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GOETZ


Um endlich einen Schlussstrich unter seine gescheiterte Beziehung zu ziehen, entschließt sich der Erzähler Ordnung in sein Leben zu bringen. Er räumt auf und schafft alles, was ihn an die Vergangenheit erinnert, aus der Wohnung. Dabei stößt er auf einen großen ungeöffneten Umschlag, den ihm ein schwieriger und unangenehmer Zeitgenosse, Goetz, vor zehn Jahren mit den Worten: Wenn ich denn mal tot bin“, überreicht hat. Neben einem Manuskript aus unlesbaren Hieroglyphen fällt ihm ein Schlüssel in die Hände mit dem er nichts anzufangen weiß.Um so mehr er sich in der Stadt auf die Suche begibt und sich nach Goetz erkundigt, desto lauter wird ein Gerücht um eine vollautomatische Cannabisplantage, die Goetz vor seinem Tod angelegt haben soll. So wird die Suche nach dem passenden Schloss für den Erzähler immer beschwerlicher und gefährlicher. Denn mit seiner Fragerei weckt er so manche Kiezgröße aus vergangener Zeit. Dass dabei Goetz als Untoter immer wieder auftaucht, macht die Sache nicht leichter.

Leseprobe




     Taschenbuch :199 Seiten

 

    ISBN-13 : 979-8559560892

Demnächst

TRACHT

Casablanca, den 24.07.1999



Meine Schöne,


wie Du siehst bin ich doch gefahren. Ich habe lange auf dem Flughafen auf Dich gewartet. Erst als man mich zum dritten Mal aufgerufen hat, bin ich durchs Check-in.

Aber wie hättest Du auch kommen können? Du hast es ja nicht einmal gewusst. Sicher, Dein Instinkt hätte es Dir sagen müssen, hätte es wissen müssen, dass ich es ernst meine. Aber das große Aquarium mit den ausdruckslosen Gesichtern der Fische, hat auch Dich längst verzaubert. Es hat mehr als genug Tage gegeben, da habe auch ich verzweifelt nach Luft geschnappt. Aber mutieren, so wie all die anderen wollte ich nicht.

Meine Schöne, Du bist immer noch in mir!

Selbst im Flugzeug, nachdem mir die Stewardess den ersten Drink gebracht hatte, den ich in einem Zug leer trank, um danach die Augen zu schließen, sah ich Dich vor mir.

Es ist der weiße französische BH den Du trägst, der mich fast wahnsinnig werden lässt. Meine Hände strecken sich nach Dir aus, aber sie erreichen Dich nicht. Du lachst. Ich presse so fest die Augen zusammen, bis Du selbst vorne den kleinen Verschluss öffnest und das bisschen Stoff wie eine zweite Haut abstreifst. Keinen Millimeter bewegen sich Deine Brüste, sie starren mich nur fragend an.

Warum?

Warum? Manchmal ist das Schöne, einfach nicht zu ertragen.

Ich öffnete die Augen und zündete mir eine Zigarette an. Dann winkte ich die Stewardess an meinen Platz. Ich zeigte auf meinen leeren Plastikbecher. Für einen Moment verlor die Frau ihr berufsmäßiges Lächeln, als wollte sie mir sagen, trinken Sie nicht so viel, der Flug ist noch lang. Aber sie sagte nichts, drehte sich um und brachte mir einen neuen Drink.

Du hast ja auch nie viel geredet. Immer war ich es, der das Wort ergriffen hat.

Hinterher war ich oft wütend auf mein endloses Geschwätz. Viel lieber hätte ich Dich küssen wollen, aber es ist schwer die Stille zu ertragen.

Jeden Tag ziehe ich durch die Straßen der Stadt und suche nach dem Wahrzeichen, dem großen Leuchtturm. Aber wie ich mich kenne, werde ich ihn ebenso wenig zu Gesicht bekommen, wie seinerzeit den Eiffelturm in Paris.

Nachts treibe ich mich in Bars herum. Ich habe viele Huren kennengelernt, obwohl offiziell in diesem Land Prostitution verboten ist. Die Frauen sind alle auf ihre Art schön. Sie sind freundlich zu mir. Ich bezahle sie, damit sie mir Gesellschaft leisten, schlafe aber nicht mit ihnen. Ich gebe ihnen Drinks aus und erzähle ihnen von Dir. Sie verstehen kein Wort von dem, was ich sage, aber ich glaube, sie ahnen, was mich treibt.

Den Schreibblock, den ich mir auf dem Flughafen gekauft habe, trage ich immer bei mir. Die Zuhälter und Messerstecher haben davor Respekt. Sie halten mich für einen verrückten Europäer, hoffen aber in ihrer Eitelkeit darauf, dass ich einen Roman schreibe, in dem sie vorkommen, um sie unsterblich zu machen.

In Casablanca ist nichts so, wie ich es mir vorgestellt habe. Die Stadt hat ein europäisches Gesicht bekommen. Du weißt schon, die Fratze des Geldes. Verzeih, so etwas willst Du ja nicht hören. Genieße den Augenblick, hast Du immer gesagt. Ich kann aber nicht andauernd die Augen schließen, nur um Deinen weißen französischen BH sehen zu wollen.

Ich werde nicht mehr lange hier in dieser Stadt bleiben. Immer öfters stehe ich vor den Schaufenstern der Reisebüros und starre auf die weißen großen Ozeandampfer, die in der strahlenden Sonne glitzern. Einmal mit dem Schiff in Triest ankommen, wie oft habe ich davon geträumt. Wie oft habe ich die Stadt Triest vor meinen Augen gesehen, obwohl ich noch nie dagewesen bin. Es ist gut wieder in Bewegung zu sein.

Ich umarme Dich


            Dein Karl

1.


Ohne es sich noch einmal durchzulesen, steckte Karl das Geschriebene in einen Umschlag. Er wusste genau, würde er es lesen, hätte der Brief keine Chance, den Weg nach Deutschland zu finden.

In der Bar des Hotels mit dem Namen Paris, das auch schon bessere Zeiten gesehen hatte und in dem die Schattenwelt, so schien es ihm, dem ahnungslosen Europäer, ihr Hauptquartier aufgeschlagen hatte, war noch ein zweiter Brief entstanden, den er wie den ersten in einen Umschlag gesteckt hatte.

Karl schrieb die Adresse auf den zweiten Brief, dabei lachten die beiden farbigen Nutten, die sich an seinen Tisch gesetzt hatten.

Sechs Jahre lang war diese Adresse sein Absender gewesen. Es war das erste Mal, dass er nach Hause schrieb. Als seine Gedanken das Wort Zuhause umkreisten, hasste er sich für einen Moment. Erst als seine Zunge die Gummierung des zweiten Umschlags befeuchtete, kehrte eine Ruhe in ihm ein, die ihn dazu veranlasste, eine zweite Flasche Whisky zu bestellen, worauf die beiden farbigen Nutten ihm synchron über seine Oberschenkel fuhren.

Selbst der Kellner, der ihm die zweite Flasche Whisky an den Tisch brachte, kannte seinen Namen. Seit nun mehr als fünf Tagen und Nächten frequentierte Karl, immer mit einem Schreibblock bewaffnet, diese Bar. Schon auf die erste Frage des Barkeepers hatte er seinen Namen preisgegeben. Aber mit dem Namen Karl konnte niemand etwas anfangen. Der Barkeeper war der erste, der ihn mit Carlos ansprach. Carlos, der verrückte Europäer mit dem Schreibblock, der Nutten auf einen Drink einlud, ihnen Geld gab, ohne mit ihnen auf das Zimmer zu gehen. Mit Bestimmtheit hätte er es nicht überlebt. Neben den Zuhältern warteten die Messerstecher nur darauf. Ehe sich eine der farbigen Nutten sich ihrer Kleider entledigt hätte, wäre an Karl die lautlose Kunst des Tötens praktiziert worden.

Die europäischen Touristen starben immer mit dem Ausdruck der Verwunderung auf ihren Gesichtern. Ja, das mochten die Zuhälter, brachte die Nutten zum Lachen. Nur die Messerstecher, denen immer wieder Lob und Anerkennung für ihr lautloses Töten gezollt wurde, waren ein wenig enttäuscht. Wie gern hätten sie dem, in Verwunderung erstarrtem Europäer, ein Ohr als Trophäe abgeschnitten.

Ein heruntergekommener Spieler mit ein paar geklauten Dollars in seiner Tasche kam an seinen Tisch und zeigte auf Karls Ehering an der rechten Hand. Dann mischte er kunstvoll die Karten und lachte breit. Karl sah nur ein blutendes Gebiss, das Lücken aufwies. Allein drei Goldzähne hatte er letzte Nacht verloren, jetzt brauchte er ein Erfolgserlebnis. Würde der verrückte Europäer gewinnen, hätte er keine Skrupel, ihm sofort sein kleines scharfes Silberfischlein, das er in seinem Ärmel versteckt hielt, ins Herz zu stoßen.

Unaufgefordert, setzte sich der Spieler an den Tisch. Die beiden farbigen Nutten rückten respektvoll zur Seite. Während Karl seine Hand betrachtete, auf die der Spieler gezeigt hatte, mischte dieser die Karten. Ihm war klar, dass er verlieren würde, verlieren musste.

Manche der Dollarnoten, die der Spieler auf den Tisch legte, zeigten Einschusslöcher oder waren blutbefleckt. Jetzt hatte Karl seinen Einsatz zu geben. Er steckte die beiden Briefe in sein, erst hier in Casablanca gekauftes Leinensakko, und begann, seinen goldenen Ehering abzustreifen. Mit jeder Drehung rieb sich der eingravierte Name und das dazugehörige Datum in die Haut des Fingers und drang so in seinen Körper ein. Ohne sich dagegen wehren zu können, waren da wieder die alten, vertrauten Bilder.

Als erste tauchte Marion auf, seine Frau, mit der er seit sechs Jahren verheiratet war. Für einen Moment sah er ganz genau den Abend vor sich, als Marion ihn das erste Mal in ihre Wohnung mitgenommen und ihm, dem Hungrigen, Erwartungsvollen, ihr Fotoalbum gezeigt hatte. Marions Siegerlächeln war Karl sofort aufgefallen. Als er aber die Bilder sah, die Chronologie ihres bisherigen Lebens, überfiel ihn ein kalter Schauer, den er sich damals nicht hatte erklären können. Marion als Baby, als sechsjährige mit der Schultüte in der Hand, die erste Klassenfahrt, das Abschlussbild der Abiturklasse. All diese Fotos wurden von Marions Siegerlächeln beherrscht. Es war kein arrogantes Lächeln, eher das eines Menschen, der in die Zukunft schauen konnte und daher genau wusste, was er wollte. Marions Zielstrebigkeit wurde begleitet von einer Leichtigkeit. Jede noch so hohe Hürde, unlösbar scheinende Schwierigkeiten überwand sie mit einer spielerisch, manchmal sogar naiv anmutenden Art, die bei den meisten Menschen in ihrer Umgebung Bewunderung hervorrief. Überall war sie die beste gewesen, in der Schule, während ihres Medizinstudiums, aber niemand war ihr deswegen böse oder neidete ihr irgendetwas.

Als Karl sie kennenlernte, hatte sie gerade als jüngste ihr Medizinstudium beendet. Damals war er vor allem von ihren Augen fasziniert, die konnten Blicken

standhalten. Er war der erste, der zu Boden blickte und sich nervös eine Zigarette anzünden musste. Auch brauchte er mehrere Biere, um in Fahrt zu kommen. Sie hingegen trank Mineralwasser und hörte ihm zu. Karl hielt sich damals für den geborenen Pechvogel. Er war der felsenfesten Überzeugung, selbst wenn nur noch zwei Lose in der Trommel wären und eines davon der Hauptgewinn, so würde er mit Bestimmtheit die Niete ziehen.

Seine Kindheit hatte er auf dem Land verlebt, weit ab von den Städten. Der Tagesablauf wurde hauptsächlich von der Natur bestimmt, ihr hatte man sich anzupassen. Als man ihn dann mit zehn Jahren in ein Internat steckte, einer der schrecklichsten Momente in seinem Leben, brach für ihn eine Welt zusammen. Nächtelang weinte er leise im großen Schlafsaal in sein Kissen. Am Tag war er der kleine schmächtige blonde Junge, der keinen an sich heranlies. Einmal während einer Lateinklassenarbeit, als ihn wieder dieses unbändige Heimweh befiel, holte er aus seinem Lederranzen das große scharfe Fahrtenmesser mit Hirschhornknauf, ein Geschenk des Großvaters, und schnitt sich bis auf den Knochen in den Ringfinger der rechten Hand. Wie ein Lauffeuer ging diese Heldentat in der Schule herum und brachte ihm Nachsitzen an vier Nachmittagen ein. Die Schulleitung zeugte ihm damit Respekt, etwas, was er damals nicht verstand, genauso wie die Angst des Lehrkörpers vor einer Wiederholung. Denn Helden konnte man in der Schule nicht gebrauchen, schon gar nicht, wenn sie so klein und schmächtig waren, wie er.

Wie viel Zeit war vergangen? 

Karl kam es wie eine Ewigkeit vor. Ein paar Milli­meter hatte sich der Ehering nach vorn bewegt.

Den Spieler mit den blutenden Zahnlücken, der ihm gegenüber saß, schienen seine Bemühungen, den Ring vom Finger zu bekommen, nicht im Geringsten zu irritieren. Seelenruhig mischte er die Karten und zeigte ein paar Tricks. Auch die beiden farbigen Nutten schienen guter Dinge. Karl drehte weiter an dem Ring und spürte mit einem Mal die alte Narbe.

Marions erotische Anziehungskraft bestand für Karl darin, dass sie für die Außenwelt keine zu haben schien. Niemand konnte sich Marion mit einem Mann vorstellen. Sicher, sie hatte viele Freunde und Bekannte, aber Leidenschaft oder gar Liebe, das passte nicht zu ihr. Nach ihrer Promotion arbeitete sie im Kinderkrankenhaus der Stadt. Ob Tag oder Nacht, Karl hatte immer Zeit für sie. Was Marion nicht wusste, war, dass Karl alle anderen Aktivitäten und Interessen von heute auf morgen beiseite gelegt hatte, um sich ganz auf sie zu konzentrieren. Er vernachlässigte sein Studium und kündigte auch irgendwann seinen Aushilfsjob. Wochen waren verstrichen, und er hatte es noch nicht einmal geschafft, dass sie ihre Hand in die seine gelegt hatte.

Vielleicht sollte ich einen Brief schreiben, dachte Karl eines Nachts, hellwach auf dem Bett liegend, eine Zigarette rauchend. Im Briefeschreiben hatte er Übung. Als Kind hatte er dem Großvater jede Woche aus dem Internat geschrieben, später war der Adressat seine erste große Liebe, ein Mädchen, wie er aus demselben Dorf stammend, mit der er all seine Ferien verbrachte. Jedem Brief an sie hatte er ein selbstverfasstes Gedicht beigelegt. Als er glaubte, keine neuen Worte für seine Gefühle finden zu können, begann er damit, kleine Geschichten zu schreiben.

Die ganze Nacht saß Karl am Schreibtisch, aber es gelang ihm nicht, einen Brief an Marion zu verfassen. Es dämmerte schon, als Karl damit begann, eine Geschichte zu entwickeln. Am Nachmittag, als Marion bei ihm anrief und er von seinem Schreibtisch aufschreckte, weil er eingeschlafen war, umfasste die Geschichte zwanzig Seiten. Jede davon bestand aus ungefähr vier Zeilen, die auf der unteren Blatthälfte festgehalten waren. Die Geschichte von Alfons dem Glühwürmchen war entstanden. 

Für die Kinderärztin ein Kinderbuch, hatte sich Karl gedacht, es fehlten nur noch die Bilder. Diese zwanzig Seiten, jeweils mit vier handgeschriebenen Zeilen, änderten die Beziehung der beiden schlagartig. Mit einem Kuss wurde er entlohnt, und es dauerte nicht lange, da konnten beide nicht mehr voneinander lassen.

Karl fiel es schwer, sich an die erste Nacht zu erinnern. Zu viele Dinge passierten in dieser Zeit gleichzeitig. Marion, schon nach dem ersten Lesen von der Qualität der Geschichte überzeugt, nahm wie selbstverständlich den weiteren Verlauf in die Hand. Es dauerte nicht lange, da hielt Karl die Druckfahnen seines ersten Kinderbuches in den Händen. Kurz darauf machte Karl Marion einen Heiratsantrag. Marion schaute ihn mit einem Siegerlächeln an und sagte ja.

Erst Jahre später, bei der zufälligen Betrachtung seines Hochzeitsfotos fiel ihm auf, wie fremd er auf dem Bild wirkte, so als ob er nicht dazugehören würde. Ein guter alter Freund der Familie, das vielleicht ja, aber niemals der Bräutigam.

Karl erinnerte sich jetzt an den tiefen Schmerz, den ihm seine Narbe verursachte hatte, als Marion ihm den Ring überstreifte. Für einen Bruchteil von Sekunden sah er, wie das Blut aus seinem Finger spritzte und Marions hellblaues Hochzeitskleid sich dunkel verfärbte. Verrat, Verrat, klang aus den Bergen, als Karl und Marion das alte Rathaus verließen, um auf der Freitreppe für den Fotografen in Position zu gehen. Der Wunsch des Großvaters, endlich eine österreichische Linie aufleben zu lassen, war mit der Heirat dahin. Im übrigen lag dieser schon seit über vielen Jahren auf dem kleinen Bergfriedhof im Schatten der Wehrkirche mit der Uhr ohne Zeiger.

Karl wurde für sein Erstlingswerk Alfons das Glühwürmchen mit Kinderbuch-Preisen überhäuft. Ein zweites Buch folgte mit dem Titel Die Abenteuer des kleinen Waschbären Niko und verkaufte sich, dank des großen Erfolges seines Erstlingswerkes, wie von selbst. In dieser Zeit entschied sich Marion zur Selbständigkeit. Kredite wurden aufgenommen, ein Haus gesucht, in dem unten die Kinderarztpraxis und oben die Wohnung eingerichtet werden sollte. Schon während des Umzugs, als Marion ihre neuen technischen Geräte aus Kartons und Plastikfolie befreite und oben Karl seine Bilderbücher, beide mittlerweile in über fünfzehn Sprachen übersetzt, in die Regale räumte, spürte er, dass er in diesem Haus keine einzige Zeile schreiben würde. Gerade jetzt, wo er finanziell abgesichert war, der Verlag von ihm ein drittes Buch erwartete und ihm so viele Ideen im Kopf herumschwirrten, empfand er das Haus, diesen neuen Anfang, nämlich aus einem Provisorium eine Institution zu machen, als äußerst bedrückend. Da er aber für seinen inneren Zustand keine Worte fand, schwieg er und überließ sich der Zeit.

Karl legte seinen Ehering auf den Haufen der zerknitterten Dollarnoten. Er sah das Blut, aber für ihn waren das nur dunkle Flecken.

Siehst Du Marion, so einfach ist das, dachte er bei sich.

Als er das Blatt aufnahm, um die Spielkarten zu studieren, zwickte ihn seine Narbe so sehr, daß er seine Hand reflexartig in die weiße Leinenjacke steckte und sie unter seinen linken Oberarm einklemmte. Der Spieler zuckte für einen kurzen Moment zusammen, setzte aber dann sofort ein breites Grinsen auf und zeigte seinem Gegenüber sein blutiges lückenhaftes Gebiss.

In Casablanca war es längst Tag geworden, als Karl die Bar des Hotels Paris

verließ. Zum Abschied hatte er dem grinsenden Spieler noch seine teure goldene Armbanduhr geschenkt, worauf dieser, sozusagen als Gegenleistung, den beiden farbigen Nutten durch eine stumme Geste befahl, ihre Brüste freizulassen, die ihm, wie er es auch nicht anders erwartet hatte, nicht entgegensprangen, sondern traurig auf den dreckigen Boden starrten.

Durch die verwinkelten Gassen wählte er den kürzesten Weg auf die Boulevardstraße, die er nur in Richtung Norden entlang zu gehen brauchte, um in sein Hotel zu gelangen. Karl fühlte sich erleichtert, so ganz ohne Ehering und goldene Armbanduhr, ein Geschenk seiner Frau anlässlich seines zweiten Bucherfolges.

Sie hat mir immer Geschenke gemacht, wenn ich Erfolg gehabt habe, dachte Karl. Was für ein Blödsinn! Im Grunde sogar eine Beleidigung, mir wie einem Dressurpferd nach gelungenem fehlerfreien Ritt, einen Zucker zu geben. Beim Einzug ins Haus, da hätte sie mir was schenken sollen, aber da war sie viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Selbst, als ich eine Zeitlang keinen Handgriff, bis auf das Kochen, im Haushalt getan habe, hat sie nicht die Ruhe verloren, sondern einfach eine Haushälterin eingestellt. Wirkliche Probleme hatte es für Marion ja nie gegeben.

Karl zündete sich eine Zigarette an, die er aus der Pappschachtel nahm, die ihm der Spieler mit dem blutigen und lückenhaften Gebiss geschenkt hatte. Schon der erste Zug schmeckte süßlich und erinnerte ihn an seine Studienzeit, wo er mit Bekannten Joints geraucht hatte. Wenn Karl zweifelte, brachte Marion ihr Beispiel von der Notoperation, wo man auch keine Sekunde zögern dürfe, ginge es doch um ein Menschenleben. Zweifel waren für sie reine Zeitverschwendung, etwas, das nicht vorkommen durfte.

Ich fliege, dachte Karl und zündete sich an der süßlich schmeckenden Zigarette, die jetzt nur noch ein Stummel war, eine neue an. 

Ich fliege, dabei lachte er und kotzte anschließend die vergangene Nacht auf den am Morgen frisch gereinigten Trottoir aus.

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