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Weissberg

 

    Ein konsequenter Nichtstuer und Nichtbesitzer - ein Totalverweigerer des Alltags - setzt sich auf seiner Urlaubsreise von Deutschland nach Kärnten an der Seite seiner geschäf-tigen Frau in einer Dauerreflexion mit allem auseinander; was ihm über den Weg und in den Sinn kommt: von Tourismus über Autofahren, von Zweierbeziehungsrollen-spielen, diversen österreichischen Institutionen bis zu sich selbst, und zwar so, dass es nichts gibt, das, nachdem es die Mühlen seiner Reflexion durchlaufen hat, nicht lächerlich zurückbleiben würde.

  Seine Nonstop - Reflexionsarbeit ist eine Art Kampf mit der Banalität des Alltags, der er am Ende schließlich in alltäglich - grotesker Weise zum Opfer fällt - genau zu dem Zeitpunkt, zu dem er begonnen hat, mit ihr seinen Frieden zu finden. Die Banali-tät erweist sich als unüberwindliche Schicksalsmacht, das Schicksal als eine Farce und die Realität als Groteske.

Alle Namen und Charaktere in diesem Buch

sind erfunden, und jede Ähnlichkeit

mit lebenden oder verstorbenen Personen

ist rein zufällig.

Alle Rechte bei Johannes Wierz










     Den ganzen Tag sitze ich entweder in meinem Arbeitszimmer, das keines ist, da ich ja nur dasitze, um aus dem Fenster auf meinen selbstgepflanzten Nussbaum zu schauen, oder ich sitze in meinem Stammcafé, wo ich den ganzen Tag in die Zeitung schaue, hineinschaue, sie aber niemals lese.

     Auf dem Weg von meinem Arbeitszimmer zum Café, das nicht einmal fünfhundert Meter entfernt liegt, denke ich manchmal. Wenn ich mich bewege, also die Treppe hinuntersteige und dann den breiten Bürgersteig entlanggehe, denke ich, dass das Leben an mir vorbeiläuft, seit Jahren schon an mir vorbeigelaufen ist. Nur wenn ich gehe, denke ich, dass das Leben an mir vorbeiläuft. Wenn ich sitze, denke ich nicht, folglich läuft auch das Leben nicht an mir vorbei, wenn ich sitze, vergeht nur die Zeit. Die Zeit läuft gnadenlos weiter, gegen mich. Gott sei Dank, wenn ich sitze, denke ich nicht an die Zeit, bin ich gar nicht in der Lage zu denken, da die Sauerstoffzufuhr zu gering und der Alkoholkonsum zu hoch ist.

   Das Nichtdenken eröffnet neue Perspektiven. Einfach nur schauen und ab und zu den Gesprächen am Nebentisch lauschen. Das Einfach-nur-Hinschauen, Zusehen, was andere machen, die Anstrengung anderer, sich über den Tag zu retten, bringt mich über den Tag. Um mehr geht es nicht, als einfach nur über den Tag zu kommen.


1.


Von der Raststätte aus sehe ich entfernt, auf einer Anhöhe, die Würzburg. Nicht die Tatsache, dass die Würzburg ausgerechnet in Würzburg auf einer Anhöhe steht, verwundert mich. Nein, es ist die Architektur; die Architektur der Würzburg in Würzburg. Zu Unrecht trägt sie den Namen Würzburg. Korrekterweise müsste sie nämlich Würzschloss heißen und nicht Würzburg, denn architektonisch gesehen ist die Würzburg ein Schloss.

In diesem entscheidenden Moment, wo ich darüber nachdenke, ob es überhaupt Städte gibt, deren Namen mit »Schloss« enden, und ich darauf komme, dass es schlecht bestellt ist um ein Land, in dem selbst schon mit den Städtenamen gelogen, einem etwas vorgegaukelt wird, in diesem entscheidenden Moment, wo ich die Lanze über alle Städte dieser Republik breche, holt mich meine Frau aus meinen Gedanken, indem sie routinemäßig meinen Bauch betatscht wie den eines Teddys.

Nicht ohne Grund betatscht sie meinen Bauch, der mich müde und träge gemacht hat, nein, ohne Grund hat sie in ihrem Leben noch nie etwas gemacht. Sie schaut in meine Augen, und schon glaubt sie mit hundertprozentiger Gewissheit sagen zu können, was ich denke. Das hat sie von ihrer Mutter, einem Menschen, dem ich von Anfang an misstraut habe. Einem Menschen, der seine Weisheiten aus irgendwelchen Kalendern oder Zeitschriften zusammenklaubt, wie Kinder im Wald Blaubeeren, und sie dann auf alles und jeden zur Anwendung bringt, muss man einfach misstrauen. Eine dieser Weisheiten kommt hier, durch ihr Fräulein Tochter, ihre beste Schülerin, zur Anwendung. »Dem Manne alles, aber auch jeden Wunsch, von den Augen ablesen, ist die Erfüllung jeder gesunden Frau. «

Ja, dieser Unsinn kommt jetzt zum Tragen, und mein Bauch muss darunter leiden.

Da ich lange die Würzburg betrachte, glaubt sie, ich möchte dieses Bauwerk besichtigen und tätschelt mir den Bauch.

»Möchtest du, dass wir noch einen Abstecher zur Würzburg machen? «

Ihre Frage gibt mir die Genugtuung, mich auch diesmal in ihr nicht getäuscht zu haben. Ihre Mutter ist stärker als ich, da kann ich nichts machen. Von mir lernt sie nichts, wird sie nie etwas lernen. Meine einzige Chance besteht darin - eine fast unlösbare Aufgabe - ihrer Mutter etwas beizubringen. Dann bestünde wenigstens theoretisch die Chance, dass die Mutter ihrer Tochter das Gelernte weitergibt. Aber ich lebe nicht in Luftschlössern, nein im Gegenteil, mich regt es auf, dass die Würzburg Würzburg und nicht Würzschloss heißt. Etwas, worüber ich mit meiner Frau nicht reden kann. Sie besitzt zwar einen Doktortitel, aber den hat der bundesdeutsche Kanzler auch. Blitzschnell kontere ich mit »Nein«, mit der anschließenden Begründung, unseren Zeitplan nicht durcheinander bringen zu wollen. Da Zeitpläne ein wesentlicher Inhalt ihres Lebens sind, eine Tatsache, die wiederum ihrer Mutter zu verdanken ist, habe ich ausnahmsweise gewonnen.

Sie bezahlt, und wir beide verlassen diesen schrecklichen Ort.

Wieder auf der Autobahn kann ich es mir nicht verkneifen, noch einmal in den Rückspiegel zu sehen: Auf einer Anhöhe die Würzburg, die eigentlich Würzschloss heißen müsste.

Ein paar Stunden später - nach dem Zeitplan meiner Frau eine halbe Stunde zu früh - betreten, korrekter ausgedrückt, überfahren wir österreichischen Boden. Ich weiß, betreten oder befahren hört sich besser an. Man betritt oder befährt österreichischen Boden, das hat was, erinnert mich an die erste Mondlandung oder die Entdeckung Amerikas durch Kolumbus. Meine Frau und ich überfahren die Grenze, da gibt es nichts zu beschönigen. Ich wäre viel lieber zu Fuß über die Grenze gegangen. Zu Fuß riecht man die andere Luft und spürt den anderen Straßenbelag. Im Auto spürt man nichts, man merkt es nur an der anderen Farbe des Mittelstreifens. Dennoch bin ich ergriffen in Anbetracht der Grenzüberschreitung, der Grenzüberfahrung, lasse mir aber nichts anmerken. Du mein glückliches Österreich! Tu felix Austria! Endlich hast du mich wieder! Ich denke an Haydn und H. C. Artmann.

Kurz nach der Grenze halten wir: Hallein, die schmutzigste Stadt Österreichs. Die Stadt der Zwischenübernachtungen für Rentner und Jugoslawienfahrer. Meine Phantasie reicht nicht aus, mir vorzustellen, dass man hier Urlaub machen kann, dass es Menschen gibt, die freiwillig zwei oder drei Wochen hier verbringen, angesichts des großen Zellstoffwerkes. Früher roch es in der ganzen Stadt nach Urin und Stall, heute nach Urin, Stall und Zellstoffwerk, von den Abgasen gar nicht zu reden.

Wir machen halt, da wir – entsprechend dem Plan meiner Frau - hier übernachten werden. Da wir eine halbe Stunde zu früh in Hallein sind, ist Monika sichtlich irritiert. Sie blättert nervös im Fremdenführer herum, aber unter H wie Hallein kann sie keine Eintragung entdecken. Scherzend ich vor, sie solle doch einmal unter B  nachschlagen, B wie Bad Hallein. Da es nun mal nicht in meiner Art liegt, auf andere ironisch wirken zu können, schlägt sie wirklich unter B, B wie Bad Hallein nach. Ihre Suche bleibt natürlich erfolglos. Anschließend, wohl für mich als Strafe gedacht, zerrt sie mich durch die Innenstadt, deren Romantik der einer Autobahnraststätte gleichkommt. Sehnsucht nach der Würzburg kommt in mir auf. Hätten wir vor ein paar Stunden die Würzburg besichtigt, wäre mir dies hier erspart geblieben. Hallein, die schmutzigste Stadt Österreichs.

Wir übernachten im Hotel zum Wilden Kaiser. Das Wort Hotel bedeutet in Österreich, abgesehen von ein paar Ausnahmen, nur eine Einteilung in eine Preisklasse. In Österreich wird alles, was in punkto Übernachtungen teuer ist, als Hotel bezeichnet. Es gibt in Österreich Fremdenzimmer, Pensionen und Hotels. Das Preiswerteste und qualitativ Beste sind die Fremdenzimmer. Zum Frühstück: knusprige Semmeln, richtige Butter, hausgemachter Schinken und wahlweise selbsteingemachte Marmelade oder Waldhonig. In den Pensionen ist das Frühstück ähnlich, nur schon etwas weniger, dafür kann man hier aber Mittag essen. Nun könnte man folgerichtig denken, in den österreichischen Hotels gäbe es noch weniger zum Frühstück, aber dafür könnte man Mittag- und Abendessen – weit gefehlt. Die Phantasie eines Normalsterblichen reicht nicht aus dafür. Das österreichische Hotelfrühstück kommt einem Kunstwerk gleich. Es nennt sich in der Regel Kontinentalfrühstück und besteht aus mehreren kleinen Plastikobjekten und zwei halbaufgetauten Semmeln, die zäh wie Gummi sind. Auf den kleinen Plastikobjekten sind schöne Bilder aufgemalt, z. B. Johannisbeersträucher, Erdbeeren, ganze Serien von Zeichentrickfiguren oder ganz schlicht eine Kuh. An jedem dieser Objekte ist an der Seite ein kleines Plastikteil angebracht, das bei der ersten Berührung sofort abbricht. Sollte es einem doch noch gelingen, dieses Verpackungswunder zu öffnen, spritzt einem der Inhalt über den frischgereinigten Anzug oder über die frisch gestärkte Bluse. Da meine Frau eine unerfahrene Österreichbesucherin ist, übernachten wir in einem Hotel. Während unserer Stadtbesichtigung halte ich Ausschau nach einem Café, in dem ich am Morgen frühstücken kann.

Eines haben alle drei Kategorien, also Fremdenzimmer, Pensionen und Hotels gemeinsam: die Betten. Wo man auch hinkommt, ob in der Steiermark, im Burgenland oder sonst wo, die Betten sind überall gleich. Auch unser Doppelbett ist da keine Ausnahme. Wahrscheinlich hat es in Österreich nur einen Bettenhersteller gegeben. Vor dreißig Jahren hat dieser pfiffige Unternehmer, ohne Rücksicht auf gesundheitliche Schäden, all seine Betten verkauft und sich dann aus dem Staub gemacht.

Meine Frau hat natürlich ein Doppelzimmer erster Kategorie gebucht. Die Zimmer sind alle gleich, mit Ausnahme des kleinen Zettels, der an der Innenseite der Zimmertür hängt und einem noch einmal bestätigt, dass man das teuerste und, wie einem versichert wird, auch das beste Zimmer des Hauses gebucht hat.

Der erste Reisetag liegt hinter uns.

Ich liege im Bett und beobachte Monika, die beim Tisch sitzt und ihre Checkliste durchgeht. Ab und zu macht sie kleine Häkchen. Es hat schon etwas Rührendes an sich, wie sie so am Tisch sitzt und ihr verplantes Leben noch einmal durchgeht. Für mich ein beruhigendes Gefühl, mich um nichts kümmern zu müssen. Mit ihren Anfang vierzig hat sie einen hervorragenden Körper. Die 25-Watt-Birne, stärkere habe ich in österreichischen Hotels bisher nicht entdecken können, wirf ein warmes Licht auf ihr Nachthemd - würde ich sie, meine Frau, nicht so genau kennen, ich fände es direkt erotisch. Sie schließt ihr Buch und beginnt die allabendliche Jagd nach Kleintieren jeglicher Art. Ein Tick von ihr. Sie hat Angst vor Spinnen, Mücken, Nachtfaltern etc., und jedes Mal, wenn sie woanders übernachtet, schaut sie erst einmal genau in allen Ecken nach, ob sich nicht irgendwo ein Nachtfalter oder ähnliches Getier versteckt hat. Dann bin ich an der Reihe. Da meine Frau keinem Tier etwas zuleide tun kann, muss ich aufstehen, meinen Schuh oder eine Zeitung nehmen und die arme Kreatur töten. Es hat überhaupt keinen Sinn, vor ihr einzuschlafen. Sie würde mich ohne Skrupel wecken und mir den Befehl zu töten geben. Meistens bin ich zu faul, um aufzustehen. Ich nehme einfach meinen Schuh oder eine Zeitung und werfe ihn oder sie nach dem Untier. Nur ein blutiger Fleck bleibt zurück auf der Tapete. Dann schaut mich Monika geängstigt an, als ob ich gerade eine fünfköpfige Familie ausgerottet hätte.

Ihre Spinnenangst ist krankhaft. Zu Hause in unserem Schlafzimmer riecht es immer nach Paral, so stark, dass ich mich die ersten Monate unserer Ehe jede Nacht habe übergeben müssen. Jetzt habe ich mich daran gewöhnt, die Spinnen auch.

Endlich wird das Licht gelöscht.

Wir beide liegen schweigend nebeneinander. Sie zur Seite gedreht, ich auf dem Rücken, zwischen uns die Besucherritze, das einzig Positive an Österreichs Betten. Ich werde warten, bis sie eingeschlafen ist, dann aufstehen, ans Fenster gehen, eine Zigarette anzünden, in die Nacht hineinschauen und an mein kleines Dorf am Berg denken: Weißberg.


Das kleine Dorf Weißberg, eingebettet zwischen zwei Bergen. Weißberg, eine Ansiedlung ohne jegliche Bedeutung, selbst für Österreich. In der Mitte des Dorfes eine Kreuzung, darüber eine orangeleuchtende, blinkende Laterne. Vieles habe ich vergessen. Die Straßenlaterne, das ewige Aufblinken, Tag wie Nacht, ist mir in Erinnerung geblieben. Dieses orange blinkende Zeichen, ein Garant für die Existenz des Dorfes; für mich, ein Leuchtturm meiner Sehnsüchte, aber das ist schon lange her.

Großbauer, Großgrundbesitzer, Erbbauer wider Willen, fast schon eine Bernhardsche Figur. Dreimonatiges Oberhaupt einer Gruppe, die nie die meine war. Nicht die Tatsache, dass noch so viele Nazis dort leben, oder die Unterdrückung der slowenischen Minderheit, das alles ist es nicht gewesen, war nicht der Grund für mein Scheitern. Vor der Macht habe ich Angst gehabt. Immer und immer wieder Entscheidungen treffen zu müssen, ist mir eine Qual gewesen. Die Unfähigkeit, Macht auszuüben, ist die wirkliche Ursache für mein plötzliches Verschwinden gewesen, für meine Verweigerung, ein vorbestimmtes Leben zu führen. Ein Piefke besitzt österreichischen Boden, Grund und Boden, nur weil der Großvater es in seinem Testament so bestimmt hat. Verschenkt habe ich alles an die rechtmäßigen Besitzer: die kleinen Bauern, die das Land von je her bestellt haben. Kurz danach haben sie es Stück für Stück verkauft, sich mit dem neuen BMW oder Mercedes zu Tode gefahren, sich tot gesoffen oder alles beim Tarock verspielt. Verhasst und ausgelacht habe ich das Dorf verlassen.

Macht und daraus resultierend Heuchelei und Korruption bestimmen das österreichische Leben. Die österreichische Gemütlichkeit, die berühmte österreichische Gemütlichkeit funktioniert nur im Schatten der Macht. Irgendwie ist es auch in Deutschland nicht anders. Deutsche Manager, Aufsichtsratsvorsitzende können des Nachts so gemütlich sein, dass es direkt rührend ist. Aber der Unterschied besteht darin, dass man in Deutschland nicht mit der Gemütlichkeit kokettiert.

Weißberg steht für Gemütlichkeit. Gemütlichkeit nach einem langen, harten Arbeitstag auf den Feldern oder in den Wäldern. Weißberg steht für mich für den ersten Rausch, die erste Frau und für die erste Zigarette danach. Weißberg ist mehr ein Gefühl, das man mit Worten nicht ausdrücken kann.


Ich stehe am Fenster, rauche heimlich meine Zigarette und denke an Weißberg, an den Sternenhimmel über Weißberg. Ab und zu drehe ich mich zu meiner schlafenden Frau um: eine zufrieden schlafende Frau. Eine Frau, die alles erreicht und mich geschafft hat. Ohne jegliche Anstrengung ihrerseits gehöre ich ihr, bin Teil ihres Inventars geworden, steuerrechtlich absetzbar. Ich will nicht undankbar sein, immerhin verdanke ich ihr meine ökonomische Existenz.

Ich werfe die Zigarette in die österreichische Dunkelheit und lege mich zu ihr ins Bett. Das Bettlaken ist kalt im Gegensatz zu ihrer warmen Hand, die wie selbstverständlich am Rand meines Kopfkissens liegt. Geborgen werde ich einschlafen.

Hallein, du dreckigste Stadt Österreichs, in dir werde ich einschlafen. Ich denke noch einmal an Haydn und H. C. Artmann, und ein kleines bisschen an Gustav Mahler und Peter Altenberg.

Die Wärme meiner neben mir liegenden Frau beruhigt mich. Ihr Urvertrauen, mich zu haben, mich zu besitzen, schenkt mir Schlaf. Den Schlaf eines Mitte-Dreißigjährigen mit Bierbauch, der müde und träge macht, untermalt von einem etwas schüchternen Schnarchen. Tu felix Austria! Heimatland ist betreten.


2.

Ich spüre den feuchten Mund meiner Frau in meinem Gesicht; ein neuer Tag hat begonnen.

Jeden Morgen werde ich so geweckt, und jeden Morgen hasse ich sie dafür ein bisschen mehr. Liebkosungen auf nüchternen Magen, einen faden Geschmack im Mund, sind einfach pervers. Meine Frau hält mich, da ich meinen Kopf abwende und ihren nassen Küssen auszuweichen versuche, für einen Morgenmuffel. Ich möchte einfach nur meine Ruhe haben, wenn möglich den ganzen Tag. Sie dagegen braucht Unterhaltung, von Anfang an.

Sie telefoniert mit der Rezeption, fragt nach, ob man nicht doch im Zimmer das Frühstück einnehmen kann. Eine Frage, die sie am gestrigen Abend auch schon gestellt hat und die hinreichend, nämlich mit einem kommentarlosen Nein, beantwortet wurde. Aber sie braucht Unterhaltung, Aktivität, und findet immer wieder ein neues Opfer. Und sie gibt nicht so schnell auf. Der Rezeptionschef des Wilden Kaisers wird sich bestimmt noch eine Weile an meine Frau erinnern können. In Anbetracht des bevorstehenden Frühstücks, des österreichischen gastronomischen Kunstwerks mit Namen Kontinentalfrühstück, vergönne ich es ihm auch.

Am Telefon ist meine Frau einfach Weltspitze, fast unschlagbar, gäbe es da nicht noch ihre Mutter, von der sie diese frauentypische Kampfsportart gelernt hat.


Das Vergnügen, mit ihrer Mutter zu telefonieren, habe ich immer an meinem Geburtstag. Jedes Jahr, so gegen sieben Uhr morgens, in manchen Jahren auch etwas früher, ruft sie mich an, wünscht mir alles Gute zum Geburtstag, fragt kurz, wie es mir geht, und legt dann ohne Erbarmen los. Sie erzählt mir, ohne auf die von ihr zuvor gestellten Fragen eine Antwort abzuwarten, ihre ganze Leidensgeschichte: Blut im Urin, Knoten in der Brust, unkontrollierter Ausfluss etc. Sie kann gut erzählen, die Mutter meiner Frau, sehr bildreich, sehr plastisch. Das Resultat ihrer Anrufe ist meist, dass mir hinterher schlecht ist und ich mich nicht mehr auf die Toilette traue, weil ich befürchte, ich könnte mich bei der Untersuchung meines eigenen Stuhlganges nach Blut oder Ähnlichem erwischen. Da ich ein eher praktisch veranlagter Mensch und vor allem lernfähig bin, habe ich mir genau die Stellen gemerkt, an denen ich mit einem knappen Ja zu antworten habe. In der Zwischenzeit dusche und rasiere ich mich oder mache das Frühstück. Ein einziges Mal ist es mir bisher gelungen, auch noch den Müllkübel wegzubringen - es ist mein schönster Geburtstag gewesen.

An den Stellen, wo ich mit einem knappen Ja zu antworten habe, geht es ausnahmslos um die Beantwortung der Frage, ob ich denn auch schon diese oder jene Krankheit habe. Mit Nein zu antworten ist sinnlos, da hat man bei ihr überhaupt keine Chance. Also antworte ich immer mit Ja.

So gegen neun oder halbzehn Uhr morgens reiche ich den Hörer weiter an meine Frau, die aus unerklärlichen Gründen regelmäßig an meinem Geburtstag frei hat. Dann beginnt die schönste Zeit:

Ich kann endlich in Ruhe, und vor allem allein, ohne ständiges Reden, frühstücken. Gegen Mittag kommt meine Frau mit der Bemerkung Schade, dass Mutter nicht bei uns wohnt aus dem Schlafzimmer.


Meine Frau telefoniert immer noch mit der Rezeption. Die von ihr geäußerten Sonderwünsche, das Frühstück betreffend, werden stur abgelehnt, entweder Kontinental oder gar nichts. Und schon gar nicht im Zimmer. Ich lasse sie weiter telefonieren und nutze die Gelegenheit, als erster das Bad in Beschlag zu nehmen.

Das österreichische Hotelbadezimmer kann für einen Nichtösterreichkenner zur tödlichen Falle werden. Die Frotteematten, die vor der Duschkabine und dem Waschbecken liegen und die eigentlich der Sicherheit dienen sollen, sind meist nass und glitschig, da diese von dem Reinigungspersonal als Aufnehmer benutzt werden. Rutscht man nicht aus, so ist man sich wenigstens einer Pilzinfektion sicher. Die zweite Gefahr befindet sich in der Duschkabine selber, die sich von außen leicht, aber von innen ohne fremde Hilfe nicht öffnen lässt. Das wäre alles halb so schlimm, aber in Verbindung mit den beiden harmlos aussehenden Wasserhähnen (blau ist meist warm, rot meist kalt) kann dies zur tödlichen Falle werden. Man dreht die Hähne auf, lauwarmes Wasser kommt aus der verstopften Duschdüse, man dreht heißes Wasser auf, also den blauen Knopf, und schon hat man sich verbrüht. Klemmt dann noch die Schiebetür, ist man nicht mehr zu retten.

In österreichischen Hotels dusche ich immer kalt und lasse die Duschschiebetür einen Spalt offen. Um einer weiteren Gefahr aus dem Wege zu gehen, rasiere ich mich nur nass. Es befindet sich zwar ein Stromanschluss über dem Waschbecken, der ist aber so schlecht isoliert, dass man beim Einstecken einen kräftigen Stromschlag bekommt.

Ich verlasse ohne Blessuren gut gelaunt das Bad.

Meine Frau telefoniert immer noch mit der Rezeption. Mit der Ausrede, eine deutsche Zeitung kaufen zu wollen, flüchte ich vor dem Kontinentalfrühstück des Wilden Kaisers und lasse mich in diesem abgelegenen Café nieder, das meine Frau bestimmt nicht finden wird.

Ich genieße die frischen Hörnchen und Semmeln, den duftenden Kaffee, die Butter und die Marmelade, einige Scheiben Käse und Schinken. Ab und zu denke ich an Monika und ihr Kontinentalfrühstück. Das Café passt so gar nicht in das halleinsche Stadtbild. Es ist sauber und gepflegt. In Deutschland wäre die Einrichtung im Stil der fünfziger Jahre ein Renner, hier aber bin ich der einzige Gast und genieße die Ruhe. Ich liebe österreichische Cafés, in ihnen könnte ich den ganzen Tag verbringen. In diesen Lokalitäten wird man toleriert, stundenlang könnte man hier bei einer Melange oder einem kleinen Braunen verweilen, ohne dass die Bedienung misstrauisch zu einem herüber schielt, was in Deutschland unmöglich wäre. In Deutschland müsste man, mit der Bemerkung, dass dies kein Wartesaal sei, das Lokal verlassen. Hier aber kann man ungestört seinen Kaffee trinken und seine Gedanken schweifen lassen.

Auf der anderen Straßenseite sehe ich meine Frau. Sie macht den Eindruck eines gehetzten Tieres. Da ich es nicht kleiner habe, hinterlege ich einen Fünfhundertschillingschein, die Besitzerin wird sich freuen, und verschwinde durch die Hintertür.

Auf dem Hotelparkplatz bin ich der erste und komme so noch in den Genuss einer Zigarette.



»DIE BEVÖLKERUNG DES LANDES IST DAZU ANGEHALTEN, DEM REISENDEN UND NÄCHTIGENDEN FREMDEN DEN LIEBLICHEREN TEIL IHRES WESENS NICHT VORZUENTHALTEN.«


Aus einem Aufruf der Kärntner Landesregierung im Jahre 1891

Tb 84 Seiten

ISBN-10: 1-5175-7310-6
ISBN-13: 978-1-5175-7310-2

10,91 €     http://www.amazon.de/Weissberg-Johannes-Wierz/dp/1517573106
Auch als e-book:   http://www.amazon.de/WEISSBERG-K%C3%A4rnten-Saga-Johannes-Wierz-ebook/dp/B005OB0TLK/ref=asap_bc?ie=UTF8

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