Tierarzt angewiesen hat, das Sperma meines Vaters auf seine Tauglichkeit zu untersuchen.

»Sie haben doch bestimmt ein Autogramm Ihres Bruders dabei«, die ältere Dame in ihrem folkloristischen Jagdkostüm lässt nicht locker.

»Sie kennen weder mich und schon gar nicht meinen Bruder!«

Natürlich entgeht mir nicht, wie Fritzi versucht, ihre Freude zu unterdrücken.

Immerhin bin ich auf dem besten Weg sie von ihrer Schnapsidee zum Film zu wollen, abzubringen.

»Aber mein Herr«, sagt das in die Jahre gekommene Flintenweib, »natürlich kenne ich Sie. Sie sind Maler. Ihr Herr Bruder hat doch extra für Sie ein Lied geschrieben.«

»Mein Bruder schreibt keine Lieder. Er komponiert wenn überhaupt Cocktails. Die er dann allesamt nach seinen Abenteuern benennt«, erwidere ich und freue mich, dass Fritzi ganz fasziniert von meinem Tun ist.

»Gestatten Tarantula«, ein Herr mit Gamsbart an der Hutkrempe hat sich zu uns an den Tisch gesellt. »Unsinn«, berichtigt er sich selber, »Spinne, Dr. Spinne, Wirtschaftsprüfer, staatlich Vereidigter sowieso!«

Fast schon bereue ich es, meinen Mund so weit aufgerissen zu haben, nur um ein Mädchen wieder auf den rechten Weg zu bringen.

»Natürlich sind sie der Bruder, genau die gleiche Stimme«, die rüstige Dame scheint sich sicher.

»Aber ja, Sie müssen wissen, wir fahren mindestens zwei Mal im Jahr nach Kärnten. Meine Frau hat dort eine Jagd.«

Dr. Spinne zieht den Hut.

»Eigentlich waren wir ja schon im Gehen begriffen, aber dann meinte meine Frau, dass Sie sich sicherlich freuen würden, wenn wir Ihnen kurz Grüße für Ihren Bruder ausrichten.«

»Sie wollen also allen Ernstes behaupten, dass Sie meinen Bruder kennen?« Langsam entglitt mir die Sache.

»Aber natürlich«, erwidert die passionierte Jägerin, »wer kennt Ihren Bruder nicht? Über all die langen Jahre, man kann sagen, über unsere gesamten Ehe, die nicht immer glücklich gewesen ist, das können Sie mir glauben, begleitet uns Ihr Bruder. Man kann auch sagen, dass Ihr Herr Bruder ein Teil unserer Familie geworden ist.« Für einen Moment muss das rüstige Flintenweib Luft holen, dabei verschiebt sich ihr Gebiss ein wenig.

»Was meine Frau zum Ausdruck bringen möchte ist, dass wir Ihrem Herrn Bruder unerhört dankbar sind. Er hat uns über so manche dunkle Stunde hinweggeholfen. Fünfzig Ehejahre sind kein Zuckerschlecken«, ängstlich schaut der Gamsbartträger zur Seite.

»Ist das Ihre Freundin?  Ganz wie der Bruder, der hat ja auch den Hang zu diesen jungen Dingern. Aber warum nicht? In Künstlerkreisen ist das erlaubt. Ein Künstler braucht ja eine Muse, einen Brunnen, aus dem er jeden Tag schöpfen kann«, der Ton der alten Dame bekommt etwas schnippisches.

Niemand kennt meinen Bruder fünfzig Jahre. Mit den Enttäuschten, den Sitzengelassenen, den Geprellten, den Leichen, könnte ich eine Partei gründen. Ich kenne niemanden, der so verschwenderisch mit seinem Genmaterial um sich schießt, wie mein Bruder. Eine Eigenart, die er von meinem Großvater geerbt hat, der auch kein Kind von Traurigkeit gewesen sein soll. Von Brest über Trondheim, Riga, Stalingrad, Kreta, Monte Cassino, Wien, Klagenfurt und sein Tal, überall hat er seine genetischen Spuren hinterlassen.

»Sie sagen ja gar nichts?«, die alte Jägerin ist nur die Speerspitze des Publikums, das sogar die Kellner im Hungerkünstler maßregelt, leise das Geschirr abzuräumen.

Nein, die Sache ist mir entglitten. Ich weiß es, Fritzi weiß es, und das nehme ich ihr übel. Siegessicher sitzt sie mir gegenüber. Für den Eingeweihten, den Kenner, strahlt ihr Gesicht reinstes Vergnügen aus, für die anderen, die Gäste im Hungerkünstler, gibt sie die gelangweilte junge Gör..., ach was Geliebte.

Natürlich schmeichelt mir das, eine Geliebte in dem Alter. Unsinn, es schmeichelt nicht, macht mich zum Narren. Künstler hin oder her, vor allem im Hungerkünstler. Nein, im Hungerkünstler möchte ich kein Künstler sein. Da habe ich ohnehin keine Chance. Vom Einkäufer, über den Kellner, den Koch, alle sind sie Künstler. Nur eines sind sie nicht: Hungerkünstler!

Erst jetzt, wo mich das ältere Ehepaar mit dem Hang zum Töten, angesprochen hat, wird mir wieder diese Art Fälschung bewusst. Genauso, wie drüben in der Kathedrale der Gerechtigkeit Recht gesprochen wird. Im Grunde alles nur Kulisse. Eine gigantische Freitreppe, die nur Selbstzweck ist, einschüchtern soll, weil die Gestalten in ihren glatten Talaren ohnehin die Angsthasen der Nation sind. Sind es nicht immer die Angsthasen, die die Welt regieren, mit ihrem pathologischen Größenwahn, der mit einem pathologischen Verfolgungswahn einhergeht und dadurch mehr als krankhafte Züge trägt.

»Wir müssen«, sage ich und winke den Kellner an unseren Tisch, der diese übertriebene Geste als Höchststrafe empfindet. Sieben Euro für einen Kaffee. Der Hungerkünstler macht seinem Namen alle Ehre.

»Aber was ist denn jetzt mit unserem Autogramm. Sie haben es versprochen.«

Fasanenhütchen und Gamsbart nicken synchron.

»Wir müssen«, wiederhole ich und stehe auf, »mein Bruder wartet.«

Jetzt, ohne sich umzudrehen, einfach gerade durch den Raum

»Dann grüßen Sie den Udo Jürgens ganz nett von uns«, ruft mir die passionierte Jägerin hinterher, was unter den Gästen ein erstauntes Raunen hervorruft.

Ich und der Bruder von Udo Jürgens? Ja, wie haben wir es denn? Auch wenn ich mehr als die Hälfte meines Lebens hinter mich gebracht habe, so alt sehe ich wirklich nicht aus. Der Bruder von Udo Jürgens, was für eine Unverschämtheit. Wenn überhaupt der Sohn, wenn nicht gar der Enkel. Aber der Bruder. Dass sie meinen Bruder nicht gemeint hat, ist mir ja von Anfang an klar gewesen. Zu unterschiedlich ist unser Aussehen. Während mein Bruder eben der dunkle Typ ist und gerne im Fernsehen als Italiener oder Türke besetzt wird, so bin ich eher der helle Typ, der in der Fußgängerzone von Stockholm oder Tallin überhaupt nicht auffallen würde. Dennoch bin ich oft für meinen Bruder gehalten worden, besonders dort, wo wir seit Jahrzehnten nicht mehr gemeinsam aufgetreten sind. Gerade in unserem Heimatort gibt es viele, die glauben, dass meine Eltern nur einen Sohn gehabt haben. Auch ist es nicht selten vorgekommen, dass ich wegen meines Bruders zusammengeschlagen worden bin. Die Burschen aus dem Nachbardorf, wo mein Bruder wieder einmal ein Mädchenherz gebrochen hat, haben mich einfach verwechselt und mir ein gebrochenes Nasenbein hinterlassen. Während mein Bruder also heute für seine griechische Nase bewundert wird, werde ich höchstens gefragt, ob ich früher geboxt hätte.

Nein, ich habe nicht geboxt, ich bin bloß zusammengeschlagen worden.

»Nein, wir fahren nicht zu meinem Bruder nach München!«

Einer muss doch dieses Kind erziehen.

»Aber ich dachte...«, Fritzi ist den Tränen nahe.

Nein heißt nein, Fritzi fehlt die Konstante in ihrem Leben. Es wird Zeit, dass sie das endlich lernt.


2.

Seit mehr als einer Stunde befinden wir uns auf der Autobahn. Von wegen Berlin ist nur ein Dorf. Ich habe den Beifahrersitz nach hinten gedreht und liege mehr oder weniger im Auto. Ich starre aus dem Fenster und zähle die Lampen der Straßenbeleuchtung.


Warum lässt sich Hochglanzpapier so schlecht anzünden? Zum Glück führe ich einen soliden Haushalt. Und mit Reinigungsbenzin gehen nicht nur alle Flecken weg. Nein, Reinigungsbenzin richtig angewandt ist eine sehr patente Lösung.

Hat mein Bruder etwas anderes erwartet? Mir nach all den Jahren des eisernen Schweigens, des berechtigten Schweigens, zu schreiben, hätte ich mir in den kühnsten Träumen nicht vorstellen können. Ich bin felsenfest davon ausgegangen, von meinem Bruder nichts mehr zu hören. Selbst auf der Testamentseröffnung ist er seinerzeit nicht persönlich erschienen, sondern hat einen Nobelanwalt aus der Sophienstraße in München vorgeschickt. Auch ans Telefon ist er damals nicht persönlich gegangen und hat sich von seiner Frau verleugnen lassen.

Und jetzt das! Hochglanzprospekte, die einfach nicht brennen wollen!

Was für eine Frechheit, mich für sein Projekt gewinnen zu wollen. Er, der immer von einem Drecksnest gesprochen hat, wenn von Weißberg die Rede gewesen ist, will mit einem Mal ein Künstlerdorf aufbauen? Wo ist denn da der Haken? Was will uns mein Bruder denn da verkaufen? Was hat er da unten überhaupt zu schaffen? Alle direkten Verwandten sind tot.

Sicher es gibt noch Tanten und zahlreiche Cousinen, die mein Bruder entjungfert hat. Aber es ist ja kaum anzunehmen, dass gerade meine Cousinen, die alle eher von kräftiger Statur sind, sein Heimweh beflügelt haben. Also stellt sich die Frage, was macht er da, was hat er da zu suchen? Zudem er immer behauptet hat, den Anteil seines Erbes für einen Film veräußert zu haben.

Mir kann es egal sein. Ich habe Reinigungsbenzin, überall finde ich die kleinen Fläschchen und komme so auf fast einen Liter.

Naturgemäß ist mein Bruder auf der Rückseite der Hochglanzprospekte immer im Profil abgebildet, damit auch ein jeder seine wohlgeformte klassizistische griechische Nase bewundern kann.

Nein, ich will das alles gar nicht wissen. Zudem ein Anruf bei der Tante, ausreichen würde, um die Dinge wieder ins rechte Licht zu rücken. Die Schwester meiner Mutter ist doch diejenige, die alles regelt, das Elternhaus in Ordnung hält und den großväterlichen Besitz, soweit noch vorhanden, verwaltet.

Mir kann es egal sein. Ich habe vor fast zehn Jahren die Finger gehoben. Ein nüchterner Verwaltungsakt, vorgenommen an einem uralten Computer des Gerichtsvollziehers, dessen Einrichtung nicht gerade nach Wohlstand ausgesehen hat. Ja, ich bin vogelfrei, etwas, was meine Hamburger Frau ja immer schon vorausgesehen hat.

»Ich will kein Kind, sondern einen Mann, einen richtigen Mann«, hat seinerzeit meine Frau geflucht und sich nicht mehr bei mir gemeldet. Zwei Wochen später habe ich erfahren, dass sie an Masern erkrankt ist. Nein, da gibt es keine Zusammenhänge. Irgendeiner ihrer so genannten guten Bekannten wird ihr den Virus ins Haus geschickt haben.

Europäisches Künstlerdorf, kleiner hat es mein Bruder nicht. Vielleicht will er das alte Holzscheißhaus meines Großvaters als Weltkulturerbe verkaufen. Zuzutrauen wäre es ihm. Jahrzehntelang hat mein Bruder immer von einem Drecksnest gesprochen, wenn er Weißberg gemeint hat und jetzt will er mit meiner Hilfe ein Europäisches Künstlerdorf aus dem Nichts entstehen lassen. Ein Konzept soll ich schreiben, ein Drehbuch für einen Werbefilm über meine Heimat. Ja, Deine Heimat hat mein Bruder geschrieben und nicht von unserer Heimat gesprochen. Für ihn ist das alles nur ein Projekt, ein Job, den er macht, um seinen extravaganten Lebensstil zu finanzieren. Ich kann mich nicht erinnern, dass er je etwas ohne Hintergedanken gemacht hat. Durch und durch eine auf das Geld fixierte Person, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Sollte ich vielleicht den Bürgermeister von Weißberg anrufen und ihn über die Charaktereigenschaften meines Bruders informieren? Unsinn, der Ignaz, den alle nur Nazi gerufen haben, ist ja erst mit meinem Bruder in einer Klasse und später bei mir in der Klasse gewesen. Wenn er nur einen Funken, wohlgemerkt nur einen Funken Verstand besitzt, wird er sich auf den Pakt mit dem Teufel nicht einlassen. Sicher, der Nazi ist in der Schule nicht der Beste gewesen und hat, so weit ich weiß, mit der Grundschule auch seine schulische Laufbahn beendet. Aber was heißt das schon? Nein, der Nazi ist schon in Ordnung gewesen. Leid hat er mir getan, weil er auf dem väterlichen Hof wie ein Leibeigener behandelt worden ist. Schon als Zehnjähriger hat er Hände wie ein Erwachsener

gehabt, rau und voller Schwielen. Manchmal hat er ganze Nächte Holzhacken müssen, nur weil der despotische Vater, es so befohlen hat. Während der Erntezeit ist der Nazi überhaupt nicht in der Schule gewesen. Da hat er bis zum Umfallen schuften müssen. Zudem verfügt der Kirschnerhof über solche Steilhänge, das selbst die Haflinger nicht in der Lage gewesen sind, den Pflug oder das Schneidemesser zu ziehen. Der Kirschner, der immer nur vom Rotzbua gesprochen hat, wenn er seinen Sohn den Nazi gemeint hat, ist ihm mit der Peitsche oder dem Ochsenziemer entgegengetreten und hat ihn vor die Wahl gestellt. Fast immer hat er sich seinem Schicksal ergeben und sich vor den Pflug oder die Schneidemaschine einspannen lassen. Der Nazi ist das einzige Kind in der Schule gewesen, das im Sportunterricht mit langen Ärmeln hat antreten dürfen, damit wir anderen Kinder die Striemen und blaue Flecken nicht sehen sollen. Dabei ist es im ganzen Ort, im ganzen Tal bekannt gewesen, das der Kirschnerbauer, Frau und Kinder schlägt, nein, regelrecht verprügelt.

Den Kirschner hat man dann in seinem Scheißhaus tot aufgefunden und nicht so recht gewusst, ob er erstickt oder am Herzstillstand gestorben ist. Normalerweise wäre die Geschichte mit dem Tod des Kirschners auf dem Scheißhaus auch gar nicht so publik geworden. In Weißberg und Umgebung sind die Menschen recht häufig auf dem Scheißhaus gefunden worden. Im Winter sind sie erfroren aufgefunden, im Sommer voller Fliegen angetroffen worden. Nur der Kirschner hat falsch herum im Scheißhaus gesteckt, worauf nicht nur der Gendarmerieposten in der Stadt geholt, sondern auch die beiden benachbarten Freiwilligen Feuerwehren. Der Kirschner hat sich so im Loch des Scheißhauses verkeilt, dass er nur mit schwerem Gerät unter zur Hilfenahme des Bundesheers in die Gerichtsmedizin abtransportiert hat werden können. Der Tieflader einer Pioniereinheit hat ihn mitsamt dem Scheißhaus in die Landeshauptstadt fahren müssen. Böse Zungen behaupten, dass am Rande der Straße die Menschen applaudiert haben sollen.

Später hat in der Zeitung gestanden, dass dem Kirschner beim Brunzen das Gebiss heraus gefallen sei und auf der Suche nach selben, er in der Öffnung des Abortes hängen geblieben sei. Durch die Gase der Sickergrube sei er gleich in Ohnmacht gefallen und hat somit überhaupt nicht leiden müssen. Dass sein Rücken zahlreiche Verletzungen und Striemen aufgewiesen hat, ist damit erklärt worden, dass der Kirschner regelmäßiger Gast bei einer Frau gewesen sein soll, die auf einer abgelegenen Alm ihre Dienste angeboten hat. Die Lederleni, so ihr Künstlername, soll für viel Geld so manchen Würdenträger und so manche Berühmtheit, grün und blau geschlagen haben. Leider, so die Zeitungen, hätte man die Lederleni nicht mehr einvernehmen können, da sie ganz überraschend hier ihre Zelte abgebrochen und zurück nach Jugoslawien gereist sei, um ihre kranken Eltern zu pflegen.

Frage: Warum gibt es in Österreich so wenig frischen Fisch?

Antwort: Weil er sich weigert in eine österreichische Zeitung eingepackt zu werden.


Warum brennt diese Hochglanzscheiße auf meinem Küchentisch nicht?

Es saugt und saugt gierig das Reinigungsbenzin auf, aber das ist schon alles. Ein paar kleine blaue lächerliche

Flämmchen, damit kann ich das Dauergrinsen meines Bruders nicht beenden. Gut, seine klassische griechische Nase verläuft ein wenig, entwickelt sich erst zu einer klassischen Pinocchionase bevor sie zum Elefantenrüssel mutiert. Kläglich das Ganze.

Im Bad müsste ich noch Haarlack haben. Brennt Haarlack nicht immer? Ich suche in meiner Wohnung alles ab, auf dem ein Feuer mit einem X abgebildet ist und gieße die Flüssigkeiten und den frisch geriebenen Grillanzünder über die mit Benzin getränkten Hochglanzprospekte. Warum sind jetzt die Streichhölzer nass, brechen ab, bei jedem Reiben?

Irgendwo muss ich noch ein Feuerzeug haben.


Nein, dem Nazi gönne ich den Aufstieg. Bürgermeister, das ist doch was. Auch wenn ich weiß, dass sich sonst niemand für diesen aufreibenden Job gemeldet hat. Das Internet ist eine große Petze, wie früher die Jellinek aus dem 2. Bezirk, die es einfach nicht ertragen hat, dass ich mit meiner großen Liebe aus den Fängen des Großvaters nach Wien geflohen bin.

Warum brennt es nicht? Warum will diese Hochglanzscheiße einfach nicht brennen?


Fast zehn Jahre habe ich in friedlicher Eintracht gewohnt, seinerzeit in Bonn mit den letzten Spitzenkräften nach Berlin geschwemmt worden. Den wirklichen Grund habe ich vergessen.

   Gehirnwäsche, das Markenzeichen der Berliner Republik.

In Kreuzberg gelandet, wo sich erwachsene Menschen die Augen gerieben haben, weil plötzlich und unerwartet die eigene Mutter mit Hundertzwei Jahren gestorben ist.

Ja, das sind Schicksale.

Die Berliner Presse, hat mich sofort mit Kusshand empfangen. Die Berliner Presse!

Eine Anhäufung an Dilettanten und Speichelleckern, die froh gewesen sind, zumindest einen Menschen mit einer gewissen Allgemeinbildung gefunden zu haben, den sie mit Zeilengeld  abfertigen können.

Seit zwei Jahrzehnten prangert in Kreuzberg ein großes Graffiti mit der Aufschrift: Bonner go home.

Wenn ich mich dunkel erinnere, habe ich seinerzeit die Miete nicht mehr zahlen können. Unsinn, ich habe dort ja nie Miete zahlen müssen, weil ich dort den Hausverwalter, den Hausmeister und den Spitzel gegeben habe. Bis zu dem Tag, als mein so genannter bester Freund das Haus verkauft hat, weil er es durch mich, zwar von mir nicht gewollt, fast mieterfrei für einen Höchstpreis hat verkaufen können. Eine ukrainische Prostituierte, die sich als tschechisches Jahrhundertgenie in der bildenden Kunst ausgegeben hat und angeblich über eine stattliche Sammlung an deutschen und russischen Expressionisten verfügt haben soll, hat ihm das ganze Geld nach und nach abgeknöpft. Selbst sein Pferd hat mein so genannter bester Freund verkaufen müssen.

Im Grunde verdanke ich ihm meinen Umzug nach Berlin.

Zum Glück ist es Sommer gewesen, als ich seinerzeit in Bonn obdachlos geworden bin. Der Moment der vollkommenen Schutzlosigkeit ist wohl das allerschlimmste gewesen. Plötzlich hat ein Tag wirklich vierundzwanzig Stunden. Vierundzwanzig Stunden, an denen man aufpassen muss. Ich erinnere, mich als wäre es gestern. Mit einem Mal habe ich das Gefühl gehabt, besser zu hören und zu sehen. Auch die Fähigkeit Dinge vorauszusehen, sind plötzlich Bestandteil meines Lebens gewesen. Naturgemäß habe ich jeden Kontakt zu den anderen auf der Straße lebenden Menschen und Kreaturen gemieden. Bin in Museen gegangen, die keinen Eintritt verlangt haben. Habe mich in Buchhandlungen und öffentlichen Bibliotheken herumgedrückt und bin seltsamerweise immer wieder auf dieselben Menschen gestoßen, die so wie ich reflexartig verschämt zu Boden geschaut haben.

Dann ist es kälter geworden, nicht langsam, dass sich ein Körper daran hätte gewöhnen können. Nein, von einem Tag auf den anderen sind die Temperaturen um mindestens fünfzehn Grad gesunken. Im Kaufhof, in der Elektroabteilung, haben mir neunundvierzig geklonte Nachrichtensprecher mitgeteilt, dass so etwas, seit der Aufzeichnung des Wetters noch nie vorgekommen sei. Ich gehe auf der gleichen Etage auf Toilette und wasche mich mit lauwarmem Wasser.

Für einen Außenstehenden bedeutet so etwas das Ende. Schnell wird da von der Kugel gesprochen, die man sich gibt; den Tabletten, damit es schnell geht; dem Strick, um es allen ein letztes Mal zu zeigen; der Vor den Zugspringer sagt nichts, der steigt die Böschung hoch, ekelt sich über den Fäkaliengeruch, der vom Bahndamm ausgeht und findet es nach ein paar tiefen Lungenzügen verdammt ehrlich, weil nicht nur das Leben, sondern auch die Welt scheiße ist. Dem Zug entgegengehen, dabei Kopfhörer auf, the doors oder Kurt Cobain, ein kleiner Stolperer und schon liegt man auf der Fresse. Die Nase blutet, aber das bekommt man nicht mehr mit. Nur das Blut, das über die Nebenhöhlen in den Rachenraum rinnt, schmeckt eisern. Ja, beschissen ist das  Leben und eisern das Ungetüm, das sich nähert. Die Gleise vibrieren, das ist der Beat, the doors, Kurt Cobain. Leonard Cohen ist nur etwas für die Badewanne. Wenn man die Lichter näher kommen sieht, ist es wie mit der Schlange und dem Hasen. Nein, dann gibt es kein Zurück mehr. Es sei denn, man scheidet mit einer oder durch eine Rechts Links Schwäche aus dem Leben. Da geht man und geht man die Gleise entlang und hört zum wiederholten mal the doors, oder Kurt Cobain, denkt, verdammt, das muss ein Zeichen sein: kein Zug weit und breit, nirgendwo diese kleinen Lichter, die immer größer und größer werden. Das ist doch ein Wink des Schicksals. Verdammt, die Welt hört auf mich, hat mich kleine Wurst erhört, mich gesehen. Ach was die Welt, das Universum ist auf mein Schicksal aufmerksam geworden. Und plötzlich glaubt man, selbst zu strahlen und tatsächlich, die Gleise, die Dornenbüsche am Rand des Bahndamms erhellen sich. Aus Nacht wird Tag, das Universum hat mir Macht gegeben. Natürlich braucht man in dem Moment keine the doors, oder Kurt Cobain mehr, sondern reißt die Stöpsel aus den Ohren, um ein geistiges Meer vor Augen zu teilen. Aber da ist es der Schnellzug aus München, der mit fast zweistündiger Verspätung, nicht nur die Träume platzen lässt.


Wir fahren durch die Nacht und haben Berlin immer noch nicht verlassen. Vielleicht findet Fritzi nicht heraus. Immerhin ist sie hier geboren. Ich bin es nicht, der ihr die Nabelschnur kappt, so dick und lang wie ein Bungeeseil. Wenn wir die Stadtautobahn verlassen, wird das Seil zurückschnellen.


Scheiße kalt ist es von einem Tag auf den anderen geworden. Körper und Geist haben von einem Moment auf den anderen reagiert. Was nichts anderes geheißen hat, dass ich mir wirklich eine Bleibe zu suchen habe. Auch das, was schon in der ersten Nacht passiert ist, kann ich mir nur mit dem funktionierenden Leitsystem meines Urinstinkts erklären.

Ich weiß zum Beispiel überhaupt nicht, warum ich weit nach Mitternacht auf einem Parkplatz gelandet bin. Auch alles weitere Tun hat mir relativ wenig zu schaffen gemacht. Wie von fremder Hand bin ich ziellos über den großen Parkplatz gelaufen, habe nicht gewusst wieso und warum. Ein paar leere Flaschen habe ich eingesammelt, das sicher. Aber dann? Wie bin ich auf das Auto gestoßen, wo ich noch  nicht einmal einen Führerschein besitze? Ja, das rote Auto hat da gestanden, ist offen gewesen, nachdem ich mindestens vierzig andere Autotüren vergebens versucht habe, auf zu machen. Das rote Auto ist mir den Winter über Heimstatt und ein Zuhause gewesen.

Am 23. April ist der rote Wagen weg gewesen, abgeholt mit all meinen Sachen, in der Hauptsache dreckige Wäsche. Dennoch, dieser rote Wagen hat mir das Leben gerettet. 


Immer noch befinden wir uns auf der Stadtautobahn und drehen unsere Runde. So groß kann Berlin überhaupt nicht sein. Vielleicht dreht Fritzi ja eine Ehrenrunde, mit der Absicht...

Unsinn, sie will ja weg.

»Weißt du eigentlich, dass du immer noch nach Rauch stinkst«, das ist das erste Mal, dass Fritzi seit unserer Abreise mit mir spricht. Dankbarkeit lässt sich daraus nicht heraushören. Selbst beim besten Willen nicht.

»Ich habe momentan nichts anderes zum Anziehen«, sage ich und starre weiter durch die Windschutzscheibe, in der ich meinen Kopf wie einen Geist hüpfen sehe.

Ja, das rote Auto, denke ich. Daran habe ich auch gedacht, als die Hochglanzbroschüren von meinem Bruder auf dem Küchentisch nicht gebrannt haben.


»Das ganze verdammte Drecksnest einfach anzünden«, davon hat mein Bruder oft gesprochen und es bei dem Bushäuschen außerhalb des Ortes belassen. Es hat direkt neben dem Spritzenhaus aus Holz gestanden, das direkt an den Fischteich angegrenzt ist, in dem die Forellen von einem Teichbecken in ein anderes gesprungen und auf dessen Oberfläche immer leere Flaschen geschwommen sind. Der Fischteichbesitzer ist in dritter Generation Alkoholiker gewesen. Wie die Demonstranten in vielen europäischen Hauptstädten hat mein Bruder, der auch einen Armeeparker getragen hat, die Weinflasche, die randvoll mit Benzin gewesen ist, am Lappen angezündet, der aus der Öffnung herausgelugt hat. Lichterloh ist das Bushäuschen in Flammen aufgegangen und mit ihm ein Plakat der Drei Amados, die alle drei ziemlich Scheiße ausgesehen haben.

»Rotfront« , hat mein Bruder noch gesagt und die geballte Faust in den blutorange roten Himmel gestreckt. 

Als mein Bruder sein nagelneues Rennrad und ich das alte Klapprad der Mutter bestiegen haben, sind die ersten Funken übergesprungen.

»Es brennt, es brennt«, habe ich meinen Bruder angeschrieen, »das ganze Dorf wird abbrennen!«

»Ach was«, hat er mich angeraunzt und hinzugefügt, »und wenn. Um das Drecksnest ist es nicht schade. Schlimmer kommt’s nimmer.«

Während mein Bruder geradelt ist, habe ich gestrampelt, um mein Leben bin ich in die Pedalen getreten. Die ganze Nacht sind wir gefahren, bis wir an der Kreuzung, an der zwei Bundesstraßen aufeinander treffen, gehalten haben. 

»Hörst du die Sirene?«, hat mein Bruder mich gefragt. »Also!«


Ja, das rote Auto hat mich über den Winter gebracht. Seine Ansprüche sind relativ gering gewesen. Jeden Tag ein paar Liter, um die Batterie aufzuladen und um ein paar Runden um den Block zu fahren, damit der Frost aus den Sitzen verschwinden kann.


In meiner Küche in Berlin riecht es nach Benzin. Der Holzboden weist schon Flecken auf. Hoffentlich bekomme ich sie wieder heraus, denn mein Vermieter ist ein penibler Einheitsgewinnler aus dem Westen, genauer gesagt aus Bonn. Ein hochrangiger Beamter, der die Zeichen der Zeit erkannt hat und rechtzeitig, eine Immobilie nach der anderen aufgekauft hat.

»Ich mag Sie«, hat er mir erst vor einer Woche auf der Treppe gesagt, »deswegen zahlen Sie ja auch nur die Hälfte von den anderen Spinnern im Haus. Falls Sie mal einen dieser Autoanzünder dingfest oder zumindest identifizieren können, lassen Sie es mich wissen. Ein Auto oder eine Jahresmiete ist mit Sicherheit drin.«

Zum Glück gibt es in meinem Kiez jetzt Häuser, in denen man die eigenen Autos mit  ins Bett nehmen kann.

Während oben auf meinem Küchentisch die Hochglanzprospekte meines Bruders liegen, knie ich längst unter dem Tisch und versuche dem tropfenden Benzin Herr zu werden. Da ein Fleck, da ein Spritzer, das Fischgrätenparkett weist Spuren auf, die mir der Ministerialdirigent niemals verzeihen wird.

»Sie kommen aus Bonn, Sie haben die Wohnung«, hat er seinerzeit freudestrahlend gesagt, nachdem er mindestens zehn Minuten meinen Personalausweis beäugt, gegen das Licht gehalten und geistig darauf herumgekaut hat.

Und jetzt das. Wie ein Verrückter habe ich auf diese Wohnung aufgepasst. Anfangs kein Loch gebohrt, noch nicht einmal einen Nagel in die Wand geschlagen. Die Schuhe ausgezogen, versucht nicht zu kochen, kein heißes Wasser zu benutzt. Alles Maßnahmen, die nicht einzuhalten gewesen sind. Denn im Kiez gibt es Regeln. Natürlich kann man sich aus allem heraushalten. Die Frage ist nur, ob die anderen das auch tun. Nein, in der Regel tun sie es nicht.

Es klingelt.

»Party!«

Dann stürmen sie auch schon den Eingang. Befehle werden gerufen:

»Wo ist die Küche?«

»Geht der Kühlschrank?«

»Wo ist das Bier?«

»Verdammt, hinter der Doppeltür war kein Balkon!«

»Das Klo ist verstopft.«

»Das war ein Bidet.«

Nein, all das habe ich überstanden. Meine Wohnung hat immer noch den jungfräulichen Charme eines Erstbezugs. Wäre da nicht der triefende Küchentisch, auf dem die Hochglanzprospekte meines Bruders liegen.

Ich liege gern unter dem Tisch und versuche dem Benzin und den Flecken Herr zu werden.

Ich liebe diese Wohnung. Sie ist mir Heimstatt, Trotzburg, Bibliothek, Archiv, einfach alles. Diese Wohnung repräsentiert mein künstlerisches Leben. Ich habe es geschafft, dass meine Bücher, meine Filme, meine Manuskripte, meine Drehbücher, Romane, Gedichte, Theaterstücke, meine Sammlung Avantgarde - Musik der 20er Jahre, Tonträger wie Videos, Briefe, Postkarten, einfach alles, einen Platz gefunden haben.

Mein Vermieter ist der erste und im Grunde der einzige gewesen, der diese Ansammlung an wirklichen Werten respektvoll kommentiert hat.

»Allein die Bilder sind ein Vermögen wert«, hat der Ministerialdirigent zu mir gesagt. Mag sein, mag sein. Ich glaube, dass die umfangreiche Briefmarkensammlung meines Vaters ein Vermögen wert ist.

»Verkauf die Briefmarkensammlung und du bist Millionär«, hat mein Bruder zu mir gesagt.

»Die Briefmarkensammlung ist deine Rettung.«

Und die Münzen habe ich mich gefragt, die ganzen Bücher, die es nicht mehr zu kaufen gibt. »Unsinn, Sie besitzen einen Schatz!«

Natürlich kann mein Vermieter lustig sein.

Ich lege den Küchenfußboden mit Zeitungen aus. Denn zu allem Pech tropft auch noch einer der beiden vollen Benzinkanister, die ich an der Nachttanke in unserem Kiez gekauft habe. Berlin, die Weltstadt mit Herz schläft nie.

Sie ist immer in Bewegung. Nur der Kassierer in der Nachttanke hat sich am Hinterkopf gekratzt, als ich ihm die Nummer der Zapfsäule gesagt habe. Weiß er doch um die Todesursache in meiner Familie. Mit Ausnahme der Großmutter, die friedlich in ihrem eigenen Bett eingeschlafen ist, sind sie alle durch das Auto ums Leben gekommen. Ist es da nicht zu verstehen, dass ich kein Auto, geschweige denn einen Führerschein habe.

Gegen das Benzin von der Nachttanke hat selbst das ewig grinsende Gesicht meines Bruders keine Chance. Es verläuft gnadenlos und erinnert mich an der Tischkante an Salvador Dali. Auch das neu erschaffene Künstlerdorf, das mit EU Geldern geförderte Drecksnest meines Bruders, verteilt sich auf der Tischoberfläche. So wie seinerzeit mein Bruder, die brennende Flasche auf das Bushäuschen neben dem Spritzenhaus der Freiwilligen Feuerwehr geworfen hat, so schnippe ich im hohen Bogen ein brennendes Streichholz Richtung Küchentisch. In einem mittelmäßigen Kinostreifen wäre das brennende Streichholz in Zeitlupe Richtung Küchentisch geflogen. Es hätte sich in der Luft mehrmals gedreht, ohne dass dabei die Flamme ausgegangen wäre. Film ist nicht Wirklichkeit. In der Wirklichkeit herrschen physikalische Gesetze.

Alles passiert fast gleichzeitig. Während ich ungläubig auf eine riesige Feuerwalze blicke, die auf mich zukommt, schmeißt mich schon eine Welle gekonnt aus der Küche. Fenster zerbersten, Gläser klirren, und ich liege unter Holz. Ist das schon das Ende? Irgendetwas drückt auf meine Rippen. Ist es das Kruzifix, dass der Bestatter innen angebracht hat, damit anstatt der Würmer, wenigstens der Tote, den INRI betrachten kann.

Sirenen, von überall höre ich Sirenen, ich kann also nicht tot sein, obwohl mein Mund voller Staub und Lehm ist.


Mein Bruder und ich sind stundenlang durch die Dunkelheit geradelt, Hauptsache weit weg vom Tatort.

»Das ganze Drecksnest kann abbrennen, die Idioten merken eh nichts«, hat mein Bruder gesagt und sich wie John Wayne eine Zigarette angezündet. Ein eh nichts, ist seinerzeit einer der Lieblingsfloskeln meines Bruders gewesen. Dann haben wir die Sirene gehört und am stockfinsteren Himmel hat sich ein blauer Kreisel gezeigt. Mein Bruder ist der erste gewesen, der Rennrad hat Rennrad sein lassen und ist mit einem gewagten Kopfsprung in den Graben gesprungen. Ich hingegen, auf dem Klapprad der Mutter sitzend, habe langsam abgebremst und habe gesehen, wie ein weißer Mercedes und der VW Bus der Rettung an uns vorbeigefahren sind.

Später hat sich herausgestellt, dass die Lattringerin einen Herzinfarkt erlitten hat. Die Lattringerin, die mit fast achtzig Jahren als Hebamme immer noch Kinder auf die Welt gebracht hat.

Fred Astaire, Robert Wagner, Steve McQueen, Paul Newman in Flammendes Inferno, einer meiner ersten Kinofilme. Aber warum muss ich jetzt dafür büßen? Es kann sein, das wir uns den Film verbotenerweise zweimal oder dreimal hintereinander angesehen haben. Aber dafür jetzt die späte Rache?

Alle im Haus werden herunter getragen. Ein Event der städtischen Feuerwehr. Alle Autos haben sie aufgeboten, nur um mir zu zeigen, dass meine Phantasie nicht ausreicht. Ich werde zusammen mit meinem Hausbesitzer herunter getragen. Unten im Flur leisten sich die Hilfskräfte ein Wettrennen.

»Es tut mir leid«, sagt mein Vermieter, bevor sie ihn in den Wagen schieben.

Ich verstehe gar nichts, schaue nach oben. Da, wo einst meine Wohnung gewesen ist, lodern die Flammen. Nur der Himmel sieht schön aus. Blassrosa, dann werde ich in den Krankenwagen geschoben.


»Mein Bruder ist ein feiges Arschloch«, sage ich, während Fritzi, den Berliner Ring verlässt.

»Mein Gott stinkst du nach Rauch«, erwidert sie und lässt mit einem Knopfdruck die Seitenscheibe in der Tür verschwinden.

Na klar stinke ich nach Rauch. Drei Gründerzeithäuser in meinem Kiez sind abgebrannt.  In den Nachrichten hat nur der Dachstuhl gebrannt. Aber, wenn man davor steht, würde man sagen, alles ist verloren. Natürlich stehen die Mauern noch, sie bröckeln. Im Grunde ist alles verloren.

Es regnet Papier- und Kunststoffflocken. Ein Stadtteil scheint verloren.


Erst als ich meinem Bruder aus dem Graben heraus geholfen habe, erst da, ist meinem Bruder bewusst geworden, was ich eigentlich mache.

»Trottel«, hat er zu mir gesagt.

Dabei sind ja am Anfang nur ein weißer Mercedes mit deutschem Kennzeichen und der VW-Bus des Roten Kreuz an uns vorbeigefahren. Dass die Lattringer im Sterben gelegen ist, hat ja niemand wissen können.

Natürlich sind wir zurück geradelt. Der Täter kehrt immer an den Tatort zurück. Eine Ewigkeit hat das gedauert, weil wir

jedes Mal, wenn ein Lichtkegel in der Dunkelheit aufgetaucht ist, vom Fahrrad aus in den Graben gesprungen sind.

Von überall her sind die Löschzüge der Freiwilligen Feuerwehren gekommen.

Da mein Bruder und ich von der Schattseite aus nach Weißberg gekommen sind, hat es so ausgesehen, als hätte die alte Wehrkirche gebrannt.

»Die Kirche brennt«, habe ich zu meinem Bruder gesagt und hinzugefügt, dass das der Untergang unser beider Existenz bedeuten würde.

»Du glaubst ja auch noch an den Weihnachtsmann«, hat er lachend gesagt und mich einen Idioten geschimpft, weil ich auch zu denen gehöre, die glauben, dass der Mann der Haushälterin unseres Herrn Pfarrers draußen im Salzburg‘schen den Bau der Tauernautobahn vorantreibt.

»Es gibt doch überhaupt keinen Mann, du Idiot«, hat mein Bruder gesagt und sich eine Zigarette angezündet, »der liebe Herr Pfarrer ist der Mann, der der Haushälterin alle zwei Jahre ein Kind macht!«

Mit zitternden Händen habe ich mir auch eine Zigarette angezündet, um anschließend erleichtert festzustellen, dass das Gotteshaus aus dem 13. Jahrhundert vom Funkenflug verschont geblieben ist. Bis zum Kaufhaus haben wir uns heranschleichen können. Ab da ist die ganze Straße von Feuerwehrautos blockiert gewesen. So ist meinem Bruder und mir nichts anderes übrig geblieben, als über die Friedhofsmauer zu klettern, um dort von einem der Schießscharte aus, das Geschehen auf der anderen Seite zu beobachten. Vom hölzernen Bushäuschen ist nicht mehr als ein Haufen dampfender nasser Holzkohle übrig gewesen. Nur das

anliegende Spritzenhaus der Freiwilligen Feuerwehr hat immer noch lichterloh gebrannt.

Nichts, aber auch gar nichts, hat man retten können, so oder ähnlich hat es zwei Tage später in der Zeitung gestanden. Dabei ist es egal gewesen, ob man die Kleine Zeitung oder den Kurier aufgeschlagen hat. Ein Verlust unendlichen Ausmaßes, hat der Feuerwehrhauptmann gesagt und aufgeführt, dass neben der Fahne aus dem neunzehnten Jahrhundert, auch das gesamte Archiv, das bis in das 13. Jahrhundert zurückgegangen ist, vernichtet worden ist. Was die Türken seinerzeit nicht geschafft haben, ist durch einen feigen Anschlag über Nacht zerstört worden.


Alles ist weg, alles verloren. Niemand wird darüber berichten. Dass drei Häuser aus der Gründerzeit abgebrannt sind, hat naturgemäß in allen Zeitungen gestanden, weil es letztendlich nur eine dpa Meldung gewesen ist. Lückenfüller, die nicht viel kosten. Aber, dass ich alles, wirklich alles verloren habe, darüber ist nichts, aber auch gar nichts in der Zeitung gestanden. Dass die deutsche Literatur, das deutsche Theater und nicht zu vergessen der deutsche Film über Nacht einen schweren Verlust erlitten haben, davon hat nichts, aber auch gar nichts in der Zeitung gestanden. Wen interessiert es schon, dass ich nun vor dem künstlerischen Nichts stehe? Alles ist verbrannt. Jedes noch so kleine Gedicht, jeder Brief, jedes Manuskript, alles ist weg.

»Sie haben doch bestimmt Sicherungskopien ausgelagert!«

Nein, habe ich nicht. Ich habe auch keine Kopie von meinem Ausweis angefertigt. Wieso auch? Jetzt werde ich schon misstrauisch beäugt, wenn ich nur meinen Namen sage.

Das kann ja jeder behaupten, steht auf ihrer Stirn geschrieben. Alles habe ich verloren, nur weil ich das ständige Grinsen meines Bruders nicht habe ertragen können, der aus meinem Heimatdorf, das er immer als Drecksnest bezeichnet hat, eine europäische Künstlerbegegnungsstätte hat machen wollen. Ja, und er hat ja noch die Frechheit besessen, mich um Hilfe zu bitten. Einen Film soll ich drehen. Ein Drehbuch soll ich schreiben über das Dorf mit der blinkenden Straßenlaterne.

Selbst die Klamotten, die ich trage, hat mir Fritzis Mutter gegeben. Irgendeiner ihrer vielen Liebhaber hat zum Glück meine Größe gehabt.

Jetzt, kurz vor meinem fünfzigsten Geburtstag stehe ich nicht einmal mehr vor einem Scherbenhaufen. Von meinem künstlerischen Leben ist nur Asche geblieben, die entweder in die Berliner Kanalisation geschwemmt oder in allen Himmelsrichtungen verstreut ist.

Die Fotoalben von drei Generationen, über hundert Stück an der Zahl, sind Opfer der Flammen geworden.

»Beherbergst du das österreichische Staatsarchiv?«

Wie oft habe ich mir diese blöde Frage anhören müssen. Jetzt ist alles weg.

»Wo ein Ende ist, da ist auch ein Anfang!«

Welcher Trottel hat das nicht immer gesagt?

Warum fällt mir bei soviel Elend, jetzt, wo ich mit Fritzi auf der Stadtautobahn mindestens dreimal Berlin umrundet habe, meine Exfrau in Hamburg ein? Sind es die Allgemeinplätze, die sie wieder zum Leben erweckt haben? Marion, warum habe ich plötzlich ihr Bild vor Augen? Was will sie mir sagen?


»Wenn du mich verrätst, bringe ich dich um«, hat mein Bruder auf dem Friedhof gesagt, der von einer meterdicken Wehrmauer aus dem 13. Jahrhundert umrandet ist. Beide hängen wir an dem Schießschacht und beobachten, wie die Feuerwehr nichts tut. Ja, sie tut nichts. Im Grunde stehen da zehn Löschzüge aus den Nachbargemeinden und schauen zu, wie das alte Spritzenhaus zu Weißberg abbrennt. Auch um die beiden Löschfahrzeuge, die aus alten Wehrmachtsbeständen stammen, scheint es den Feuerwehrleuten nicht schade. Da wird sich abgeklatscht und sich freudig in den Armen gelegen.

Der Kirchenwirt, der längst mit seinem Kochlehrling im Bett gelegen ist, hat sich von der Jugend getrennt und draußen ein dreißig Liter Fass Bier angeschlagen. Alle scheinen guter Dinge. Warum haben wir eigentlich Angst?

»Der Schein trügt«, hat mein Bruder gesagt, »der Schein trügt immer. Sie werden uns lynchen, wie einen gemeinen Pferdedieb einfach aufhängen. Unten gegenüber der Schmiede und der Trafikantin. Du weißt, der Baum, der fast nie Blätter trägt.«

Natürlich habe ich den Galgenbaum gekannt. Meine Großmutter und selbst die Hundertjährige sind nur mit einem Kreuzzeichen an und unter dem Baum vorbeigegangen. 

Meine Großmutter und die Hundertjährige da hat es doch ein Bild gegeben. Auf dem Schreibtisch habe ich es stehen gehabt, eingerahmt in einem dunklen schwarzen Holzrahmen.

Die Großmutter und die Hundertjährige, in Hamburg haben sie noch auf dem Schreibtisch gestanden. Und in Bonn? Verschwommen die Bilder. Ähnlich wie mein Spiegelbild in der Windschutzscheibe. Es hat angefangen zu regnen. Warum hat es nicht geregnet, als meine Küche explodiert ist und ich samt Tür weit hinaus in den Flur geflogen bin? Hätte ich auf der anderen Seite der Küche gestanden, wäre ich mit samt dem Küchentisch unten auf der Straße gelandet. Hätte es geregnet, wären die Dachstühle der benachbarten Häuser sicher vom Funkenflug verschont geblieben.

Nein, in Bonn hat das Bild mit der Großmutter und der Hundertjährigen nicht auf dem Schreibtisch gestanden. Nein, in der Wohnung in Bonn hat am Anfang überhaupt nichts gestanden. Auch nach Jahren, als ich die letzte Kiste gesichtet und geleert habe, ist das Bild nicht wieder aufgetaucht.

»Ja, ja, ja«, schreie ich laut, als wollte ich einen Orgasmus vortäuschen, was Fritzi nur mit einem Kopfschütteln kommentiert.

Ja natürlich. Wie habe ich das all die Jahre vergessen können.

»Fritzi, wir fahren nach Hamburg«, sage ich mit so einer Bestimmtheit, dass Fritzi in die Eisen steigt und rechts heranfährt.

»Aber das ist die entgegengesetzte Richtung!«

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Tb 360 Seiten

ISBN-10: 1-5175-7331-9
ISBN-13: 978-1-5175-7331-7

16,90 €     http://www.amazon.de/Tatarmandl-Johannes-Wierz/dp/1517573319/ref=asap_bc?ie=UTF8
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