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Vincinette

 

    



1. Kapitel



Alle Rechte bei Johannes Wierz





In der Nacht zum 17. Februar 1962 peitscht ein orkanartiger Nordweststurm über Hamburg und Norddeutschland. Mit 130 Stundenkilometern entwurzelt er Menschen, Tiere und Pflanzen - selbst vor jahrhundertealten Bäumen hat er keinen Respekt. Dächer werden zertrümmert. Der Wasserstand der Elbe steigt Pegel über Pegel. Über Ufer und Dämme. Er wird drei Meter siebenundsiebzig über dem normalen Hochwasserspiegel erreichen. Der Orkan trägt den Namen einer Frau: Vincinette, die Siegreiche.


Es ist Samstagnacht, und in einem kleinen Dorf in den Bergen liegt Maria Magdalena Huftreter in den Wehen. Es ist nicht ihre erste Schwangerschaft, aber es sind die ersten Wehen. Die zwei ersten Föten sind regelrecht in ihrem Mutterleib verfault, irgendetwas stimmt mit ihrem Fruchtwasser nicht. Aber Maria Magdalena Huftreter gehört nicht zu den Frauen, die leicht aufgeben. Die zwei Samenspender, allesamt Knechte von ihrem Hof, hatte sie nacheinander eingestellt und jedes Mal nach dem Abgang der Guten Hoffnung vom Hof gejagt. Der Erzeuger des jetzigen Kindes ist nicht bekannt, zumindest nicht in der Gemeinde und im Umland. Was nicht weiter verwunderlich ist, da Maria Magdalena Huftreter ihren Hof seit sechs Monaten nicht mehr verlassen hat. Niemand, - mit Ausnahme den Leuten auf dem Hof, - weiß etwas von ihrer Schwangerschaft. Der Pfarrer, der sich geweigert hatte, die beiden dunklen Klumpen aus ihrem Leib in geweihter Erde zu beerdigen, hatte damals von einem Omen gesprochen und zwei Messen für die Seele der Huftreterin gelesen.

„Am besten is, i näh di zua“, hatte der Landarzt zu ihr gesagt. Dr. Julius Holzer war für seine einfachen Diagnosen

und sonderbaren Behandlungsmethoden weit über die Landesgrenze bekannt.

„Is besser, es weiß niemand was“, hatte Maria Magdalena geantwortet. Mit einer Bestimmtheit, die den Landarzt zum

Verstummen gebracht hatte. Vielleicht war es ihr durchdringender Blick gewesen, der ihn zurück ins Tal trieb.

Vielleicht aber auch die Siegesgewissheit in ihrer Stimme.


Die Deiche brechen. Gurgelnd und schäumend bahnt sich das gefräßige Wasser einen Weg hinter die Deiche. Es verschlingt alles, lässt ein paar Güterzüge entgleisen und überschwemmt nebenbei 20 Prozent des Hamburger Stadtgebietes. Den Hamburger Hafen flutet es im Vorbeigehen. Allein im Stadtteil Wilhelmsburg werden über Nacht 73.000 Menschen obdachlos, 12.000 Hektar Land stehen unter Wasser.


Maria Magdalena liegt in ihrem nassen Bett und hat das Gefühl, es zerreiße sie. Gundi, die Magd steht neben dem Bett, stiert blöde und lallt etwas von einem Kälberstrick. Elisabeth, könnte helfen, aber sie ist nicht da. Sie ist schon seit

Stunden fort, um die Hebamme zu holen. Die Gundi ist erst vierzehn, spricht nicht viel, kennt sich aber in der Anatomie

recht gut aus. Mit einem Schwamm versucht sie, das Blut aufzusammeln, das sie in einem Eimer wieder auspresst.

Ansonsten tut sie nichts und betrachtet die blutspeiende Öffnung der Bäuerin. Die Huftreterin schnauft heftig und

verdreht die Augen. Aber sie ist keine, die schnell aufgibt. Ein Sturkopf wie ihr Vater, der, als der Kirchenwirt ihn

herausgeschmissen hatte, mit dem Kopf durch die Wand wieder zurückkam. In diesem Fall durch eine schwere Eichentür. Er machte solch einen Krawall, dass der Wirt ihm wieder Einlass in das nach Bier und Urin stinkende Loch gewährt hatte. Mit blutigem Kopf hatte er wieder Einzug gehalten, triumphierend und torkelnd. Mit seinem Dickschädel hatte er nicht nur den Willen des Kirchenwirts, sondern auch die schwere Eichentür gebrochen, was naturgemäß nicht ohne Folgen blieb. Die Schädeldecke war näher an sein Gehirn gerückt und drückte auf die Nervenbahnen. Mitten im Gehen konnte es passieren, dass er urplötzlich stehen blieb, steif wie ein Brett wurde, und - wenn der Wind ihn richtig erwischte, - einfach der Länge nach hinfiel. In diesem Zustand hatte er sich zweimal ein Stück seiner Zunge abgebissen, fünfmal den Kiefer ausgerenkt und siebenmal die Nase gebrochen. Da die Verletzungen nie so schnell verheilen konnten, wie ein neuer Anfall bevorstand, lief der Huftreter Adolf immer mit einem geschwollenen Kopf

herum, einer Warzenmelone nicht unähnlich. Die alten Fahrradschläuche, die um seinen Schädel gebunden waren und

einen Sturz zumindest lindern sollten, taten ihr übriges zu seinem recht seltsamen Aussehen.

Ein paar Pilzsammler fanden ihn schließlich bei einer Bank mit offenem Mund. Nicht etwa auf ihr sitzend, sondern in einem Winkel von fast 90 Grad wie einen vergessenen Wanderstock daran angelehnt. Er schaute ein wenig verwundert in die Welt und wollte sich nicht dazu bewegen lassen, sich zu setzen.

Selbst im Tod hatte er nicht von seinem Starrsinn verloren.

„Nein und nochmals nein! So kann ich ihn nicht einsargen“, hatte der Schäfer Josef, der Schreiner und Bestatter des Ortes, gejammert. Und sich bei Maria Magdalena die Erlaubnis und beim Pfarrer den Segen geholt, dem Adolf sämtliche Glieder zu brechen, damit er endlich in die Holzkiste passte.

„Meinen Erstgeborenen werd ich nach dir nennen“, hatte die Huftreterin dem Dorfschreiner versprochen und ihm nach der Beerdigung einen trockenen Kuss auf seinen Stoppelbart gedrückt.

„Na, wenn’s denn in Gottes Namen sein muss“, hatte der Schäfer Josef gegrummelt, und noch ehe er sich bekreuzigen konnte, war ein gewaltiger Blitz hernieder gegangen, der die Kirchenbirke wie eine Banane schälte, und ein Regen hatte eingesetzt, dass man den grob gehobelten Sarg des Huftreter Adolf mit Steinen beschweren musste, damit er nicht von den ins Tal drückenden Wassermassen weggeschwemmt wurde.

Während in dieser Nacht 312 Menschen im Hamburger Elbgebiet ertrinken oder erfrieren, im niedersächsischen Küstenbereich 19 Menschen ums Leben kommen und die Freie Hansestadt Bremen sechs Tote zu beklagen hat, ist man im einzigen Gasthaus des Dorfes guter Dinge. Die Burschen saufen, was die Blase hält, und selbst an der angerosteten Pissrinne im Hof ist die Stimmung groß. Nutzlose leicht erigierte Schwänze schauen sich an und wollen nicht wahrhaben, dass das für einen Samstag alles gewesen sein soll. Außerdem ist Fasching und somit ziemlich alles erlaubt. Da kommt die Elisabeth auf ihrem klapprigen Fahrrad gerade recht. Der Johann Ganser ist der erste, der auf sie drauf darf. Immerhin hat er sie in einem gewagten Hechtsprung von hinten angefallen, zu Boden gerissen und ihr dabei das Nasenbein gebrochen. Was soll’s, sagen sich die Burschen und lösen grinsend ihre Gürtel, die Elisabeth ist ohnehin nicht die schönste. Und auf die vierzig geht sie auch schon zu.

„Na, und wie ist sie?“ wollen die anderen wissen und schauen in das verzerrte rot anlaufende Gesicht des Johann Ganser. Er stöhnt begeistert, bevor er kommt und die Elisabeth für den nächsten frei macht. Brav stellen sich die Burschen des Dorfes und des Umkreises in einer Reihe auf, wie die Kühe, wenn sie abends in den Stall geführt werden. Auch der Wirt, der hinter dem Fenster steht und sich abwechselnd seinen Bauch und seinen Kopf kratzt, ist Zeuge der Vergewaltigung, die genau siebenunddreißig Burschen an der Elisabeth vollziehen wollen. Für den Wirt bedeutet das naturgemäß Einbußen. Da aber alles auf seinem Grund und Boden geschieht, beschließt er für den

heutigen Abend einen Aufpreis zu nehmen.


Wahrend ein gewisser Walter Großmann, seines Zeichen Binnenschiffer, mit seinem Beiboot über einen überfluteten

Hamburger Kleingartenverein schippert und fünfzig Menschen das Leben rettet, spritzt es aus Maria Magdalena Huftreter wie ein Springbrunnen. Gundi rudert hilflos mit den Armen, bringt nur laute Lalltöne heraus und fängt, so wie es ihre Art ist, an zu seibern. Wie der Hofhund Kranzmann, der herein getrottet kommt, als sie die Tür öffnet, sich müde auf das Bett quält und das blutfeuchte Laken ableckt, als gäbe es nichts Selbstverständlicheres auf der Welt.

Als Gundi barfuss das Haupthaus verlässt, um in den Stall zu laufen, kommt ein starker Wind auf, und dicke schwere Tropfen fallen auf ihre nackten Füsse. Zum Glück ist der Stall nicht sehr groß und alles schnell bei der Hand. Kälberstrick, frisches Stroh, ein scharfes Messer, - mehr fällt der Gundi nicht ein, aber das ist für sie schon sehr viel, vor allem, weil sie so aufgeregt ist. Auch sonst kann sie sich höchstens eine Sache merken und das auch nicht immer. Den Kälberstrick wie ein Alpinist geschultert, kehrt sie mit ihren Werkzeugen zurück in die Kammer, wo Maria Magdalena Huftreter nicht mehr schreien kann. Die Hälfte ihrer Stimmbänder scheint gerissen. Sie glaubt schon das große, gleißende Licht zu sehen. Alles in allem kein gutes Zeichen. Gundi scheucht den leckenden Hund vom Bett, bekreuzigt sich und macht sich an die Arbeit.


Aufgeregt berichtet der Binnenschiffer Walter Großmann von dem, was er alles gesehen hat: Die Sträucher voller Leichen, auf einem Baum ein Taxifahrer mit seinem Fahrgast. Inzwischen sind rund 100.000 Menschen von den Wassermassen eingeschlossen. Die Innenstadt von Hamburg ist bis zum Rathaus hin überflutet.


Gundi spürt die kleinen Füsschen des Kindes. Aber müsste da nicht der Kopf sein? Elisabeth, die ältere der Huftreter

Töchter, liegt neben der rostigen Pissrinne und hat aufgehört eine Frau zu sein. Es regnet in Strömen, und die Burschen haben von ihr abgelassen. Der vierunddreißigste wäre der Servatius gewesen. Auch die anderen Namen hat sie sich gemerkt. Mag sie auch unten tot sein, ihr Kopf ist noch nie so klar gewesen wie in dieser Stunde.

Gundi versucht, ein Lied anzustimmen, während sie mit ihren Händen immer tiefer in Maria Magdalena eindringt, um nach dem Kopf des Kindes zu forschen. Aber sie kann sich nun mal keine Melodie und schon gar nicht einen Text merken. So beginnt sie, spontan zu komponieren und fiept wie ein Delphin, während sie in Blut und Schleim herum matscht und eine Stelle sucht, um den Kälberstrick anzubringen.

Maria Magdalena Huftreter glaubt unterdessen in einem Dom zu liegen. In ihrer Nase kitzeln Weihrauch und der Duft von verwelkten Nelken. Kalt ist ihr, - was kein Wunder ist,- denn sie liegt auf dem kalten Steinboden und starrt auf das barocke Deckengewölbe. Das blasse, jetzt immer heller werdende Licht hinter den gemalten Wolken kommt ihr vor wie eine Landebahn für Engel. Es ist ein Junge, der da in die Welt will, das spürt sie ganz genau. Den Hof soll er einmal übernehmen. Ein guter fruchtbarer Grund ist das, hinter dem so mancher unten im Dorf her ist. Sie schreit ein paar Namen durch die Kuppelhalle des Domes und die zwei Seitenschiffe. Sie lässt keinen aus. Dann spürt Maria Magdalena Huftreter eine Erleichterung. Sie hört das Meer rauschen, obwohl sie in ihrem ganzen Leben das Meer nie gesehen hat, geschweige denn weiß, was eine Brandung ist. Sie spürt es, fühlt sich selbst als Welle, die sich über die gesamte Breite des Strandes ergießt.

Gundi hantiert mit dem scharfen Messer. Sie meint, es so oder ähnlich bei Renata, ihrer Lieblingskuh, gesehen zu haben. Nur, dass da der Tierarzt im Stall gewesen war, und mit seinen geschickten Händen an dem trächtigen Rindvieh herum geschnitten hatte. Oder war es der Schlachter aus dem Dorf gewesen, dessen Name ihr jetzt nicht einfällt? Wenigstens schreit die Bäuerin jetzt nicht mehr. Maria Magdalena Huftreter beschließt, im Dom zu bleiben. Die Akustik ist hier bei weitem besser als in der Kammer. Nur die Kälte des Steinbodens macht ihr zu schaffen. Längst können Laken und Strohmatratze das Fruchtwasser und das Blut nicht mehr halten.

Kleine Rinnsale haben sich auf den rauen Holzdielen gebildet, formieren sich zu einem Delta, um letztendlich als zäher

Schaum in den Ritzen zwischen den Dielen zu verschwinden.

Gundi schnippelt mal oben, mal unten. Wie einen Reißverschluss öffnet sie die Bäuerin. Aber es reicht nicht aus, um das Kind im Bauchinneren zu drehen. Zu allem Unglück scheinen sich jetzt auch noch die Beinchen verkeilt haben. Überhaupt bekommt die Gundi so viel Fremdes zu fassen, mit dem sie überhaupt nichts anzufangen weiß. Natürlich kann sie einen Fisch ausnehmen, ein Huhn oder eine Gans, aber die Bäuerin ist doch was ganz anderes. Die Bäuerin kommt ja nicht in den Topf oder in den Ofen. Bei diesem Gedanken muss sie lachen. Jetzt fängt die Bäuerin wie eine Sau an zu grunzen. Vielleicht liegt es daran, dass Maria Magdalena glaubt, im Dom der Taufe ihres Sohnes beizuwohnen. Sie seufzt vor Rührung. Alle haben sie ihre schönsten Kleider angezogen. Das ganze Dorf steht um das

steinerne Taufbecken und lauscht den lateinischen Worten des Bischofs. Nur ein Augenaufschlag später spielt die große Orgel auf und lässt ihren Jungen zusammen mit den Kindern aus dem Dorf nach vorne an den Altar zur ersten Heiligen Kommunion schreiten. Als ihr Junge heiratet, steht sie in einem Seitenschiff etwas abseits. Sie hat das Gefühl zu schmelzen und immer kleiner zu werden. Joseph-Nepomuk-Baptist Huftreter wird ein gutes und erfülltes Leben führen und seine Mutter immer in Ehren halten. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Maria Magdalena Huftreter auch noch das Finale des Orgelspielers gehört hat. Gundi zumindest glaubt sogar noch himmlische Geigen zu hören, als sie den kleinen blutunterlaufenen Kerl in den Armen hält, der seinerseits die Welt mit einem kräftigen Geschrei begrüsst. Am anderen Ende der Nabelschnur hängt ein blutiges klumpiges Etwas, mit dem Gundi nichts anzufangen weiß. Sie schneidet es ab und wirft es dem Hund hin, der begeistert daran schnüffelt.

Als Elisabeth in den Morgenstunden mit Müh und Not den Hof erreicht, glaubt sie, mit ihren fast vierzig Jahren, alles

erlebt und gesehen zu haben, zumindest bis sie die Schwelle des Haupthauses überwunden hat.

„Aaaan Hunge, aaan Hunge“, lallt die Gundi zur Begrüssung und hüpft barfuss durch den Flur. Sie sieht aus wie ein Metzger, der in die Blutwanne gefallen ist. Elisabeth, selbst durchSturm und Regen gezeichnet, ganz zu schweigen von dem unglaublichen Vorfall an der rostigen Pissrinne des Kirchenwirts, ist für einen Moment beruhigt, als sie oben das

Kind schreien hört. Sie geht zunächst in die Küche, um ihre nassen Kleider auszuziehen, sie am Ofen zu trocknen und sich selbst ein wenig aufzuwärmen. Bevor beide jedoch zur Bäuerin nach oben gehen, damit Elisabeth ihre Schwester in die Arme schließen und beglückwünschen kann, stärkt sie sich mit einer Tasse heißem Kräutertee, nimmt das abgegriffene blaue Haushaltsbuch aus der Tischschublade und schreibt die Namen der Burschen auf. Und so stehen neben einem Sack Saatgut, Schrauben, Melkfett und Küchennatron, die Namen derer, die Elisabeth, - und nicht nur ihr, - den 17. Februar 1962 so richtig versaut haben. Sie ist in einem regelrechten Rausch und schreibt statt der siebenunddreißig Burschen, von denen dreiunddreißig Hand an sie gelegt haben, fünfundsechzig Namen auf. Beim sechsundsechzigsten Vornamen aber stockt sie und starrt auf den großen Blutklecks, der sich plötzlich zwischen

den freien Linien gebildet hat. Zuerst denkt sie an ihre doppelt gebrochene Nase, die ihr der Hubertus Haderer zugefügt hat, als sie ihm in sein schiefes verzerrte Gesicht gespuckt hatte, dann an ihre beiden ausgeschlagenen Zähne - verursacht durch die Gebrüder Wilderer, - die nichts allein machen können. Sie greift sich an ihre geschwollene Nase und spuckt in ihre rauen Hände. Aber außer ein paar Abschürfungen, die mit Dreck gefüllt sind, ist nichts zu sehen.

Da!

Ein neuer Blutklecks auf den groben Seiten des Haushaltbuches.

Instinktiv schaut sie nach oben und sieht an der geweißelten Lehmdecke den dunklen Fleck, der die Größe eines Kuhfladens hat. Sie schließt die Kladde, und im selben Moment platzt eine Blutblase auf die blaue Kartonage des Haushaltheftes.

Elisabeth bekreuzigt sich und macht sich auf den Weg nach oben. Die Dielen knarren unter ihren Füssen, die ihr mit einem Mal bleischwer vorkommen. Am Treppenende lehnt die halbnackte Gundi, die mit wiegenden Bewegungen das Neugeborene an sich drückt. Wie sie da so steht, mit ihren wilden Haaren und den dürren Beinchen, sieht sie aus wie ein Waldschrat mit seinem Jungen. Die beiden ähneln sich auf gespenstische Weise und Elisabeth fährt ein Stich durch die Brust. Der kahle Kopf des Kleinen ist viel zu groß und dabei zu lang geraten, der restliche Körper ein mickriger Knochenhaufen. Nur die Füsschen, die aus Gundis rechter Armbeuge wachsen, sind normal. Aber

viel zu groß im Vergleich. Der kleine Kobold liegt reglos da, lutscht am Daumen und schaut Elisabeth staunend an. Sie

bekreuzigt sich und öffnet langsam die Tür zur Kammer ihrer Schwester. Ein paar Fliegen brummen. Die Kommode mit dem Frisierspiegel, der Schrank, alles steht an seinem Platz. Der Hund kommt heraus getrottet und schaut trotz seiner

blutverschmierten Schnauze unschuldig aus. Was die Huftreter Elisabeth dann zu Gesicht bekommt, übertrifft all’ ihre

Vorstellungskraft. Die Bauchdecke ist nicht gerade fachmännisch aufgeschnitten worden. Die Enden der Haut und die

Fettlappen sind ausgefranst wie bei einer alten Pferdedecke.

Das Innere scheint in Unordnung wie der Wühltisch im Kaufhaus beim Schlussverkauf. So ganz genau will sich die Elisabeth ihre Schwester auch nicht anschauen. Sie tritt ans Bett und schließt der Maria Magdalena Huftreter für immer die Augen. Sprache.


Alle Namen und Charaktere in diesem Buch

sind erfunden, und jede Ähnlichkeit

mit lebenden oder verstorbenen Personen

ist rein zufällig.


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2018

by Johannes Wierz

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